OPFER DES SYSTEMS


Als 1996 die große Zäsur bei Sepultura einsetzte, wurde die vorher so eingeschworene Fangemeinde ziemlich tief gespalten. Ewig-Gestrige schworen den Brasilianern ab, da es scheinbar ohne Ex-Fronter Max keine Zukunft für die Thrasher geben würde. Bei „Against“ gab es einen riesigen Aufschrei, denn ausgetretene Pfade wurden verlassen und mit Derrick Green ein Frontmann eingesetzt, der so absolut nicht zu Sepultura passen wollte. 23 Jahre und nunmehr neun Alben später hat das Quartett alle Zweifler Lügen gestraft und mit „Quadra“ das wohl beste Album nach der Trennung der Cavallera Brüder auf den Markt geworfen.

Innovative Ideen, tolle Melodien, brachiale Härte und alle Trademarks, die die Band zu dem gemacht haben, was sie heute sind: Eine der größten und wichtigsten Thrash Bands der heutigen Zeit. Selbstverständlich nahm ich gerne und dankend die Gelegenheit wahr, mit Andreas Kisser ausführlich über das neue Album zu schwatzen und trotz der Tatsache, dass er sich in keiner Weise auf Fragen zu Max und Iggor einlassen wollte, entwickelte sich ein mehr als launiges Gespräch, welches ich dankenswerterweise bei meinem Stammtätowierer führen durfte, hatte ich doch meine Termine ein wenig durcheinandergewürfelt.
Andreas, ich freue mich sehr, dass es endlich mal geklappt hat, mit Dir ein Interview zu führen. Das letzte fand 1989 im Rahmen Eurer ersten Europa Rundreise als Support von Sodom im Berliner Quartier Latin statt. Eine lange Reise…

Hey Olaf, ich hoffe, es geht Dir genauso gut wie mir im Moment. Und ja, es war eine lange Reise bis hierher…

Ich finde es immer erstaunlich, wenn ich die Playlist meines Handys durchstöbre und feststelle, dass Sepultura dort unter über 12.000 mp³ mit am häufigsten vertreten ist. Wobei dies bei 15 Alben in mittlerweile 36 Jahren keine besondere Überraschung darstellt…

(lacht) Das stimmt allerdings. Aber das finde ich als Einstieg mal richtig cool

Wenn man sich solch eine lange Karriere mal vor Augen führt, kannst Du Dich wirklich jeden Tag aufs Neue für Musik begeistern?

(ein wenig gespielt entrüstet) Absolut und auf jeden Fall! Es ist ein absolutes Privileg, in einer Band wie Sepultura zu sein und jeden Tag seinen Traum zu leben. Es begeistert mich immer wieder aufs Neue, dass wir einen solch tollen Support unserer Plattenfirma haben, dass uns unsere Fans auf der ganzen Welt so unterstützen, das ist pure Motivation für mich und alle anderen in der Band. Musik zu machen ist das, was ich noch machen möchte, wenn ich 100 Jahre alt bin und hoffentlich werde (lacht). Es ist einfach ein Privileg mit dem, was man gerne macht und liebt, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Gitarristen wie Buddy Guy oder BB King haben auch bis weit in die Neunziger gespielt. Ich möchte auch so alt werden und weiter dem nachgehen, was ich am besten kann: Musiker sein.

Ich bin ja nun auch mittlerweile schon 51 Jahre alt, habe 35 Jahre Karriere mit Sepultura hinter mir, doch es immer noch ein Lernprozess, der niemals endet und auch nicht enden soll. Es ist total aufregend, immer noch hier zu sein und ein solch starkes Album wie „Quadra“ in der Hinterhand zu haben. Ich bin einfach total happy momentan.
Bei einer solch langen Karriere zieht man doch sicherlich irgendwann auch mal ein Resümee, was gut oder was schlecht war. Welches waren denn bislang Deine aufregendsten und welche Deine schrecklichsten Erlebnisse?

Hm, eigentlich denke ich darüber gar nicht so viel nach, denn man lernt aus seinem Erfolg und vor allem aus seinen Fehlern immer wieder dazu. Klar war das damals ein bitterer Moment als Max die Band verließ, denn wir verloren nicht nur einen Frontmann, sondern auch das Management, die Plattenfirma und eine Menge Fans. Das war schon ein kritischer Moment in unserer Karriere, denn plötzlich standen Paulo, Iggor und ich alleine da. Als Derrick dann in die Band kam, änderte sich alles und wir konnten wieder nach vorne schauen.

