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Live on Stage Report: ROCKHARZ 2026

vom 01. bis 04.07.2026 – Ballenstedt


DAS ROCKHARZ 2026

TAG 4 – SAMSTAG, 04.07.2026

Krieg der Poolnudeln und Körperverletzungen


Der vierte und letzte Festivaltag begann mit einer kleinen Sensation: Ich hatte super geschlafen, und meine Fitnessuhr zeigte bessere Werte an als zu Hause. Wie das wohl kommt? Leider hatte mich inzwischen die Rotze komplett erwischt, sodass ich mich schniefend durch den Tag hangeln musste. Da für Sonntagmorgen erneut Regen angekündigt war und ich auf ein nasses Zelt gut verzichten konnte, bauten wir bereits alles zusammen. Damit stand fest, dass wir am Abend abreisen würden – doch zunächst lag noch ein kompletter Festivaltag vor uns.

PINHEAD waren für mich musikalisches Neuland. Hinter dem noch jungen Projekt steht Multiinstrumentalist, Produzent und Sänger Ilja John Lappin, dessen atmosphärischer Progressive Metal moderne Härte, Gothic-Düsternis, elektronische Elemente, Growls und klaren Gesang miteinander verbindet.

Technisch wirkte das alles sauber und durchdacht, und den Leuten vor der Bühne schien die Mischung durchaus zu gefallen. Bei mir hingegen zündete rein gar nichts. Zu konstruiert, zu verkopft und schlicht zu weit von meinem musikalischen Beuteschema entfernt. Vorher nie gehört, noch nie gesehen – und dabei wird es künftig vermutlich auch bleiben. Manche Bildungslücken darf man mit gutem Gewissen pflegen.

DRONE aus Celle waren für mich schon deshalb etwas Besonderes, weil sie aus meiner alten Heimat stammen. Die 2004 gegründete Truppe gewann zwei Jahre später den Wacken Metal Battle, veröffentlichte 2014 ihr bislang letztes Album und verschwand anschließend längere Zeit vom Radar. Seit 2023 sind Mutz und seine Mitstreiter wieder aktiv – und mit Under the Blood Red Sun gab es zuletzt endlich auch neues musikalisches Lebenszeichen.

Beim Rockharz klang jedenfalls nichts eingerostet. DRONE hämmerten uns ein schön fettes Brett aus Groove Metal, Thrash und modernem Core vor die Füße. Die Gitarren sägten kräftig, das Schlagzeug drückte und Mutz bellte seine Texte mit jener Mischung aus Wut und Spielfreude ins Harz, die einen selbst zur Mittagszeit zuverlässig wachprügelt. Kompakt, druckvoll und ohne überflüssige Zierleisten – so muss das.

Den eigentlichen Höhepunkt sparte sich die Band für den Schluss auf. Ein Mitglied der Stagecrew kam auf die Bühne und forderte Mutz ziemlich nachdrücklich zum Verlassen derselben auf. Der dachte jedoch gar nicht daran, woraufhin aus dem Wortgefecht eine kleine Handgreiflichkeit wurde. Natürlich war das Ganze ungefähr so echt wie eine gepflegte WWE-Fehde, aber eben auch verdammt lustig inszeniert.

Damit lieferten DRONE nicht nur musikalisch einen starken Auftritt, sondern verließen die Bühne auch mit einem amtlichen Schlussgong. Schön zu sehen, dass aus Celle noch immer ordentlich Schwermetall exportiert wird – zur Not eben inklusive Wrestling-Einlage.

TAILGUNNER feuerten mit Midnight Blitz ohne langes Vorgeplänkel ihre erste Salve vor die Teufelsmauer. Die englische Heavy-Metal-Truppe, deren Wurzeln bis 2018 zurückreichen und die seit 2022 offiziell unter diesem Namen unterwegs ist, trägt die britische Schule aus IRON MAIDEN, JUDAS PRIEST und einer ordentlichen Portion jugendlichem Größenwahn im Patronengurt. White Death und Shadows of War preschten entsprechend schnörkellos nach vorn, während Craig Cairns mit kräftiger Stimme und viel Bewegung versuchte, das Publikum auf Betriebstemperatur zu bringen.

