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Q&A – Das Interview – GOROD

Wir müssen nachdenken! (Deutsch & Français)



Technischer Death Metal kann eine beeindruckende Angelegenheit sein – oder eine musikalische Mathematikprüfung, bei der man nach drei Minuten verzweifelt nach dem Taschenrechner greift. GOROD gehören seit fast drei Jahrzehnten zu jenen seltenen Bands, die technische Brillanz nicht als Selbstzweck begreifen, sondern daraus Songs mit Groove, Atmosphäre und erstaunlich viel emotionaler Tiefe formen.

Auf ihrem achten Studioalbum The Ember Gone öffnen die Musiker aus Bordeaux ihren Klang noch weiter, greifen den progressiven Geist von Transcendence auf und richten den Blick zugleich auf eine Gegenwart, die ihnen auf bedrückende Weise recht gibt. Umweltzerstörung, Megafeuer, Konsum, Macht, menschliche Hybris und die Frage, was von uns am Ende übrig bleibt, bilden den gedanklichen Brennstoff eines Albums, dessen Titel angesichts der verheerenden Waldbrände in Frankreich plötzlich eine kaum auszuhaltende Aktualität besitzt.

Wir sprachen mit GOROD Bassist Benoit „Barby“ Claus und Frontmann Julien „Nutz“ Deyres über musikalische Freiheit, brennende Landschaften, Prometheus, die Kunst des Grooves und darüber, weshalb acht hochkomplexe Songs manchmal mehr erzählen als ein ganzes Regal voller Philosophiebücher.

Hallo und zunächst einmal vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview nehmt. Bevor wir über Musik sprechen: Wie geht es euch momentan? Die Waldbrände rund um Bordeaux und in anderen Teilen Frankreichs haben erschütternde Ausmaße angenommen. Seid ihr selbst, eure Familien und eure Freunde wohlauf, und wie erlebt ihr die Situation unmittelbar vor Ort?

Barby: Bonjour! Es stimmt, Frankreich steht in diesem Sommer in Flammen. Leider sind wir jedoch nicht das einzige Land, das von Dürre und verheerenden Waldbränden betroffen ist. Es handelt sich um ein weitaus umfassenderes, globales Problem.

Vielen Dank für deine Anteilnahme. Tatsächlich wütete ganz in der Nähe von Bordeaux ein gewaltiger Großbrand, der inzwischen unter Kontrolle gebracht werden konnte – dank des Mutes und der hervorragenden Arbeit der Feuerwehr und des Zivilschutzes sowie der beeindruckenden Solidarität der Bevölkerung.

Auch einige uns nahestehende Menschen mussten evakuiert werden, doch glücklicherweise wurde niemand verletzt. Wir haben eine sehr beängstigende Zeit durchlebt, aber wir haben sie gemeinsam überstanden. Gerade in solchen schwierigen Momenten zeigt sich, wie wichtig Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung sind.

Wenn der Sommer vorüber ist, wird es notwendig sein, eine umfassende Bilanz dieser Ereignisse zu ziehen und daraus auf allen Ebenen die entsprechenden Konsequenzen abzuleiten.

The Ember Gone beschäftigt sich unter anderem mit Megafeuern und ökologischer Verwüstung – und nun brennt ausgerechnet kurz vor der Veröffentlichung die Region, aus der ihr stammt. Wie fühlt es sich an, wenn ein künstlerisches Konzept plötzlich von der Wirklichkeit eingeholt wird und aus einer abstrakten Warnung beinahe eine unmittelbare Dokumentation wird?

Barby: Es ist bereits der zweite Megabrand innerhalb von vier Jahren, den unsere Region erleiden muss. Doch dieser hatte eine besonders erschreckende Dimension, denn zum ersten Mal waren wir buchstäblich mit Feuertornados konfrontiert, die sich aus Pyrocumuluswolken entwickelten. Diese Tornados bewegten sich völlig unberechenbar, sprangen teilweise um mehrere Meter hin und her, während gleichzeitig Blitze immer wieder neue Brandherde entfachten. Es war wie ein Blick in eine wahrhaft apokalyptische Szenerie.

