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FORBIDDEN - Forbidden (2026)

(10.478) Olaf (9,0/10) Thrash Metal


Label: BLKIIBLK
VÖ: 23.10.2026
Stil: Thrash Metal






Endlich! Craig Locicero, neben meiner Wenigkeit vermutlich der größte Fan der San Francisco 49ers auf diesem Planeten, ist mit seinen Mannen zurück und serviert uns nach sechzehn Jahren tatsächlich einen neuen Longplayer. Seit Omega Wave ist reichlich Wasser durch die San Francisco Bay geflossen, während ich mich gelegentlich fragte, ob wir überhaupt noch einmal frisches Material dieser Truppe bekommen würden. Jetzt liegt Forbidden vor mir, und eines kann ich gleich vorwegnehmen: Die Jungs haben sowas von gar nichts verlernt. Dieser musikalische Touchdown war überfällig. Dass er derart wuchtig ausfällt, lässt mein ohnehin ziemlich rot-goldenes Herz gleich noch etwas höher schlagen.

Meine Beziehung zu FORBIDDEN reicht allerdings deutlich weiter zurück als bis zur letzten Wiederbelebung. Das 1988 veröffentlichte Forbidden Evil gehört für mich zu den überragenden Debüts der Thrash-Geschichte, und auch Twisted into Form ist bis heute ein ausgesprochen gern gesehener Gast auf meinem Plattenteller. Die 1985 in Fremont zunächst als FORBIDDEN EVIL gegründete Truppe mochte es innerhalb der Bay Area schon früh eine Spur verspielter, technischer und melodisch ausgefeilter. Genau diese Mischung machte sie zu einem meiner absoluten Favoriten. Mit Distortion und Green kamen später andere Farben hinzu, ehe Auflösung, Rückkehr, Omega Wave und die erneute Pause ab 2012 die Geduld der Anhängerschaft gründlich auf die Probe stellten. Seit 2023 läuft der Laden wieder. Nach dem überragenden Gig auf dem Rock Hard Festival 2024 war mein Hunger auf neue Musik entsprechend groß.

Natürlich hängt an dieser Geschichte auch Russ Anderson. Ich war und bin ein riesiger Fan seiner Stimme, weshalb ein Sängerwechsel bei FORBIDDEN für mich ungefähr den Stellenwert einer unangekündigten Operation am offenen Herzen besitzt. Norman Skinner erledigt seinen Job jedoch mehr als überzeugend. Und ja, bei diesem Nachnamen brüllt irgendwo zwischen meinen Ohren zuverlässig ein gewisser Schulinspektor sein „Skinnnneeeeer!!!“. Musikalisch gibt es hier erfreulich wenig Anlass zur Beschwerde: Norman verbindet melodische Ausdruckskraft mit einer deutlich bissigeren Attacke und verleiht der Band zusätzliche Aggressivität. Gerade dieser Wechsel zwischen tragfähigen Gesangslinien und angefressenem Nachdruck bekommt dem neuen Material hervorragend. Die charakteristische melodische Seite bleibt erhalten, während die Zähne hörbar schärfer geworden sind.

Wie ernst Craig diese Rückkehr nimmt, bringt er selbst auf den Punkt: „Die Arbeit an Forbidden fühlte sich eher wie eine Odyssee als wie ein gewöhnlicher Aufnahmeprozess an.“ Ziel sei ein Album gewesen, das daran erinnert, weshalb man sich ursprünglich in Thrash und Heavy Metal verliebt habe – mit roher Energie, Melodie und den Unvollkommenheiten, die dieser Musik ihren Charakter geben. Das passt zum Ergebnis. Hinter den elf Stücken steckt reichlich Erfahrung, aber ebenso die Lust, mit dieser Erfahrung noch etwas anzufangen. Craig und Jeremy Von Epp liefern an den Gitarren eine herrlich bewegliche Mischung aus scharfkantigem Riffing, technischen Finessen und ausdrucksstarken Leads, während Matt Camacho und Chris Kontos das notwendige Fundament betonieren. Die Herren haben ihren Werkzeugkasten gründlich durchgesehen und anschließend die tragenden Wände ins Visier genommen.

