TFTHS Classic vom 07.03.2026 mit Jan Kubon
Aktuelle Meldungen
Live on Stage Report: ROCKHARZ 2026
vom 01. bis 04.07.2026 – Ballenstedt
DAS ROCKHARZ 2026
ANREISE - DIENSTAG, 30.06.2026
Die Mutanten im Stadl und DÖ im Delirium
Zum ersten Mal ging es gemeinsam mit meinem Sohn zum Rockharz – und schon die Anreise am Dienstag fühlte sich weniger nach gewöhnlicher Festivalfahrt als nach dem Beginn eines kleinen Familienabenteuers mit erhöhtem Bierbedarf an. Bevor wir das Gelände ansteuerten, legten wir in Quedlinburg noch einen strategisch wichtigen Einkaufsstopp ein. Schließlich sollte Dös Kühlschrank nicht nur dekorativ in der Gegend herumstehen, sondern während der kommenden Tage einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen.
Dö und Schnittker von Powermetal.de, den ich 2023 auf der 70.000 Tons of Metal kennengelernt hatte, waren bereits vor Ort und hatten unseren Claim abgesteckt. Sogar am gleichen Platz wie im vergangenen Jahr – beim Rockharz entwickelt man eben schnell territoriale Gewohnheiten. Also Strom verlegt, Zelt aufgebaut, das erste Bier geöffnet und die ersten Gespräche geführt. Innerhalb kürzester Zeit war alles so vertraut, als hätten wir den Campingplatz erst gestern verlassen.
Nach einem kleinen Rundgang führte uns der Dienstagabend direkt in den Mutantenstadl, um dort diverse Großgetränke zu uns zu nehmen. Dö nahm diese Aufgabe überaus ernst und war gegen 20:30 Uhr bereits im DÖlirium. Auch wir bewegten uns später nicht mehr ausschließlich auf einer geraden Linie in Richtung Schlafplatz. Für den Donnerstagmorgen stand schließlich noch ein sportliches Kontrastprogramm auf dem Plan: die Teufelsmauer. Kultur, Bewegung und kontrollierter Flüssigkeitsverlust – zumindest theoretisch.
Ein starker Auftakt mit großartigen Leuten, viel Gelächter und einer Vorfreude, die sich kaum noch im Zelt verstauen ließ. Wenn der Anreisetag bereits derart eskaliert, kann das Festival eigentlich nur gut werden.
TAG 1 - MITTWOCH, 01.07.2026
Ein wenig Sport und endlich Musik!
Der Mittwoch begann mit einem leichten Kater, der angesichts des Vorabends allerdings weniger überraschend kam als eine Bierpreiserhöhung auf einem Festival. Jammern half ohnehin nichts, denn die Teufelsmauer wartete. Also ging es hinauf, wobei wir unterwegs noch ein frisch gezapftes Helles verhafteten – schließlich sollte man bei sportlichen Aktivitäten unbedingt auf einen ausgeglichenen Flüssigkeitshaushalt achten. Oben angekommen, bot sich ein großartiger Blick auf das zunehmend voller werdende Festivalgelände. Das Wetter zeigte sich zu diesem Zeitpunkt noch von seiner besten Seite, sollte diese gute Erziehung allerdings nicht lange beibehalten und das Vorfeld in eine kleine Seenplatte inmitten des Harzes verwandeln. Aber wen stört das schon, oder?
Zurück auf dem Gelände wurden sämtliche mitgebrachten Lebensmittel konsequent ignoriert und stattdessen Mutzbraten sowie Spanferkel getestet. Man muss schließlich die regionale Gastronomie unterstützen, selbst wenn die eigenen Vorräte dabei beleidigt im Camp liegen bleiben. Anschließend nahmen wir noch den VIP-Bereich unter die Lupe, bevor die Vorfreude langsam, aber unaufhaltsam stieg. Denn als erster musikalischer Programmpunkt des Tages warteten HEAVYSAURUS – und damit eine Horde urzeitlicher Schwergewichte, gegen die selbst unser Kater plötzlich ziemlich ausgestorben wirkte.