Es ist ein immerwährender Lernprozess, denn wenn wir den Kopf in den Sand gesteckt hätten, wären Alben wie „Against“ oder „Nation“ unsere letzten gewesen. Stattdessen haben sie den Weg für das geebnet, was wir danach erreicht haben und was wir jetzt musikalisch mit Hingabe tun. Ich fühlte mich immer mehr als besserer Gitarrist, musikalisch entwickelten wir uns immer weiter, statt zu stagnieren. Es war eine Evolution für uns. Dazu kommt auch noch, dass wir mit Eloy Casagrande den besten Drummer der Welt in unseren Reihen haben, der seit seinem Einstieg 2006 eine Menge an neue Einflüsse und Möglichkeiten in die Band gebracht hat. Nun sind wir hier und das auch nur durch all die Fehler und all die Erfolge, die wir in den letzten Jahrzehnten gemacht haben. That’s the way I am!


Derrick ist ja nun auch schon seit 22 Jahren in der Band, wir aber bis heute von vielen Fans verschmäht, als „Neuer“ in der Band wahrgenommen oder mit Max verglichen, der in meinen Augen in den letzten Jahren nur noch ein Schatten früherer Tage ist. Stört Euch das nicht?
Nö, absolut gar nicht und schon gar nicht, was irgendwelche Vergleiche mit unserem alten Sänger angeht (er vermeidet so oft er kann den Namen Max). Was er macht oder wie er sich darstellt, ist schon lange nicht mehr mein Problem (lacht). Wir hatten schon damals wie heute eine Menge Spaß mit Derrick, der nicht nur Bandmitglied, sondern Freund und Bruder für uns geworden ist. Was andere über ihn sagen oder irgendwelche Vergleiche anstellen, interessiert mich nicht die Bohne! Ich habe einfach viel mehr zu tun, als auf die Meinung von 30 oder 40 Leute zu hören, die Zeit haben ich einfach gar nicht, hahaha. Das wäre einfach vergeudete Energie. Wichtig ist, dass die Leute realisieren, was wir gemacht haben und bis heute machen, nämlich gute Musik…für uns und unsere Fans.

Wenn wir schon über Derrick sprechen muss ich ihm ein großes Kompliment aussprechen, denn ich habe Euren Frontmann noch nie so facettenreich singen hören, wie jetzt auf „Quadra“. Die Freude und Zufriedenheit dürfte recht groß bei Euch sein…
Auf jeden Fall! Er hat seine beste Leistung ever abgerufen. Das liegt vor allem auch an seiner gesanglichen Weiterentwicklung in den letzten 10 Jahren, wo er uns immer wieder aufs Neue überrascht hat. Viel dazu beigetragen haben auch immer fantastische Produzenten wie Ross Robinson auf dem „Mediator“ Album oder auch Jens Bogren, der ja auch für das neue Album verantwortlich war. Sie haben ebenfalls maßgeblich dazu beigetragen, seine Stimme und auch die Musik weiterzuentwickeln und auf ein neues Level zu hieven.

Nach unserem Studioaufenthalt hatten wir das Gefühl, wir sind eine bessere Band als vorher. Derrick schreibt heute bessere Texte denn je, ich und der Rest der Band redeten lediglich über eventuelle Songtitel oder kleine Korrekturen. Und ja, seine Performance ist better than ever. Allerdings war diese Entwicklung bereits seit dem „Against“ Album abzusehen, wo er ähnlich facetten- und abwechslungsreich agierte und das über all die Jahre kontinuierlich ausgebaut hat. Wir sind über all die Jahre gewachsen, als Band, als Einzelkünstler.

Derrick ist der perfekte Partner. Er achtet auf seine Gesundheit, ist immer pünktlich, liefert auf der Bühne fantastisch ab und ist mehr als nur ein Kollege. Und das hört man auch auf „Quadra“, die logische Konsequenz all dessen. Hier fließt wirklich alles zusammen, was uns als Band stark gemacht hat.


Da gebe ich Dir vollkommen recht und ich behaupte sogar, dass „Quadra“ Euer bestes Album der Derrick-Green-Ära ist. Unfassbar abwechslungsreich, spannend und teilweise sogar mit Riffs von Dir ausgestattet, die auch locker auf „Chaos A.D.“ oder „Arise“ hätten stehen können…
Das ist exakt das, was ich mit diesem Album musikalisch ausdrücken wollte. „Quadra“ beinhaltet alle Einflüsse, die wir uns selber in all den Jahren angeeignet haben und vermischt diese zu diesem eigenständigen Mix. Wir haben das Album quasi wie ein Doppelalbum mit Seite A, B, C und D zusammengestellt, wobei jede einzelne Seite eine bestimmte Sepultura Charakteristika aufweist.

