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AUDREY HORNE - Achilles (2026)

(10.396) Olaf (7,0/10) Hard Rock


Label: Napalm Records
VÖ: 04.09.2026
Stil: Hard Rock






Mit AUDREY HORNE verbinde ich verschwitzte Clubs, breitbeinige Gitarren, hochgezogene Mundwinkel und jene Sorte Rock ’n’ Roll, die einem ungefragt ein Bier in die Hand drückt und anschließend den Deckel wegwirft. Entsprechend groß waren meine Erwartungen an Achilles. Vier Jahre nach Devil’s Bell und mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Debüt No Hay Banda kehren die Norweger nun mit ihrem achten Studioalbum zurück – allerdings ernster, nachdenklicher und stellenweise deutlich ruhiger als erwartet. Das steht ihnen grundsätzlich gut, doch gelegentlich frage ich mich schon, wo die alten Lausbuben ihre schmutzigen Stiefel abgestellt haben.

Die 2002 in Bergen gegründete Band, deren Name bekanntlich aus der Serie Twin Peaks entliehen wurde, war schon immer ein erfreulicher Gegenentwurf zur dortigen musikalischen Dunkelkammer. Obwohl mit Ice Dale ein ENSLAVED-Gitarrist zur Mannschaft gehört und auch die übrigen Beteiligten reichlich Erfahrung aus härteren Gefilden mitbrachten, stand bei AUDREY HORNE früh der melodische Hard Rock im Mittelpunkt. Das 2005 veröffentlichte No Hay Banda wurde gleich mit dem Spellemannprisen ausgezeichnet, später folgten unter anderem Youngblood, Pure Heavy, Blackout und Devil’s Bell. Vor allem auf der Bühne erspielte sich das Quintett den Ruf, selbst eine schlecht gelaunte Garderobe zum Mitsingen bringen zu können.

Achilles beginnt allerdings nicht mit einer ausgelassenen Einladung zur nächsten Runde, sondern mit einem Blick auf eine zunehmend gespaltene Welt. Der Titeltrack arbeitet mit schweren Gitarren, wechselnden Stimmungen und einer stärker ausgeprägten progressiven Seite. Inhaltlich geht es um verhärtete Fronten, Schützengräben, verbrannte Erde und die Sehnsucht nach einem Waffenstillstand. Das mehrfach auftauchende „Ceasefire“ wirkt dabei weniger wie ein pathetischer Refrain als wie der müde Ruf von Menschen, denen Hass und Gewalt längst bis zur Halskrause stehen. Die Bitte, das gemeinsam Zerstörte wieder aufzubauen, verleiht dem Stück trotz seiner Schwere einen vorsichtigen Hoffnungsschimmer.

Auch In The Eye Of The Hurricane bleibt in dieser angespannten Atmosphäre. Fluten, Sturm und zusammenbrechende Sicherheiten werden zu Bildern für eine Welt, in der man kaum wieder auf den Beinen steht, bevor die nächste Katastrophe anklopft. Musikalisch gelingt AUDREY HORNE dabei eine gute Balance aus melodischem Hard Rock und größer angelegten Arrangements. Vampires verpackt seine Bedrohung anschließend in ein wesentlich griffigeres Gewand: Gestalten nähern sich im Morgenlicht, versenken ihre Zähne und hinterlassen ein Opfer, das buchstäblich und sinnbildlich ausgesaugt wird. Ob man darin toxische Beziehungen, gesellschaftliche Blutsauger oder ganz traditionelle Nachtschwärmer mit akutem Eisenmangel erkennt, bleibt erfreulich offen.

Mit God Damn Beautiful kommt etwas mehr Bewegung in die Hüfte. Das von THIN LIZZY inspirierte Gitarrenspiel besitzt Wärme und Eleganz, während Bassist Espen Lien den Leadgesang übernimmt. Die Zeilen über eine Frau, die im Regen tanzt, während der Erzähler ihr hinterhertrauert, passen hervorragend zu diesem nostalgischen Klangbild. Dennoch bleibt selbst hier ein melancholischer Schatten auf dem Tresen liegen. Das Album will offenbar nicht bloß unterhalten, sondern häufiger innehalten – eine nachvollziehbare Entwicklung, die allerdings etwas von jener unbekümmerten Schlagseite kostet, wegen der ich die Band so schätze.

Besonders deutlich wird das bei der Ballade Pretty Little Lies. Der Titel klingt zunächst nach einem charmanten kleinen Beziehungsschwindel, tatsächlich handelt es sich jedoch um eine schonungslose Selbstanklage. Der Erzähler warnt seine Partnerin sogar davor, ihm zu glauben, weil seine Lügen ihr Herz zerstören und die Beziehung zwangsläufig im Elend endet. Das ist ernst, bedrückend und weit entfernt von der lebensbejahenden Leichtigkeit früherer Balladen. Toschie trägt diese Schwere überzeugend, doch ein wenig mehr Licht hätte der Nummer nicht geschadet. Man kann schließlich auch traurig sein, ohne gleich sämtliche Glühbirnen aus der Fassung zu drehen.