HEAVYSAURUS eröffneten das Rockharz 2026 vor einer Kulisse, wie ich sie bei der ersten Band des Festivals noch nie erlebt hatte. Das Infield war bereits erstaunlich voll, während sich direkt vor der Bühne in einem eigens abgesperrten Bereich zahlreiche Kinder mit Gehörschutz, Pommesgabel und leuchtenden Augen versammelten. Die Erwachsenen durften dahinter stehen und feststellen, dass die eigene Brut beim Headbangen mitunter mehr Kondition besitzt als Papa nach dem dritten Großgetränk.
Das Konzept stammt ursprünglich aus Finnland. Thunderstone-Schlagzeuger Mirka Rantanen suchte 2009 nach einer Möglichkeit, seinem damals fünfjährigen Sohn kindgerechten Metal näherzubringen, und erschuf daraus Hevisaurus. Der Erfolg führte schließlich 2017 zum deutschen Ableger HEAVYSAURUS. Ich mag diese Idee wirklich sehr: Kinder werden nicht mit musikalischer Plastikpampe ruhiggestellt, sondern frühzeitig mit Gitarren, Schlagzeug und vernünftig geformten Pommesgabeln sozialisiert. Ehrlich gesagt ist das musikalisch überhaupt nicht meine Baustelle, doch das Konzept liebe ich.
Bei angenehm warmem Wetter ließen sich die aufwendigen Kostüme vermutlich noch halbwegs ertragen. Hätten allerdings die Temperaturen des Vorjahres geherrscht, wären die Dinos vermutlich bereits nach zwei Liedern als bunte Kunststoffpfützen von der Bühne geflossen. Davon war diesmal nichts zu spüren. Die fünf Urzeitwesen tobten gut gelaunt über die Dark Stage, animierten ihre kleinen Anhänger und hatten auch den erwachsenen Teil des Publikums schnell im Griff. Spätestens bei Kaugummi ist mega! und Kuhglocke, Go! ging die prähistorische Kinderdisco endgültig steil.
Musikalisch werde ich vermutlich auch künftig nicht zum häuslichen Dinosaurier-Stammtisch laden, doch als Festivalauftakt funktionierten HEAVYSAURUS hervorragend. Volles Infield, glückliche Kinder, amüsierte Eltern und jede Menge frühkindliche Metal-Erziehung – besser kann man den Nachwuchs kaum auf vier Tage Rockharz vorbereiten. Wer heute die Kuhglocke schwingt, steht morgen vielleicht bei SODOM im Pit. Evolution kann so schön sein.
SOULBOUND waren mir bislang eher dem Namen nach bekannt. Die 2009 in Bielefeld gegründete Band verbindet modernen Metal mit Industrial-, Gothic-, Nu-Metal- und Metalcore-Elementen und hatte mit ihrem aktuellen Album sYn einiges an frischem Material im Gepäck. Musikalisch traf dieser elektronische, auf große Refrains und tanzbare Härte ausgelegte Mix zwar nicht unbedingt meinen persönlichen Geschmack, handwerklich gab es an dem Auftritt jedoch wenig auszusetzen.
Der Sound auf der Stage war ordentlich, der Vierer spielte kompakt und druckvoll, und besonders Frontmann Johannes „Johnny“ Stecker hatte sichtbar prächtig gefrühstückt. Ständig in Bewegung, gut gelaunt und mit direktem Draht zu den Menschen vor der Bühne trieb er das Publikum an, das sich nicht lange bitten ließ und erstaunlich begeistert mitging. Was bei mir eher unter „gut gemacht, aber musikalisch nicht meine Baustelle“ landete, sorgte vor der Bühne für deutlich größere Glücksgefühle.
SOULBOUND bewiesen damit, dass eine Band nicht zwingend meinen persönlichen Geschmacks-TÜV bestehen muss, um live zu funktionieren. Solide gespielt, sympathisch präsentiert und vom Publikum begeistert aufgenommen – mehr kann man von 45 Festivalminuten kaum verlangen. Nur meine musikalische Seele blieb trotz des Bandnamens weiterhin ungebunden.
Auf HARAKIRI FOR THE SKY hatte ich mich tierisch gefreut, denn Scorched Earth ist für mich ein überragendes Album. Seit 2011 verbinden die Österreicher aus Wien und Salzburg Black Metal mit Post-Rock, Melancholie und emotionalem Kontrollverlust – Musik für Menschen, denen gewöhnliche Herbstdepressionen einfach nicht gründlich genug sind.
