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Live on Stage Report: ROCKHARZ 2026

vom 01. bis 04.07.2026 – Ballenstedt


DAS ROCKHARZ 2026

TAG 3 – FREITAG, 03.07.2026

Fliegende Biere und eine fette Überraschung


Die Nacht war erneut ruhig und erholsam verlaufen, doch am Morgen kratzte es unangenehm im Hals. War das noch die Quittung für den Gesang des Vortages oder kündigte sich wegen dieses permanenten Mistwindes eine Erkältung an? Egal: Kaffee, Frühstück und drei Meter dummes Gelaber wirkten zunächst wie eine medizinisch zumindest fragwürdige, aber erstaunlich effektive Festivaltherapie. Damit waren die wichtigsten Vorbereitungen für den musikalisch dritten Festivaltag abgeschlossen.

RODEO 5000 sattelten bereits um 11:20 Uhr die Pferde – oder zumindest alles, was mit Banjo, Waschbrett und erhöhtem Promillewert halbwegs als Reittier durchging. Hinter dem herrlich bekloppten Country- und Bluegrass-Projekt stecken Jonas von Die Pressgëng und Simon von Mr. Hurley & Die Pulveraffen, die sämtliche Redneck-Klischees zusammentreiben, ihnen eine Latzhose anziehen und sie anschließend musikalisch durchs Dorf jagen.

Auf der Bühne sorgten treibende Banjos, rustikale Rhythmen und deutschsprachige Texte dafür, dass auch der letzte Morgenmuffel seinen inneren Cowboy aus dem Schlafanzug prügelte. Dabei funktionierte der Humor nicht nur als schmückender Sheriffstern, denn musikalisch war das erstaunlich schwungvoll, eingängig und handwerklich sauber gespielt. Besonders das Knasterbart-Cover Mein Stammbaum ist ein Kreis entwickelte sich zum prächtigen Mitsingmoment und bewies, dass familiäre Verhältnisse selbst dann kompliziert bleiben, wenn der Stammbaum eher wie ein Kreisverkehr aussieht.

Überraschend war vor allem, wie gut sich das Infield zu dieser frühen Stunde bereits gefüllt hatte. Statt müder Gesichter herrschte bestens gelaunte Frühschoppenstimmung, und wir genossen einen wunderbar entspannten Auftakt in den Tag. RODEO 5000 waren damit weit mehr als nur der kuriose Country-Happen zum Frühstück: Die Truppe machte richtig Bock und erwies sich als echte Überraschung. So darf ein Festivaltag gern beginnen – mit Kaffee im Bauch, Kratzen im Hals und einem Stammbaum, bei dem selbst das zuständige Standesamt Schnaps braucht.

HAGGEFUGG ließen zur Mittagszeit Dudelsäcke, Schalmei und verzerrte Gitarren über den Platz marschieren. Die 2015 in Köln gegründete Truppe serviert Mittelalter-Rock mit reichlich Trinkfestigkeit, Tanzlust und jener Portion kontrollierten Wahnsinns, die inzwischen zum festen Inventar des Genres gehört. Nach Auftritten beim Wacken Open Air und drei Studioalben wusste die Band natürlich genau, wie man auch ein noch nicht vollständig durchgegartes Festivalpublikum in Bewegung setzt.

Musikalisch wurde kräftig geschunkelt, gerockt und der Metbecher imaginär in Richtung Teufelsmauer gereckt. Frontmann Gregor Krähenkehle gab den wortgewaltigen Herold, während die Dudelsäcke Melodien über den Platz pusteten, die selbst den letzten Morgenmuffel aus dem Zelt hätten treiben können. Das Publikum fand die Mischung aus Marktgetöse, Humor und druckvollem Rock offensichtlich großartig und feierte die Kölner entsprechend lautstark.

Bei mir nutzte sich der Reiz allerdings erstaunlich schnell ab. Nach zwei Liedern hörte ich nur noch mit einem halben Ohr hin, weil mir das Ganze musikalisch zu vorhersehbar und auf Dauer ein wenig zu sehr nach mittelalterlichem Partybaukasten klang. Handwerklich gab es wenig zu meckern, an der Spielfreude überhaupt nichts – nur mein persönlicher Metkrug blieb eben halb voll. HAGGEFUGG gewannen an diesem Mittag eindeutig das Publikum, während meine Aufmerksamkeit bereits leise mit Sack und Pack davonzog.

