ANDREAS HERTKORN

Als der Death Metal nach Deutschland kam


Als vor Monaten in den sozialen Netzwerken der Titel „Todessehnsucht“ auftauchte, bekamen viele Altvordere Puls, Gleichgewichtsstörungen und Bluthochdruck vor Verzückung. Da hatte sich doch Jemand ans Werk gemacht, um die Death Metal Szene von 1985 bis 1992 in Deutschland zu durchleuchten und dies nicht nur in literarischer Form. Andreas Hertkorn verkroch sich tief in die Archive, stöberte den noch so kleinen Flyer-Fetzen auf, sprach mit Bands, die selbst Eingefleischte heutzutage kaum noch kennen, sammelte Tickets, Anekdoten und herausgekommen ist dabei nicht nur ein Buch, sondern eine Geschichtsstunde in Sachen Todesblei, die allerdings niemals oberlehrerhaft daherkommt, sondern mit viel Esprit, Witz und einem unfassbar fundierten Wissen den Leser sofort in den Bann zieht.

Nun könnte man hochnäsig sein und sagen: Ja, sowas schafft natürlich nur ein Berliner, denn Andreas wohnt gar nicht mal weit von unserem Hauptquartier entfernt. Dennoch bin ich ganz froh darüber, dass wir uns zum Interview nicht persönlich trafen, da dies ansonsten ausgeartet wäre und bis tief in die Nacht angedauert hätte. Ich jedenfalls freute mich diebisch darüber, mit Andreas zu plauschen über ein Buch, welches in der Szene mehr als nur Staub aufwirbeln wird. Glaubt mir, ich habe es nämlich schon gelesen und fühlte mich dabei wieder wie 16.
Andreas, tu uns doch vorab mal den Gefallen und stell Dich kurz vor, damit wir wissen, mit was für einem positiv Verrückten wir es zu tun haben.

Hallo Olaf, vielen Dank erstmal an dieser Stelle, dass ich mich hier vorstellen darf mit meiner kleinen Unternehmung. Mein Steckbrief: 43 Jahre alt, seit knapp 30 Jahren Metaller aus vollster Überzeugung mit Faible für Death und Black Metal und eifriger Konzertgänger. Darüber hinaus seit einigen Jahren wieder sehr aktiv im Untergrund mit Labels und Verlag.

30 Jahre Metaller? Da drängt sich gleich zu Beginn eine Frage auf, obwohl ich noch eine andere auf Lager hatte, zu der wir danach kommen, warum Dein Buch dann 1985 startet?

Die Antwort ist relativ simpel: Der Begriff Death Metal ist global betrachtet 1984 zum ersten Mal gefallen, u.a. auch in Deutschland selbst durch den gleichnamigen Sampler von Noise Records (der allerdings relativ wenig mit dem zu tun hatte, was man später Death Metal nennen würde). Zur selben Zeit begann in Baden-Württemberg auch die Band Poison zu lärmen, die man durchaus als die erste deutsche Death Metal-Band bezeichnen kann. Daher lag es nahe, diesen Zeitpunkt auch als Startpunkt für die Buch-Recherche/ Betrachtung zu nehmen.

Das ist natürlich eine vollkommen logische und nachvollziehbare Erklärung. Doch gehen wir nochmal zu Dir. Warum Autor? Ich beispielsweise habe angefangen zu schreiben, weil mein musikalisches Talent äußerst limitiert war und ich somit als Rockstar keinerlei Chancen gehabt hätte. Wie isses bei Dir?