Auch wenn das aktuelle Meisterwerk in der Setlist überraschenderweise kaum Erwähnung fand, gab es keinen Grund für lange Gesichter. Mit Calling the Rain legte die Band sofort einen gewaltigen Einstieg hin, während Funeral Dreams und Thanatos diese typische Mischung aus rasender Härte, großen Melodiebögen und tiefer Verzweiflung entfalteten. Der Sound war großartig: druckvoll, transparent und mächtig genug, um selbst die feineren Gitarrenlinien nicht unter dem rhythmischen Erdrutsch zu begraben.
J.J. schleuderte seine Texte mit einer Intensität ins Publikum, als müsse er dort vorne sämtliche Dämonen der österreichischen Seele persönlich austreiben. Matthias Sollak ließ derweil seine bittersüßen Melodien über die schweren Riffwände schweben, während die Live-Mannschaft an zweiter Gitarre, Bass und Schlagzeug ebenso präzise wie leidenschaftlich ablieferte. Die Band wirkte hervorragend eingespielt, hatte sichtbar Bock und spielte nicht nur ihre Songs herunter, sondern lebte jede verdammte Note.
Die Stimmung blieb trotz der melancholischen Schwere ausgezeichnet, denn auch Trübsal lässt sich hervorragend abfeiern, wenn sie derart mächtig aus den Boxen drückt. Gleichzeitig bewies dieser Auftritt einmal mehr die enorme Bandbreite des Rockharz: erst Dino Metal, dann Industrial Heavy Metal und anschließend Post-Black Metal – musikalisch ungefähr so geradlinig wie eine nächtliche Heimfahrt über die Teufelsmauer.
HARAKIRI FOR THE SKY lieferten einen intensiven, klanglich erstklassigen und überraschend mitreißenden Auftritt ab. Kein neues Material, dafür reichlich Tiefenwirkung und eine Band in hervorragender Spiellaune. Das war keine musikalische Selbsthilfegruppe, sondern eine emotionale Abrissbirne – und die hat mächtig gefetzt.
Bei THE HAUNTED musste ich natürlich vorbeischauen. Schließlich hatten die Schweden mit Songs of Last Resort unser Redaktionsalbum des Jahres 2025 abgeliefert – und wer eine solche Abrissbirne auf Platte veröffentlicht, muss anschließend beweisen, dass sie auch auf einer Festivalbühne fachgerecht durch tragende Wände geht.
Seit ihrer Gründung 1996 verbinden die Göteborger die melodische Schärfe ihrer AT THE GATES-Wurzeln mit Thrash Metal, Hardcore-Wut und einem Groove, der selbst fest verschraubte Halswirbel zur Kündigung treibt. Beim Rock Harz funktionierte diese Mischung vom ersten Moment an. Warhead und In Fire Reborn eröffneten das Massaker, danach gab es praktisch kein Zurück mehr. Vor der Bühne entstanden überall Pits, Haare flogen durch die Gegend, und die Band spielte mit einer Präzision, als würde sie diesen kontrollierten Flächenbrand jeden Morgen noch vor dem Frühstück proben.
Marco Aro befand sich in totaler Hochform. Der Frontmann bellte, brüllte und peitschte die Menge an, ohne dabei auch nur eine Sekunde die Kontrolle zu verlieren. Hinter ihm lieferten Patrik Jensen, Ola Englund, Jonas Björler und Adrian Erlandsson musikalisch eine derart überragende Vorstellung ab, dass selbst die gewaltige Härte nie in bloßem Lärm versank. D.O.A., No Compromise und All Against All trafen mit chirurgischer Genauigkeit, während das abschließende Dreiergespann aus Bury Your Dead, Hate Song und kollektiver Nackenvernichtung endgültig sämtliche Sicherungen aus dem Kasten schraubte.
THE HAUNTED boten keinen gewöhnlichen Festivalauftritt, sondern eine hervorragend organisierte Massenkarambolage mit schwedischem Präzisionssiegel. Brutal, druckvoll und technisch nahezu makellos – wer danach noch ordentlich frisiert war, hatte entweder sehr kurze Haare oder stand am falschen Ende des Geländes.