Bereits Single Point Failure macht klar, wie viel Betrieb hier herrscht. Der technisch anspruchsvolle Opener packt energisch zu und fordert gleichzeitig Aufmerksamkeit für die Feinheiten. Da greifen spielerische Präzision und unmittelbare Wucht wunderbar ineinander. Die junge Garde darf sich gern in die erste Reihe stellen und mitschreiben; abgefragt wird später im Pit. FORBIDDEN können ihre Arrangements immer noch so verschachteln, dass man beim Hören beschäftigt bleibt, ohne den eigentlichen Song aus den Augen zu verlieren. Genau darin liegt für mich seit jeher ihre Klasse.

Die bekannte Single Burning the Lungs of Earth unterstreicht das ziemlich nachdrücklich. Bärenstarkes Material, dessen sämtliche Facetten sich allerdings erst nach mehreren Durchgängen erschließen. Unter der ersten Ladung Druck wartet noch einiges darauf, entdeckt zu werden. Auch das technisch überragende Divided by Zero profitiert von dieser Fähigkeit, Anspruch mit Angriffslust zu verbinden. Bei DCLXVI brauche ich dagegen weiterhin etwas mehr Anlauf. Der Sechshundertsechsundsechziger findet seinen Weg ins Ohr bislang weniger bereitwillig als seine Nachbarn. Das darf man bei aller Wiedersehensfreude ruhig erwähnen. Meine Begeisterung hält so eine kleine Unebenheit locker aus.

Mit Psyclops steht dann der bislang härteste Brocken des Albums vor der Tür. Craig beschreibt das Stück als „hypnotischen Stampfer“, schwer auftretend wie Millionen Menschen, die gegen den bestehenden Zustand marschieren. Das Bild passt bestens zu dieser Wucht. Den Text möchte er ausdrücklich der Interpretation der Hörer überlassen. Der mitgelieferte Refrain zeichnet dennoch ein ziemlich klaustrophobisches Szenario: „Verlassen, tief schlafend und in einem Labyrinth gefangen; selbstzufriedene Augen, fest in einem trüben Blick erstarrt.“ Für mich steckt darin das Bild einer Gesellschaft, die sich in ihrer eigenen Orientierungslosigkeit eingerichtet hat und womöglich gar nicht mehr wissen will, wo der Ausgang liegt. FORBIDDEN liefern dazu einen ausgesprochen wirksamen musikalischen Weckruf. Die Schlummertaste dürfte anschließend einige Meter entfernt liegen.

Dass diese Platte bei aller Härte Luft und Abwechslung braucht, haben die Beteiligten ebenfalls begriffen. Das kurze, balladeske Jisei schafft einen willkommenen Ruhepunkt, ehe das bereits im vergangenen Jahr veröffentlichte Mutually Assured Dysfunction mit brillantem Riffing und bärenstarken Soli wieder ordentlich Bewegung hineinbringt. Hier wird besonders deutlich, wie viel die Gitarren zum Charakter der Band beitragen: Sie können zerlegen, verzahnen und zugleich Melodien formulieren, die im Gedächtnis bleiben. Für mich ist das eine der großen Stärken dieses Albums. Man entdeckt ständig neue Details und hat trotzdem ausreichend Gelegenheit, den Nacken seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen.

