Alben des Jahres 2025

DIE Alben DES MONATS (05/26)

Aktuelle Reviews

Q&A - Die Interviews

Tales from the hard side

Wir hörten früher gerne

So fing alles an

TFTHS Classic vom 31.03.2023 mit Holy Moses

Aktuelle Meldungen

Aktuelle Meldungen

Live on Stage Review: METALLICA | GOJIRA | KNOCKED LOOSE

30.05.2026 – Berlin @ Olympiastadion


Der Freitagabend im Kesselhaus mit MY’TALLICA war bereits wie ein gut gekühltes Wegbier auf dem Weg in den Wahnsinn gewesen. Man stand dort, leicht angeschickert, glücklich, mit brummendem Nacken und dachte sich irgendwo zwischen Creeping Death und Bier Nummer fünf: „Na, viel größer kann das Original jetzt auch nicht mehr werden.“ Eine These, die sich ungefähr fünf Minuten nach Betreten des Berliner Olympiastadions pulverisierte wie eine Bierdose unter einem Army Boot.

Bei der ersten Besichtigung fiel mir schon die Kinnlade runter. Was für ein Aufbau. Unglaublich! Dieses Ding war keine Konzertbühne mehr, sondern ein eigenes Stadtviertel aus Stahl. Die kreisrunde M72-Bühne maß rund 36 Meter im Durchmesser und stand mitten im Stadion wie eine futuristische Raumstation. Gewaltige Videotürme ragten in den Berliner Himmel, unzählige Kilometer Kabel verschwanden unter dem Innenraum, dazu Flammenwerfer, Pyrotechnik, Lichtanlagen und eine Technikcrew, die vermutlich eine mittlere Kleinstadt hätte versorgen können. Tage zuvor war das Olympiastadion bereits zur Großbaustelle geworden, weil diese Konstruktion selbst für internationale Stadionmaßstäbe eine Ausnahmeerscheinung darstellt.

Das eigentlich Verrückte daran: Diese Konstruktion diente nicht nur der Optik. Durch das sogenannte „In The Round“-Konzept konnte das Olympiastadion deutlich mehr Menschen aufnehmen als normalerweise. Während bei Fußballspielen knapp über 74.000 Zuschauer Platz finden, drängten sich an diesem Abend rund 95.000 Fans ins Rund. Damit pulverisierten METALLICA den bisherigen deutschen Stadionrekord und übertrafen sogar den U2-Rekord aus dem Jahr 2009. Man musste sich diese Zahl immer wieder vor Augen führen: Fünfundneunzigtausend Menschen. Das ist keine Konzertmenge mehr, das ist eine Kleinstadt mit Kutten, Bandshirts und Bierbechern.

Und genau diese Dimensionen spürte man den ganzen Abend über. Wenn James Hetfield in die Menge blickte, sah er nicht einfach Publikum. Er blickte auf die größte Menschenmenge, die jemals für ein Stadionkonzert in Deutschland zusammengekommen war. Selbst von den obersten Rängen aus wirkte das Innenfeld wie ein endloses Meer aus Köpfen, Fahnen, Hörnern und erhobenen Händen. Als bei Nothing Else Matters zehntausende Handylichter gleichzeitig aufleuchteten, sah das Olympiastadion aus, als hätte jemand einen Sternenhimmel auf die Erde gezogen. Doch dazu kommen wir später noch…

Dazu dieses perfekte Wetter. 24 Grad, leicht bewölkt, angenehme Abendluft, kein Regen, keine brütende Affenhitze — also exakt jenes Open-Air-Wetter, bei dem man bereits beim ersten Bier ahnt, dass die Nacht komplett eskalieren könnte. Und natürlich floss vorher schon ausreichend Hopfenkaltschale durch die Kehlen der Hauptstadt-Metaller. Außerdem hatte es fast etwas Rührendes, das Olympiastadion endlich mal wieder randvoll zu erleben. Meine Hertha schafft das ja mittlerweile ungefähr so zuverlässig wie Lars Ulrich einen kompletten Song ohne kreative Neuinterpretation seines eigenen Tempos.

