ABYSSUS – The Reign (2026)
(10.515) Olaf (8,4/10) Death Metal
Label: Fireflash Records
VÖ: 23.10.2026
Stil: Death Metal
Mit „Into the Abyss“ und „Death Revival“ hatten ABYSSUS bei mir bereits zwei ziemlich schlagkräftige Argumente hinterlassen, ihren weiteren Werdegang aufmerksam zu verfolgen. Entsprechend gespannt war ich auf „The Reign“. Schließlich gehört diese seit 2011 aktive Truppe aus Athen zu jenen Vertretern der alten Todesbleischule, bei denen meine Begeisterung für das Genre zuverlässig neue Nahrung bekommt. Über diverse EPs, Splits und reichlich Bühnenarbeit haben sich die Griechen ihren Platz im Underground erarbeitet. Das Debüt von 2015 und der 2022 erschienene Nachfolger waren dabei ausgesprochen schmackhafte Schlachtplatten. Dass Album Nummer drei nun noch eine ordentliche Schippe drauflegt, nehme ich entsprechend erfreut zur Kenntnis. Mein Nacken dürfte die Angelegenheit etwas anders bewerten.
Eine hübsche Gemeinheit steckt bereits in der Tracklist. Sämtliche Songtitel wurden den Texten von SLAYERs „Reign in Blood“ entnommen und folgen dabei sogar der Reihenfolge der jeweiligen Stücke des Klassikers. Vom eröffnenden „The Meaning of Pain“ bis zu „Trapped in Purgatory“ zieht sich diese Verbeugung durch das komplette Album. Da hat jemand seine Hausaufgaben mit einer Hingabe erledigt, die ich mir seinerzeit im Mathematikunterricht allenfalls vorgetäuscht habe. Die Songs selbst erzählen allerdings eigene Geschichten. Der Bezug funktioniert als liebevolle Verbindung zur extremen Metalgeschichte, ohne den Griechen eine fremde Identität überzustülpen.
Musikalisch bleibt das Fundament ohnehin eindeutig Death Metal. Herrlich alter Death Metal, um genau zu sein, mit jener Mischung aus zupackender Riffarbeit, schwerem Groove und giftiger Angriffslust, die bei mir auch nach Jahrzehnten keinerlei Abnutzungserscheinungen zeigt. DEATH, OBITUARY und BOLT THROWER haben im musikalischen Elternhaus der Athener hörbar ihre Spuren hinterlassen. Besonders diese Verbindung aus sägender Bewegung und satt nach vorne drückender Schwere macht mir ausgesprochen viel Spaß. ABYSSUS wissen, wann sie das Tempo anziehen müssen und wann ein richtig gesetztes Riff mehr Wirkung entfaltet als die nächste sportliche Höchstleistung.
Die eigentliche Steigerung gegenüber den Vorgängern liegt für mich im Songwriting. Die Stücke wirken geschlossener, ihre Übergänge schlüssiger und die Wechsel zwischen Vorwärtsdrang und bedrückender Atmosphäre bewusster gesetzt. Die Band hat ihre bewährten Zutaten besser aufeinander abgestimmt. Das klingt zunächst wenig spektakulär, macht beim Hören aber einen erheblichen Unterschied. Wo andere ihre Entwicklung über zusätzliche Instrumente oder möglichst komplizierte Konstruktionen erklären müssen, reichen hier straffer geführte Songs und ein genaueres Gespür dafür, wann der nächste Hieb sitzen muss. So bekommt die vertraute Sprache mehr Ausdruck.
„The Meaning of Pain“ liefert dafür gleich einen überzeugenden Einstieg und schlägt die Brücke zwischen dem bisherigen Bandsound und der entschlosseneren Ausrichtung des neuen Materials. Dass hinter diesem Angriff ein Text über Verlust, enttäuschtes Vertrauen und persönliche Verletzungen steckt, gibt dem Stück zusätzliches Gewicht. ABYSSUS beschäftigen sich durchaus mit dem, was Menschen im wirklichen Leben kaputtmacht. Auch „Destined to Die“ geht in diese Richtung, allerdings noch tiefer hinein in Isolation und depressive Hoffnungslosigkeit. „Darkness my only friend“ bringt die Perspektive mit wenigen Worten auf den Punkt. Hier bekommt die aggressive Musik einen sehr persönlichen, unangenehm greifbaren Hintergrund.
