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Live on Stage Report: Party San 2026

vom 06. bis 08.08.2026 – Schlotheim @ Flugplatz Obermehler



ANREISE – Mittwoch, 05.08.2026

Der Wahnsinn kann beginnen…


Das Party San begann für uns nicht erst am Donnerstag mit dem ersten Akkord, sondern bereits am Mittwochmorgen mit einer der wichtigsten Traditionen des gesamten Festivals: der professionellen Beschaffung flüssiger und fester Grundnahrungsmittel. Pünktlich um 9:30 Uhr erleichterten wir den Edeka in Schlotheim um einige dringend benötigte Vorräte. Dort traf ich mich mit DÖ, der auch in diesem Jahr wieder für die visuelle Umsetzung unseres Berichts verantwortlich zeichnete und somit dafür sorgen sollte, dass ihr nicht nur lesen, sondern später auch sehen könnt, wie würdevoll wir auf diesem Acker altern.

Um 10 Uhr heimsten wir – genau wie im vergangenen Jahr – unsere Akkreditierungen ein und mussten anschließend mit blankem Entsetzen feststellen, dass wir diesmal nicht die Ersten auf dem Gelände waren. Andere Menschen hatten es tatsächlich gewagt, vor uns anzureisen. Schande! Der Ruf als inoffizielle Platzhirsche war damit bereits vor dem ersten aufgebauten Zelt schwer beschädigt.

Gemeinsam mit DÖ ging es anschließend ans Errichten unseres kleinen Festivalreiches. Dabei stellte sich heraus, dass der eigens für dieses Jahr angeschaffte Pavillon vollkommen überflüssig war. Zwischen meinem Zelt und DÖs Camper ergab sich baulich ein derart perfekter Sonnenschutz, dass selbst ein Architekt anerkennend sein Klemmbrett gezückt hätte. Manchmal braucht es eben keinen komplizierten Bauplan, sondern nur zwei Fahrzeuge, ein Zelt und Menschen, die wissen, aus welcher Richtung die Sonne ihre Gemeinheiten verteilt.

Am Nachmittag stieß schließlich Phillip zu uns, womit die Reisegruppe vollständig und der seriöse Teil des Tages offiziell beendet war. Einige Kaltgetränke später ging es zur abendlichen Party. Dort wurde Kuba gleich mehrfach befreit – allerdings ausschließlich in Form von Cuba Libre. Die Revolution kam mit Eiswürfeln, Limette und einem Mischungsverhältnis, bei dem selbst Fidel Castro vermutlich vorsichtshalber nach Cola gefragt hätte.

Während nostalgische Musik aus den Boxen dröhnte, wurde mit zahlreichen Freunden und Bekannten angestoßen, gefachsimpelt, gelacht und über all die lebenswichtigen Dinge gesprochen, die man auf einem Metal-Festival eben klären muss: Bands, Platten, Auftritte, Bierpreise und die Frage, warum man sich eigentlich immer nur einmal im Jahr auf einem staubigen Flugplatz trifft.

Irgendwann war schließlich auch der letzte revolutionäre Rum verbraucht, und wir sanken in einen herrlich erholsamen, tiefen Schlaf – schließlich ist ein Festivalcampingplatz bekanntlich eine Oase der Stille, in der weder Musik, Gelächter noch plötzlich erwachte Nachwuchsgröler die wohlverdiente Nachtruhe stören …[Olaf]


TAG 1 – Donnerstag, 06.08.2026

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Der Donnerstag begrüßte uns mit bestem Wetter und Temperaturen, die geradezu nach einer erfrischenden Abkühlung schrien. Seltsamerweise wollte trotzdem niemand mit mir schwimmen gehen – dabei hatte ich weder Badehose noch sonstige abschreckende Details öffentlich angekündigt. Statt sportlicher Betätigung stand somit zunächst das gemütliche Zusammenkommen im Camp auf dem Programm.

