Alben des Jahres 2025

DIE Alben DES MONATS (07/26)

Q&A - Die Interviews

Tales from the hard side

live on stage reports

Wir hörten früher gerne

So fing alles an


Live on Stage Report: ROCKHARZ 2026

vom 01. bis 04.07.2026 – Ballenstedt


DAS ROCKHARZ 2026

TAG 2 – DONNERSTAG, 02.07.2026

Mehr oldschool geht einfach nicht


Die Nacht hatte beinahe etwas Unverschämtes: ruhig, entspannt und mit einem Schlaf gesegnet, den man auf einem Festival normalerweise nur erreicht, wenn Ohrenstöpsel, Erschöpfung und mehrere Großgetränke eine unheilige Allianz eingehen. Selten hatte ich auf einem Festival so hervorragend genächtigt. Am Morgen wartete zudem unsere eigene Kaffeemaschine im Zelt – ein Luxus, der uns innerhalb weniger Minuten von zerknitterten Campingmumien in halbwegs gesellschaftsfähige Menschen verwandelte.

Dazu kamen gesprächige Camp-Mitbewohner, mit denen sich der vorangegangene Abend noch einmal fachkundig analysieren ließ. Wer hatte was gesehen, wer hatte wie viel getrunken und welche Erinnerung war möglicherweise bereits durch Hörensagen ersetzt worden? Nach einer schnellen Dusche waren schließlich auch die letzten Spuren der Nacht beseitigt. Wir waren bereit für den zweiten musikalischen Tag und gleichzeitig schon den dritten Tag unseres Rockharz-Aufenthalts. Kaffee im Kreislauf, Duschwasser auf der Haut und Metal im Herzen – bessere Startbedingungen bekommt man auf einem Festival kaum.

FINAL CRY übernahmen anschließend die Aufgabe, auch die Gehörgänge vollständig zu wecken. Die Truppe stammt aus Hameln und wurde bereits 1989 unter dem Namen Parricide gegründet, bevor daraus wenig später FINAL CRY wurden. Über die Jahrzehnte entwickelte sich der Sound vom Heavy und Power Metal hin zu einer kräftigen Mischung aus Thrash und melodischem Death Metal.

Ein Schelm, wer beim Heimspielcharakter Böses denkt, denn seit 2021 steht mit Kai Wilhelm ausgerechnet der Chef und Vorgesetzte aller Rockharz-Fotografen am Mikrofon. Zunächst erkannte ich den sympathischen Kerl, dem ich dieses Jahr leider noch nicht einmal die Hand schütteln konnte, überhaupt nicht. Ich hatte Kai schließlich noch nie mit offenen Haaren gesehen. Tarnung durch Frisur – erstaunlich effektiv.

Das Infield war zu dieser frühen Stunde erneut pickepacke voll, und FINAL CRY wurden vom ersten Moment an ordentlich abgefeiert. Lediglich der heftige Wind spielte zeitweise ungefragt am Mischpult herum und verschleierte den Sound ein wenig. Dennoch kam die Mischung aus melodischen Gitarren, kernigem Thrash-Unterbau und wuchtigem Death Metal stark genug über den Platz, um auch die letzten Kaffeetrinker aus ihrer morgendlichen Starre zu prügeln.

Schon The Ever-Rest von 2022 hatte mich mit seinem atmosphärischen Konzept und den kraftvollen Kompositionen überzeugt. Auf der Bühne bewies die Band nun leibhaftig, dass dieses Material nicht nur im heimischen Wohnzimmer Höhenluft schnuppert. FINAL CRY spielten konzentriert, druckvoll und mit einer sichtbaren Freude, die sich unmittelbar auf das Publikum übertrug.

Ein überraschend voller Platz, eine Band in bestechender Form und ein Frontmann, den man ohne zusammengebundene Haare offenbar erst neu kennenlernen muss: FINAL CRY lieferten einen verdammt starken Auftakt. Lediglich der Wind benötigte noch etwas Nachhilfe in Sachen Tontechnik.