Als Julien damit begann, das Konzept für das neue Album auszuarbeiten, kam er zu uns und erklärte, dass er erstmals eine Geschichte über eine mögliche Zukunft schreiben wolle. Julien hat Geschichte studiert und sich bislang stets mit historischen Ereignissen oder Mythologien beschäftigt. Da Mat und ich große Fans von Science-Fiction und Zukunftsromanen sind, konnten wir diese neue Ausrichtung natürlich nur begrüßen. Als er uns schließlich seine Idee präsentierte, über Megabrände und die ökologische Verantwortungslosigkeit der Menschheit zu schreiben, waren wir sofort vollkommen überzeugt.

Allerdings hätten wir zu keinem Zeitpunkt damit gerechnet, dass dieses Konzept bei der Veröffentlichung des Albums keine Zukunftsvision mehr sein, sondern bereits erschreckende Realität darstellen würde. Das ist schlichtweg unfassbar und, um ganz ehrlich zu sein, zutiefst beängstigend. Es zeigt deutlich, dass wir längst nicht mehr über Hypothesen oder theoretische Szenarien sprechen, sondern über Tatsachen – und über die inzwischen schwerwiegenden Folgen absurder ökologischer und gesellschaftlicher Entscheidungen.

Eure Geschichte begann 1997 noch unter dem Namen GORGASM, seit 2005 seid ihr als GOROD unterwegs. Wenn ihr auf diese fast drei Jahrzehnte zurückblickt: Welcher Wesenskern der Band ist unverändert geblieben, und was an den heutigen GOROD hätten die jungen Musiker von damals vermutlich für vollkommen verrückt erklärt?

Barby: Was sich niemals verändert hat, sind unsere Freundschaft, die Freude daran, gemeinsam Musik zu machen, und unser Wille, extreme Musik zu komponieren – ganz gleich, wie man dieses Adjektiv letztlich definiert.

Als wir Anfang zwanzig waren, hätten wir es vermutlich für vollkommen verrückt gehalten, wenn uns jemand vorausgesagt hätte, welchen Weg wir mit GOROD einmal zurücklegen würden. Ausschließlich Alben zu veröffentlichen, auf die wir stolz sind, unsere Musik in den verschiedensten Teilen der Welt zu spielen und dabei gemeinsam als Freunde jede Menge Spaß zu haben – ganz ehrlich, das ist einfach großartig!

Musikalisch gibt es heute vielleicht manche Entscheidungen, die wir damals nicht verstanden hätten. Aber das ist völlig normal, denn schließlich liegt es in der Natur des Menschen, sich weiterzuentwickeln.

Ihr bezeichnet The Ember Gone als das eigenständigste Album eurer bisherigen Diskografie. Worin liegt für euch seine besondere Identität – und gab es während der Entstehung einen Moment, an dem ihr selbst überrascht wart, wie weit ihr euch von den vertrauten Ausdrucksformen des extremen Metal entfernt hattet?

Barby: The Ember Gone ist ebenso außergewöhnlich, wie es Transcendence seinerzeit war. Diesmal haben wir das Konzept allerdings noch deutlich weitergetrieben, denn daraus ist ein vollständiges Album entstanden.

Die Idee, erneut eine progressivere EP aufzunehmen, kam uns während der Covid-Zeit. Auch die Stücke Foregiveness und Regret entstanden in dieser Phase. Anschließend verwarfen wir den Gedanken zunächst wieder, komponierten The Orb und griffen die ursprüngliche Idee später erneut auf. Am Ende entwickelte sich daraus schließlich ein eigenständiges Album: The Ember Gone.

Uns bewusst von der „klassischen“ Sprache des Extreme Metal zu entfernen – insbesondere bei den Schlagzeug-Patterns –, gehörte von Anfang an zu den kompositorischen Zielen. Insofern ist diese Entwicklung für uns keineswegs überraschend.

Die einzige kleine Unsicherheit bestand darin, ob es uns über die gesamte Länge eines Albums gelingen würde, diesen typischen GOROD-Death-Metal-Charakter zu bewahren. Doch auch diese Zweifel verschwanden schnell, denn Mat hat es hervorragend geschafft, unsere Eigenheiten und musikalischen Wurzeln beizubehalten. Das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug ist zwar rhythmisch verspielter und grooviger geworden, während sich auch der Gesang deutlich abwechslungsreicher präsentiert. Wenn man jedoch genau auf die Gitarren hört, erkennt man augenblicklich Mats unverwechselbare Handschrift – und damit natürlich auch jene von GOROD.