Das instrumentale Prodrome fungiert danach seinem Namen entsprechend als Vorzeichen – und kündigt meinen klaren Favoriten an. Insanity geht endlich steil nach vorn, lässt die Twin-Gitarren von Ice Dale und Thomas Tofthagen von der Leine und serviert einen Refrain, der sofort im Kopf Quartier bezieht. Die von Hallowed Be Thy Name inspirierte Geschichte erzählt von einer stürmischen Nacht, einem möglichen Mord und einem Mann, der nicht mehr weiß, ob er Täter, Flüchtender oder Gefangener seines eigenen Verstandes ist. Als aus einer Frage ein Schrei wird und selbst Gott lieber Abstand halten soll, verbindet sich die packende Handlung mit genau jener Energie, die ich auf Achilles häufiger erwartet hatte.

Das folgende Hell Is Eternity hält dieses Niveau. Der Song beschreibt eine unsichtbare Macht, die unter die Haut kriecht, sich im Kopf einnistet und Angst verbreitet. Die Hölle ist hier kein Ort mit Schwefelbad und schlecht gelaunten Hausmeistern, sondern ein innerer Zustand ohne Notausgang. Musikalisch ist das bärenstark: wuchtig, melodisch, düster und dennoch sofort zugänglich. Hätten AUDREY HORNE zwei oder drei weitere Brecher dieses Kalibers eingebaut, wäre meine kleine Enttäuschung ungefähr so relevant wie eine Parkscheibe auf einem Tourbus.

Six Feet In The Ground klingt dagegen herrlich nach den Siebzigern. Das lässige Fundament, die warmen Gitarren und der leicht abgerockte Charme stehen im reizvollen Gegensatz zu einem Text über Stillstand, verlorenes Glück und das Gefühl, bereits zu Lebzeiten sechs Fuß tief im Boden zu stecken. Selbst der Drink, mit dem der Erzähler die Sache aussitzen möchte, wirkt weniger wie Partyzubehör als wie flüssige Verdrängung. Textlich lockerer wird es erst bei Running Through The Night, wo Tony Soprano, New Jersey und sogar das Rennpferd Pie-O-My durch eine ziemlich schräge Nacht stolpern. Dieser popkulturelle Irrsinn bringt zumindest etwas von der alten Verschmitztheit zurück. Mit New Star Falling endet das Album melodisch und emotional. Aus der Ferne ruft jemand nach einer verlorenen Person, während das Bild einer fallenden Supernova für Abschied, Einsamkeit und erloschenes Licht steht. Das ist ein schöner, beinahe schwebender Abschluss, der die nachdenkliche Grundfarbe des Albums noch einmal konsequent aufnimmt.

Produziert und aufgenommen wurde Achilles von Arve Isdal im Conclave & Earshot Studio in Bergen, den Mix übernahm Herbrand Larsen, das Mastering Lawrence Mackrory. Das Ergebnis klingt kräftig, klar und angenehm organisch. Die Gitarren besitzen genügend Biss, Toschies Stimme steht präsent im Zentrum und die Rhythmusgruppe bekommt den nötigen Raum. Handwerklich gibt es ohnehin wenig zu beanstanden – die Norweger wissen längst, wie man große Melodien, zweistimmige Gitarren und robuste Refrains zusammenschraubt.

Achilles ist ein gutes, erwachseneres AUDREY HORNE-Album, das seine ruhigere und ernstere Haltung überzeugend trägt. Trotzdem fehlt mir über weite Strecken die spontane Ausgelassenheit, mit der die Band früher selbst durchschnittliche Songs zu kleinen Feiern aufblasen konnte. Die Höhepunkte sind großartig, doch dazwischen wird eher bedächtig marschiert als ausgelassen gerockt. Somit bleiben starke 7,5 von 10 Punkten – und die Gewissheit, dass diese Band selbst dann noch Qualität liefert, wenn sie mir ausnahmsweise nicht vollständig das Hemd aus der Hose rockt.

ANSPIELTIPS:
🔥Insanity
💀Hell Is Eternity
🎸Six Feet In The Ground


Bewertung: 7,0 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Achilles
02. In the Eye of the Hurricane
03. Vampires
04. God damn beautiful
05. Pretty little Lies
06. Prodrome
07. Insanity
08. Hell is Eternity
09. Six feet in the Ground
10. Running though the Night
11. New Star falling 



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