Dort durften wir erneut ENDSEEKER-Frontmann Lenny als Mitbewohner begrüßen, der sich in den kommenden Tagen zugleich als wahrer Grillgott erweisen sollte. Mit herrlichem Grillgut sorgte er zuverlässig dafür, dass wir weder vom Fleisch fielen noch ernsthaft über körperliche Bewegung nachdenken mussten. Schwimmen wäre bei diesem Verpflegungszustand ohnehin zunehmend zum Sicherheitsrisiko geworden. [Olaf]

Der erste pickepackevolle Tag begann, nach einem sehr gut gemeinte White-Russian-Smoothie-Slushie, sogleich auch mit der Band mit dem jüngsten Durchschnittsalter. Gerade mal 22,75 Jahre, eine Zahl, die unter anderem durch den jüngsten im Bunde, dem Live-Bassisten, niedriger ausfällt als sonst. Sarcator haben dazu noch eine gehörige Portion ungestüme Energie mitgebracht und bewegen sich auf der Bühne unaufhörlich, posen mal hier, grüßen mal da und fast bekommt man den Eindruck hier eine routinierte 80ies- Hair Metaltruppe zu sehen.

Doch halt, Sarcator stanzen durchweg angeschwärzten Thrash Metal der melodischeren Sorte ins Publikum und sehen auch sonst mehr nach den freundlichen Typen im Jugendclub aus, die immer grimmig schauen, bei denen man aber trotzdem am ehesten nach einer Kippe fragen würde. Ein würdiger Opener, denn schließlich gehört der Jugend die Zukunft. Es ist catchy, geht ins Bein und breitet für alle Anwesenden den Teppich für die nächsten drei Tage Vollabriss aus. Gegen Ende ist bei den agilen Jungs allerdings dezent die Luft raus, doch dies‘ soll nur ein winziger Wehmutstropfen sein, denn Spaß hat’s allemal gemacht, und Durst auch.

Mein erstes Highlight stellen diese vier Vögel aus Cleveland, Ohio, dar. Die etlichen Live-Shows der letzten Jahre hätten 200 Stab Wounds zu einem glänzenden Diamanten geschliffen, würden sie nicht aussehen wir die Hillbillies mit der Scheiß-drauf-Attitüde, die sie sind. Und das ist grandios, denn wir sind ja nicht bei der Fashion Week (obwohl Bassmann Todd Thompson mindestens Außenseiterchancen hätte) sondern bei einem Death Metal Gig, bei dem auf’m Platz entscheidend ist.

Und auf diesem Gebiet zahlt sich die erarbeitete Expertise tausendfach aus. Die zahllosen Breaks und Tempiwechsel sitzen haargenau und die Band schafft es immer wieder einen nackenbrechenden Groove nach den anderen zu entzünden, um ihn dann auseinanderzunehmen und von vorne zu beginnen. Beide hochklassigen Alben bekamen ihre Spotlights im Set und ich freute mich wie Bolle über Itty Bitty Pieces und natürlich den Überbanger Skin Milk, sodass sich bereits bei der zweiten Band des Tages Nackenschmerzen bis nach Meppen ankündigten. [Phillip]

Alle Jahre wieder, vor allem wenn es so eine schöne runde Zahl ist: Aus tiefstem schwarzen Herzen alles Gute zum dreißigsten Geburtstag, geliebtes Party.San! Selbst meinen zehnten Hochzeitstag feiere ich wegen euch nach – ganz großen Dank an meine großartige Frau an dieser Stelle für ihr Verständnis und ihre Rücksicht – das muss einfach mal gesagt sein! Und was wurde mir dieses Opfer doch auch wieder von einem meiner absoluten Lieblingsfestivals vergolten… Fantastische Stimmung und wie immer kulinarische Versorgung, die keine Wünsche offen ließ. Dazu kommt noch das süßeste Topping auf der Torte in Form meiner Freunde, die die Zeit verrinnen ließen, wie ein Becher Cuba Libre in der Wüste. Und dann eben dieses megastarke Billing, zu dem ich jetzt kommen möchte…