Das Album knüpft deutlich an die progressive Offenheit von Transcendence an. Warum war gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, diesen Geist wieder aufzugreifen, und welche musikalischen Türen standen 2026 offen, die ihr 2011 vielleicht noch gar nicht gesehen habt?

Barby: Keine Ahnung, ob dies nun der richtige Zeitpunkt dafür ist! Bei GOROD haben wir die Dinge schon immer so gemacht, wie es uns unsere Inspiration gerade vorgab. Ursprünglich sollte daraus eine EP werden, die etwa 2021 erscheinen sollte – nun ist es 2026 und das Ganze hat sich zu einem vollständigen Album entwickelt. So arbeiten wir eben: ohne Druck und ohne uns von irgendwelchen Zeitplänen verrückt machen zu lassen.

Fest steht allerdings, dass wir 2011 noch nicht in der Lage gewesen wären, ein solches Album aufzunehmen. Wir haben uns seitdem enorm weiterentwickelt, viele Tourneen gespielt und unsere individuellen Fähigkeiten an den Instrumenten stetig verfeinert. Auch Mat hat sich als Komponist deutlich weiterentwickelt. All diese Erfahrungen und Fortschritte zusammengenommen führen schließlich zu jenem GOROD, die ihr 2026 hört.

Einer unserer wichtigsten Grundsätze lautet, niemals zweimal dasselbe Album aufzunehmen. The Ember Gone bleibt unverkennbar GOROD und ist zugleich der beste Beweis dafür, dass wir diesem Prinzip weiterhin treu bleiben.

In meinem Review schrieb ich, dass die Virtuosität auf The Ember Gone das Werkzeug und nicht der eigentliche Inhalt sei. Ist das vielleicht die wichtigste Entwicklung einer technisch derart versierten Band: irgendwann nicht mehr beweisen zu müssen, was man kann, sondern nur noch zu entscheiden, was ein Song wirklich braucht?

Barby: Für Mat war technische Raffinesse schon immer ein Werkzeug und niemals reiner Selbstzweck. Genau das hat uns bereits sehr früh von vielen anderen Tech-Death-Bands unterschieden – spätestens seit Leading Vision, unserem zweiten Album.

Natürlich bleibt die Musik von GOROD enorm dicht und vielschichtig. Man muss sich mehrfach mit ihr beschäftigen, um sämtliche Feinheiten und Nuancen wirklich erfassen und genießen zu können. Aber genau das ist auch ein Aspekt, den wir an der Musik schätzen, die wir selbst hören.

Als junger Musiker möchte man zunächst gern zeigen, was man technisch alles beherrscht. Das ist eine vollkommen natürliche Entwicklung, die wohl beinahe jeder Instrumentalist durchläuft. Die eigentliche Herausforderung besteht jedoch darin, irgendwann über dieses Stadium hinauszugelangen und das Erlernte so in die Komposition einzubringen, dass es den Song bereichert – anstatt ihn lediglich mit technischen Kunststücken vollzustopfen.

Wenn ich meine Basslinien komponiere, kommt es deshalb regelmäßig vor, dass ich zunächst eine recht komplexe und üppige Linie schreibe, sie anschließend jedoch wieder reduziere, damit der Song genügend Raum zum Atmen erhält. Das gilt ganz besonders für The Ember Gone. Hier bestand meine wichtigste Aufgabe darin, gemeinsam mit dem Schlagzeug ein tragfähiges Groove-Fundament zu erschaffen und dadurch den Gitarrenmelodien den notwendigen Platz zu lassen.

Ich höre auf dem Album die Abenteuerlust von ATHEIST und die beinahe schwerelosen Momente von CYNIC, ohne dass GOROD wie eine Kopie dieser Bands klingen. Welche Künstler haben eure Vorstellung von progressiver und extremer Musik ursprünglich geprägt – und welche Einflüsse von außerhalb des Metal haben sich diesmal besonders deutlich eingeschlichen?

Barby: Mit CYNIC triffst du voll ins Schwarze – insbesondere bei Mat, der Focus unzählige Male gehört hat!