ENSIFERUM aus Helsinki gehören seit ihrer Gründung 1995 zu den prägenden Namen des Folk Metal und tragen ihren lateinischen Bandnamen – „Schwertträger“ – seitdem mit bemerkenswerter Konsequenz durch die Gegend. Ich werde mit dem finnischen Schlachtengetöse vermutlich trotzdem kein inniges Verhältnis mehr beginnen, doch auf dem Rockharz zeigte die Truppe um Gründungsmitglied Markus Toivonen, weshalb sie in diesem Genre seit drei Jahrzehnten eine feste Institution ist.
Nach dem atmosphärischen Intro Aurora marschierten die Finnen mit Winter Storm Vigilantes vom aktuellen Album Winter Storm ohne Umwege in die Schlacht. Musikalisch saß das alles ordentlich: druckvolle Gitarren, straffe Rhythmen, hymnische Melodien und der bewährte Wechsel zwischen Petri Lindroos’ rauer Stimme und den klaren Gesangspassagen von Pekka Montin. Mit Token of Time reichte die Band weit in ihre Vergangenheit zurück, während One More Magic Potion und Andromeda genügend Mitsingstoff für eine Anhängerschaft lieferten, die augenscheinlich wesentlich mehr Met im Blut hatte als ich.
Spätestens bei Lai Lai Hei wurde aus dem Flugplatz vorübergehend eine finnische Kriegerkneipe mit angeschlossenem Großchor. Die Fans feierten jeden Refrain, reckten die Fäuste und ließen keinen Zweifel daran, dass ENSIFERUM an diesem Abend genau die richtige Zielgruppe vor sich hatten. Mit In My Sword I Trust endete ein kompakter und professioneller Auftritt, bei dem die Band nichts anbrennen ließ.
Mich haben die Finnen damit zwar nicht zum Folk-Metal-Schwertträger geschlagen, aber schlecht war das keineswegs. ENSIFERUM lieferten genau das, was ihre Fans erwarteten, und wurden dafür lautstark abgefeiert. Meine Meinung hat sich nicht verändert – aber zumindest durfte sie knapp fünfzig Minuten lang ordentlich mit dem Fuß wippen.
PARADISE LOST habe ich über die vergangenen Jahre wieder deutlich mehr zu schätzen gelernt. Vielleicht musste mein persönlicher Zugang zu den britischen Großmeistern der gepflegten Schwermut einfach noch ein wenig nachreifen – ähnlich wie ein guter Rotwein, nur mit mehr Doom, Todessehnsucht und Yorkshire-Nieselregen. Seit ihrer Gründung 1988 in Halifax hat die Band schließlich nicht nur den Death Doom maßgeblich mitgeprägt, sondern dem Gothic Metal gleich noch ein stabiles Fundament aus Melancholie und tonnenschweren Gitarren gegossen.
Auf dem ROCKHARZ präsentierten sich PARADISE LOST in hervorragender Verfassung. Der Sound war überragend: mächtig, klar und druckvoll, ohne die düstere Atmosphäre unter einer überdimensionierten Klangwalze zu begraben. Greg Mackintoshs charakteristische Gitarrenlinien schwebten wie dunkle Nebelschwaden über dem Gelände, während Aaron Aedy und Steve Edmondson darunter ein solides britisches Mauerwerk errichteten.
Nick Holmes wirkte bestens aufgelegt und sang ausgesprochen stark. Seine tiefe, markante Stimme besaß genau jene Mischung aus morbider Würde, trockenem Charme und latentem Weltekel, die bei PARADISE LOST seit Jahrzehnten zum guten Ton gehört. Dabei griff die Band nicht einfach in die Nostalgiekiste, sondern verband aktuelle Stücke wie Serpent on the Cross und Silence Like the Grave ganz selbstverständlich mit Klassikern aus verschiedenen Schaffensphasen.
Für mich ragte natürlich As I Die heraus. Dieser Song besitzt auch nach mehr als drei Jahrzehnten eine majestätische Schwere, die einem ohne große Vorwarnung das seelische Mobiliar verrückt. Ebenso stark geriet die düstere Interpretation von Bronski Beats Smalltown Boy, die knapp nach Jimmy Somervilles Geburtstag fast wie ein verspätetes musikalisches Präsent wirkte. PARADISE LOST nahmen dem Synthpop-Klassiker nichts von seiner emotionalen Kraft, kleideten ihn aber in ein schwarzes Gewand, das aussah, als hätte es drei Tage im englischen Regen gehangen.