Seite A beinhaltet viel Oldschool Kram, alter Thrash wie auf „Beneath the remains“, „Arise“ oder sogar „Schizophrenia“, auf Seite B hingegen viel Percussion und grooviges Zeugs wie auf „Chaos A.D.“, „Roots“ oder „Against“. Auf der Seite C haben wir viele symphonische Elemente einfließen lassen und auf der D Seite viele Einflüsse von der „Machine messiah“, also Melodien, langsame Parts, die aber immer noch knüppelhart sind. Es ist spannend zu sehen, wie viele selbst erschaffene Einflüsse wir in unsere Musik haben einfließen lassen. Natürlich sind wir dabei immer noch hart, scheuen uns aber dennoch nicht, melodische und orchestrale Parts mit einzubauen. Das war einer der Hauptgründe, ein neues Album herauszubringen, um den Leuten zu zeigen, was wir heute machen, denn die Einstellung, die Passion für die Musik hat sich ja nie verändert, sondern nur den Gegebenheiten angepasst und das führt alles auf „Quadra“ zusammen. Es mach einfach keinen Sinn, sich selbst zu kopieren und den gleichen Scheiß wir vor 30 Jahren zu spielen, sondern etwas Neues zu erschaffen.


Es ist auf jeden Fall schön zu hören, mit was für einem Enthusiasmus Du nach all diesen Jahren immer noch zu Werke gehst und auch über das neue Album sprichst…

(lacht) Naja, dafür bin ich ja hier auf diesem Planeten, um Musik zu machen und die den Leuten zu präsentieren. Das Album kommt ja morgen (07.02.2020) endlich auf den Markt, obwohl es schon seit Oktober letzten Jahres komplett fertig ist und die Anspannung und die Vorfreude ist schon gewaltig. Die Reaktionen auf unsere ersten beiden Songs, die wir vorab veröffentlicht haben („Isolation“, „Last time“) waren überwältigend und haben uns sehr gefreut. Von daher ist es natürlich total aufregend zu sehen, wie den Leuten die gesamte Platte gefällt. Auch die Interviews, die Derrick, Paolo und ich in den letzten Wochen geführt haben zeigt deutlich, wie groß das Interesse an dem neuen Album ist. Ja, wir sind happy und freuen und wahnsinnig.
Ich habe im Vorfeld ein wenig über das textliche Konzept von „Quadra“ gelesen und fand dieses von Beginn an mehr als interessant. Allerdings will ich mir nicht anmaßen, dieses zu erklären, denn dafür bist Du ja selbst wie geschaffen…

Hahaha, zu faul gewesen? Als ich begann, mir über ein textliches Konzept Gedanken zu machen, startete ich mit Zahlen, Algorithmen, die ein Teil der menschlichen Geschichte sind und seit jeher versuchen, uns die Welt zu erklären und greifbarer zu machen. Bei der Recherche stieß ich dann auf das Buch „Quadrivium“ (Amazon), welches über die vier freien Künste berichtet: Musik, Arithmetik, Geometrie und Kosmologie. Das war der Startschuss für das Konzept zu „Quadra“, welches im Portugiesischen ebenfalls ein Sportfeld beschreibt, auf dem du lediglich einen limitierten Teil hast, in dem du dich bewegen kannst, Regeln existieren, an die du dich halten musst.

Wir alle kommen aus verschiedenen „Quadra“, die trotz aller Unterschiede lediglich durch Linien auf Landkarten voneinander getrennt sind, die wir trotz vieler Gemeinsamkeiten einfach so akzeptieren und nicht weiter hinterfragen. Wir versuchen mit unseren Texten zu fragen, warum wir alles so einfach akzeptieren und hinnehmen. Egal auf welche Schule oder Universität du gehst. Warum akzeptierst du alles, was man dir sagt oder einzutrichtern versucht? In unserem Land gab es viele politische Veränderungen in all den Jahren. Diktaturen, Militärherrschaften und dementsprechend ging die Bildung immer in andere Richtungen und veränderte sich immer mit der politischen Ausrichtung. Genauso wie in Russland, wo sich nach jeder Revolution das Verständnis von Richtig oder Falsch grundlegend veränderte. Nichts, aber auch wirklich gar nichts ist real. Kapitalismus, Kommunismus, Religion und auf jeden Fall Geld. Alles ist Illusion, denn wie kann ein Stück Papier dir einen bestimmten Wert vorgaukeln?