Ganz ausblenden ließen sich die dunklen Wolken über dem Bandgefüge allerdings nicht. Gründer und Bassist Thomas Hewson hatte sich nach schweren, von ihm bestrittenen Vorwürfen vorläufig zurückgezogen, kurz darauf war auch Gitarristin Rhea Thompson ausgestiegen. Ein bissken Geschmäckle hatte die Angelegenheit also schon. Da die aktuelle Bühnenbesetzung von den Vorwürfen nicht betroffen war, versuchte ich dennoch, mich auf die Musik zu konzentrieren und eine Band zu genießen, die ich sehr hoch schätze.

Das gelang bei Barren Lands and Seas of Red mit seinen mächtigen Traditionsstahl-Melodien ebenso wie beim emotionaleren Tears in Rain. Trotzdem fehlte im Vergleich zu früheren Auftritten etwas von jener ungebremsten Spielfreude, mit der TAILGUNNER sonst jeden Zweifel in Grund und Boden riffen. Eulogy sorgte noch einmal für Atmosphäre, bevor Guns for Hire den passenden, energischen Schlusspunkt setzte.

Unterm Strich machte der Auftritt durchaus Laune, erreichte aber nicht die Klasse, mit der ich die Briten bereits erleben durfte. Musikalisch war genug Munition vorhanden, doch über der Stellung hing zu viel Pulverdampf, um freie Sicht auf das eigentliche Potenzial dieser verdammt talentierten Band zu haben.

NECROTTED aus dem baden-württembergischen Abtsgmünd prügeln sich bereits seit 2008 durch die Schnittmenge aus Death Metal, Deathcore, Slam und moderner Raserei. Auf dem Rockharz machten die Schwaben daraus keine musikwissenschaftliche Vorlesung, sondern eine ausgesprochen körperbetonte Unterrichtsstunde. Blastbeats, fette Breakdowns, messerscharfe Gitarren und Fabian Finks tief aus dem Erdinneren hochgewürgter Gesang ließen schon am frühen Nachmittag ordentlich die Bandscheiben klimpern.

Ein bissken sauer bin ich allerdings noch immer auf den grundsätzlich in Adiletten über die Bühne schlurfenden Philipp Fink, der nebenbei bei NECROTTED die sechssaitige Axt schwingt. Als Tourmanager war er schließlich dafür verantwortlich, dass Mittel Alta beim Rockharz auftreten durften. Schande! Aber genug der Häme, sonst sorgt der ansonsten megasympathische Gitarrist noch dafür, dass Sören mich nie wieder zu einem Konzert dieser merkwürdigen Truppe mitnimmt. Obwohl…

Musikalisch gab es dagegen nichts zu meckern. NECROTTED ballerten fett wie immer, kombinierten mörderisches Tempo mit wuchtigem Groove und ließen dabei auch die düstereren Facetten ihres aktuellen Albums We Are the Gods That Tear Ourselves Apart aufblitzen. Herrlich bekloppt wurde es in den kurzen Pausen: Statt dramatischer Klangflächen erklang einfach die Melodie der Sendung mit der Maus. Eben noch kollektive Wirbelsäulenbearbeitung, im nächsten Moment fehlte eigentlich nur noch Armin Maiwald, der erklärt, wie ein Circle Pit funktioniert.

Wer NECROTTED vorher noch nicht auf dem Zettel hatte, dürfte sie anschließend ziemlich sicher dort eingemeißelt haben. Die Truppe nutzte ihre Spielzeit konsequent, wirkte hungrig und lieferte einen bockstarken Auftritt ab. Die Adiletten bleiben zwar bis heute ein modisches Kapitalverbrechen, musikalisch gab es dafür jedoch vollständigen Freispruch.

TUNGSTEN hatten bei mir etwas gutzumachen. Das letzte Album The Grand Inferno war nun wirklich nicht das Gelbe vom Ei und hatte von mir entsprechend wenig Lametta bekommen. Vielleicht, so meine Hoffnung, würden die Schweden ihre Mischung aus Power Metal, modernen Elementen, Symphonik und nordischer Folklore auf der Bühne mit deutlich mehr Leben füllen. Schließlich steht mit dem ehemaligen HAMMERFALL-Schlagzeuger Anders Johansson samt seinen Söhnen Nick und Karl jede Menge musikalische Erfahrung auf den Brettern.