Was den Metal betrifft, wurde Mat vor allem von CACOPHONY und Marty Friedman sowie von DEATH, CARCASS und CORONER beeinflusst. Wenn er selbst komponiert, sind es allerdings gerade die Einflüsse außerhalb des Metal, die ihn am stärksten inspirieren. Das können Funk, Blasmusik, progressiver Jazz aus den Siebzigern oder auch aktuellere Künstler wie Tigran Hamasyan sein, den er sehr häufig hört.

Besonders fasziniert ihn die Idee, beispielsweise „tanzbare“ Rhythmen afrikanischer Musik in seine Kompositionen einfließen zu lassen. Die in solcher Weltmusik verwendeten rhythmischen Strukturen sind weit von den im Westen verbreiteten 4/4- oder 12/8-Takten entfernt – und trotzdem möchte man sich sofort dazu bewegen, sobald man sie hört.

Ich denke, auf diesem Album ist es uns gelungen, die mitunter unkonventionellen Taktarten unserer Stücke beinahe vergessen zu lassen. Man beschäftigt sich nicht ständig mit der Frage, wie das mathematisch eigentlich funktionieren kann – man spürt schlicht und ergreifend den Groove.

Der Groove bildet trotz aller rhythmischen Verschachtelungen das Rückgrat des Albums. Wie schaffen Karol und du es, diese komplexe Musik körperlich und beinahe tanzbar wirken zu lassen, anstatt sie in eine klinische Vorführung ungerader Taktarten zu verwandeln?

Barby: Karol besitzt einen hervorragenden, ganz natürlichen Groove und liebt es, seine Parts spannend und tanzbar zu gestalten. Dank seiner technischen Fähigkeiten findet er immer einen Weg, selbst das vertrackteste Riff interessant, flüssig und vollkommen selbstverständlich klingen zu lassen.

Ich muss mich anschließend nur noch daran andocken und eine Basslinie finden, die den Gitarren genügend Raum zum Atmen lässt. Dann halten wir diesen Groove so lange am Rollen, bis selbst der widerspenstigste Hintern irgendwann zu wackeln beginnt!

Signs und Devise gehen nahezu fließend ineinander über und wirken wie das Öffnen einer Tür zu diesem Album. Waren beide Stücke von Anfang an als zusammengehöriger Auftakt gedacht, und welche Funktion übernehmen sie innerhalb der Dramaturgie?

Barby: Es stimmt, dass Signs einen hervorragenden Einstieg in die Klangwelt des Albums bietet. Der Song ist vergleichsweise leicht zugänglich und im Verhältnis zu den übrigen Stücken zudem recht kurz gehalten.

Nutz: Diese beiden Stücke waren ursprünglich nicht als zusammengehöriges Diptychon gedacht. Dass sie sich auf diese Weise ergänzen, ergab sich eher zufällig während des Kompositionsprozesses. Nachdem jedoch sämtliche Songs geschrieben waren, erwies sich diese Abfolge als geradezu zwingend.

Signs ist vergleichsweise leicht zugänglich und deutlich kürzer als die meisten anderen Stücke. Zudem entpuppte sich der Song als idealer Auftakt für das wiederkehrende Thema des Albums: ein klaustrophobisches Kammerspiel rund um ein Lagerfeuer, während ringsum der gesamte Planet in Flammen steht. Inspiriert von Torfbränden, die lange Zeit unbemerkt unter der Erde schwelen, bevor sie völlig unvorhersehbar hervorbrechen, beschreibt das Stück jenen Moment, in dem man sich eingesteht, dass das Ende gekommen ist. Angesichts des Scheiterns der Menschheit entwickelt es sich zu einer nihilistischen Feier mitten im Chaos.

Devise knüpft daran auf ganz natürliche Weise an und zieht die Spannungsschraube noch einmal spürbar an. Die Diskussion am Feuer nimmt nun offen angriffslustige Züge an: Selbst ernannte Universalexperten, Besserwisser und moralische Lehrmeister geraten ins Visier. Der Song wirkt wie ein rohes Ventil, das all die falschen Phrasen und hohlen Reden hinwegfegt, bevor es endgültig ans Eingemachte geht.