DIE HABENICHTSE gehören mit ihrem betont schrägen Bettlerhabitus, Akkordeon, rustikalem Folk-Rock und reichlich mittelalterlichem Schabernack längst zur bunten DNA des ROCKHARZ. Die 2012 gegründete Truppe aus dem Raum Hannover, Mönchengladbach und Wermelskirchen hat sich über vier Alben eine eigene kleine Vagabundenwelt zusammengezimmert, in der Lebensfreude, Trinkfestigkeit und kontrollierter Unfug wichtiger sind als musikalische Feinarbeit.

Auf der Bühne wurde daraus ein ausgelassenes Schmierentheater mit ordentlich Bewegung, launigen Ansagen und einer sichtbaren Freude am eigenen Unfug. Das Publikum nahm die Einladung zur gemeinsamen Gaukelei dankbar an, klatschte, tanzte und feierte die Habenichtse deutlich enthusiastischer ab als ich. Handwerklich war das alles ordentlich, unterhaltsam zweifellos und stellenweise sogar ziemlich lustig – nur musikalisch holte mich diese Mischung aus Mittelaltermarkt, Folk-Klamauk und Tavernenromantik nicht wirklich ab.

So blieb ein Auftritt, der seine Zielgruppe bestens bediente und für gute Stimmung sorgte, bei mir jedoch kaum nachhaltige Spuren hinterließ. Lustig war es, sympathisch ebenfalls – aber für meinen persönlichen Geschmack besaß diese Bettlermahlzeit einfach zu wenig Fleisch am Knochen.

MITTELALTA waren der Preis, den ich für eine warme Nacht im Zelt zahlen musste. Am Vorabend hatte ich Sören versprochen, ihn zu diesem Auftritt zu begleiten, wenn dafür der Heizlüfter weiterlaufen durfte. Rückblickend betrachtet hätte ich vielleicht lieber frieren sollen. Ich bereue diese Entscheidung jedenfalls bis heute – meine Zehen hätten mir vermutlich längst verziehen, meine Ohren sind da deutlich nachtragender.

Hinter MITTELALTA steckt ein deutsches Duo, das seit 2023 als Sir Schwanzelot und Sir Gernhardt Reinlunzen mittelalterliche Sprachbilder, Rap, Spoken Word und pubertären Wortwitz vermengt. Auf Spotify funktioniert dieser Unfug durchaus: Titel wie In den Bach oder Tavernenrausch sind kurzweilig, albern und besitzen den Charme einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Burgführung. Auf der Bühne blieb von diesem Unterhaltungswert für mich allerdings erschreckend wenig übrig.

Da stand ein DJ hinter seinem Laptop, daneben saß zunächst immerhin noch ein Drummer. Der verließ irgendwann seinen Arbeitsplatz und ward fortan nicht mehr gesehen. Vielleicht war er auf einem Kreuzzug, vielleicht suchte er die Gitarre, die deutlich aus den Boxen kam, auf der Bühne aber ebenso wenig aufzutreiben war. Vorne zappelten derweil ein paar rappende Hofnarren herum und besangen mit viel Bewegung und wenig musikalischer Substanz das vermeintlich wilde Leben der Ritterzeit. Das wirkte weniger nach Burgfest und eher wie eine Klassenfahrt, bei der der Busfahrer versehentlich den Bluetooth-Lautsprecher eingeschaltet hatte.

Natürlich sollte man beim Bierbrauen nicht in den Fluss scheißen – bei dieser Darbietung hätte ich allerdings ernsthaft darüber nachgedacht. Fairerweise muss ich dennoch eingestehen, dass das anwesende Volk MITTELALTA gebührend abfeierte. Die Hände waren oben, die Stimmung prächtig und offenbar traf der mittelalterliche Sprechgesang genau den Nerv des Publikums. Somit besitzt dieser Haufen zweifellos seine Daseinsberechtigung. Nur eben möglichst weit entfernt von meinem nächsten Heizlüftervertrag.

HAGANE eröffneten ihren Auftritt, und schon nach wenigen Augenblicken schoss mir nur eine Frage durch den Kopf: Warum schreit diese Frau mich derart an? Was hatte ich ihr getan? Wir waren einander vorher schließlich noch nie begegnet. Überhaupt war mir die Band aus Tokio bis zu diesem Nachmittag völlig unbekannt – ein Zustand, der sich möglicherweise nach dem Konzert schnell wieder einstellen würde.