Weniger rührend dagegen: die Preise. Alter Schwede. Für das, was mittlerweile an den Getränkeständen aufgerufen wird, bekam man früher ein komplettes Festivalwochenende inklusive Dosenbier-Frühstück und Matschschuhen gratis dazu. Und dass die Cateringfirma Aramak im Olympiastadion offenbar weiterhin denkt, Menschen mit Diabetes könnten sich ja einfach an einem Wasserhahn emotional berauschen, bleibt eine Frechheit sondergleichen. Zuckerfreie Alternativen? Fehlanzeige. „Dann trinken Sie halt Wasser“ war sinngemäß noch die freundlichste Antwort. Meine Frau hätte sich ebenfalls gerne gepflegt einen angeheiterten Abend gegönnt, stattdessen fühlte man sich eher wie ein lästiger Störfaktor im Premium-Konsumtempel. Das nervt. Und zwar gewaltig. Doch zurück zur Musik. Oder zumindest zu dem, was bei KNOCKED LOOSE musikalisch hätte sein sollen.

Ich versuche wirklich offen zu bleiben. Ehrlich. Jede Generation braucht ihre eigene Abrissbirne. Aber was die Amerikaner da veranstalteten, war für meinen Geschmack ungefähr so subtil wie ein Presslufthammer im Schlafzimmer. Zwei bis drei Riffs, ungefähr elftausend Breakdowns, dazu ein Soundbrei, bei dem man stellenweise nicht wusste, ob gerade ein Song lief oder backstage jemand einen Kühlschrank eine Betontreppe herunterwarf. Selbst mit besserem Sound hätte mich dieser Metalcore-Zirkus vermutlich nicht abgeholt. Und diese Band war ernsthaft Grammy-nominiert? Das erklärt dann auch sehr viel über amerikanische Musikjournalisten. Immerhin störte der suboptimale Klang hier kaum, weil ich ohnehin froh war, als der Spuk vorbei war.

Zum Glück betraten danach GOJIRA die Bühne und erinnerten das Stadion daran, dass moderne Härte auch mit Atmosphäre, Dynamik und musikalischer Klasse funktionieren kann. Die Franzosen wirkten wie eine perfekt geölte Maschine mit Herz und Hirn. Joe Duplantier röhrte, grinste und schleuderte seine Ansagen ins Rund, während sein Bruder Mario hinter dem Schlagzeug spielte, als wolle er gleichzeitig acht Arme koordinieren und ein Kernkraftwerk bedienen. Und die Setlist? Stark. Richtig stark.

Schon Born for One Thing machte klar, dass hier keine Gefangenen gemacht werden würden. Amazonia walzte wie ein tonnenschwerer Dschungelpanzer durchs Stadion, Silvera brachte erstmals richtig Bewegung in die Massen und bei Stranded sang plötzlich halb Berlin mit. Besonders schön war natürlich Flying Whales, das live ohnehin immer wirkt, als würde ein riesiger Leviathan direkt durchs Olympiastadion schwimmen. Selbst Mea Culpa funktionierte hervorragend in diesem riesigen Rahmen. Klar, auch hier blieb der Sound nicht perfekt. Gerade im oberen Rund verschwammen manche Gitarrenlinien ein wenig. Aber dafür, dass dieses Stadion akustisch ungefähr denselben Ruf besitzt wie ein Flughafenhangar, war das erstaunlich ordentlich. Vor allem aber machten GOJIRA genau das, was gute Supports bei solchen Mammutshows tun müssen: Sie heizten das Publikum an, ohne sich zu verheizen.

Und dann wurde es dunkel.

Dieses Kribbeln kurz vor dem Auftritt von METALLICA ist mittlerweile fast ein Naturgesetz. Egal wie oft man die Band gesehen hat, egal wie viele Jahrzehnte vergangen sind — sobald The Ecstasy of Gold erklingt, schaltet das Gehirn kollektiv in den Ausnahmezustand. Das Olympiastadion explodierte förmlich. 95.000 Menschen brüllten, filmten, schrien, prosteten sich zu und verwandelten das Rund in einen einzigen pulsierenden Hexenkessel. Der Einstieg mit Creeping Death war natürlich maximaler Fanservice. Und genau deshalb funktionierte es so grandios. Diese „Die! Die!“-Chöre ließen selbst die Stahlträger der Bühne erzittern. Danach folgte For Whom the Bell Tolls, dessen ikonischer Basslauf immer noch klingt, als würde der Weltuntergang persönlich zur Arbeit erscheinen.

Überhaupt wirkte die Setlist wie ein gigantischer Querschnitt durch die Karriere der Band, auch wenn mir der Fokus etwas zu sehr auf dem schwarzen Album lag. Nur jeweils ein Song von Kill ’Em All und Master of Puppets? Das war schon arg wenig. Gerade wenn man bedenkt, welche Schätze dort noch herumliegen. Trotzdem funktionierte der Abend unfassbar gut. Verrückt eigentlich.