Doch auch live wollte der Funke nicht überspringen. Technisch gab es bei Tundra, Lullaby oder King of Shadows wenig zu beanstanden, aber die vielen synthetischen Schichten klebten wie Frischhaltefolie über den Songs. Mike Andersson sang kraftvoll, die Band spielte präzise und bei Bite My Tongue kam sogar etwas Bewegung in die Angelegenheit – nur echte Spannung entstand kaum. Selbst ältere Stücke wie Misled und On the Sea wirkten erstaunlich blutleer.

Mit The Fairies Dance wurde zum Abschluss noch einmal ordentlich der nordische Dudelsack aus dem Synthesizer geholt, doch auch das änderte meinen Eindruck nicht mehr. TUNGSTEN lieferten keinen handwerklich schlechten Auftritt, aber eben einen, der an mir nahezu vollständig vorbeirauschte. Manchmal wird aus einem schweren Stein eben doch kein funkelndes Metall – schade.

CRYPTA machten vom ersten Augenblick an klar, dass sie aus São Paulo nicht zum gemeinsamen Kaffeetrinken in den Harz gereist waren. Die 2019 von den ehemaligen NERVOSA-Mitgliedern Fernanda Lira und Luana Dametto gegründete Death-Metal-Truppe verwandelte die Bühne innerhalb weniger Minuten in eine brasilianische Abrissbaustelle – lediglich der Soundmann hatte die Sprenggenehmigung offenbar noch nicht unterschrieben.

Bei I Resign und Trial of Traitors klang das Ganze noch ziemlich matschig, viel zu leise und ungefähr so druckvoll wie eine Luftmatratze mit Loch. Erst während The Other Side of Anger wurde der Klang langsam klarer und die eigentliche Gewalt der Musik spürbar. Von da an gab es kein Halten mehr: messerscharfe Riffs, rasende Drums und eine Fernanda Lira, die über die Bühne fegte, als hätte man ihr vor dem Auftritt einen Kanister Kerosin zum Gurgeln gereicht.

Dabei besteht der Reiz von CRYPTA längst nicht allein aus Geschwindigkeit und akustischer Körperverletzung. Unter dem ganzen Gerödel stecken überraschend präzise ausgearbeitete Gitarrenläufe, bissige Melodien und Tempowechsel, die den Songs genügend Luft zum Atmen geben. Luana Dametto trommelte mit der Gelassenheit einer Abrissbirne, während die Gitarrenfraktion dafür sorgte, dass der Auftritt trotz aller Raserei nie ins unkontrollierte Chaos kippte. Spätestens Lord of Ruins und From the Ashes machten aus dem Gig den erhofften Vollabriss.

Vor der Bühne hätten durchaus ein paar Köpfe mehr Platz gefunden, doch die Anwesenden glichen die fehlende Masse durch Begeisterung aus und feierten die Band nach allen Regeln der Kunst. Besonders amüsant war Sörens Reaktion: Der war völlig hin und weg, womit ich nun wirklich nicht gerechnet hatte. Man lernt eben nie aus – manchmal braucht es lediglich vier wütende Musikerinnen und eine ordentliche Ladung Death Metal.

CRYPTA ließen sich vom schwachen Beginn nicht bremsen und zerlegten den Rest ihrer Spielzeit mit beeindruckender Konsequenz. Der Sound kam verspätet zur Arbeit, die Band hingegen war von der ersten Sekunde an hellwach. Am Ende standen eine verwüstete Bühne, glückliche Nackenwirbel und ein überraschend bekehrter Sören. Mehr kann ein solcher Nachmittag kaum leisten.