MOTORJESUS waren mit ihrem Start um 12:30 Uhr eindeutig zu früh angesetzt. Die Mönchengladbacher treiben ihren benzingetränkten Heavy Rock schließlich bereits seit den frühen Neunzigern über deutsche Straßen und haben längst bewiesen, dass ihr Name nicht nur auf kleine Buchstaben im Mittagsprogramm gehört. Chris „Howling“ Birx und seine Mannen hätten mit ihrem High-Octane-Rock’n’Roll problemlos einen deutlich späteren Platz im Tagesprogramm ausgefüllt.

Vom ersten Riff an wurde Vollgas gegeben. Die Gitarren röhrten wie ein frisch restaurierter Achtzylinder, das Schlagzeug trat das Gaspedal durch die Bodenplatte und Chris schleuderte seine Asphalt-Lyrik mit kräftiger Stimme über das Gelände. Der Sound kam erfreulich druckvoll aus den Boxen, während das bereits erstaunlich zahlreiche Publikum die Einladung zur mittäglichen Spritztour dankbar annahm und verdammt gut mitging.

Für zusätzliche Unterhaltung sorgte Chris, als er bei der eigens zusammengestellten Setlist kurz den Überblick verlor. Doch selbst dieser kleine Navigationsfehler passte perfekt ins Bild: Wer derart schnell unterwegs ist, darf schließlich auch mal eine Ausfahrt verpassen. Dank sympathischer Publikumsinteraktion, sichtbarer Spielfreude und reichlich musikalischem Treibstoff wurde daraus kein Stolperer, sondern eine weitere charmante Note dieses kurzen, starken Auftritts.

MOTORJESUS lieferten keinen gemütlichen Frühschoppen, sondern eine halbstündige Beschleunigungsprüfung vor der Teufelsmauer. Großartig, spannend und viel zu früh – denn für diese Maschine war der Parkplatz um halb eins eindeutig zu klein.

CYPECORE aus Baden-Württemberg brachten ihre postapokalyptische Science-Fiction-Welt auf die Dark Stage und sahen dabei aus, als hätten sie den dritten Weltkrieg nicht nur überlebt, sondern anschließend auch noch die Bühnenausstattung übernommen. Seit 2007 verbindet die Truppe Melodic Death Metal mit Groove, Metalcore und industrieller Maschinenraumkälte. Die martialischen Kostüme, das dystopische Konzept und die entschlossene Körpersprache machten auch beim Rockharz einiges her.

Mit wuchtigem Sound, elektronischen Einsprengseln und ordentlich Druck im rhythmischen Maschinenpark setzte die Band ihre Endzeitvision eindrucksvoll in Szene. Gerade die Präsenz von Frontmann Dominic Christoph und das geschlossene Auftreten der Musiker sorgten dafür, dass man automatisch hinschaute. Genau darin liegt für mich jedoch seit jeher das CYPECORE-Dilemma: Optisch und atmosphärisch finde ich das ausgesprochen stark, musikalisch fremdele ich mit dieser Mischung weiterhin. Die Riffs knallten, die Abläufe saßen und der Groove stampfte zuverlässig über den Platz, doch nach einer Weile wirkten die ähnlich konstruierten Klangblöcke auf mich zunehmend eintönig.

So blieb ein Auftritt, der handwerklich und visuell kaum Anlass zum Meckern bot, mich musikalisch aber erneut nicht vollständig abholen konnte. Während andere vermutlich begeistert ihre imaginären Schutzanzüge schlossen, machte ich mich langsam für HIRAES bereit. Die Apokalypse war schließlich ordentlich inszeniert – nur mein persönlicher Weltuntergang klingt offenbar anders.

HIRAES benötigten am Freitagnachmittag keine lange Aufwärmphase. Das 2020 in Hannover und Osnabrück gegründete Quintett jagte seinen melodischen Death Metal vom ersten Riff an mit bemerkenswerter Wucht über das Gelände. Vier ehemalige Mitglieder von Dawn of Disease bilden das instrumentale Fundament, während Britta Görtz, früher bei Cripper und Critical Mess, an der Front längst mehr ist als nur die Frau am Mikrofon: Die Elchkuh ist für mich DAS Aushängeschild des weiblichen deutschen Metals.

