ERKAUFTER SEELENFRIEDEN


Seit nunmehr 23 Jahren existieren die Kölner Deather von Skum, haben in dieser recht langen Schaffensperiode bislang leider nur vier Alben veröffentlicht, die dafür umso mehr brennen. Egal ob wir vom großartigen "Prašina" aus dem Jahr 2013, oder dem aktuellen Rundumschlag "Molitva" reden, der rheinische Vierer weiß, wie man den Hörer bei den Hörnern packt. Es gibt nicht nur volle Handkante, sondern auch ausgefeilte Melodien und spannende Songs, die ein nachhaltiges Hörvergnügen garantieren. Dementsprechend freute ich mich, mit Frontmann Nikola Grgic ein nettes und vor allem informatives Gespräch zu führen, bei dem uns der sympathische Brüllbarde Einblick in das Seelenleben von Skum gewährte.

Nikola, Euer neues Album „Molitva“ erschien am 3.April, einer Zeit, in der sich Vieles nicht um die Musik, sondern um die Nebenwirkungen der Covid-19 Pandemie drehte. Wie schwer war es für Euch, in exakt dieser entbehrungsreichen Zeit ein Album zu veröffentlichen, welches man noch nicht einmal durch ein Releasekonzert promoten kann?
Naja, dass die Releaseparty flachfiel, war schon traurig, aber da wir wie alle anderen Menschen zurzeit da im gleichen ungewissen Chaos leben, war das eigentlich eher ein Randthema. Wir waren zu dem Zeitpunkt eher mit anderen Sorgen befasst, keiner wusste so Recht, was da so auf alle zukommt. Uns war spätestens zwei Wochen vor der Show klar, dass wir die nicht machen würden. Unabhängig davon, dass es zu dem Lockdown kam. Insgesamt sind wir vier alle froh, die Scheibe auch einfach endlich veröffentlicht zu haben. Hat ja lange genug gedauert (lacht).

Fast genau 7 Jahre und 2 Monate Zeit, um genau zu sein. Woran haperte es denn, dass nach dem großartigen „Prašina“ der geneigte Hörer so lange auf neue Musik von Euch warten musste?

Vielen Dank für das Lob. Ja, insgesamt kann man das unter Gemengelage zusammenfassen. Bei uns war teilweise beruflich Einiges an Bewegung, dazu kamen auch Veränderungen im Privatleben, und nun ja, wir haben in der Zeit 6 Welpen in die Welt gesetzt. Tracks hatten wir schon recht früh in Arbeit. Ursprünglich hatten wir schon 2013 den wahnwitzigen Gedanken, so um 2015 rum über ein nächstes Release nachzudenken. Was für uns quasi Lichtgeschwindigkeit gewesen wäre. Jeder, der uns kennt, weiß, dass wir ziemliche Schildkröten mit viel Liebe fürs Detail sind, die recht behaglich und entspannt an die meisten Dinge gehen. Also, um ehrlich zu sein, ohne äußere Einflüsse wären es halt trotzdem 5 Jahre geworden.

Ich traf Euren Basser Chris 2018 auf dem Party San, als er noch bei The Other zu Werke ging und eigentlich mit keinem Ton Skum erwähnte. Dann kam er zurück und plötzlich schoss auch schon das neue Album aus dem Boden. Hatte er daran einen etwas größeren Anteil oder war er überhaupt so richtig weg?
Nay, Chris war die ganze Zeit konstant Teil von SKUM. Auch wenn wir weniger oder auch mal gar nicht zu sehen sind, bestehen wir immer noch weiter. Das wir zu dem Zeitpunkt wenig unterwegs waren, hatte für alle den Vorteil, dass kaum Termine kollidierten, man musste nur bei der einen oder anderen Probe mal umplanen. Wenn Chris uns verlassen hätte, hätten wir das auch kommuniziert. SKUM ist unsere Familie. Wir sind in der Hinsicht auch nicht eifersüchtig. Wenn jemand von uns mal woanders aktiv ist, ist das kein Problem für uns. Wir wissen, was wir aneinander haben.