ARTILLERY aus dem dänischen Taastrup gehören seit ihrer Gründung 1982 zu jenen Thrash-Metal-Legenden, denen der ganz große Durchbruch auf beinahe unverschämte Weise verwehrt blieb. Entsprechend tierisch freute ich mich auf die Skandinavier – und meine Erwartungen wurden nicht nur erfüllt, sondern mit einem ganzen Magazin präzise abgefeuerter Riffs durchsiebt. Bedauerlich war lediglich, dass sich vor der Bühne deutlich weniger Menschen versammelt hatten, als es diese Band verdient hätte. Die Abwesenden verpassten eine energiegeladene Lehrstunde in Sachen technisch versierter Thrash Metal.

Mit Into the Universe und The Challenge ging es tief zurück in die Achtziger, wobei besonders Letzterer bei mir sämtliche morschen Nackenwirbel zur Kapitulation zwang. Das 1990 veröffentlichte Roadrunner-Debüt By Inheritance wurde durch den Titelsong und das herrlich bissige Khomaniac angemessen gewürdigt. Dazu schlugen The Face of Fear und das neue Ghost in the Machine eine überzeugende Brücke in die Gegenwart. Hier wurde keine staubige Musikgeschichte verwaltet, sondern mit ordentlich Feuer weitergeschrieben.

Als schließlich Terror Squad über das Gelände fegte, war meine Begeisterung endgültig komplett. Klassiker erster Güte, eine spielfreudige Band und ein großartiger Querschnitt durch mehr als vier Jahrzehnte Diskografie: ARTILLERY lieferten genau jene Show, auf die ich gehofft hatte. Wurscht, wie viele Leute davorstanden – die Dänen spielten, als müssten sie den gesamten Harz eigenhändig in Schutt und Asche legen. Geiler Auftritt. Danke dafür!

MAJESTICA brachten ihren symphonisch aufgeblasenen Power Metal aus Schweden auf die Bühne, und dass ausgerechnet unsere Black-Metal-Hexe Miri auf diese Band steht, hatte mich im Vorfeld doch ziemlich überrascht. Also wollte ich herausfinden, welcher finstere Zauber dahintersteckt. Gefunden habe ich vor allem blitzsaubere Melodien, mächtige Chöre und Tommy Johansson, der nach seinem Ausstieg bei SABATON hörbar Freude daran hat, wieder vollständig Herr über den eigenen musikalischen Zuckerguss zu sein.

Mit Power Train wurde die Lokomotive angeheizt, anschließend polierten Stücke wie Night Call Girl, Megatrue und Above the Sky den Harzer Himmel auf Hochglanz. Handwerklich war das tadellos, Johansson sang beeindruckend hoch und die Band spielte mit sichtlicher Begeisterung. Nur zündete dieser melodische Feuerwerkskörper bei mir eher in Zimmerlautstärke. War okay, tat niemandem weh und unterhielt ordentlich – warum Miri dafür ihren Hexenkessel stehen lässt, bleibt allerdings eines der großen ungelösten Rätsel dieses Festivals.

ANNISOKAY aus Halle gehören seit ihrer Gründung 2007 zu den erfolgreicheren deutschen Vertretern zwischen Metalcore, Post-Hardcore und elektronisch veredelter Moderne. Genau diese Mischung passte hervorragend zum ROCKHARZ: satte Breakdowns, große Refrains, das Wechselspiel aus Christoph Wieczoreks klarem Gesang und Rudi Schwarzers Gebrüll sowie genügend Druck, um auch die letzten müden Nacken wieder in Betrieb zu nehmen.

Bei H.A.T.E., Calamity und STFU zeigte sich schnell, dass ich mit meiner eher überschaubaren Begeisterung ziemlich allein dastand. Vor der Bühne wurde gehüpft, gebrüllt und gefeiert, als gäbe es für jeden Breakdown einen Getränkegutschein. Mir war das alles etwas zu modern, berechnet und glattgezogen, doch die enorme Publikumsreaktion ließ sich nicht wegdiskutieren. ANNISOKAY lieferten genau das, was ihre Fans wollten – nur befand sich mein persönliches Beuteschema offenbar gerade auf einem anderen Jagdrevier. Von mir aus.

FINNTROLL hatte ich gefühlt seit einer halben Trollgeneration nicht mehr live gesehen – und nach diesem Auftritt fragte ich mich ernsthaft, warum eigentlich. Die 1997 in Helsinki gegründeten Finnen servierten ihren Blackened Folk Metal so düster, melodisch und herrlich schwermetallisch, dass selbst der Teufel vermutlich kurz das Tanzbein unter seinem Huf hervorgeholt hätte.