Forgiveness und Regret gehören für mich zu den offensten und emotionalsten Stücken des Albums. Stehen Vergebung und Reue hier in einem direkten Zusammenhang, und handelt es sich um zwei unterschiedliche Antworten auf dieselbe menschliche Erfahrung?

Nutz: Genau darum geht es. Die beiden Stücke beleuchten zwei unterschiedliche psychologische und emotionale Reaktionen auf dieselbe dramatische Realität.

In Forgiveness wird diese Gefühlswelt aus der Perspektive eines Vaters geschildert, der von seinen Schuldgefühlen darüber zerrissen wird, was er seinen Kindern hinterlässt. Es ist ein sehr persönlicher Text, der das Bedauern darüber ausdrückt, die Entwicklung nicht rechtzeitig vorausgesehen zu haben – „Prometheus“ also in seiner ursprünglichen Bedeutung als der Vorausdenkende. Zugleich trägt der Song ein bitteres Paradoxon in sich: den Schmerz darüber, die Welt mit in unseren Untergang gerissen zu haben, verbunden mit der Unfähigkeit, dafür um Vergebung zu bitten, dass man doch eigentlich nur versucht hat zu leben.

Regret hingegen handelt von Untätigkeit und Verdrängung. Man wird mitten in die Szenerie am Lagerfeuer versetzt – „Pour me another“ –, wo man weiter anstößt und alles auf später verschiebt, während ringsherum die Welt verbrennt. Während sich Forgiveness dem Schmerz mit großer Ernsthaftigkeit stellt, zeigt Regret, wie der Mensch mitunter lieber den Blick abwendet. Dieses mentale Chaos wollten wir auch musikalisch einfangen, weshalb der Song eine bewusst komplexe und verschachtelte Struktur besitzt.

Mit Crimson, Ignite und Ember scheinen bereits die Songtitel eine Entwicklung von der ersten Warnfarbe über die Entzündung bis zur verbleibenden Glut zu beschreiben. War diese Abfolge bewusst als eine Art musikalischer Brandverlauf angelegt, oder hat sich dieser Zusammenhang erst während der Arbeit am Album ergeben?

Nutz: Diese Entwicklung folgt dem roten Faden unseres Konzepts über das Pyrozän. Wir haben diese Abfolge als Ursprung des großen Flächenbrandes angelegt.

Crimson bildet dabei eine instrumentale, stark auf die Gitarren ausgerichtete Zwischenepisode. Besonders hervorzuheben sind die großartigen Soli unseres Freundes P. Y. Marani. Musikalisch verkörpert das Stück jenen glühenden, purpurroten Farbton unmittelbar vor dem Kipppunkt, dessen Folgen wir gegenwärtig erleben.

Ignite steht schließlich für den vollständigen Weltenbrand und markiert den ernüchterndsten, zugleich aber auch widerstandsfähigsten Moment des Albums. Der Fortschritt hat alles verschlungen, der Mythos von Prometheus zerbricht und jede Hoffnung auf eine Wiedergeburt ist erloschen: „No phoenix rises from the coal.“

Ember greift anschließend das Bild von Glutpartikeln auf, die Tausende Kilometer weit reisen. Auf wissenschaftlicher Ebene verweist dies auf die weltweite Ausbreitung der Megabrände – von Kanada über Sibirien bis nach Westeuropa, aber ebenso in Indonesien und im Amazonasgebiet. Philosophisch steht diese Metapher für eine Zerstörung, die längst global geworden ist und sich jeder Kontrolle entzieht. Es ist der endgültige Punkt ohne Wiederkehr, der den Boden für das abschließende Stück bereitet.

The Ember Gone behandelt Umweltzerstörung, Konsumgesellschaft und Machtstrukturen, die selbst unsere existenziellen Entscheidungen beeinflussen. Versteht ihr das Album als politisches Werk, als philosophische Bestandsaufnahme oder vor allem als sehr persönliche Reaktion auf eine Welt, die zunehmend die Kontrolle über ihre eigenen Folgen verliert?