Gegründet wurden HAGANE 2018 von Gitarristin Sakura. Der Name bedeutet übersetzt „Stahl“, musikalisch bezeichnet das Quartett seinen technisch versierten Mix aus melodischem Power Metal, flinken Gitarrenläufen und japanischer Hochglanzästhetik als „Harmonic Metal“. Nach größeren Besetzungswechseln stellte sich die Band 2024 mit Sängerin Nagi und Schlagzeugerin JUNNA neu auf; Sakura und Bassistin Sayaka bilden weiterhin das Fundament. Instrumental ließ sich an diesem Nachmittag wenig beanstanden: Die Musikerinnen spielten präzise, druckvoll und mit einer Energie, die bis in die hinteren Reihen reichte. Gerade das quirlige Gitarrenspiel und das kraftvolle Schlagzeug sorgten dafür, dass die Sache deutlich mehr Substanz besaß, als es der bonbonbunte Ersteindruck vermuten ließ.

Mein Problem blieb allerdings der sehr hohe, dauerhaft auf Angriff gebürstete Gesang. Was bei den Fans vor der Bühne Begeisterung auslöste, arbeitete sich bei mir mit der Beharrlichkeit eines Zahnarztbohrers durch den Gehörgang. Der melodische Power Metal ging zwar grundsätzlich ordentlich nach vorne, war aber so weit von meinem persönlichen Bier entfernt, dass selbst alkoholfreies Radler plötzlich wie eine verlockende Alternative wirkte. Auch einige andere Besucher verließen nach und nach das Infield, vermutlich weil das nachmittägliche Nackensteak mit weniger hohen Frequenzen lockte.

Ich hielt noch eine Weile durch, würdigte das handwerklich starke Spiel und entschied mich schließlich für einen kleinen Rundgang. HAGANE machten ihre Sache zweifellos gut, nur eben nicht für mich. Japanischer Stahl kann äußerst scharf sein – meiner landete an diesem Nachmittag allerdings eher im Trommelfell als im Herzen.

STAHLMANN aus Göttingen treiben seit 2008 ihre silbern lackierte Mischung aus Neuer Deutscher Härte, Industrial-Rock und elektronischem Stampfbeat durchs Land. Auf der Dark Stage funktionierte dieses bewährte Rezept auch diesmal zuverlässig: kantige Riffs, synthetischer Druck und Mart Soers markanter Gesang ließen zahlreiche Körper vor der Bühne im Gleichschritt zucken. Mir persönlich war das Ganze einmal mehr zu berechenbar und damit ungefähr so notwendig wie ein Stahlhelm beim Kaffeekränzchen. Das Volk hingegen hatte hörbar Spaß – also alles richtig gemacht. Sei’s drum: Für mich blieb dadurch mehr Zeit, mit tollen Leuten zu quatschen. Auch eine Form gelungener Festivalunterhaltung.

SAGENBRINGER aus Hamburg und von Sylt waren anschließend schon eher nach meinem Geschmack, wenngleich der norddeutsche Folk- und Pagan Metal weiterhin nicht ganz meine Tasse Met ist. Das erst 2021 gegründete Quartett verband harte Riffs, mittelalterliche Melodien und rauen Gesang zu einem durchaus kraftvollen Auftritt. Besonders das Material des aktuellen Albums Zwischen den Welten wirkte auf der Rock Stage größer und lebendiger, als es die noch junge Bandgeschichte vermuten lässt. Das Publikum nahm die Einladung zur nordischen Sagenstunde begeistert an und ging ordentlich steil. Mich haben SAGENBRINGER zwar nicht zum sofortigen Kauf eines Trinkhorns getrieben, aber Energie, Spielfreude und Wirkung stimmten. Und wenn vor der Bühne gefeiert wird, hat der Geschmacks-TÜV ohnehin Sendepause.

DOGMA wurden 2019 als internationales, in Südamerika verortetes Hard-Rock- und Heavy-Metal-Projekt gegründet und veröffentlichten 2023 ihr selbstbetiteltes Debüt. Schon der Umstand, dass Manager und Konzeptgeber Ian Di Leo alias The Light Messiah offiziell im Line-up geführt wird, lässt allerdings erkennen, dass hier keine Band organisch im Proberaum zusammengewachsen ist, sondern ein bis in die letzte Nonnensocke durchkalkuliertes Produkt auf die Bühne geschickt wird.