Besonders erfreulich war die ausgesprochen oldschoolige Ausrichtung der Setlist. Mit Människopesten, Fiskarens fiende, Trollhammaren und Nattfödd gab es gleich vier mächtige Brocken vom gleichnamigen Kultalbum aus dem Jahr 2004. Die Riffs sägten ordentlich, die folkloristischen Melodien hüpften wie betrunkene Waldgeister durch den Sound und über allem lag diese finstere, leicht verschrobene Atmosphäre, die FINNTROLL seit jeher unverwechselbar macht.

Spätestens bei besagten Trollhammaren war der Platz fest in finnischer Hand. Das war tanzbar, schwarzmetallisch, wild und trotzdem erstaunlich eingängig – ein musikalischer Waldspaziergang, bei dem hinter jedem Baum entweder ein Troll oder ein Bierstand lauert. Grandios, herrlich und erstaunlich frisch. Fett!

DANKO JONES – wenn dieses Trio nicht mehr geht, ist entweder etwas faul oder der persönliche Rock’n’Roll-TÜV längst abgelaufen. Seit 1996 verbreiten die Kanadier aus Toronto ihre schnörkellose Botschaft: drei Musiker, ein paar mächtige Riffs und keinerlei Interesse an musikalischem Zierrat. Bereits mit Guess Who’s Back war klar, dass hier keine Gefangenen gemacht werden sollten. Der Sound drückte grandios, John Calabrese und Rich Knox legten ein bretthartes Fundament, während Danko Jones röhrte, posierte und die Rock Stage zu seinem persönlichen Fitnessstudio erklärte.

Mit Get High?, I’m in a Band und I Gotta Rock folgte eine derart konzentrierte Ladung Rotzrock, dass selbst der letzte müde Festivalmuskel wieder zuckte. Das volle Infield brüllte die Refrains mit, als hätte man am Eingang neben den Bändchen auch gleich die Texte verteilt. Everyday Is Saturday Night, First Date, Good Time und I Love It Louder ließen keinen Zweifel daran, dass DANKO JONES ihr Handwerk nicht nur beherrschen, sondern inzwischen vermutlich auch mit verbundenen Augen und einer Hand am Bierbecher ausüben könnten.

Dabei lebt ein Auftritt von DANKO JONES nicht allein von den Songs, sondern ebenso von der unverschämt großen Bühnenpräsenz des Namensgebers. Der Mann braucht keine Pyrotechnik, keine verkleideten Statisten und keinen aufblasbaren Drachen – ein Mikrofon, eine Gitarre und seine Mischung aus Macho-Gehabe, Selbstironie und Dauergrinsen reichen vollkommen. Das Trio wirkte dabei derart eingespielt, als hätten die drei unterwegs sämtliche Autobahnraststätten Europas gemeinsam leergerockt.

Spätestens bei Full of Regret, Had Enough und Lovercall verwandelte sich der Auftritt in eine kompakte Hitparade mit Schweißrand. Mein Sohn stellte irgendwann erstaunt fest: „Ich kenne fast alle Songs, wusste aber nie, von wem die sind.“ Jetzt weiß er es – musikalische Früherziehung erfolgreich abgeschlossen und die nächste Generation erfolgreich an die kanadische Riffversorgung angeschlossen.

Mit My Little RnR endeten 45 Minuten, die so viel Spaß machten, dass zwei oder drei zusätzliche Songs locker noch hineingepasst hätten. Kurz, laut, rotzig und ohne eine einzige überflüssige Schraube: So funktioniert Rock’n’Roll, wenn man ihn nicht erst in einer PowerPoint-Präsentation erklären muss.