Barby: GOROD hatte nie den Anspruch, in seinen Texten eine politische Band zu sein. Dennoch gibt es einen roten Faden, den wir niemals aufgegeben haben. Ob auf den frühen Alben mit ihren Science-Fiction-Themen oder in Juliens Texten über Geschichte, Mythologien und Geheimgesellschaften: Wir wollten unsere Hörer stets dazu anregen, über ihre Umgebung und über sich selbst nachzudenken – und nicht alles ungeprüft als Wahrheit hinzunehmen, was sie hören oder lesen. Wer zu allem gedankenlos Ja sagt, wird niemals Herr über sein eigenes Leben sein. Das Denken ist die mächtigste Waffe, die uns zur Verfügung steht.

Bei diesem Album waren es vor allem persönliche Fragen und Überlegungen, die uns geleitet haben. Insbesondere beschäftigt uns, wie schwierig es inzwischen geworden ist, langfristig etwas aufzubauen und wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen. Alles muss schnell gehen, während mögliche Konsequenzen bestenfalls als zweitrangiges Problem behandelt werden. Und unsere politischen Entscheidungsträger gehen bei dieser Verantwortungslosigkeit leider mit besonders schlechtem Beispiel voran.

Auch die Frage, ob man unter den heutigen Bedingungen noch Kinder in die Welt setzen möchte, spielt eine Rolle. Was hat euch dazu bewogen, dieses sehr persönliche und zugleich gesellschaftlich aufgeladene Thema aufzugreifen – und steckt darin am Ende mehr Angst oder doch noch Hoffnung?

Barby: In unserer Band haben zwei Mitglieder Kinder, während zwei andere ganz bewusst überhaupt keine haben möchten. Wie du bereits richtig sagst, ist das ein ausgesprochen persönliches Thema, über das man gründlich nachdenken sollte, bevor man eine endgültige Entscheidung trifft – sofern eine solche überhaupt möglich ist.

Jede Entscheidung ist legitim, solange sie wohlüberlegt und nachvollziehbar begründet ist. Niemand besitzt die absolute Wahrheit, und genau das sorgt dafür, dass sich die Welt weiterentwickelt und eine Gesellschaft nicht auf der Stelle tritt.

Wenn Menschen jedoch versuchen, ihre Vorstellungen um jeden Preis anderen aufzuzwingen, sollte man äußerst wachsam werden. Denn früher oder später werden sich solche Menschen auch gegen dich und diejenigen richten, die dir nahestehen.

Was Angst oder Hoffnung betrifft, ist auch das letztlich eine grundsätzliche Lebenseinstellung. Sie beeinflusst sowohl die Art, wie man die Welt betrachtet, als auch das eigene Handeln. Ich persönlich bin ein positiver Mensch – deshalb bewahre ich mir immer die Hoffnung!

Der Prometheus-Mythos passt erschreckend gut in unsere Zeit: Der Mensch erhält das Feuer, erschafft Fortschritt und verbrennt sich schließlich daran. Wofür steht dieses Feuer auf The Ember Gone – für Wissen, Technologie, Macht, Gier oder für all diese Dinge gleichzeitig?

Barby: Es ist eine Mischung aus all diesen Faktoren – und dazu kommt noch die menschliche Dummheit, die wie ein Sturmwind in diesen Brand fährt und das Feuer immer weiter anfacht.

Um eine ohnehin weit offen stehende Tür einzurennen: Wir sind in der Lage, hochkomplexe Mechanismen des Universums zu verstehen, führen aber gleichzeitig Kriege um eine Ressource, die uns durch ihre Umweltverschmutzung langsam selbst umbringt. So viel Absurdität ist schlichtweg deprimierend.

Remains beendet das Album mit der großen Frage, was von uns übrig bleibt, wenn wir verschwunden sind. Habt ihr selbst eine Antwort darauf, oder war es euch wichtig, die Hörer mit dieser unangenehmen Bestandsaufnahme allein zurückzulassen?

Barby: Wenn es überhaupt eine Antwort gibt, kann sie nur aus einem gemeinsamen Handeln hervorgehen. Die Menschheit muss sich endlich bewusst machen, in welche Richtung sie steuert. Wir müssen nachdenken – genau das ist die Botschaft dieses Albums.