Entsprechend wirkte auch der Auftritt: Corpsepaint, knappe Ordenskleidung und reichlich kalkulierter Tabubruch, während musikalisch melodischer Hard Rock mit etwas Heavy Metal und viel glatt gebügelter Eingängigkeit serviert wurde. Das sah nach sündiger Messe aus, klang aber eher nach Marketingabteilung mit Gitarrenanschluss. Stücke wie Forbidden Zone, Carnal Liberation oder Father I Have Sinned gingen durchaus ins Ohr, hinterließen dort jedoch ungefähr so viel Widerstand wie Weihwasser auf einer Regenjacke.

Immerhin schien das Konzept vor der Bühne aufzugehen. Besonders das Madonna-Cover Like a Prayer sorgte erwartungsgemäß für Bewegung, denn diesen Gassenhauer kennt selbst der hartgesottenste Black-Metal-Eremit, der seit 1993 nur noch in norwegischen Wäldern kommuniziert. Mit Fate Unblinds und My Matricidal standen zudem zwei neuere Nummern im rund 45-minütigen Programm, das insgesamt zehn Songs umfasste.

Ein besonders schaler Beigeschmack blieb durch den personellen Kahlschlag im Herbst 2025. Sängerin Grace Jane Pasturini sowie die Gitarristinnen Amber Maldonado und Patri Grief verließen das Projekt und warfen dem Management unter anderem gebrochene Versprechen, Manipulation und eine Täuschung der Fans vor. Die Gegenseite wies darauf hin, dass DOGMA stets größer als einzelne Beteiligte gewesen seien, und führte das Konzept mit neuen Musikerinnen unter denselben Rollen weiter.

Unterm Strich funktionierte die schwarze Nonnenrevue offenbar besser als die Musik, was für ein Theaterstück reichen mag, bei einer Metalband aber ein ziemlich dürftiges Sakrament darstellt. Mir blieb vor allem der Eindruck einer Castingtruppe mit Sündenkatalog und Geschäftsplan. Möge der dunkle Herr dafür sorgen, dass sich unsere Wege künftig nicht noch einmal kreuzen.

WARMEN traten an, um die finnische Fahne nicht nur zu hissen, sondern gleich mit einem Keyboardständer in den Boden zu rammen. Das 1999 in Espoo gegründete ehemalige Soloprojekt von CHILDREN OF BODOM-Tastenhexer Janne Wirman ist längst eine richtige Band geworden. Gemeinsam mit seinem Bruder Antti an der Gitarre und ENSIFERUM-Frontmann Petri Lindroos hält er das musikalische Erbe seiner früheren Hauptband lebendig, ohne daraus eine Alexi-Laiho-Gedenkveranstaltung mit aufgeklebtem Schnurrbart zu machen.

Die Kombination aus melodischem Death Metal, scharfkantigen Riffs und Jannes unverwechselbaren Keyboardläufen funktionierte auf der Rock Stage ausgezeichnet. Petri knurrte und fauchte sich mit mächtig Druck durch das Material, während Gitarren und Tasten einander Soli um die Ohren hauten. Dabei klangen WARMEN erstaunlich eigenständig, obwohl die Verwandtschaft zu CHILDREN OF BODOM natürlich bei nahezu jeder Melodie grinsend hinter dem Verstärker hervorlugte. Der großartige, druckvolle Sound setzte dem Auftritt zusätzlich die finnische Pelzmütze auf.

Zum Abschluss gab es mit Somebody’s Watching Me noch das herrlich metallisierte Rockwell-Cover, das zwischen Party, Nostalgie und kontrolliertem Wahnsinn genau den richtigen Schlusspunkt setzte. Obwohl finnischer Metal bei mir gewöhnlich nicht automatisch sämtliche Endorphinfässer öffnet, holten mich WARMEN an diesem Nachmittag tierisch ab. Ein megastarker Auftritt – technisch brillant, melodisch zwingend und deutlich mehr als bloße musikalische Nachlassverwaltung.