Zwischen schwedisch gefärbten Gitarrenmelodien, schweren Grooves und ordentlich schiebendem Schlagzeug entwickelte sich ein Auftritt, der Härte und Eingängigkeit sehr sauber miteinander verband. Stücke wie Through the Storm, About Lies und We Owe No One gingen ohne Umwege in Nacken und Beine, während Dormant noch einmal zeigte, wie gut HIRAES inzwischen darin sind, Melancholie nicht als musikalische Schlaftablette, sondern als zusätzlichen Brandbeschleuniger einzusetzen. Lukas Kerk und Oliver Kirchner schichteten ihre Gitarren übereinander, Christian Wösten drückte von unten und Mathias Blässe sorgte dafür, dass niemand auf die Idee kam, sich gemütlich in den Nachmittag hineinzudösen.

Über allem tobte Britta wie ein Derwisch auf Koffein. Sie gab komplett Kniegas, bellte, growlte und peitschte das Volk an, bis selbst die hinteren Reihen begriffen hatten, dass gepflegtes Herumstehen heute nicht im Eintrittspreis enthalten war. Das Publikum zeigte sich entsprechend verzückt und belohnte die Band mit fliegenden Haaren, gereckten Fäusten und jener Begeisterung, die man nicht höflich herbeiklatschen kann.

Eigentlich hatte ich mich mit Gitarrist Lukas noch auf ein Aftershow-Bierchen verabredet. Doch der Terminplan von HIRAES war derart eng gestrickt, dass die Bande kurz nach dem Auftritt schon wieder die Hufe schwingen musste. Nur Wirbelwind Britta blieb noch vor Ort – und sollte später am Abend ein weiteres Mal zum Einsatz kommen.

HIRAES haben endgültig aufgehört, lediglich als Nachfolger von Dawn of Disease wahrgenommen zu werden. Diese Band besitzt inzwischen eine eigene Handschrift, eine überragende Frontfrau und genügend Schub, um bald im oberen nationalen Metal-Drittel anzukommen. Wenn sie weiterhin so vorpreschen, muss dort vorsorglich schon einmal jemand die Möbel festschrauben.

GOTHMINISTER aus Oslo brachten seit ihrer Gründung 1999 reichlich norwegische Dunkelheit vor die Teufelsmauer. Frontmann Bjørn Alexander Brem thronte als finsterer Zeremonienmeister über einer Show, die Industrial Metal, Gothic-Theatralik und Gruselkabinett wirkungsvoll miteinander verschraubte. Stampfer wie I Am the Devil, Darkside und Monsters wurden mit wuchtigen Beats, tiefen Gitarren und reichlich optischem Brimborium serviert. Musikalisch war mir das Ganze etwas zu synthetisch und inszeniert, doch das Publikum fraß dem Gothminister bereitwillig aus der schwarzen Lederhand. Handwerklich stark, visuell eindrucksvoll – nur meine persönliche Gruft blieb geschlossen.

RAUHBEIN wechselten anschließend vom norwegischen Schattenreich direkt in die rustikale Rockkneipe. Die aus dem Sauerland stammende Truppe um Henry M. Rauhbein setzte auf deutschsprachigen Folk Rock, kräftige Refrains und jene bierselige Freundschaftsromantik, bei der man bereits nach dem zweiten Lied offenbar jeden Nebenmann seit der Grundschule kennt.

Mit Adrenalin, Hoch die Tassen und Auf die Freundschaft trafen sie exakt den Nerv der feierfreudigen Menge, die Arme, Stimmen und vermutlich auch Getränkebecher geschlossen nach oben reckte. Meins war auch das nicht, doch über Geschmack lässt sich bekanntlich vortrefflich streiten – über die prächtige Stimmung vor der Bühne dagegen überhaupt nicht. Zwei Bands, zwei musikalische Paralleluniversen und ein Publikum, das in beiden seinen Spaß fand. Auftrag erfüllt, auch ohne persönliche Einbürgerung.

WALLS OF JERICHO brauchten keine Aufwärmphase, keinen Spannungsbogen und erst recht keine höfliche Vorwarnung. Die 1998 in Detroit gegründete Hardcore-Dampfwalze trat aufs Gaspedal und nahm den Fuß für die kommenden 45 Minuten nicht mehr herunter. Wenn diese Amis irgendwann nicht mehr funktionieren, ist wirklich etwas faul im Staate Ostharz.