Menschen leben und sterben für solche Illusionen, akzeptieren sie und denken nicht weiter darüber nach. Mit „Quadra“ versuchen wir den Leuten klarzumachen, auch mal nachzudenken und mehr Fragen, auch an sich selbst, zu stellen. Warum glaubst du daran und warum verteidigst du es? Wo kommt das her, warum ist das so? Es wird uns vieles durch die Schule, die Ausbildung, Familie, Traditionen vermittelt und man hat heutzutage fast gar keine Chance mehr, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese dann auch zu vertreten. Man muss seine eigenen Erfahrungen machen, ob das deine Füße im Wasser sind, die Sonne auf deiner Haut und wir brauchen beispielsweise keine Kirche, die uns sagt: Die Sonne ist heiß oder das Wasser ist nass. Das sind eigene Erfahrungen, die man macht und aus denen man für sich selber lernt.

Wir brauchen niemanden, der uns die Natur, die Umwelt erklärt oder uns vorschreibt, was nun grün, gelb oder blau ist. Das sind alles Erfahrungen, die man nicht aus Büchern oder der Schule bekommt, sondern die man selbst machen, selbst erfahren muss. „Quadra“ ist eine Herausforderung an alle sich selbst zu fragen: Warum liebe oder hasse ich etwas. Und nicht ein Opfer von Meinungen oder Dogmen zu sein.

Wenn du in Saudi-Arabien oder Marokko oder wo auch immer geboren wurdest, wächst du vollkommen verschieden auf, hast aber vielleicht den komplett gleichen Charakter, der dann aber durch die dort vorherrschenden Bildungssysteme in eine komplett andere Richtung gelenkt wird und somit wird der Mensch verändert. Wir akzeptieren das einfach, wir sind Opfer dessen, was wir lernen und daraus resultieren Konflikte, in den wir sagen: Mein Gott ist besser als deiner und all solch ein Bullshit. Meine Nation endet hier, deine beginnt dort. All das ist ein Konzept, welches über all die Jahrhunderte entstanden ist und einfach nicht real ist.
Letztes Jahr sind Max und Iggor einmal mehr unter dem Banner „Return Beneath Arise“ unterwegs gewesen. Natürlich auch mit Songs, die Du komponiert hast. Wie ärgerlich ist das für Dich?

Sei mir nicht böse, aber das lasse ich einfach mal unkommentiert. Unser Fokus liegt komplett auf dem neuen Album. Mich interessiert das überhaupt nicht. Wir konzentrieren uns ausschließlich auf Sepultura und „Quadra“ und haben damit eine gute Zeit (lacht).

Apropos Tour. Im März startet Ihr Eure Rundreise durch Amerika, die bis Ende April andauern wird. Steht danach Europa wieder auf dem Speiseplan?

Auf jeden Fall! Wir spielen im Juni / Juli einen arschvoll Festivals überall in Europa, auf die wir uns tierisch freuen, gehen danach nach Asien und werden bis Ende des Jahres auch noch eine Headliner Tour in Europa nachlegen. Dazu wird es in Bälde weitere Informationen geben.

Ich freue mich drauf, denn in den vergangenen Jahren konnte man live feststellen, dass Ihr bei jedem Auftritt noch eine Schippe draufgelegt habt und immer besser wurdet. Außerdem kann Eloy ja dann mit seinem harten Drumming dafür sorgen, dass sein Bizeps noch weiter anschwillt…

Hahaha, das stimmt allerdings. Er ist ein absolut positiv Verrückter mit seinen 28 Jahren, trainiert viel, übt, hält sich fit und ist für uns einfach der beste Drummer auf der ganzen Welt. Es macht auch einfach Spaß, sich mit ihm zu unterhalten, da er sehr clever ist und mit offenen Augen durch die Welt geht. Er hat viel dafür getan, um jetzt da zu sein, wo er ist und das macht die tägliche Arbeit mit ihm so unfassbar spannend und aufregend.

Wie hoch sind die Erwartungen an „Quadra“?

Ich bin erstmal total aufgeregt und freue mich wahnsinnig darüber, dass das Album morgen endlich rauskommt und die Leute hören können, was wir da alles reingelegt haben. Ich bin überglücklich mit der Scheibe. Die Musik, die Aufnahmen, der Mix, die Kompositionen, das Albumcover. Wir haben über ein Jahr unglaublich hart an dem Album gearbeitet und freuen uns nun auf die Früchte, die es hoffentlich tragen wird. Es fühlt sich einfach großartig an, nach 35 Jahren solch ein Pfund in die Waagschale zu legen.


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