Mein erstes musikalische Rendezvous in diesem Jahr führt mich zu einer mir bislang völlig unbekannten Band, doch ich mag meinen Metal am liebsten schwarz und schätze die Zeltbühne sehr. Und da ist die Einweihung – oder Entweihung – der Tent Stage durch Morbus Dei quasi Pflicht für mich. Der rohe Old School Black Metal scheppert ordentlich durchs Zelt und weiß zu gefallen. Frontmann Zorn erinnert nicht nur aufgrund seiner Gestalt sondern auch durch seine Attitüde an Carpathian Forest Frontsicko Nattefrost. Mit ordentlich Geballer und ebenso angenehm ruppel-rockigen Momenten liefern die Männer aus Bayern einen gelungenen Einstand. [Schaacki]

IOTUNN aus Kopenhagen gehören zu jenen Bands, deren Musik eigentlich einen eigenen Horizont benötigt. Seit ihrer Gründung 2015 haben sich die Dänen vom progressiven Power Metal zu einem gewaltigen Gemisch aus Melodic Death Metal, kosmischer Atmosphäre und ausladender Klangkunst entwickelt. Mit dem färöischen Ausnahmesänger Jón Aldará besitzt die Band zudem eine Stimme, die mühelos zwischen majestätischem Klargesang und tiefem Grollen wechselt.

Nun also endlich meine Livepremiere – und IOTUNN rissen mich vom ersten Ton an vollständig mit. Stücke wie Kinship Elegiac und Mistland wurden nicht einfach gespielt, sondern Schicht für Schicht zu gewaltigen Klanglandschaften aufgebaut. Die Gitarren türmten sich übereinander, die Rhythmusgruppe hielt das komplexe Material erstaunlich druckvoll zusammen und Aldará sang, als müsse er den Flugplatz bis hinauf zu den Färöern beschallen.

Am helllichten Nachmittag ging zwar ein kleiner Teil jener Magie verloren, die diese Musik vermutlich unter einem schwarzen Nachthimmel noch intensiver entfaltet hätte. Das ist allerdings Jammern auf einem Niveau, für das andere Bands erst einmal eine Sauerstoffflasche benötigen. IOTUNN waren granatenstark und zugleich ein herrlich eigenwilliger Farbtupfer im musikalischen Gesamtgemälde dieses Wochenendes. Große Musik, großartige Musiker und eine Livepremiere, die viel zu lange auf sich warten ließ. [Olaf]

Ich entferne mich nicht weit, versorge mich mit einem Getränk und finde mich anschließend weiter vorn im Zelt wieder und warte gespannt auf Rats of Gomorrah. Einerseits bin ich sehr gespannt darauf, wie Death Metal zu zweit funktioniert und andererseits kenn ich Drummer Moritz auch einfach schon eine ganze Weile. Und was soll ich sagen? Es dauert nur wenige Minuten und ich bin überzeugt von der Darbietung und bekomme sogar mal kurz etwas Gänsehaut!

Aber nicht nur musikalisch punktet das Duo bei mir, auch menschlich: Erst einmal mit Humor – „Warum wir zu zweit sind? Weil wir es können!“ – dann mit Rückgrat: Moritz trägt ein Shirt, das sich für Rechte von Transsexuellen ausspricht, später gibt es eine klare Kante gegen Rassismus. Und wer jetzt wieder jammert, dass „Metal unpolitisch sein soll“, dem sei gesagt: Nichts ist unpolitisch! Weder das Verlassen des Zeltes nach diesem Statement noch die lauten „Nazis raus!“-Rufe vor der Bühne. Unbequem, aber wahr… Doch nochmal zur Musik – was die beiden Nordlichter hier abfeuern, macht richtig Laune und empfiehlt sich für ein Wiedersehen in der Zukunft. [Schaacki]