Mathieu hat das Album vollständig im eigenen Bud Studio aufgenommen, während David Thiers im Secret Place Studio Mix und Mastering übernahm. Wie schwierig ist es, bei einer Eigenproduktion nach Monaten intensiver Arbeit noch genügend Abstand zu besitzen – und war David am Ende auch die notwendige unabhängige Kontrollinstanz für eure vielen musikalischen Einzelteile?

Barby: David ist unser Live-Toningenieur. Da er bereits The Orb gemischt hatte, war es für uns nur logisch, erneut auf ihn zurückzugreifen.

In der Anfangszeit der Band übernahm Mat noch selbst den Mix unserer Alben. Irgendwann wurde jedoch deutlich, wie wertvoll ein frisches Paar Ohren von außen sein kann. Das hilft vermutlich dabei, sich nicht in unzähligen Details zu verlieren und der Musik eine gewisse Frische zu bewahren.

Allerdings leistet auch Mat am Mischpult hervorragende Arbeit. Deshalb ist keineswegs ausgeschlossen, dass er in Zukunft wieder ein Album von GOROD mischen wird!

Gemeinsam mit ALLEGAEON und ABYSMAL DAWN geht ihr auf Europa- und Großbritannien-Tournee. Worauf freut ihr euch dabei am meisten, und müssen sich die Zuschauer für diesen Abend vorher eigentlich körperlich aufwärmen oder genügt ein lockeres Studium der höheren Mathematik?

Barby: Haha! Ich würde mich köstlich amüsieren, wenn ich im Publikum plötzlich Menschen mit Mathematikbüchern in den Händen entdecken würde!

Leider können ABYSMAL DAWN nicht an der Tour teilnehmen. Dafür werden uns drei verschiedene Supportbands begleiten: ARCANIA bei den ersten Terminen in Frankreich, DEFECTS auf dem britischen Abschnitt und anschließend HALYSIS, die nach Großbritannien übernehmen und somit auch bei den deutschen Konzerten dabei sein werden. Das ist ein wirklich starkes Gesamtpaket. Für uns dürfte es ein äußerst angenehmer September werden – und für die Leute, die zu den Konzerten kommen, hoffentlich ein musikalischer Schlag mitten ins Gesicht!

Auch wenn dieses Billing zweifellos eine gewaltige „Notenlawine“ ins Rollen bringt, besitzt jede der beteiligten Bands eine besondere Livequalität. Dadurch ist ihre Musik auf der Bühne mindestens ebenso spannend anzusehen wie anzuhören.

Konzerte waren, sind und bleiben ein wesentlicher Bestandteil dessen, was die Musik von GOROD ausmacht. Ich persönlich bezeichne mich ohnehin erst dann als wirklichen Fan einer Band, wenn ich sie live gesehen habe – und sie mir auf der Bühne ordentlich die Kauleiste verschoben hat!

Zum Abschluss gehören euch die berühmten letzten Worte: Was möchtet ihr euren Fans, unseren Lesern und allen Menschen sagen, die The Ember Gone hören werden – möglichst bevor die letzte Glut endgültig erloschen ist?

Barby: Vielen Dank für diese interessanten Fragen – und ebenso ein großes Dankeschön an all unsere Fans, ganz gleich, wo auf der Welt sie sich befinden.

Ich hoffe, dass einige deiner Leser zu unseren Konzerten in Deutschland kommen werden, um unsere Musik live zu entdecken oder erneut zu erleben. Es wird mit Sicherheit eine großartige Erfahrung! Und damit die letzte Glut nicht erlischt: Denkt nach!

The Ember Gone zeigt eine Band, die nach fast drei Jahrzehnten keineswegs in Ehrfurcht vor der eigenen Vergangenheit erstarrt. GOROD nutzen ihre technische Klasse nicht, um möglichst viele Noten auf möglichst wenig Raum unterzubringen, sondern um Fragen zu stellen, für die es keine bequemen Antworten gibt. Zwischen progressiver Freiheit, mächtigem Groove und einer Gegenwart, die unangenehm nah an das Albumkonzept herangerückt ist, entsteht ein Werk, das nicht nur die Finger, sondern auch den Kopf beschäftigt. Wenn dies tatsächlich die letzte Glut sein sollte, lodert sie jedenfalls verdammt hell – und GOROD klingen noch lange nicht so, als wollten sie jemanden zum Löschen holen.




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