Der Blick weitet sich bei „The Prophecy“ dann von der inneren Verwüstung auf eine Welt, deren Bewohner ihre eigenen Warnsignale geflissentlich überhören. Klimaveränderungen, extreme Wetterereignisse und versäumtes Handeln bilden den Hintergrund dieses kurzen Ausbruchs mit seiner zusätzlichen Punk- und Grindkante. „The Prophecy becomes real“ klingt in diesem Zusammenhang weniger nach mystischer Weissagung als nach einer längst überfälligen Bestandsaufnahme. Für die Apokalypse braucht es offenbar keinen Hohepriester mehr. Ein Blick aus dem Fenster und ein ausreichendes Maß an Ignoranz erledigen den Rest. Gerade diese Verbindung aus knapper musikalischer Form und konkretem Inhalt funktioniert ausgesprochen gut.
Ein kleiner Knackpunkt bleibt Kostas beziehungsweise Konstantinos Analytis am Mikrofon. Ich mag dieses heisere Geröchel, das sich mit einer gewissen Verbissenheit durch die Songs fräst. Seine Stimme besitzt Charakter und eine raue, bisweilen regelrecht wund wirkende Oberfläche, die zu den Texten passt. Allerdings kann ich genauso gut nachvollziehen, wenn sich jemand daran stößt. Wer beim Death Metal vor allem einen tiefen, gleichmäßig drückenden Growl bevorzugt, wird hier stellenweise die Stirn runzeln. Für mich gehört diese eigenwillige Kehle zum Reiz der Band. Kostas klingt, als hätte er mit dem besungenen Elend noch eine persönliche Rechnung offen.
Beim Sound darf ich dagegen tatsächlich ein wenig meckern. Alex Ketenjian hat dem Album in den Athener Unreal Studios eine druckvolle und sehr aufgeräumte Produktion verpasst. Die Instrumente kommen deutlich zur Geltung, die Riffs greifen unmittelbar, und die musikalische Weiterentwicklung lässt sich entsprechend gut nachvollziehen. Mir ist das stellenweise beinahe eine Spur zu sauber. Ein bisschen mehr Schmutz in den Zwischenräumen hätte dieser Musik durchaus gestanden. Der Leichenkeller darf ruhig erkennen lassen, wofür er genutzt wird. Trotzdem trägt die Klarheit die Songs, und ihre Durchschlagskraft bleibt erhalten. An den Aufnahmen waren mit Gitarrist Konstantinos Foukarakis, Schlagzeuger Fotis Benardo und Bassist Chris Zoukas zudem erfahrene Gäste beteiligt, die nach personellen Umbrüchen gemeinsam mit Analytis und Panagiotis Gkourmpaliotis die Fertigstellung ermöglichten.
Unterm Strich liefern ABYSSUS mit „The Reign“ ihr bislang überzeugendstes Gesamtpaket ab. Die Vorgänger fand ich schon geil, hier hat die Band ihre Möglichkeiten aber noch konsequenter ausgeschöpft. Kleine Vorbehalte bei der Sauberkeit des Sounds ändern daran ebenso wenig wie eine Stimme, über die man trefflich streiten kann. Auf meinem gedanklichen Death-Metal-Stammtisch bekommen die Athener jedenfalls einen größeren Platz. Die Tischplatte sollten wir vorsorglich festschrauben.
ANSPIELTIPPS:
🔥The Meaning of Pain
💀Destined to Die
🌪️The Prophecy
Bewertung: 8,4 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. The Meaning of Pain
02. Out of Reach
03. Asphyxiation
04. Destined to die
05. At any cost
06. The Path I chose
07. The Prophecy
08. Killing Tendency
09. Await the final call
10. Trapped in Purgatory