Chefoberboss Olaf hatte bezugnehmend zu den Kielern eine Wahnsinnsidee: Ein Festival, bei dem ausschließlich Zwei-Mensch-Kapellen auftreten! Rats of Gomorrah wären dann mit Sicherheit dabei und würden die Kiefer nach unten klappen lassen. Was zwei Leute im Zelt für eine Soundwand schieben können, ist schon phänomenal! Das Death Metal- Duett prügelte sich erbarmungslos durch 35 Minuten hochgeschwindes Material und ließ auch in den Ansagen den Humor nie zu kurz kommen. Doch es waren die ernsten Ansagen, die mir ein fettes Grinsen ins Gesicht zauberten. Dann nämlich, als Drummer Moritz auch mal berechtigte Kritik an Festivals allgemein und auch dem Party.San speziell äußerte, da die strikte Abgrenzung von rechtem Gedankengut nicht allen so gut gelingt wie den zahlreichen Leuten, die darauf “NAZIS RAUS!” skandierten! Mehr davon bitte! Und die paar Heiopeis, die dann tatsächlich das Zelt verlassen haben, bleiben demnächst bitte komplett zu Hause.

Die grindige Death Metal-Instanz Misery Index legt los und knallt wie ein 2000 Tonnen-Böller, der niemals aufhört zu explodieren. Sie sind tight wie eh und je und schaffen es bei hervorragendem Sound ebenso taufrisch zu klingen. Das zahlreich anwesende Publikum zieht aus Dankbarkeit den ersten Circle Pit auf und lässt peitschende Groovemonster wie The Carrion Call, Conjuring the Cull oder auch das neue Feral Future dankbar auf sich einprasseln. Die Ansagen kommen freundlicherweise in einem charmanten Mix aus Deutsch und Englisch und sorgen so für das Extraquäntchen Nahbarkeit und Authentizität, die unterstreichen, dass Misery Index maximal Bock haben das Flugfeld aufzureißen. Mit diesen Sympathiebolzen kann man live einfach nichts falsch machen, denn sie sind wie Amazon, sie liefern immer. Nur ist dieser Vierer hier moralisch wesentlich besser aufgestellt und spuckt seine Gesellschaftskritik in unsere willigen Gesichter. Wir sagen brav „danke“ und hoffen, dass Misery Index ganz schnell wiederkommen. 

Als nächstes dann Kongo-Uwe und seine drei Kumpanen von Messticator. Das zu Beginn noch recht luftige Zelt wird trotzdem freundlich von Sänger Thomas empfangen und der Vierer legt sich ordentlich ins Zeug. Es ist sofort klar: Auf der Bühne herrscht aktuell Ausnahmezustand und die Herren aus Hamburg haben so viel Energie dabei, dass sie damit locker die nächsten beiden Ausgaben des P.S.O.A. versorgen könnten. Das Publikum merkt das und auch zögerliche Nasen außerhalb der Zeltbühne werden in diesen Sog aus thrashigem Death Metal gezogen, sodass die erst noch losen Reihen zu einer dichten Masse vor der Bühne verschmolz. Die dann ausgegebenen Aufblasschwerter maximierten den Spaßfaktor dann zusätzlich und halfen bei der rasend schnellen und aggressiven Stressbewältigungssitzung. Und die lief für alle Seiten erfolgreich. Messticator haben ein sackstarkes Album im Gepäck und nutzen ihre Chance dieses live zu präsentieren mit Bravour! [Phillip]

Misery Index nehme ich dies Jahr eher rudimentär wahr, da ich nur kurz übers Gelände tingel, ehe ich schon wieder zur Tent Stage zurückkehre. Dort starten nämlich gerade Messticator ihr brutales Werk aus handfestem Death Metal und rasantem Thrash. Auf Anraten von ein paar Freunden, darunter auch der Bruder des Sängers, war ich neugierig auf die Hamburger – und werde nicht enttäuscht. Zwar ist mein Death Metal Konsum mit den Jahren stark dem Schwarzmetall gewichen, dennoch weiß ich es zu schätzen, wenn ich so schön durch den Fleischwolf gedreht werde wie hier. Groove, Drive, Vollgas, Melodie… alles dabei. Es hat sich gelohnt, danke für die Empfehlungen! [Schaacki]