Auch die Gäste fügen sich sinnvoll ein. Brann Dailor von MASTODON steuert zu Sycophantasy einen Gesangsbeitrag bei, während Kayla Dixon auf The Burden zu hören ist. Dessen brutales Riffing besitzt zusätzlich eine inhaltliche Schwere: Der Song beschäftigt sich mit den Belastungen, denen Frauen in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft ausgesetzt sind. Das gibt der Wut eine konkrete Richtung. Und dann steht da noch Sol Grave, dieser verdammte Ohrwurm, der sich zwischen all den anspruchsvollen Konstruktionen erstaunlich festsetzt. So facettenreich das Material ausfällt, FORBIDDEN haben ihr Gespür für einprägsame Momente erfreulich gut gepflegt.

Ein gehöriger Anteil am Vergnügen geht auf das Konto der Produktion, für die Craig, Chris Kontos und Zack Ohren verantwortlich zeichnen. Transparent, druckvoll und mit einem schlicht überragenden Drumsound ausgestattet, lässt Forbidden auch in den dicht gepackten Passagen genug erkennen. Kontos klingt nach einem Menschen, der ein Schlagzeug bearbeitet, und diese lebendige Anschlagsdynamik tut der Platte ausgesprochen gut. Die bewusst natürlich gehaltenen Aufnahmen passen zum Anspruch, der Musik ihren Charakter zu lassen. Die Gitarren haben Biss, die Rhythmusarbeit Gewicht, und der Gesang bekommt den Raum, den er braucht. Fetzt. Da darf die Lautstärke gern steigen, bis nebenan jemand seine Zimmerpflanzen festhält.

Den größten Atem beweisen die Jungs schließlich mit dem fast zehnminütigen Flower of Life (Chaos by Design). Hier laufen technische Raffinesse, Härte, Melodie und die weiter gefassten Ambitionen des Albums zusammen. Die von Ben Shirley beigesteuerten Streicher erweitern den Rahmen dieses gewaltigen Schlussstücks und geben seiner emotionalen Seite zusätzlichen Raum. Das ist ein Rausschmeißer, bei dem man sich gerne noch einmal hinsetzt. Weil diese Band auf der langen Strecke derart viele ihrer Qualitäten miteinander verbinden kann, bekommt das Album einen Abschluss, der seinem Umfang tatsächlich gerecht wird.

Und dieser Umfang beträgt immerhin rund 62 Minuten. Normalerweise werde ich bei solchen Spielzeiten vorsichtshalber misstrauisch und überprüfe, ob genügend Kaffee im Haus ist. Hier verfliegt die Stunde erstaunlich schnell. Die nuancierte, abwechslungsreiche Gestaltung trägt ebenso dazu bei wie das Gespür für den Wechsel zwischen Attacke, Melodie und ruhigeren Momenten. Dazu kommt ein bärenstarkes Cover, das die Freude am Gesamtpaket noch erhöht. Forbidden verlangt Aufmerksamkeit und gibt reichlich dafür zurück. Genau so beschäftige ich mich gern länger mit einer Platte.

Für mich gehört diese Rückkehr zu den erfreulichsten Nachrichten dieses Metal-Jahres. Meine alten Lieblingsplatten behalten ihren Ehrenplatz, während sich Forbidden mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit dazugesellt. Craig fasst das Album als „Erfahrung aus fünf Leben, zusammengeschmiedet zu einem Stück metallischer Kunst“ zusammen. Nach dieser Stunde fällt mir wenig ein, was ich dagegenhalten möchte. Beim nächsten Longplayer dürft Ihr die Wartezeit allerdings gern etwas verkürzen, meine Herren. Mein Rentenbescheid sollte möglichst später eintreffen als Eure nächste Platte. Willkommen zurück, FORBIDDEN!

ANDSPIELTIPS:
🔥Single Point Failure
💀Psyclops
🎸Flower of Life (Chaos by Design)


Bewertung: 9,0 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Single Point Failure
02. Burning the Lungs of Earth
03. Divided by Zero
04. DCLXVI
05. Psyclops
06. Jisei
07. Mutually Assured Dysfunction
08. Sycophantasy
09. The Burden
10. Sol Grave
11. Flower of Life



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