Ich hab so 1993/94 mal ein paar Interviews geschrieben (u.a. Underground Crossection Zine), aber dabei blieb es. Die Bandkarriere kam im selben Zeitraum (1994/95) auch ins Stocken, da die Bandkollegen sich anderen Themen widmeten und es bei uns in der Kleinstadt jetzt kaum weitere, geeignete oder potentielle Musiker gab. Als Die Hard-Sammler von Picture 7"s (Achtung: Nerd) hab ich 2011 angefangen mit dem Gedanken, daraus auch was enzyklopädisches machen zu wollen, was dann erst eine Webseite wurde, dann ein paar Jahre später allerdings ein Buchprojekt. Ich wollte etwas haptisches haben und so entstand das Konzept für das erste Buch SEVEN METAL INCHES - "Three Decades of Picture 7"s in Extreme Metal". Da dieses Buch gut angenommen wurde und ich die Lust am Schreiben (wieder)entdeckt hatte, wurde es quasi mein Zweitberuf. Lust auf eine Band hätte ich tatsächlich noch, aber das lässt sich nicht mehr mit dem Alltag vereinbaren.
Das wollte ich gerade fragen, denn gerade "Todessehnsucht" ist ein recht umfangreiches Projekt geworden, wodurch sich meine Frage ableitet, ob man neben dem eigentlichen Beruf überhaupt noch Zeit für andere Dinge oder die Familie hat.

Es ist mehr als ein Hobby, es ist Leidenschaft, Passion, Lebensinhalt. Ich hab das Glück, dass ich recht wenig Schlaf brauche und so die letzten Stunden des Tages ungestört nutzen kann; aufgrund meines Berufes bin ich sehr viel mit dem Zug unterwegs, wo sich auch viele Möglichkeiten ergeben. Die Familie leidet also nicht drunter, hahaha. Aber teilweise hat man für andere Dinge wirklich keine Zeit mehr; TV schauen ist beispielsweise Geschichte bei mir. Aber eins ist wichtig: Ich tue das in erster Linie für mich und weil es mir einen Haufen Spaß macht!

Das kann man auch an Deinem Buch deutlich erkennen, denn ich habe noch nie ein solch liebevoll zusammengetragenes Werk gesehen, wie in Deinem Fall. Wie entstand die Idee und womit hast Du angefangen?
Du Grundidee entstand relativ spontan in den finalen Zügen von SEVEN METAL INCHES; da ich selber so ziemlich alle Bücher über Extremen Metal besitze, weiß ich ja, was wie bereits bedacht wurde - und Deutschland ist auf der literarischen Karte definitiv ein weißer Fleck. Verglichen zu anderen fehlt hier natürlich die große Anzahl an bedeutenden Bands, aber die Szene hat so viel mehr zu bieten - dem wollte ich gerecht werden. Am Anfang stand natürlich erstmal ein Grundgerüst, in dem mich mit den deutschen Bands beschäftigen wollte, die Alben herausgebracht hatten, aber auch Bands aus dem Untergrund. In der Folge sind mehr und mehr Kontakte, Idee, Vorschläge entstanden, die dann letztendlich in 130 Interviews resultiert sind und die man im Buch finden kann. Das erste Interview habe ich gleich mit Harald von Morgoth geführt, was natürlich der beste Einstand war und womit eine gute Eintrittskarte hatte.

Welches Interview hat bei Dir für Dein Buch den meisten Eindruck hinterlassen und warum?

Definitiv das Telefonat mit Thomas Jäschke von Lemming Project, dessen Offenheit zu Thema wie Alkohol, Drogen oder Selbstzerstörung gleichzeitig schockierend, aber auch unglaublich bewegend waren, da es schon einen hohen Grad an Vertrauen und Bereitschaft erfordert, über solche Dinge zu reden, auch wenn sie 25-30 Jahre zurücklegen. Ich war am Ende ziemlich baff und musste ihm auch in aller Form für diese Offenheit danken. DAS hatte ich im Kontext Death Metal so nicht erwartet, auch wenn man wusste, dass die Lemminge keine Heiligen waren. Sein ehemaliger Sänger Hendrick hat mir dann schriftlich auch noch einige Salven zukommen lassen.
Gerade weil Du Lemming Project erwähnst. Was bei mir viele "aahs" und "oohs" ausgelöst hat war der Umstand, dass viele Bands aufgeführt sind, die ich selber früher total gerne gehört, aber irgendwann aus meinem Gedächtnis verbannt hatte und nun durch Dich widerentdeckt habe. Dafür Danke. Gab es eigentlich auch Bands oder Musiker, die Du gerne hättest zu Wort kommen lassen, doch partout kein Herankommen war?