Candace Kucsulain war einmal mehr das aggressive Kraftzentrum der Band. Sie brüllte, sprang und peitschte die Meute an, als hätte ihr jemand vor dem Auftritt schlechte Laune intravenös verabreicht. Hinter ihr knallte die Band ihre Mischung aus Hardcore, Metalcore und metallischer Abrissbirne dermaßen tight ins Gelände, dass die Moshpits binnen kürzester Zeit steilgingen. Das war keine freundlich moderierte Nachmittagsunterhaltung, sondern musikalische Körperverletzung mit Einverständniserklärung.

Vor zwei Jahren hatte ich WALLS OF JERICHO beim Full Rewind erstmals seit langer Zeit wieder live gesehen. Schon dort waren sie stark, doch am Rockharz wirkten sie noch eine Schippe geschlossener, asozialer und brachialer. Keine unnötige Show, kein Schnickschnack – nur Schweiß, Wut und maximaler Druck auf dem Kessel. Kurz gesagt: Das fetzte wie Sau und bügelte selbst dem widerspenstigsten Festivalshirt die Falten aus dem Leib.

FIDDLER’S GREEN verwandelten die Teufelsmauer für 45 Minuten in die vermutlich größte irische Freiluftkneipe Sachsen-Anhalts. Die 1990 in Erlangen gegründete Truppe servierte ihren Irish Speedfolk mit Geige, punkigem Vorwärtsdrang und jener überschäumenden Spielfreude, bei der selbst Menschen zu hüpfen beginnen, die eigentlich nur friedlich ihr Bier festhalten wollten.

Das Publikum war restlos begeistert und feierte jede Melodie, als gäbe es am Ausgang ein Freibier für besonders rhythmisches Springen. Spätestens bei Yindy und dem unvermeidlichen The Wild Rover wehte der Geist Irlands kräftig über das Gelände. Und den liebe ich bekanntlich sehr, weshalb der Auftritt trotz persönlicher Vorbehalte absolut in Ordnung ging.

Bei mir sprang der Funke allerdings nur bedingt über, denn ich hatte FIDDLER’S GREEN in meinem geistigen Musikarchiv einmal mehr mit FLOGGING MOLLY verwechselt. Das ist ein wenig so, als bestelle man Guinness und wundert sich anschließend, dass Kilkenny im Glas steht: beides schmackhaft, aber eben nicht dasselbe. Ein kurzweiliger, handwerklich starker Auftritt mit begeistertem Publikum – nur mein innerer Ire wollte an diesem Nachmittag nicht vollständig aus dem Pub kommen.

DIE APOKALYPTISCHEN REITER brauchten keine Anlaufzeit, sondern galoppierten mit Volle Kraft direkt über alles hinweg, was sich vor der Dark Stage nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte. Die 1995 in Thüringen gegründete Truppe um Fuchs servierte zum 30-jährigen Bandbestehen keine musikalischen Experimente, sondern ein kompaktes Best-of-Gemetzel mit eingebauter Mitsinggarantie. Und es war brutal geil!

Mit Es wird schlimmer wurde es zunächst tatsächlich immer besser, bevor Der Adler seine Kreise über dem Infield zog und auch die letzten Stimmbänder zur allgemeinen Benutzung freigegeben wurden. Spätestens bei Die Sonne scheint schien selbige wirklich allen aus dem Arsch, was angesichts der ausgelassenen Stimmung nicht einmal unangenehm wirkte. Jeder Song wurde mitgesungen, überall flogen Arme in die Höhe und selbst Sören war komplett aus dem Häuschen – ein Zustand, der normalerweise einer besonderen amtlichen Genehmigung bedarf.

Natürlich fehlt mir Dr. Pest mit seinem durchgeknallten Keyboard-Wahnsinn noch immer ein wenig. Doch auch als Quartett ballerten Fuchs und seine Mannen dermaßen formidabel, dass Sentimentalitäten schnell vom nächsten Riff überrollt wurden. Auf und Nieder verwandelte das Gelände endgültig in einen riesigen Hüpfverein, ehe Seemann diesen viel zu kurzen, aber nahezu perfekten Ritt beschloss.