Auf DORO hatte ich richtig Bock – und zunächst erfüllte sich diese Vorfreude auch. Die Düsseldorfer Metal-Ikone, die bereits mit WARLOCK in den Achtzigern Geschichte schrieb, eröffnete mit Earthshaker Rock, I Rule the Ruins und Time for Justice ausgesprochen druckvoll. Doro Pesch war bestens aufgelegt, stimmlich präsent und versprühte wieder jene ehrliche Begeisterung, bei der man ihr selbst nach mehr als vier Jahrzehnten jedes einzelne „I love you all!“ abnimmt. Mit Burning the Witches, Fight for Rock und Raise Your Fist blieb der Fuß erst einmal auf dem Gaspedal.

Dann wurde allerdings die Werbetrommel für die Full Metal Cruise aus dem Bühnenkeller gerollt. Warriors of the Sea mag auf einem schwankenden Kreuzfahrtschiff zwischen Kutten, Cocktails und Kegelclub-Romantik funktionieren, nahm dem Auftritt hier aber ordentlich Schwung. Als anschließend auch noch Für immer erklang, war meine persönliche Begeisterung endgültig im Beiboot verschwunden. Ich weiß, dass dieser Song für viele zum Pflichtprogramm gehört – für mich bleibt er jedoch musikalischer Zuckerguss auf einer eigentlich sehr schmackhaften Currywurst.

Danach kam der Auftritt trotz Fire in the Sky und Hellbound nicht mehr richtig auf Betriebstemperatur. Natürlich wurde All We Are lautstark mitgesungen, schließlich gehört der Song zum unverrückbaren Inventar jedes DORO-Konzerts. Trotzdem wirkte es, als hätte dieser zähe Mittelteil dem Set die Luft aus den Nietenhosen gelassen. Die großen Klassiker waren noch da, doch der anfängliche Zug schien irgendwo zwischen Kreuzfahrtwerbung und Feuerzeugballade ausgestiegen zu sein.

Sympathisch wurde es noch einmal ganz zum Schluss: Das reguläre Programm war beendet, doch plötzlich stellte man fest, dass noch etwas Spielzeit übrig war. Also flugs zurück auf die Bühne und mit Metal Racer einen spontanen Nachschlag serviert. Das hatte Charme und passte zu Doro, die lieber noch einen Song spielt, als eine Minute ungenutzt verstreichen zu lassen. Ein starker Beginn, ein liebenswert improvisiertes Ende – dazwischen jedoch eine Flaute, die selbst ein ganzes Heer erhobener Fäuste nicht mehr vollständig wegwedeln konnte.

KNORKATOR zelebrieren seit 1994 den kontrollierten Kontrollverlust zwischen Metal, feinsinnigem Irrsinn und grobem Unfug. Bei ihrem inzwischen zehnten ROCKHARZ-Auftritt benötigte „Deutschlands meiste Band der Welt“ allerdings ein paar Minuten, um den eigenen Wahnsinn auf Betriebstemperatur zu bringen. Der Einstieg mit Das Unheil und Buchstabe wirkte noch ein wenig sperrig, doch spätestens bei Es kotzt mich an, ISMUS und Böse war der Knoten nicht einfach geplatzt, sondern vermutlich wegen grober Fahrlässigkeit explodiert.

DÖ hatte seine Poolnudel schon das gesamte Festival über sorgfältig vorbereitet, denn KNORKATOR hatten zum bewaffneten Nahkampf geladen. Was anschließend vor und auf der Bühne geschah, ließ sich nur als Massenschlägerei mit Schaumstoffbewaffnung bezeichnen. Die Fotografen nahmen die Herausforderung dankend an und droschen aufeinander ein, als gäbe es für jedes verwackelte Bild einen zusätzlichen Schlag. Anzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung sollen bereits vorbereitet worden sein, scheiterten jedoch an der Frage, ob eine Poolnudel überhaupt als Tatwaffe oder doch nur als verlängerte Albernheit gilt.

Mit Unkraut, Eigentum und Alter Mann steigerte sich die Berliner Truppe immer weiter, während Stumpen in absoluter Hochform über die Bühne tobte und das Publikum endgültig jede Restvernunft am Bierstand abgab. Besonders gefreut hat mich DMT, mein Liebling vom neuen Album, der zwar nicht auf der vorliegenden Setlist stand, sich aber umso wirkungsvoller ins Programm schmuggelte. Danach wurden mit Warum, Du nich und Wir werden alle sterben noch einmal jene großen Fragen behandelt, für die Philosophen dicke Bücher benötigen und KNORKATOR lediglich ein paar tonnenschwere Riffs, groteske Gesten und sehr viel nackten Oberkörper.