Glücklicherweise war ich in diesem Projekt in der Lage, eigentlich alle Bands zu bekommen, die ich wollte. Bei den Bands aus den Neuen Bundesländern hat es an der einen oder anderen Stelle gehapert, was aber nicht so tragisch war. Leider hat es aber bei den ganzen Lokationen, wo die Konzerte/ Touren stattgefunden haben, überhaupt nicht geklappt, auch wenn ich die Leute direkt angeschrieben hatte, die damals auch zuständig waren. Und bei einigen ausländischen Bands wie Carcass oder Entombed hat es letzten Endes auch nicht funktioniert.

Was ich persönlich nicht allzu tragisch finde, da die Szene in Deutschland damals schon recht gut und breit aufgestellt war. Wann entstand eigentlich der Titel "Todessehnsucht" und musstest Du Dir von Atrocity, die gleichnamiges Album 1992 veröffentlichten, eine Genehmigung einholen?
Die Überlegungen nach einem Titel haben sich sehr lange hingezogen; ich wollte was Griffiges, aber im Deutschen wollte mir nicht so recht etwas einfallen. "Todessehnsucht" kam recht plötzlich, war auf einmal da - kann ich Dir ehrlich gesagt gar nicht richtig erklären. Aber ich fand den Begriff perfekt - in der Einleitung des Buches habe ich ja ein bisschen was dazu im Kontext des Buches geschrieben. Mit Alex von Atrocity hab ich sehr lange gesprochen (war auch das längste Interview, das ich geführt habe), aber eine explizite Genehmigung für einen allgemeinen deutschen Begriff hat es jetzt nicht gebraucht. Er findet es aber saugeil! Hahahaha.

Was mir besonders gut an Deinem Buch gefällt sind die Sammlungen an Tickets, Flyern oder Anzeigen. Ich habe mich mehrfach dabei ertappt, wie ich verträumt in der Vergangenheit schwelgte und daran dachte, was ich mir damals gerade anhand der Anzeigen alles gekauft habe. Wie groß waren Deine nostalgischen Gefühle, als Du all das wieder zu Gesicht bekamst und gibt es eine Lieblingsanzeige für Dich?

Das Optische war von Anfang an Bestandteil des Konzepts; das hat mich bislang bei allen Büchern gestört, dass sehr wenig Wert darauf gelegt wurde, das Geschriebene zu visualisieren. Die beiden Recherchen in den Archiven des Rock Hard und des Metal Hammer waren eine Achterbahn der Gefühle, eine Dauerzeitreise durch die Historie des Death Metal - und man ist sich aber auch schlagartig bewusst geworden, wie lange das alles her ist und welche Bedeutung all dieses Veröffentlichungen im Rückblick der Geschichte haben. ich glaube, dass die Entombed-Anzeige zu "Left Hand Path" sicherlich DIE Anzeige schlechthin ist - über die komplette Rückseite des Rock Hard, Seagrave Cover, Killer Album und dadurch sind viele erst auf Death Metal aufmerksam geworden... genau wegen dieser Anzeige.

Auch die anschauliche Sammlung an Konzerttickets ist beachtlich und großartig und ich habe festgestellt, dass auch ich bei vielen dort abgebildeten Gigs anwesend war. Welches war eigentlich Dein erstes und vor allem prägendstes Death Metal Konzert ever?
Es hat auch sehr viel Spaß gemacht, diese Tickets einzusammeln! Leider hab ich aufgrund meiner "späten" Geburt und dem Fehlen von Fahrern die ganzen großartigen Touren verpasst, so dass ich dann Napalm Death mit Cathedral Ende 1992 als erstes richtiges Death Metal-Konzert sehen konnte; davor gab es einige kleine, lokale Sachen um Untergrund. Das beste Konzert ist definitiv Bolt Thrower, Grave und Vader im Februar 1993 - das wird nicht mehr zu toppen sein!