Grandios, schweißtreibend und ohne eine einzige überflüssige Sekunde: DIE APOKALYPTISCHEN REITER waren bis zu diesem Zeitpunkt die beste Band des Tages und galoppierten zugleich mit wehenden Fahnen in Richtung meiner persönlichen Top 5 des gesamten Wochenendes. Wer hier stillstand, musste entweder festgewachsen sein oder hatte versehentlich das falsche Festival gebucht.

BIOHAZARD sind für mich weit mehr als irgendeine Band aus Brooklyn, die Ende der Achtziger Hardcore, Metal und Hip-Hop zu einem explosiven Straßenköter kreuzte. Wer mich persönlich näher kennt, weiß, warum mir Billy Graziadei, Evan Seinfeld, Bobby Hambel und Danny Schuler so viel bedeuten. Entsprechend chancenlos war meine Brieftasche am Merchstand: Beide Tourshirts mussten mit. Andere kaufen Andenken, ich betreibe textile Vergangenheitsbewältigung.

Als Gonna Fly Now, das legendäre Thema aus „Rocky“, über das Gelände schallte, war klar, dass die folgenden 45 Minuten weder der musikalischen Früherziehung noch der körperlichen Erholung dienen würden. Mit Urban Discipline rammte das Quartett sofort den ersten New Yorker Betonpfeiler in den Harzer Boden. Dieser Groove, die wechselnden Stimmen von Billy und Evan, Bobbys messerscharfe Gitarrenarbeit und Dannys unerbittlicher Takt – das klang nicht nach einer mühsam aufgewärmten Reunion, sondern nach vier Kerlen, die ihre alte Straßenecke noch immer erfolgreich gegen jeden Eindringling verteidigen.

Die Songauswahl war beinahe unverschämt treffsicher. Shades of Grey, Wrong Side of the Tracks und Black and White and Red All Over ließen mir kaum Gelegenheit, die morschen Knochen neu zu sortieren, während Fuck the System bewies, dass BIOHAZARD nicht allein von der eigenen Vergangenheit leben. Im komplett durchdrehenden Publikum gab es ohnehin nur zwei Möglichkeiten: mitmachen oder überrollt werden. Ich entschied mich selbstverständlich für Durchdrehen, Mitsingen und kontrollierten körperlichen Verfall. Das Quartett hatte mich vom ersten Riff an in der Tasche, und ich fraß Billy, Evan, Bobby und Danny bereitwillig aus der Hand.

Natürlich wäre ich lieber wieder neben ihnen auf der Bühne gestanden, wie bereits zweimal in meinem Leben. Diesmal musste die tobende Masse vor der Bühne genügen – und die machte aus Punishment einen einzigen, gewaltigen Kehlenchor. Als anschließend No Sleep Till Brooklyn von den Beastie Boys aus den Boxen kam, hätte kein passenderer Schlusspunkt folgen können.

Objektiv betrachtet war das ein kurzer, schnörkelloser Abriss mit einer nahezu perfekten Auswahl alter und neuer Straßenhymnen. Subjektiv war es für mich DAS Highlight des gesamten Wochenendes. Sentimentalität hin oder her: Manche Bands spielen ein Konzert – BIOHAZARD drücken bei mir einen Knopf, und plötzlich bin ich gleichzeitig Fan, Irrer und stolzer Besitzer von zwei weiteren schwarzen T-Shirts.

P.O.D. katapultierten das Rockharz mit dem eröffnenden Boom ohne Vorwarnung zurück in jene Zeit, als Nu Metal, weite Hosen und der Fernsehsender MTV noch gesellschaftliche Relevanz besaßen. Zu einer Freundin sagte ich, ich würde mich plötzlich wieder wie 18 fühlen. Ein kurzer Blick auf die biografischen Eckdaten brachte jedoch die ernüchternde Wahrheit ans Licht: Als die Band ihren großen Siegeszug antrat, war ich bereits 30. Auweia, bin ich alt geworden. Immerhin funktionierte das Gedächtnis noch – der Körper meldete sich erst später zu Wort.