Euer Vorgänger hatte mit Prašina“ einen bosnischen Titel der so viel wie „Staub“ bedeutet. Deinem Nachnamen zu urteilen, hast Du scheinbar selbige Wurzeln. Das neue Album heißt übersetzt „Beten“. Welche Bedeutung hat der Titel im Kontext mit den auf dem Album befindlichen Songs und wie wichtig sind Dir Titel in Deiner Muttersprache?

Damit liegst du nicht ganz falsch. Es ist der Herzogovina-Dialekt meiner Mutter, den ich da zuerst gelernt habe. Ich nenne das einfach immer Balkanesisch. Das gefällt mir ganz gut und grenzt es nicht so ein (lacht).

Genau genommen bedeutet Molitva "Gebet". Bei dem Song selber geht es darum, wie wir, umgeben von Leid und Schrecken, die Augen verschließen und unsere Herzen abwenden und uns mit hohlen Phrasen scheinbaren Seelenfrieden erkaufen, während wir in den stillen Momenten feststellen, dass wir diesen nicht finden, wenn wir die Verantwortung dafür abgeben, ohne selber etwas dafür zu tun. Im Kontext der Platte bedeutet Molitva ein, wenn auch manchmal sehr leiser, Funke der Hoffnung, der sich durch die Lieder zieht. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit, Mitgefühl, Liebe. Darauf, dass wir es schaffen, diese Welt doch zu einem besseren Ort zu machen.

Das ich in meiner Muttersprache texte und singe, hat sich durch Zufall ergeben. Ich habe das vor knapp 10 Jahren im Proberaum mal ausprobiert, als ich nach passenden Linien und Wörtern für einen Song gesucht habe. Die Resonanz der Jungs war sehr positiv, und sie haben mich direkt motiviert, mehr zu machen. Sie verstanden kein Wort, fanden aber, dass eine slawische Sprache gut ballert. Das war damit ganz einfach beschlossene Sache. Für mich persönlich erweitert es mein Spektrum an Bildern und Klangfarben, das gefällt mir sehr gut und hilft mir, mich auszudrücken. Manche Sachen gehen mir da einfach für mich schöner über die Zunge. Oder sagen wir so, es fühlt sich für mich dann anders an. So schaue ich immer beim Songwriting sehr intuitiv mit auf meinen Bauch gerichteten Blick, welche Sprache am besten passt.
Nikola
Christoph
Das klingt ein wenig nach Finntroll Sänger Vreth, der in einem Interview mal sagte: "Wir singen immer in Schwedisch statt in Finnisch, denn finnisch klingt scheiße...

Haha geil, das ist gut. Meinte ich aber tatsächlich nicht so (lacht). Manche Sachen kommen in anderen Sprachen einfach passender. Und dann hängt es ja noch davon ab, aus welchem Mund es kommt. In diesem Fall halt meinem. Wir haben ja auch Texte auf Deutsch. In den ursprünglichen Textideen waren manche Entwürfe erstmal in anderen Sprachen. Das z. B. dieses Mal kein Track auf Deutsch gesungen wurde, war so nicht geplant und ergab sich im Kontext. Das kann nächstes Mal wieder ganz anders aussehen. oder halt auch nicht (grinst).

Was mich bei Skum seit jeher begeistert ist der Umstand, dass Ihr trotz Eurer Zugehörigkeit zum Death Metal immer wieder griffige Songs mit Ohrwurmcharakter fabriziert, wie jetzt beispielsweise „Need“ oder allen voran „Mother lord“. Merkt Ihr das eigentlich selber, oder muss man Euch das immer wieder sagen?
Haha, schön gesagt. Hmmm... ja, uns ist schon bewusst, dass wir da immer wieder ich nenne es mal "etwas mehr" haben. Das liegt wohl daran, dass wir beim Schreiben eigentlich gar nicht so bewusst in einer Ecke fixiert sind. Wir hören ja auch alle sehr viel verschiedene Musik, die oft auch wenig mit Death Metal, oder überhaupt mit Metal zu tun hat. Da wildern wir überall herum. Somit haben wir ein sehr offenes Herangehen an Musik, wodurch solche Tracks entstehen.