Bei mir war es Obituary, Morgoth und Demolition Hammer und Napalm Death mit Morbid Angel. Ach Mann, ich glaube, wir beiden könnten den ganzen Abend labern. Aber zurück zum Buch. Als "Todessehnsucht" das erste Mal durch die sozialen Netzwerke geisterte, war die Begeisterung allen Ortes groß. Gab es auch skeptische Stimmen?

Überhaupt nicht und ich hab mich sehr gefreut über die konstante Unterstützung, die dieses Projekt erfahren hat. Für mich war ein Test und ein Anliegen, alle schon von Anfang an mit einzubinden und mit auf die Reisen zu nehmen, mit Updates zu versorgen und "heiß" machen... hahaha.

Gibt es eine bestimmte Anekdote in Deinem Buch, die Du Dir immer wieder gerne ins Gedächtnis rufst und lauthals loslachen könntest?

Ehrlich gesagt verschwimmt vieles, wenn man so intensiv an einem Buch arbeitet, vom Korrekturlesen ganz zu schweigen. Ich werde mir das gute Stück sicherlich mal wieder in einem Jahr zu Gemüte führen und viele Sachen wiederentdecken. Lustig ist definitiv die Art und Weise, wie die Band in der ehemaligen DDR aus ihren stark limitierten Möglichkeiten Instrumente gebastelt haben - da muss ich jetzt definitiv lachen.

Welches sind Deine Lieblingsbands? Also neben Bolt Thrower, denn die sind ja über jeden Zweifel erhaben…

Hahaha, ja, die sind natürlich ganz oben auf der Liste. Daneben befinden sich noch (immer alte!) Deicide, Entombed, Morbid Angel, Sinister, Asphyx, Cannibal Corpse, Benediction, Malevolent Creation.
Andreas, am 30.04.2020 ist nun endlich der langersehnte Release Deines Buches und wenn ich es richtig gelesen habe, gehen die Vorverkäufe schon jetzt durch die Decke. Was überwiegt? Die Vorfreude auf ein gefülltes Bankkonto oder die Anerkennung Deines Werkes und endlose Debatten mit Gleichgesinnten? Ich tippe auf zweites...

Die Angst vor der Lieferung mit mindestens 1 Tonne Gewicht! Hahaha. Wie ich vorhin schon mal erwähnt habe, mache ich alles in erster Linie für mich - weil ich es gerne haben möchte und kein anderer macht, hahaha. ich bin momentan einfach nur froh, das Buch zu einem Abschluss bekommen zu haben, wobei ich mich auch selbst disziplinieren musste, um es nicht noch dicker machen zu wollen. Die ganzen Gespräche waren eine unglaubliche Erfahrung, ich konnte so viel neue Leute kennenlernen, zu denen ich teilweise jetzt ein sehr enges Verhältnis habe. Und freue mich sehr auf weitere Diskussionen, die nach der Veröffentlichung kommen werden.

Andreas, ich werde mir definitiv ein Exemplar zulegen, bitte um persönliche Widmung und hoffe, dass wir uns demnächst mal persönlich über den Weg laufen, ein paar Bierchen zwitschern und Erinnerungen austauschen. Allerdings befürchte ich, dass dies ein fast unendlicher Abend werden könnte. Vielen Dank für das Gespräch, was mir sehr am Herzen gelegen und unfassbar viel Spaß gemacht hat.

Olaf, vielen Dank nochmals für die Möglichkeit zu diesem Interview - hat mir sehr viel Spaß gemacht. ich denke, dass wir das auf jeden Fall hinbekommen... das Stresslevel ist momentan etwas geringer, auch wenn weiterhin viel Arbeit ansteht.

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