Die 1992 in San Diego gegründeten Amerikaner gelten mit ihrer Verbindung aus Nu Metal, Rap, Hardcore, Reggae und christlich geprägten Texten als eine der markantesten Formationen ihrer Generation. Ehrlich gesagt erwartete ich von diesem Auftritt trotzdem fast gar nichts. Vielleicht ein wenig Nostalgie, ein paar bekannte Melodien und anschließend den geordneten Rückzug. Stattdessen brannten P.O.D. alles nieder. Der Sound war glasklar, druckvoll und so mächtig, dass Stücke wie Rock the Party (Off the Hook), Murdered Love, Drop und I Got That mit Anlauf ins Gebälk gingen.

Auch das überraschend schwere The Beatles-Cover Don’t Let Me Down fügte sich erstaunlich gut ein, bevor Satellite, Sleeping Awake und Southtown endgültig sämtliche Erinnerungszentren aktivierten. Neben mir rastete Sören zunehmend aus, während ich mich fragte, warum ich diese Band im Vorfeld derart unterschätzt hatte. Spätestens bei Youth of the Nation sang das Gelände geschlossen mit, ehe Afraid to Die bewies, dass P.O.D. keineswegs nur eine gut konservierte Zeitkapsel sind. Mit Alive setzte die Band schließlich den erwartbaren, aber vollkommen richtigen Schlusspunkt.

Was als höflicher Besuch in der musikalischen Vergangenheit begann, endete als einer der stärksten Auftritte des gesamten Wochenendes. P.O.D. wirkten spielfreudig, hungrig und verdammt präsent – keine Nostalgieveranstaltung mit Wärmflasche, sondern eine Lehrstunde mit Abrissgenehmigung. Und wenn diese Show mich tatsächlich noch einmal 18 sein ließ, nehme ich die kleine Rechenschwäche gern in Kauf. Altersdemenz kann schließlich auch ihre Vorteile haben.

SUBWAY TO SALLY gehören seit ihrer Gründung 1990 in Potsdam zu den Urgesteinen des deutschen Mittelalter-Rocks. Das ließ sich bereits vor dem Auftritt kaum übersehen: Ein ganzer Trupp marschierte mit Eric-Fish-Perücken über das Infield und sah aus, als habe der Sänger sich versehentlich mehrfach geklont. Das Idol dieser haarigen Prozession stand wenig später tatsächlich auf der Bühne – und lieferte einen Auftritt ab, der handwerklich absolut saß, mich emotional allerdings nur bedingt aus der Rüstung hob.

Mit Was ihr wollt und Leinen los begann die Reise druckvoll, bevor Böses Erwachen und das unvermeidliche Eisblumen für die ersten größeren Mitsingmomente sorgten. Gerade bei Letzterem zeigte sich, wie fest manche Stücke inzwischen im kollektiven Festivalgedächtnis verankert sind. Auch ich konnte hier und bei einigen weiteren Refrains problemlos einstimmen, ohne vorher noch einmal die mittelalterliche Hausordnung studieren zu müssen. Die neueren Nummern Phönix, Herz in der Rinde und Post Mortem fügten sich ordentlich in das Programm ein, während Kleid aus Rosen, Das Rätsel II und Krähenfrass vor allem die langjährigen Anhänger zuverlässig abholten.

Clever waren die beiden Medley-Blöcke angelegt. Henkersbraut, Falscher Heiland und Knochenschiff wurden ebenso kompakt zusammengezurrt wie Sag dem Teufel, Ohne Liebe und Tanz auf dem Vulkan. So bekam das Publikum möglichst viel Bandgeschichte serviert, ohne dass der Auftritt bis zum nächsten Sonnenaufgang verlängert werden musste. Mit Sieben, Veitstanz und Grausame Schwester zog das Tempo zum Ende noch einmal an, ehe Julia und die Räuber den erwartbaren, aber wirkungsvollen Schlusspunkt setzte. Vor der Bühne herrschte entsprechend beste Stimmung.

Für mich war das alles vollkommen in Ordnung, mehr allerdings auch nicht. Aus diesem musikalischen Spektrum ziehe ich IN EXTREMO weiterhin deutlich vor, die im vergangenen Jahr als Headliner noch einmal eine ganz andere Wucht entfacht hatten. In diese Größenordnung reicht es für SUBWAY TO SALLY aus meiner Sicht noch nicht. Doch das Publikum sang, tanzte und feierte seine Helden mit sichtbarer Begeisterung – und am Ende entscheidet genau das über einen gelungenen Festivalauftritt. Ich blieb höflich im Mittelalter, hob gelegentlich die Stimme und verließ das musikalische Marktgelage weder beraubt noch zum Ritter geschlagen.