Im Death Metal sind wir ja schon irgendwie zu Hause. Nicht weil wir rational entscheiden, dass es so klingen soll. Sondern weil das einfach unser Zuhause ist, und alles, was wir machen, halt nach Death Metal klingt. Oder würden andere vielleicht Thrash sagen? Eine Frage der Perspektive. Death Metal passt da für mich ganz gut. Entspannt und offen(grinst). Ich selber mag halt auch einfach gerne schöne Hooks. Wir kommen da gut zusammen und schubsen uns musikalisch gegenseitig zu dem Destillat, welches am Schluss bei rumkommt. Wenn da mein Einfluss überpräsent wäre, würden die Ohrwürmer wahrscheinlich wie gärender Schmalz aus den Gehörgängen kochen. Hooks und Geballer, durchgehendes Tempo, kein Break, Song fertig. Hahaha. Nay, es ist schon gut, dass wir die Songs alle zusammen schreiben. So passiert eben genau das, was dich begeistert und mich wiederum erfreut (lacht).


Wenn man sich Eure Bandfotos so ansieht, ohne jemals einen Ton von Euch gehört zu haben, könnte man fast annehmen, Ihr seid der Traum einer jeden Schwiegermutter, brave Burschen, die sich mehr dem Emocore verschrieben haben. Aber scheinbar seid Ihr doch böse Buben, oder?
Chris
Roberto
Naja, natürlich sind wir der Traum jeder Schwiegermutter. Das ist für mich grundsätzlich mal positiv besetzt. Das bedeutet schon mal immer gutes Essen (lacht). Äh, welche Bilder meinst du genau? Ich persönlich finde nicht, dass wir auf Bildern böse rüberkommen müssen. Sind wir ja auch in meinen Augen nicht. Böse Buben... ich weiß nicht, das passt auch nicht. Diese Klischees brauchen wir nicht. Dass unsere Musik und wir auf der Bühne dann was brachial sind, damit kann ich gut leben. Wir müssen nicht auf böse machen. Wir haben genug wütende Energie, die es zu kanalisieren gibt, ohne dass wir das bei jeder Gelegenheit betonen müssen. Naja, und wenn wir mit kaputt machen fertig sind, wollen wir halt ganz entspannt miteinander abhängen, wie das brave Jungs eben so machen (grinst).

Ich bin echt begeistert von Eurem Album, denn es ist innovativ und beschreitet andere und weniger ausgelatschte Pfade. Was ich allerdings monieren muss ist Eure Version des Genesis Klassikers „Jesus he knows me“, welcher als Bonustrack daherkommt und textlich sicherlich perfekt in das Albumkonzept passt, leider aber nicht einmal ansatzweise den Charme des Originals besitzt. Deshalb nur als Bonus? Wie seid Ihr auf den denn überhaupt gekommen?

Danke. Es ist halt das, was wir selber auch gerne hören wollen. Wenn es innovativ klingt, cool. Maßgabe ist das bei uns aber nicht. Es muss uns halt gefallen. Und Jesus... ja, das hatte ich in der Review gelesen. Das war zu erwarten. Der Song ist so bekannt und präsent, dass ich mir vorstellen kann, dass sich der eine oder andere gar nicht auf die Nummer einlassen kann. oder auch will (grinst). Die Nummer polarisiert auch in meinem Umfeld. Wir finden die sehr geil so, und haben auch massiven Spaß, das Lied zu spielen. Wie kamen wir dazu?
Wir haben immer schon das eine oder andere Cover im Set. Das sind dann Tracks, die wir alle in der Band richtig gut finden. Und dieses ist eins davon. Warum als Bonustrack und nicht auf Vinyl? Das kann dir unser Vinylexperte Chris besser erklären, ich versuche es mal halbwegs gerade wiederzugeben. Wenn wir den Song noch mit auf die Platte genommen hätten, dann wäre eine Spielzeit erreicht gewesen, bei welchem durch die physischen Grenzen des Tonträgers Abstriche am Sound zu machen wären, oder wir die Stücke auf eine weitere Seite verteilen müssten. Und mehr wie eine Platte war im Geldbeutel nicht drin. Und wir wollten da schon das Bestmögliche rausholen, daher auch die 180 Gramm schwere Platte. Was der Beutel halt so hergibt. Wenn es nach mir ginge, würden wir noch 16 Seiten Booklet dazu packen, wo Roberto sich mit seinem Artwork so richtig austoben kann. Aber sowas muss man halt bezahlen können. Oder ne Druckerei innerhalb der Band haben (grinst). So, etwas abgeschweift, zurück zum Bonustrack. Besser kriege ich das als Techniknoob nicht erklärt, obwohl ich selber Vinylhörer bin, was aber vor allem an dem ganzen Drumrum, Cover, Haptik, Ritual liegt, als dass ich wirklich Unterschiede hören würde. Habt also Gnade mit meinem Unwissen.