DECAPITATED feiern 2026 tatsächlich schon ihr 30-jähriges Bestehen – drei Jahrzehnte polnisches Hochgeschwindigkeits-Todesblei, technisch präzise zerlegt und mit ausreichend Groove versehen, um auch weniger mathematikbegabte Nackenwirbel mitzunehmen. Was 1996 im südostpolnischen Krosno unter geradezu unverschämt jungen Musikern begann, gehört längst zur europäischen Death-Metal-Oberklasse. Gitarrist und Bandgründer Wacław „Vogg“ Kiełtyka ist dabei weiterhin das unerschütterliche Zentrum dieses kontrollierten Klangmassakers.

Auch beim Rockharz saßen die Riffs messerscharf, das Schlagzeug arbeitete mit der Präzision einer industriellen Stanzmaschine, und selbst in den technisch vertrackteren Passagen blieb genügend Wucht übrig, um den Boden vor der Bühne ordentlich durchzukneten. Dennoch entstand bei mir über weite Strecken das Gefühl, dass DECAPITATED mit leicht angezogener Handbremse agierten. Nicht falsch verstehen: Das war spielerisch grandios, druckvoll und jederzeit souverän. Nur fehlte diesem Auftritt jenes letzte Quäntchen entfesselter Raserei, das aus einem starken Gig eine nachhaltige Vollzerstörung gemacht hätte.

Der seit 2024 zur Band gehörende finnische Frontmann Eemeli Bodde erledigte seinen Job stimmlich überzeugend, sah dabei allerdings eher wie der Vorsteher einer Bankfiliale aus, der gleich noch über meinen Dispokredit entscheiden wollte. Das hatte durchaus Stil, nur eben weniger Weltuntergang und mehr Beratungstermin am Dienstag um 14:30 Uhr. Vermisst habe ich außerdem schmerzlich The Last Supper, meinen persönlichen Favoriten, der diesem Jubiläumsabriss noch eine zusätzliche Geschmacksnote zwischen Schwefel und verbranntem Fleisch verliehen hätte.

Unterm Strich lieferten DECAPITATED einen starken, technisch nahezu unangreifbaren Auftritt. Für die ganz große Hinrichtung fehlte zwar der letzte Schlag mit dem stumpfen Beil, doch auch eine polnische Präzisionsmaschine im Energiesparmodus hinterlässt noch ausreichend tiefe Spuren im Schädel.

Auf BETONTOD hatte ich mich seit der ersten Minute des Festivals gefreut – und die Rheinberger Bande dachte gar nicht daran, diese Vorfreude in irgendeiner Form zu beschädigen. Seit Anfang der Neunziger gehört die Truppe zu jenen Punkrock-Veteranen, die sich ihren Status nicht in der Marketingabteilung, sondern über unzählige Konzerte, reichlich Schweiß und eine gesunde Abneigung gegen stillstehende Füße erarbeitet haben.

Mit Das Kapital ging es sofort mitten hinein ins kollektive Kehlenmassaker. Totenkopf und Keine Popsongs hielten den Druck hoch, während Tanz im Algorithmus und Neonlicht zeigten, dass BETONTOD ihren Punk längst mit unterschiedlichen Farben anstreichen, ohne dabei ihre Ecken abzuschleifen. Die Band war tight wie Sau, spielte mit enormem Zug nach vorn und lieferte eine Setlist, bei der man kaum Zeit fand, zwischen zwei Refrains ordentlich Luft zu holen.

Zwischen aller Feierlaune blieb die Haltung erfreulich unmissverständlich. Klare Kante gegen rechts, ein Aufruf zu Liebe, Respekt und einem vernünftigen Miteinander – keine hohlen Festivalparolen, sondern Worte, die bei BETONTOD seit jeher glaubwürdig wirken. Das Publikum brüllte textsicher zurück, und meine Wenigkeit war selbstverständlich mittendrin. Spätestens bei Ich bereue nichts, Glück Auf! und Viva Punk! verwandelte sich das Gelände in einen riesigen Chor, der zwar nicht immer jeden Ton traf, dafür aber jeden Nerv.