Dabei bestand der Auftritt keineswegs nur aus Klamauk mit musikalischer Begleitung. Hinter all dem Wahnsinn steckt eine ausgezeichnet eingespielte Band, die selbst abrupte Stilwechsel, absurde Arrangements und die gesanglichen Eskapaden ihres Frontmannes erstaunlich präzise zusammenhält. Besonders Buzz Dee sorgte mit seinem Gitarrenspiel dafür, dass bei aller Komik die metallische Schlagseite nie verloren ging. KNORKATOR können herrlich bescheuert sein, sind musikalisch aber viel zu clever, um sich auf eine reine Spaßkapelle reduzieren zu lassen.

Als schließlich Zähneputzen, Pullern und ab ins Bett erklang, war die Rock Stage endgültig in eine therapeutisch fragwürdige Kindertagesstätte für Erwachsene verwandelt. Die Fans rasteten aus, die Fotografen zählten ihre blauen Flecken und über allem stand die Frage, warum man beim zehnten ROCKHARZ-Auftritt nicht den Mut besessen hatte, KNORKATOR gleich als Headliner spielen zu lassen. Dem Publikum hätte es gefallen, den vermöbelten Lichtbildnern vermutlich ebenfalls – schließlich lässt sich Schmerzensgeld bei Dunkelheit viel dramatischer beantragen.

EMPEROR betraten die Dark Stage mit jener frostigen Würde, die seit ihrer Gründung 1991 im norwegischen Notodden fest zu ihnen gehört. Leider hatte der Soundmensch offenbar beschlossen, den Black Metal eigenhändig noch schwärzer zu machen: Die Gitarren verschwammen, viele Feinheiten gingen im Klangbrei unter und selbst Ihsahns majestätische Arrangements mussten sich mühsam freikämpfen. Gerade bei einer Band, deren Musik von Atmosphäre, Dynamik und komplexen Schichtungen lebt, war das mehr als ärgerlich.

Die Setlist entschädigte zumindest teilweise. Into the Infinity of Thoughts, With Strength I Burn und The Loss and Curse of Reverence führten tief in die norwegische Vergangenheit, während I Am the Black Wizards und Inno a Satana das Infield in eine schwarze Kathedrale verwandelten. Mit Ye Entrancemperium setzte die Band schließlich noch einen wuchtigen Schlusspunkt. Ein großartiger Streifzug durch die eigene Geschichte – nur leider klang er stellenweise so, als würde der Kaiser seine Befehle durch drei Wolldecken brüllen.

FEUERSCHWANZ verfolgte ich anschließend eher nebenbei. Die 2004 in Erlangen gegründete Mittelalter-Rock-Truppe gehört zu jenen Bands, deren Erfolg ich anerkennen kann, ohne ihn persönlich in Anspruch nehmen zu wollen. Stücke wie Drunken Dragon, Untot im Drachenboot, Schubsetanz oder Das Elfte Gebot sind perfekt auf maximale Festivalbewegung zugeschnitten, und als Doro bei Valhalla auftauchte, war die allgemeine Glückseligkeit ohnehin kaum noch steigerungsfähig.

Was vorne im Infield passierte, sprach allerdings eine eindeutige Sprache: Die Leute gingen komplett steil, sangen, hüpften und feierten, als gäbe es am nächsten Morgen Freibier auf Rezept. FEUERSCHWANZ lieferten genau das Spektakel, das ihre Anhängerschaft erwartete. Meins ist es weiterhin nicht, aber wer so viele Menschen derart zuverlässig zum Durchdrehen bringt, macht offenbar verdammt viel richtig – nur eben ohne mich als Zielgruppe.

SOEN bildeten danach den denkbar stärksten Gegenentwurf. Die schwedischen Progressive-Metaller um Sänger Joel Ekelöf und Ex-Opeth-Schlagzeuger Martin Lopez verzichteten auf Klamauk und setzten stattdessen auf Atmosphäre, Präzision und diese wunderbar kontrollierte Melancholie, die sich langsam unter die Haut schiebt. Trotz der späten Stunde wirkten Mercenary, Antagonist und Memorial enorm kraftvoll, ohne ihre feinen Details einzubüßen.