AIRBOURNE brauchten beim Rockharz keine Aufwärmphase, sondern lediglich Strom, Bier und eine Bühne, die Joel O’Keeffe möglichst schnell verlassen konnte. Seit über zwei Jahrzehnten exportiert die Truppe aus dem australischen Warrnambool ihren Hochdruck-Kneipenrock in die Welt – und auch vor der Teufelsmauer klang das, als hätte jemand AC/DC, Rose Tattoo und eine Palette Dosenbier gemeinsam in einen Betonmischer geworfen.

Mit dem neuen GUTSY wurde sofort der Betriebsdruck geprüft, bevor Too Much, Too Young, Too Fast und Hungry das Infield endgültig in eine australische Dorfkneipe mit fünfstelliger Besucherzahl verwandelten. Natürlich flogen die ersten Bierdosen nicht erst nach höflicher Vorwarnung, sondern ziemlich zeitnah. Noch mehr Bier folgte, der Gerstensaft spritzte durch die Luft, und wer anschließend klebte, hatte entweder ausgelassen gefeiert oder eine sehr persönliche Begegnung mit dem Getränkeservice der Band gehabt.

Joel O’Keeffe war dabei häufiger im Publikum unterwegs als auf der Bühne. Zwischendurch entstand beinahe der Eindruck, er wolle nebenan noch schnell beim Aufbau für KREATOR mithelfen. Stattdessen bestieg er die Schultern eines bereitwilligen Roadies und ließ sich wie ein schwer bewaffneter australischer Bierkönig einmal komplett durch das Infield tragen. Dazu feuerten Back in the Game, Raise the Flag und das neue Alive After Death (Last Plane Out) aus allen Rohren.

Bei all dem Spektakel durfte man beinahe vergessen, wie präzise diese scheinbar völlig entfesselte Rock’n’Roll-Maschine arbeitet. Ryan O’Keeffe drosch stoisch den Takt in den Boden, Bass und Rhythmusgitarre schoben mit der Eleganz eines voll beladenen Roadtrains nach vorn, während Joel selbst in Bewegung kaum eine Note schuldig blieb. Breakin’ Outta Hell und Live It Up lebten deshalb nicht allein von der Show, sondern von diesem ungeheuer kompakten Bandsound, der selbst die hintersten Bereiche des Infields noch kräftig durchlüftete.

Das Publikum nahm die Einladung dankbar an, reckte Fäuste und Becher in die Höhe und verwandelte jeden Refrain in eine kollektive Stimmbandprüfung. Natürlich folgt bei AIRBOURNE vieles einem bekannten Ablauf, doch wenn eine Inszenierung derart zuverlässig funktioniert, verlangt schließlich auch niemand vom Kneipenwirt, das Bier künftig in einer Teekanne zu servieren. Diese Band kennt ihre Zutaten, dosiert sie großzügig und schenkt grundsätzlich über den Eichstrich aus.

Spätestens bei Ready to Rock und Runnin’ Wild gab es ohnehin kein Halten mehr. Raffiniert ist dieser Rock’n’Roll ungefähr so sehr wie ein Ziegelstein mit Henkel – aber genauso zuverlässig trifft er sein Ziel. AIRBOURNE erfinden nichts neu, müssen sie auch nicht. Sie liefern Schweiß, Strom, fliegendes Bier und völlige Hingabe. Oder kurz gesagt: AIRBOURNE können einfach nicht schlecht.

KREATOR ließen gleich zu Beginn keinen Zweifel daran, dass der dritte Festivaltag mit maximalem Anspruch beendet werden sollte. Nach mehr als vier Jahrzehnten Bandgeschichte sind die Essener längst nicht mehr nur Thrash-Metal-Urgesteine, sondern eine international bestens geölte Großproduktion. Genau darin liegt für mich allerdings auch das Problem: Wo früher der Schweiß von der Kellerdecke tropfte, wird heute sehr viel inszeniert, ausgeleuchtet und auf größtmögliche Wirkung getrimmt. KREATOR sind mittlerweile manchmal mehr Theater als Thrash – und das ist nicht unbedingt meine liebste Entwicklung.