Mit Traum von Freiheit setzte die Band schließlich den passenden Schlusspunkt unter einen megastarken Auftritt. BETONTOD lieferten Punkrock mit Herz, Haltung und ordentlich Dreck unter den Fingernägeln – genau so hatte ich mir das erhofft. Manchmal darf Vorfreude eben nicht nur berechtigt sein, sondern anschließend auch mit heiserer Stimme und einem breiten Grinsen quittiert werden.

AGNOSTIC FRONT ließen vom ersten Takt an keinen Zweifel daran, warum sie seit den frühen Achtzigern zu den Grundpfeilern des New York Hardcore gehören. Roger Miret bellte seine Kommandos mit gewohnter Straßenköter-Autorität ins Publikum, während Vinnie Stigma über die Bühne tigerte, als hätte jemand vergessen, ihm zu erzählen, dass andere Menschen in seinem Alter bereits Prospekte für Treppenlifte studieren.

Spätestens bei Gotta Go war der Platz vor der Bühne endgültig körperkontaktpflichtig. Blaue Schienbeine, Prellungen und der eine oder andere unfreiwillige Bodenkontakt waren im Pit fest eingeplant. Selbst Dö rastete im Fotograben aus, was angesichts dieses massiven NYHC-Bretts allerdings kaum verwunderte. Die Riffs knallten trocken, die Gangshouts saßen und jeder Breakdown klang wie eine freundliche Einladung, dem Nebenmann kurz die Anatomie neu zu sortieren.

Fett wie eh und je, schnörkellos und mit einer Spielfreude, die vielen jüngeren Kapellen die Nieten aus der Lederjacke sprengte. AGNOSTIC FRONT servierten keinen altersmilden Nostalgienachmittag, sondern einen grandiosen Abriss mit anschließendem Bedarf an Kühlakkus.

DOMINUM hatten ihren Auftritt ausgerechnet am Vorabend der Veröffentlichung ihres dritten Albums Night Is Calling – besser lässt sich ein neues Kapitel kaum aus dem Sarg heben. Die 2022 in Nürnberg gegründeten Franken um Dr. Dead verbinden modernen Heavy- und Power Metal mit Hard-Rock-Schlagseite, großen Refrains und einer Zombie-Inszenierung, die irgendwo zwischen Gruselkabinett und Stadionunterhaltung angesiedelt ist.

Eigentlich waren die Untoten als letzte Band des zweiten Festivaltages vorgesehen, tauschten dann jedoch ihren Platz mit HÄMATOM. Das brachte mich beinahe dazu, deren Autogrammstunde zu besuchen und für unseren Johny als bekennenden „Fan“ ein paar besonders herzliche Widmungen für den RISE OF KRONOS-Gitarristen zu organisieren. Doch manchmal siegt selbst bei mir das Gute – Johny hatte also noch einmal Glück.

Musikalisch liegen DOMINUM zwar nicht unbedingt in meinem bevorzugten Beuteschema, doch die Mischung funktionierte erstaunlich gut. Der druckvolle Sound, die saubere Show und vor allem die starke Bühnenpräsenz ließen das Konzept weniger nach Maskenball und mehr nach ernst zu nehmender Liveband wirken. Dr. Dead wusste genau, wie man ein Festivalpublikum dirigiert, während seine untote Mannschaft mit präzisen Riffs und ordentlich Bewegung dafür sorgte, dass vor der Bühne keine Totenruhe aufkam.

Die vielen begeisterten Stimmen im Rockharz-Forum bestätigten anschließend den Eindruck, dass DOMINUM an diesem Abend eine beträchtliche Zahl neuer Freunde gewonnen hatten. Nicht unbedingt meine musikalische Hausapotheke, aber ein überraschend spannender Auftritt mit hohem Unterhaltungswert. Diese Zombies fraßen keine Gehirne – sie blieben einfach darin hängen.

AVATAR aus Göteborg verwandelten die Bühne in ein finsteres Wanderzirkuszelt, in dem Johannes Eckerström als geschminkter Zeremonienmeister das Kommando übernahm. Seit ihrer Gründung 2001 haben sich die Schweden vom melodischen Death Metal immer weiter in Richtung Groove, Alternative Metal und großes Theater bewegt – eine Entwicklung, die ihnen inzwischen auch deutlich größere Bühnen beschert. Mein persönliches musikalisches Beuteschema treffen sie damit zwar nur bedingt, doch amüsant, schräg und auf eine eigentümliche Weise beinahe niedlich ist diese Truppe allemal.