Wenn eine Band das Trademark „Underground Death Metal Legende“ verdient, dann ist es ja wohl Sadistic Intent. Die Truppe, die sich seit Gründung 1987 nicht in der Notwendigkeit sieht ein komplettes Album zu veröffentlichen, stattdessen lieber völlig unregelmäßig ein paar EP’s streut, wenn ihnen danach ist, betreten mit der gleichen Attitüde die Bühne und lassen sich beim Line-Check einen Tick zu viel Zeit. So gerät auch der Start ins Set durchaus etwas holprig, doch finden sie danach gut in die Spur und geben mit Impending Doom und Ancient Black Earth Genreperlen zum Besten, die zur Blaupause der nach wie vor aktuellen Welle des amerikanischen Todesstahls gehören. Mein Problem: Die vorangeschrittene Tageszeit und der Flüssigkeitsbedarf gehen auf Kosten meiner Aufmerksamkeitsspanne in eine Art Eigendynamik über, bei den groovigen Parts von Sadistic Intent immer voll dabei, doch bei den Soli bin ich geistig bereits am Bierstand. Dennoch: gute Nummer! [Phillip]

TODOMAL kannte ich bislang lediglich dem Namen nach. Das anglo-spanische Kollektiv aus Kastilien-La Mancha wurde 2020 von den beiden Multiinstrumentalisten Wildman und Mile zunächst als Studioprojekt gegründet, inzwischen steht man als komplette Liveband auf der Bühne. Der Name bedeutet sinngemäß „alles schlecht“ oder „alles falsch“ – beim Party.San ging allerdings erstaunlich viel richtig.

Neben mir fanden sich immer mehr Neugierige im Zelt ein, um dem atmosphärischen Doom der Spanier zu lauschen. TODOMAL ließen ihre schweren Riffs langsam durch den Raum walzen, erstickten die Musik aber nicht in endloser Trägheit. Orgeln, melancholische Melodien und fast schon filmische Passagen sorgten für Abwechslung, während das neue Material rund um Point of Coalescence und Graveyards of Joy angenehm düster, aber keineswegs eintönig wirkte.

Das machte unerwartet viel Spaß und entwickelte einen erstaunlichen Sog. Ein starker Auftritt einer Band, die bislang unter meinem Radar dahindämmerte, dort aber definitiv nicht bleiben wird. TODOMAL sollte man weiter beobachten – möglichst bei gedimmtem Licht und mit ausreichend Zeit zum gepflegten Versinken.

SCHIRENC PLAYS PUNGENT STENCH – was soll man zu dieser Legende noch groß sagen? Seit Ende der Achtziger gehört der von Martin „El Cochino“ Schirenc mitgegründete Wiener Leichenexpress PUNGENT STENCH zu den eigenständigsten Auswüchsen des europäischen Death Metal. Nach dem erneuten Ende der Band hielt Schirenc deren musikalischen Kadaver ab 2013 unter neuem Namen am Leben – selbstverständlich ohne ihn vorher zu desinfizieren.

Auf dem Party.San bewies das Trio eindrucksvoll, dass drei Mann vollkommen ausreichen, um einen Flugplatz in Bewegung zu versetzen. Der Sound war brillant: transparent, druckvoll und dennoch herrlich räudig. Schirencs unverwechselbare Riffs sägten und groovten, während Bass und Schlagzeug so mächtig schoben, als hätten sich hinter der Bühne heimlich noch drei Musiker versteckt.

Natürlich durfte die versammelte Hitparade des gepflegten schlechten Geschmacks nicht fehlen. Blood, Pus and Gastric Juice, For God Your Soul… For Me Your Flesh, Dead Body Love, Shrunken and Mummified Bitch und Viva la Muerte machten erneut deutlich, wie zeitlos dieser morbide Death-Metal-Rotz geblieben ist.

Am Ende überwog neben der Begeisterung allerdings auch Wehmut. Da das Kapitel SCHIRENC PLAYS PUNGENT STENCH noch 2026 geschlossen werden soll, war dies vermutlich das letzte Mal, dass ich diese übergeilen Songs live erleben durfte. Ein würdiger Abschied, ein mächtiger Auftritt und vor allem: Danke dafür!

BEGGING FOR INCEST aus Köln wollte ich eigentlich nur einen kurzen Kontrollbesuch abstatten. Das 2006 gegründete Trio gehört schließlich seit zwei Jahrzehnten zu den deutschen Wegbereitern des Slamming Brutal Death Metal und verbindet diesen mit Deathcore, Beatdown und der Feinfühligkeit einer rückwärts einparkenden Planierraupe.