Spätestens bei Lotus lag eine beinahe andächtige Stimmung über dem Gelände, bevor Primal und Violence noch einmal deutlich mehr Druck entwickelten. Joel Ekelöf sang großartig, Lopez führte die Stücke mit ebenso viel Gefühl wie technischer Klasse, und mit Unbreakable endete ein toller Gig, der den vierten Festivaltag ausgesprochen würdevoll beschloss. Danach ging es direkt nach Hause. Das Zelt war bereits verstaut, die Erkältung saß fest im Obergeschoss und der Körper hatte seinen Dienst offiziell quittiert – musikalisch hätte das Rockharz 2026 jedoch kaum stilvoller enden können.

Meine Bands des Tages waren allerdings DANKO JONES, KNORKATOR und ARTILLERY. Drei völlig unterschiedliche Kapellen, die jeweils auf ihre Weise genau den Nerv trafen: kanadischer Rock’n’Roll mit dicker Hose und entsprechender Berechtigung, Berliner Wahnsinn mit eingebautem Lachmuskel sowie dänischer Thrash Metal, der auch nach Jahrzehnten noch schärfer schneidet als das gute Fleischermesser in Omas Küchenschublade. Ein würdiges Siegerpodest für einen langen letzten Festivaltag.

Das ROCKHARZ 2026 verabschiedete uns nach vier intensiven Tagen mit dem beruhigenden Gefühl, erneut genau das richtige Festival gewählt zu haben. Das Line-up war stark besetzt, bot großartige Bands, erstklassige Auftritte und erfreulich viele Überraschungen. Selbst bei den Namen, die man vorher vielleicht nur mit einem höflichen Schulterzucken zur Kenntnis genommen hatte, blieb am Ende mehr hängen als bloß Staub auf den Klamotten.

Bemerkenswert war einmal mehr das Publikum. Bereits bei der ersten Band des Tages stand das Infield voll, als hätte jemand Freibier, Schatten und eine kostenlose Fußmassage gleichzeitig angekündigt. Die Leute waren permanent gut drauf, feierten die frühen Slots ebenso leidenschaftlich wie die großen Namen und sorgten dafür, dass keine Band vor einer überschaubaren Ansammlung verschlafener Frühstücksmetaller spielen musste. Genau diese Stimmung macht das ROCKHARZ aus: Hier wird nicht gewartet, bis der Headliner die Bühne betritt – hier wird vom ersten Ton an gearbeitet.

Auch kulinarisch blieb kaum ein Wunsch offen. Egal, worauf der festivalgeplagte Magen gerade Lust hatte, irgendwo fand sich die passende Grundlage für den nächsten Becher. Meine ausdrückliche Empfehlung geht an den Mutzbraten und vor allem an den Pulled-Pork-Burger. Letzterer war so lecker, dass man kurz darüber nachdenken konnte, den heimischen Grill nach der Rückkehr aus Respekt einfach stillzulegen.

Für den kack Wind, der mir im Laufe der Tage eine tierische Rotze verpasst hatte, konnte natürlich niemand etwas. Andere nehmen vom Festival ein Shirt, einen Becher oder einen Sonnenbrand mit – ich entschied mich offenbar für die große Nebenhöhlen-Sonderedition. Trotzdem konnte selbst das permanente Schniefkonzert den Gesamteindruck nicht ernsthaft trüben.

Unterm Strich war das ROCKHARZ 2026 erneut ein großartiges Festival: bestens organisiert, musikalisch abwechslungsreich, kulinarisch gefährlich überzeugend und von einer Atmosphäre getragen, die man nicht künstlich herstellen kann. Wir fuhren müde, verschnupft und vollkommen zufrieden nach Hause. 2027 werden wir dieses wunderbare Fleckchen Erde wieder beehren – sofern wir dürfen. Und falls nicht, verstecken wir uns eben im Pulled-Pork-Stand.


DAS ROCKHARZ 2026


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