Mit Captain Goat eröffneten AVATAR die Vorstellung druckvoll, ehe Let It Burn und The Eagle Has Landed ordentlich ins Tanzbein fuhren. Die Mischung aus harten Riffs, eingängigen Refrains und wohldosierter Jahrmarktsbeklopptheit funktionierte live ausgezeichnet. Besonders charmant gerieten Eckerströms Ansagen auf Deutsch, die das Publikum sofort auf seine Seite zogen. Überhaupt schienen die Fans jeden theatralischen Knicks, jedes diabolische Grinsen und jede noch so verschrobene Geste dankbar aufzusaugen.

Mit neueren Stücken wie Death and Glitz und Don’t Go in the Forest hielten die Schweden das Tempo hoch, während The Dirt I’m Buried In seinen mächtigen Groove wie eine gut geölte Planierraupe über den Platz schob. Spätestens bei Smells Like a Freakshow war der Name endgültig Programm, bevor Hail the Apocalypse einen entsprechend wuchtigen Schlusspunkt setzte.

Das machte überraschend viel Bock und war handwerklich wie unterhaltungstechnisch kaum anzukreiden. Eine meiner Lieblingsbands werden AVATAR in diesem Leben vermutlich trotzdem nicht mehr – aber für eine Stunde gepflegten Irrsinn würde ich jederzeit wieder eine Eintrittskarte für ihren Zirkus lösen.

ALICE COOPER verwandelte das Rockharz als vorletzter Act des zweiten Tages in ein herrlich überdrehtes Gruselkabinett. Als der in Detroit geborene Vincent Damon Furnier Mitte der Sechziger seine ersten musikalischen Untaten beging, war ich noch nicht einmal auf der Welt. Umso großartiger war es, dieses Rock-Urgestein nun gemeinsam mit Sören vor der Teufelsmauer zu erleben. Und „erleben“ ist hier das richtige Wort, denn ein gewöhnliches Konzert sieht definitiv anders aus.

Schon Hello, Hooray öffnete die Pforten zum Irrenhaus, anschließend lieferte Onkel Alice mit No More Mr. Nice Guy, I’m Eighteen, Hey Stoopid und natürlich Poison eine Setlist ab, bei der selbst Menschen in Deicide-Shirts textsicher mitsangen. Jung, alt, Kutte, Kapuzenpulli – plötzlich war das gesamte Gelände eine einzige große, leicht therapiebedürftige Rockfamilie.

Die Band spielte fantastisch, wobei besonders die erst 22-jährige Anna Cara auffiel. Die Britin aus Newcastle vertritt während Nita Strauss’ Elternzeit keineswegs nur dekorativ die freie Planstelle, sondern bearbeitete ihre Gitarre mit bemerkenswerter Souveränität, technischer Klasse und ordentlich Feuer. Ihr Solo war keine höfliche Bewerbung, sondern eine unmissverständliche Ansage: Die junge Dame gehört auf diese Bühne.

Natürlich drehte Alice auch theatralisch komplett an der Schraube. Zwangsjacke, makabre Gestalten, schwarzer Humor und Calico Cooper, die ihren Vater schließlich fachgerecht der Guillotine zuführte – Familienunterhaltung nach Art des Hauses Furnier. Der Kopf war ab, doch wenig später stand der Hausherr wieder auf der Bühne. Alice Cooper stirbt eben nicht, er macht höchstens eine dramaturgisch notwendige Umbaupause.

Mit School’s Out, in das Pink Floyds Another Brick in the Wall, Part 2 eingewoben wurde, erreichte die kollektive Mitsingerei ihren Höhepunkt. Dass danach auch noch Smells Like Teen Spirit als überraschendes Nirvana-Cover durch den Harz donnerte, setzte diesem Wahnsinn einen ebenso ungewöhnlichen wie gelungenen Schlusspunkt.