Das Publikum nahm die gesamte Vorstellung begeistert auf und bewies, dass gepflegte Melancholie auf einem Festival keineswegs automatisch in Bewegungslosigkeit enden muss. PARADISE LOST lieferten eine hervorragend zusammengestellte, souverän gespielte Stunde zwischen Vergangenheit und Gegenwart ab. Bis zu diesem Zeitpunkt gehörten die Briten damit ganz klar zu den Gewinnern des Tages – traurig, schwer und trotzdem von ausgesprochen erhebender Wirkung. Manchmal kann Trübsalblasen eben verdammt gute Laune machen.
Mit BLACK LABEL SOCIETY stand endlich wieder Zakk Wylde und seine finstere Bruderschaft auf der Bühne – für mich das erste Wiedersehen seit ungefähr zehn Jahren. Seit 1998 verbindet der bärtige Gitarrenberserker knochentrockenen Heavy Metal, Southern-Rock-Schlagseite und tonnenschwere Grooves zu einem Gebräu, das vermutlich auch zum Entrosten alter Panzerketten geeignet wäre. Entsprechend riesig war meine Vorfreude – und schon mit Funeral Bell wurde klar, dass an diesem Abend keine Wünsche offenbleiben sollten.
Zakk sah nicht nur aus wie der sympathische Holzfäller, der einem erst das Bier ausgibt und anschließend mit der Axt den Dachstuhl zerlegt, sondern feuerte tatsächlich aus sämtlichen Rohren. Hinter ihm stand ein Bombensound, der jede Gitarrensalve mit Wucht über das Gelände schob, dabei aber erstaunlich klar blieb. Name in Blood, Destroy & Conquer und Heart of Darkness zeigten eine Band, die keinen routinierten Festivaltermin herunterspielte, sondern sichtlich Bock auf einen kompletten Vollabriss hatte. Wylde grinste, posierte, schredderte und ließ seine Les Paul jaulen, während Dario Lorina, John DeServio und Jeff Fabb keineswegs bloß dekoratives Beiwerk darstellten. Die gesamte Mannschaft spielte mit einer unbändigen Freude, als hätte man ihr vorher mitgeteilt, dass nach dem Auftritt sämtliche Getränkemarken ihre Gültigkeit verlieren.
Der erste emotionale Höhepunkt folgte mit No More Tears. Zakk spielte den Ozzy-Klassiker nicht einfach, er zelebrierte ihn – und zwischen all den schweren Riffs breitete sich plötzlich diese besondere Gänsehaut aus, gegen die selbst sommerliche Festivaltemperaturen machtlos sind. Auch In This River besaß als ewige Verneigung vor Dimebag Darrell eine enorme Wirkung, bevor The Blessed Hellride und Set You Free den Schalter wieder konsequent auf groben Unfug stellten.
Spätestens bei Fire It Up und Suicide Messiah drehte das Publikum vollständig am Rad. Überall flogen Haare, Fäuste und vermutlich auch einige Bandscheiben durch die Gegend. Mit Stillborn setzte BLACK LABEL SOCIETY schließlich den gewaltigen Schlusspunkt unter eine riesengeile Setlist, die kaum Luft zum Verschnaufen ließ.
Bis zu diesem Zeitpunkt war das ganz klar die beste Band des Festivals. Zakk Wylde und seine Mitstreiter lieferten keinen gewöhnlichen Auftritt, sondern eine musikalische Abrissverfügung mit Bart, Kutte und Übersteuerung. Abartig geil – und danach durfte das Gelände erst einmal beim Statiker anrufen.
HELLOWEEN waren für mich eine Reise zurück in jene Zeit, als die Hamburger mit ihren beiden Keeper of the Seven Keys-Alben den europäischen Power Metal nicht nur prägten, sondern ihm gleich noch Melodie, Pathos und eine ganze Wagenladung Kürbisse mit auf den Weg gaben. Bis einschließlich Keeper of the Seven Keys Part II war ich großer Fan der Band, weshalb dieser Auftritt durchaus gemischte Gefühle hervorrief. Einerseits stand dort mit Michael Kiske, Andi Deris und Kai Hansen eine Besetzung auf der Bühne, die fast die gesamte Geschichte von HELLOWEEN vereinte. Andererseits trägt man als alter Sack natürlich auch Erinnerungen mit sich herum, die im Laufe der Jahrzehnte einen ziemlich dicken Goldrand bekommen haben.