Wie Du eben ansprachst habt Ihr mit Eurem Gitarristen Roberto auch gleichzeitig Euren Artworker mit an Bord. Sicherlich eine sehr konfortable Situation, vor allem auch dann, wenn so ziemlich alles gut aussieht, was Ihr an Bildern veröffentlicht.
Absolut, das ist schon ein Traum. Beim Artwork zu Molitva hat Roberto mich einfach gefragt, ob ich auf Grundlage der Texte bestimmte Vorstellungen dazu habe. Darauf habe ich ihm eher vage Impressionen und Eindrücke genannt, nicht wirklich konkrete Vorgaben oder dergleichen. Und dann kam er mit diesem Meisterwerk um die Ecke. Also erstmal ganz lange nichts, wir drängen da auch nicht. und dann, Bumm! Gänshaut, Staunen, Applaus. Und das macht er immer so. Ganz leise und bescheiden, immer präzise auf den Punkt. In dieser Hinsicht sind wir wirklich verwöhnt. Aber das Beste an ihm ist eigentlich, dass er einfach eine wirklich tolle Persönlichkeit und ein noch besserer Freund ist.

Nikola, danke für das Gespräch und ich hoffe, dass es nicht allzu langweilig für Dich war. Als letztes überlasse ich Dir das Feld für ein paar abschließende Worte und der Aufgabe, den Leuten zu erzählen, warum sie sich ausgerechnet „Molitva“ ins Regal stellen sollen…

Danke Olaf, dass Du hierzu eingeladen hast. Nein, langweilig war es nicht. Abschließende Worte..., erstmal Vielen Dank für Dein Interesse und Deine Zeit. Charaktere wie du sind es, die Kunst mit Leben füllen, ihr Farbe geben und dafür sorgen, dass kreative Wirrköpfe wie wir auch mal mitbekommen, wenn sie jemanden mit ihrem Output berühren. Das ist schön. Und an alle, die das hier lesen. Passt gut auf euch und aufeinander auf. Nehmt andere und vor allem Euch selbst mit mehr Humor, es ist so schon ernst genug. Gebt euch nicht denen hin, die Hass predigen. Falls ihr Molitva noch nicht habt, wie kann man euch da noch helfen?

Warum diese Scheibe toll ist, hat euch Olaf ja schon im Review hinreichend erzählt. Ich kann jetzt noch ergänzen, dass in dieser Scheibe eine satte Portion speckiger, ehrlicher Liebe steckt, Ohne Zielgruppengedöns, einfach ehrlicher, schöner Krach, geschliffen, poliert und an den richtigen Ecken kantig gelassen von vier nicht mehr ganz so jungen Veteranen auf dem Gebiet der vertonten Krachliebe, die wissen, wie Rockmusik richtig ballert. Und dann Death Metal genannt wird (grinst). Mit Nacken und Hüfte. Wenn ihr unser Platten kauft, wird keiner von uns reich. Auch nicht satt. Aber jeder Cent geht in den nächsten Output. Und so kommen wir vielleicht in den Genuss, die nächste Scheibe mit noch mehr Drumherum an Booklet und Kunst vollzupacken. Das wäre fein. Bis dahin, bleibt gesund. Cheers!


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