Das war Rocktheater in seiner prachtvollsten Form: große Songs, eine überragende Liveband und ein 78-jähriger Zeremonienmeister, der die Bühne noch immer beherrscht, als gehöre sie ihm persönlich. Dieser Auftritt kratzte tatsächlich am grandiosen King-Diamond-Spektakel des Vorjahres – und das ist bei mir ungefähr so leicht zu schaffen wie eine Enthauptung ohne anschließenden Haarschnitt. Jederzeit wieder!

HÄMATOM hatte mein Sohn unbedingt noch auf seinem persönlichen Spielplan, während ich mehrfach versuchte, diesen Programmpunkt mit väterlicher Autorität abzuschmettern. Erfolglos – und rückblickend zum Glück. Mit der 2004 im oberfränkischen Speichersdorf gegründeten Maskentruppe konnte ich bislang ungefähr so viel anfangen wie ein Veganer mit einer Schlachtplatte. Doch schon nach wenigen Minuten musste ich feststellen: Das ging erstaunlich gut ab.

Natürlich ist die musikalische Grundausstattung von HÄMATOM eher grobes Besteck als filigranes Tafelsilber, und manches kam hörbar aus der Konserve. Dem Unterhaltungswert tat das jedoch keinen Abbruch. Frontmann Nord beherrschte die Bühne, turnte auf einem eigens errichteten Zaun herum und sorgte gemeinsam mit Konfettikanonen und einer äußerst bewegungsfreudigen Mannschaft dafür, dass vermutlich jede anständige Unfallversicherung kollektiv Schnappatmung bekam.

Mit Gaga, Tanz auf dem Vulkan, Mörder und Wir sind Gott setzte die Band auf eine einfache, aber ungemein wirksame Mischung aus stampfenden Rhythmen, dicken Refrains und maximaler Publikumsbeteiligung. Besonders Wir haben Dorf passte mit seinem rustikalen Feierbiest-Charakter bestens in die ausgelassene Festivalatmosphäre. Anspruchsvolles musikalisches Kunstturnen sieht gewiss anders aus, doch wenn vor der Bühne mehrere Tausend Menschen geschlossen hüpfen, grölen und grinsen, hat die Band wohl deutlich mehr richtig als falsch gemacht.

Besonders das großartig funktionierende Marteria-Cover Kids (2 Finger an den Kopf) sowie das Medley aus Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah) und Bilder im Kopf verwandelten das Gelände endgültig in eine hüpfende Massenversammlung. Selbst bei Es regnet Bier wurde jeder noch vorhandene Rest musikalischer Zurückhaltung kurzerhand in den nächsten Becher gespült. Das war laut, bunt, hemmungslos und ungefähr so subtil wie ein Konfettigeschütz im Wohnzimmer – aber verdammt unterhaltsam.

Richtig emotional wurde es bei Gott muss ein Arschloch sein, dem verstorbenen Bassisten West gewidmet. Der Song ging überraschend tief hinein und bildete einen berührenden Gegenpol zum ansonsten völlig entfesselten Kirmeskommando. Irgendwann ertappte ich mich tatsächlich dabei, leise mitzusingen. Johnny, verzeih mir bitte …

Mit Bleib in der Schule endete nicht nur ein verblüffend kurzweiliger Auftritt, sondern zugleich unser zweiter Festivaltag. Dessen musikalische Gewinner hießen für mich ALICE COOPER, BETONTOD und WARMEN – drei völlig unterschiedliche Auftritte, die jeweils auf ihre Weise besonders hängen geblieben waren.

Laut vor uns hinsummend zogen wir Richtung Camp, als mich ein Anruf unseres Redaktions-Karsten erreichte: Seine Frau hatte ihr Handy verloren. Und was soll ich sagen? Ich fand es tatsächlich und durfte mich somit zumindest zum außermusikalischen Helden des Tages erklären. Dieser Triumph wurde im Camp selbstverständlich mit einer hopfenhaltigen Brause begossen, bevor wir uns in Morpheus’ Arme begaben. HÄMATOM hatten mich zwar nicht zum Fan bekehrt, aber prächtig unterhalten – und manchmal ist ein ordentlicher Bluterguss eben besser als gar kein bleibender Eindruck.


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