Die Setlist hätte jedenfalls kaum fanfreundlicher ausfallen können. Neun Songs von den beiden legendären Keeper-Alben und mit Ride the Sky sowie Heavy Metal (Is the Law) sogar zwei Granaten vom Kultdebüt Walls of Jericho – das war schon ein ordentliches Brett. Als March of Time den Abend eröffnete, standen Kiske und Deris gemeinsam am Mikrofon und machten sofort deutlich, dass hier nicht gekleckert, sondern die komplette Bandhistorie einmal festlich abgeschritten werden sollte. Dazu kamen neuere Stücke wie This Is Tokyo, Into the Sun oder Universe (Gravity for Hearts), die sich zwar problemlos in die aufwendig inszenierte Show einfügten, gegen die alten Klassiker aber naturgemäß einen schweren Stand hatten. Gegen Future World, Halloween oder I Want Out anzutreten, ist schließlich ungefähr so dankbar, wie bei einem Familienfest nach Omas legendärem Braten einen veganen Hafertaler zu servieren.
Mit Michael Kiske, Andi Deris und Kai Hansen verfügten HELLOWEEN über ein vokales Dreigestirn, das nahezu jede Phase der Bandgeschichte glaubwürdig abdecken konnte. Kiske meisterte die hohen Töne weiterhin mit beeindruckender Leichtigkeit, Deris gab den souveränen Entertainer und Hansen durfte bei Ride the Sky sowie Heavy Metal (Is the Law) noch einmal jenen ruppigeren Geist heraufbeschwören, der die frühen HELLOWEEN ausgezeichnet hatte. Auch das akustisch begonnene A Tale That Wasn’t Right sorgte für einen willkommenen Moment der Ruhe, bevor die Band wieder sämtliche Lampen, Leinwände und musikalischen Kürbiskanonen abfeuerte.
Handwerklich war das alles über jeden Zweifel erhaben. Die Musiker agierten traumwandlerisch sicher, die Stimmen saßen und die gesamte Produktion war bis ins kleinste Detail durchgeplant. Bei Future World, Dr. Stein oder I Want Out sang das Infield selbstverständlich geschlossen mit, während die Bühne aussah, als hätte jemand eine Power-Metal-Kirmes mit einem Las-Vegas-Kasino gekreuzt. Und trotzdem wollte der Funke bei mir einfach nicht überspringen. Mir war das alles zu perfekt, zu glatt und zu minutiös durchgestylt. Spontaneität, Schmutz oder dieses schwer greifbare Gefühl, dass auf einer Bühne gerade etwas Einmaliges passiert, blieben weitgehend auf der Strecke. Technisch makellos, emotional aber ungefähr so gefährlich wie ein Kürbis aus Plüsch.
Erschwerend kam ein absoluter Kacksound hinzu, der an jeder Stelle des Geländes anders klang. Woher ich das weiß? Weil ich zwischendurch auf dem Topf war, mir etwas zu essen holte und mit Bekannten schwatzen konnte, ohne ernsthaft Angst zu haben, einen unvergesslichen Moment zu verpassen. Mal verschwanden die Gitarren im Klangbrei, mal dröhnte der Bass, andernorts dominierten die Stimmen derart, dass die Instrumente nur noch als schemenhafte Begleitung wahrnehmbar waren. Bei einer derart großen und aufwendigen Produktion ist das besonders ärgerlich, denn wenn schon jedes Grinsen und jede Bewegung durchchoreografiert ist, sollte wenigstens der Ton nicht klingen, als würde er über drei verschiedene Baustellenradios übertragen.