Nach dem vom Band eingespielten Iron-Maiden-Klassiker Run to the Hills eröffneten Seven Serpents, Hail to the Hordes und Enemy of God das Schlachtfest. Mille Petrozza hatte die Menge sofort unter Kontrolle, während Ventor hinter dem Schlagzeug weiterhin klang, als würde er mit einem Presslufthammer auf eine besonders widerspenstige Bordsteinkante einwirken. Das neue Material wie Satanic Anarchy, Krushers of the World oder Loyal to the Grave funktionierte im mächtigen Livesound durchaus ordentlich, wirkte neben den älteren Geschossen aber stellenweise fast ein wenig zu sauber gebügelt.

Spätestens bei People of the Lie und Betrayer wurde deutlich, wo für mich der eigentliche Hammer hängt. Diese alten Gassenhauer brauchten weder große Gesten noch zusätzlichen Firlefanz – sie rissen einfach alles ein, was die neueren Nummern zuvor sorgfältig aufgebaut hatten. Auch Endless Pain, Violent Revolution und das abschließende Pleasure to Kill besaßen jene rohe Boshaftigkeit, die KREATOR einst zu einer der wichtigsten deutschen Thrash-Metal-Bands machte. Da war plötzlich wieder Schmutz unter den Fingernägeln und nicht nur Hochglanz auf der Bühnenkante.

Ein echter Höhepunkt war der Gastauftritt von Britta Görtz bei Tränenpalast. Ihre aggressive Stimme bildete einen starken Kontrast zu Milles markantem Organ und verlieh dem Song deutlich mehr Biss, als er auf Platte für mich entfalten kann. Auch Phantom Antichrist, 666 – World Divided und Hordes of Chaos sorgten dafür, dass zwischen all der modernen Inszenierung genügend musikalischer Sprengstoff lagerte.

Unterm Strich lieferten KREATOR einen professionellen, druckvollen und durchaus unterhaltsamen Auftritt ab. Meine große Thrash-Offenbarung war das dennoch nicht, denn dafür steht mir inzwischen zu viel Kulisse zwischen Band und Abrissbirne. Die alten Stücke gewannen diesen internen Generationenkonflikt jedenfalls mit deutlichem Punktsieg. Ein ordentlicher Gig – mehr aber auch nicht. Manchmal braucht es eben keinen Palast: Ein Keller, vier Musiker und gepflegte Gewalt hätten mir völlig gereicht.

SAINT CITY ORCHESTRA waren mir bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen unbekannt. Die seit 2013 aktive Truppe aus St. Gallen durfte als nächtlicher Afterheadliner noch einmal jene Lebensgeister wecken, die nach einem langen Festivaltag bereits mit Isomatte und Schlafsack verhandelten. Ihr Schweizer Folk Punk verband treibende Gitarren mit Akkordeon, Violine und kräftigen Chören – musikalisch irgendwo zwischen irischer Kneipe, Punkrock-Club und kollektivem Kontrollverlust nach dem letzten Bier.

Während wir uns langsam auf den Weg ins Camp machten, blieb der Sound erstaunlich druckvoll und klar. Große Überraschungen bot das Genre zwar nicht, doch SAINT CITY ORCHESTRA spielten mit so viel Schwung und ehrlicher Begeisterung, dass man ihnen unmöglich böse sein konnte. Die eingängigen Melodien funktionierten selbst noch aus wachsender Entfernung, die Refrains luden zum Mitgrölen ein und der Rhythmus gab den müden Beinen wenigstens die Illusion, noch halbwegs elegant über das Gelände zu marschieren.

Damit lieferten die Schweizer einen vollkommen ordentlichen Soundtrack für den Rückweg und setzten hinter den dritten Festivaltag einen beschwingten, bierseligen Schlusspunkt. Im Camp angekommen, wurde schließlich Bilanz gezogen: Die Gewinner des Tages hießen BIOHAZARD, DIE APOKALYPTISCHEN REITER und AIRBOURNE. Die mit Abstand größte Überraschung waren jedoch P.O.D., die vermutlich selbst den letzten Skeptiker einmal kräftig durchgeschüttelt hatten. SAINT CITY ORCHESTRA wiederum sorgten dafür, dass wir nicht einfach ins Bett gingen, sondern folkloristisch begleitet dorthin schwankten.


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