Aus dem geplanten kurzen Reinschauen wurde allerdings deutlich mehr, denn dieser brutale Mix ging erstaunlich gut ins Bein. Die Riffs schoben tonnenschwer, das Schlagzeug hämmerte mit chirurgischer Unbarmherzigkeit und Meik Grziwas gutturales Geröchel klang, als würde im Keller des Zeltes gerade ein Abflussrohr exorziert. Besonders das neuere Material vom 2025er Album Going Postal fügte sich mit Nummern wie Black Lung und Torment hervorragend in die brachiale Abrissveranstaltung ein.

Trotz aller Brutalität blieb der Auftritt erstaunlich griffig: Breakdowns zum Kniebeugen, kurze Tempoverschärfungen und genügend Groove, um selbst eingerostete Gliedmaßen wieder in Bewegung zu bringen. BEGGING FOR INCEST lieferten einen starken, kompromisslosen Auftritt, der meinen Zeitplan kurzerhand zu Hackfleisch verarbeitete. Nur kurz reinschauen? Netter Versuch. [Olaf]

Nach einer kleinen Pause im Camp geht es nun aber erstmals und mit Vorsatz zur Hauptbühne. Dass Desaster kurzfristig absagen mussten, mag schade sein und von vielen auch zu recht bedauert werden, doch der Ersatz kann sich sehen lassen: Lamp of Murmuur springen ein und bringen die erste Ladung Black Metal des diesjährigen Party.San auf die Mainstage. Viel Energie und Charisma verpaaren sich mit dunklen, mystischen und auch rockigen Vibes. Anfang Mai sah ich die Truppe um Bandkopf M. noch in Berlin bei der Walpurgisnacht und schon da wusste sie mir zu gefallen, heute überzeugt das Quartett noch einmal mehr mit seiner Livequalität. [Schaacki]

EVOKEN habe ich nach Atra Mors irgendwie aus den Augen verloren – eine Nachlässigkeit, die mir nach diesem Auftritt ziemlich dämlich vorkam. Die 1992 in New Jersey zunächst als FUNEREUS gegründete und seit 1994 unter ihrem heutigen Namen aktive Band zählt schließlich zu den amerikanischen Urgesteinen des Funeral Doom und hat Langsamkeit längst von einer Geschwindigkeitsangabe in eine Naturgewalt verwandelt.

Im Zelt entfaltete diese Musik ihre volle, erdrückende Wirkung. Tief gestimmte Gitarren schoben sich wie tektonische Platten übereinander, das Schlagzeug setzte jeden Schlag mit Grabsteinpräzision und John Paradisos Growls klangen, als kämen sie nicht aus einer Kehle, sondern direkt aus einem frisch geöffneten Erdspalt. Auch das Material der beiden von mir sträflich vernachlässigten Alben Hypnagogia und Mendacium funktionierte live hervorragend. Besonders Matins und Compline verbanden monumentale Schwere, düstere Atmosphäre und kleine melodische Lichtschimmer zu einem Sound, der nicht einfach langsam war, sondern den Raum förmlich zusammendrückte.

Das war verdammt stark und zugleich die unangenehme Erkenntnis, dass ich bei EVOKEN einige Jahre dringend nacharbeiten muss. Ich hatte die Band aus den Augen verloren – ihre Wucht hat darunter glücklicherweise kein Gramm gelitten. Doch nun sollte ein Ereignis folgen, welches ich zumindest so nicht auf dem Zettel zu stehen hatte… [Olaf]