Wer HELLOWEEN in dieser Besetzung zum ersten Mal erlebte, bekam zweifellos ein großes Ereignis geboten: zwei Stunden Bandgeschichte, drei prägende Sänger und einen ganzen Sack voller Klassiker. Für mich als Oldschooler blieb allerdings eine blitzsaubere, aber überraschend harm- und belanglose Jubiläumsshow zurück. Das war professionell, opulent und objektiv kaum zu beanstanden – nur Heavy-Metal-Spirit lässt sich eben weder programmieren noch an die Videowand schrauben. Auf dem Papier war dieses Konzert ein Festmahl, auf der Bühne schmeckte es für mich trotz feinster Zutaten eher nach Dosenobst. Schade eigentlich.
STEVE’N’SEAGULLS beschlossen den ersten Festivaltag auf eine Weise, die irgendwo zwischen finnischer Waldhütte, amerikanischer Scheunenparty und kollektivem Metal-Wahnsinn lag. Seit ihrer Gründung im Raum Jyväskylä und dem viralen Durchbruch mit Thunderstruck im Jahr 2014 haben die Finnen aus der vermeintlichen Schnapsidee, große Rock- und Metal-Klassiker in Bluegrass-Gewänder zu stecken, längst ein erstaunlich langlebiges Erfolgsmodell gemacht. Wer darin noch immer eine reine Comedy-Veranstaltung sieht, hatte an diesem Abend vermutlich Sägespäne in den Ohren.
Klar gab es einige Sülznasen, die den Auftritt verteufelten und wahrscheinlich lieber eine weitere Stunde bedeutungsschweres Riffgeröll inhaliert hätten. Aber echt mal, Freunde: Handwerklich und klanglich war das hier als letzte Band das Beste, was an diesem Tag auf der Bühne stand. Jedes Instrument besaß Druck und Kontur, die Arrangements waren bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und trotzdem weit davon entfernt, klinisch oder einstudiert zu wirken. Die Kerle spielten nicht einfach bekannte Songs auf Banjo, Akkordeon und Mandoline nach, sondern zerlegten sie fachgerecht, warfen die Einzelteile in einen finnischen Holzhäcksler und bauten daraus etwas vollkommen Eigenes.
Allen voran Multiinstrumentalist Hiltunen, der mit seinem toten Tier auf dem Kopf aussah wie ein entlaufener Waldschrat mit Konservatoriumsabschluss, spielte sich Leib und Seele aus dem Körper. Seine Wechsel zwischen Akkordeon, Mandoline, Kantele und Tasteninstrumenten waren nicht nur sehenswert, sondern bildeten einen wesentlichen Teil dieses herrlich verschrobenen Klangbildes. Auch gesanglich wurde ordentlich aufgetischt. Besonders die mehrstimmigen Passagen in Carry On Wayward Son gerieten überragend und zeigten, dass hinter all dem Humor verdammt viel musikalische Klasse steckt.
Ob The Number of the Beast, Master of Puppets, Silvera, Self Esteem oder Run to the Hills: Die bekannten Melodien wurden vor der Bühne frenetisch mitgebrüllt, als hätte man diese Lieder schon immer zwischen Heuballen und Schnapsbrennerei hören sollen. Mein persönliches Highlight war allerdings More Than a Feeling. Dass ich einmal auf einem Metal-Festival zu einem Song von BOSTON derart steilgehen würde, hätte ich mir auch nach mehreren schlecht eingeschenkten Großgetränken nicht träumen lassen. Doch diese Version traf genau den richtigen Nerv zwischen Nostalgie, Spielfreude und gepflegtem Kontrollverlust.
Trotz der fortgeschrittenen Stunde machte es unbändigen Spaß, der Truppe zuzusehen und zuzuhören. Den erwartbaren Schlusspunkt setzte natürlich Thunderstruck, jener Song, mit dem für STEVE’N’SEAGULLS einst der internationale Siegeszug begann. Danach war Schluss, und zwar genau im richtigen Moment: Die Beine schwer, die Kehlen rau und das Grinsen kaum noch aus dem Gesicht zu bekommen.
Die klaren Gewinner des Tages hießen für mich BLACK LABEL SOCIETY, PARADISE LOST und STEVE’N’SEAGULLS. Anschließend fielen wir völlig erledigt ins Zelt – mit der beruhigenden Gewissheit, bereits am ersten Tag genug großartige Musik erlebt zu haben, um sämtliche Knochenbeschwerden am nächsten Morgen zumindest moralisch zu rechtfertigen.