Nach dieser mehr als gelungenen Show ist der Weg geebnet für ein ganz besonderes Highlight, auf das etliche Anhänger der dunklen Kost gewartet haben: Unter dem Namen Sventevith performt Szeneikone Nergal zusammen mit Misþyrming das gleichnamige Debüt von Behemoth. Für einige (einstige) Fans der polnischen Black Death Institution hat sich der Weg von den rein schwarzen Ursprüngen inzwischen zu weit entfernt und sie können sich mit den Werken der jüngsten Zeit nicht mehr anfreunden beziehungsweise identifizieren, doch, gemessen an der Menschenmenge, wird Nergal die Chance eingeräumt, zu zeigen, dass er nicht vergessen hat, wie alles begann. Für die sonstigen Behemoth Fans wie mich, die jeder Epoche etwas abgewinnen können, ist dieser Termin ohnehin Pflicht. Und entgegen einer durchstrukturierten und –choreografierten Show präsentiert das Mastermind ein sehr spartanisches Bühnenbild; keine Emporen, keine Flammenwände, keine Kostüme oder Masken, stattdessen schwarze Klamotten, Lederjacken, ein schlichtes Backdrop, zwei Banner mit (natürlich umgedrehten) Kreuzen, an deren oberen Ende die Köpfe des slawischen Gottes Svantovit prangen.

Im Fokus ist heute einzig die Musik. Es wirkt, als wolle der Bandchef zeigen, wie karg alles war, als der junge Adam noch ein Underdog war und bei Null startete. Damit diese Phase, dieser Behemoth-Urknall und dieses Debüt nicht in Vergessenheit geraten, sorgen er und seine Mitstreiter nun 31 Jahre später vollends überzeugend. Mit den Isländern Misþyrming hat sich Nergal eine der krassesten Bands der Black Metal Szene herausgepickt, wenn es darum geht, ohne Firlefanz eindringlich und energetisch eine finstere Show abzureißen. Diese Kerle von der eisigen Insel haben die Kraft eines Vulkans und sind einfach nicht zu bändigen und passen somit perfekt zu dem rohen, jugendlich ungestümen Erstling von Nergal und Behemoth.

Das Album wird in seiner Gänze gespielt, darauf folgen „Moonspell Rites“, der Song „Sventevith“ selbst und letztlich wird alles beschlossen vom Everblack „Pure Evil and Hate“. Was ein Set, was eine Show, was eine intensive Stunde, für Fans, für Nostalgiker und für alle, die meinen, Nergal hätte seinen Biss verloren. Ich habe niemanden an diesem Wochenende auch nur ein schlechtes Wort über diesen Auftritt verlieren hören, stattdessen nannten viele Sventevith ein Highlight des diesjährigen Party.San – wo ich mich selbstverständlich einreihe. [Schaacki]

Die Meinungen innerhalb der Redaktion, insbesondere der beim Party.San anwesenden, gehen ja häufiger mal in Geschmacksfragen auseinander. Doch hier waren wir uns alle einig. Das, was Nergal und die angeheuerten Schergen von Misþyrming hier in die Dämmerung des Flugplatzes Obermehler schleuderten ist schlichtweg ergreifend. Das komplette Erstlingswerk von Behemoth in Gänze und Reihenfolge (ja, gut, am Ende nicht ganz so) so packend umzusetzen, dass dem kompletten Publikum kollektiv die Spucke wegbleibt, hat unsere kühnsten Erwartungen übertroffen.

Glasklarer Sound, der das dezent schepperige Originalmaterial von 1995 mittels ausgezeichneter Musiker in die heutige Zeit katapultiert, legt den Verdacht nahe, dass Nergal seiner Zeit damals etwas voraus war. Der Mann, der hier „lediglich“ das Mikrofon bedient und die entstandene Freiheit nutzt um ausgedehnt und strotzend vor Kraft über die, über seine, Bühne zu flanieren, zeigte sich an diesem Abend dafür verantwortlich, dass sich ganze sechs Leute der sonst so musikalisch uneinigen Redaktion, unabhängig voneinander ein Sventevith-Shirt besorgen mussten. Und zwar, ebenso unabhängig voneinander, alle mit dem gleichen Motiv.

Auch einen Tag später konnte man, egal wo auf dem Festivalgelände, Leute ansprechen und nach der Magie von Sventevith fragen und bei alle rissen sofort die Augen vor Begeisterung auf. Außerdem: Wer jemals behauptet hat, dass Gangshouts im Black Metal blöd kämen, wurde hier nachhaltig widerlegt! [Phillip]


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