Of Wolf and Man war eine herrlich dreckige Überraschung und zeigte erneut, wie unterschätzt manche Songs des schwarzen Albums bis heute sind. The Memory Remains verwandelte das Stadion in einen gigantischen Mitsingchor, während bei 72 Seasons auffiel, wie erstaunlich frisch und lebendig neues Material live noch immer wirken kann. Bei The Unforgiven wurde es emotionaler. Tausende Handys leuchteten das erste Mal durchs Rund wie moderne Feuerzeuge einer digitalen Generation. Danach trat Fuel dem Abend dann wieder mit Stahlkappen in die Magengrube.

Und ja… dann kam tatsächlich Sonne. Sorry. Ich weiß, viele fanden das geil. Ich nicht. Braucht kein Mensch. Ein erzwungenes Rammstein-Cover von Kirk und Rob wirkt ungefähr so notwendig wie Ketchup auf Kaviar. Nett gemeint vielleicht, aber warum? Für diese Minuten hätte man locker einen eigenen Klassiker ausgraben können. Damage Inc., Blackened, Disposable Heroes — irgendetwas. Stattdessen dieses etwas bemüht wirkende „Schaut mal wie international und cool wir sind“-Intermezzo. Nicht katastrophal, aber eben vollkommen überflüssig. Danach zog die Band das Niveau aber wieder mühelos hoch.

The Day That Never Comes funktionierte live gigantisch, besonders in der zweiten Hälfte, wenn das Stück komplett eskaliert. Wherever I May Roam hatte diesen herrlich staubigen Wanderer-Vibe, ehe bei Nothing Else Matters endgültig sämtliche Feuerzeugromantiker ihre große Stunde bekamen. Bei Sad But True vibrierte das Olympiastadion wie ein startender Panzer. Und One? Meine Fresse. Endlich wieder Explosionen, Feuer, Pyros, Chaos — genau so muss dieser Song aussehen. 2019 wirkte das noch etwas entschärft, diesmal hingegen war das komplette Programm zurück. Schüsse, Flammen, Druckwellen. Für ein paar Minuten sah Berlin aus, als hätte jemand versehentlich einen kleinen Krieg ins Olympiastadion verlegt.

Natürlich passierten auch die üblichen METALLICA-Dinge. Lars versemmelte hier und da ein Fill, Hetfield stolperte gelegentlich durch Textzeilen, Kirk suchte vereinzelt Töne wie andere Leute ihren Autoschlüssel nach zwölf Bier. Aber wen interessiert das ernsthaft? Diese Band steht seit über vier Jahrzehnten auf den größten Bühnen der Welt und wirkt trotzdem immer noch, als hätte sie Spaß an diesem ganzen Wahnsinn. Genau das macht sie so sympathisch. Perfektion wäre hier beinahe langweilig. Und ehrlich…hätte der Fuchs nicht geschissen, hätte er einen Hasen gefangen.

Seek and Destroy verwandelte das Stadion schließlich endgültig in eine einzige Partyzone, bevor Master of Puppets natürlich alles niederwalzte. Dieser Song funktioniert live mittlerweile wie ein Naturereignis. Unaufhaltsam. Gewaltig. Zeitlos. Und als zum Schluss Enter Sandman erklang und das abschließende Feuerwerk den Berliner Himmel in Brand setzte, stand man dort mit klingelnden Ohren, müden Beinen und diesem breiten Grinsen im Gesicht, das nur ganz große Konzertabende hinterlassen.

War das das beste METALLICA-Konzert meines Lebens? Nein. Dafür sitzen Waldbühne, Hannover 1990 oder auch die legendäre Loreley-Show von 1985 einfach zu tief im emotionalen Gedächtnis. Aber das hier war ohne jeden Zweifel das spektakulärste. Gigantischer. Größer. Lauter. Bombastischer. Eine komplette Metal-Großoffensive aus Stahl, Feuer und Nostalgie.

Und obwohl ich weiterhin über Cateringpreise fluche, das Sonne-Cover albern finde und mir zwei oder drei Thrash-Klassiker mehr gewünscht hätte, verließ ich dieses Stadion mit exakt derselben Erkenntnis wie vermutlich zehntausende andere Menschen an diesem Abend: Wenn vier ältere Herren aus Kalifornien noch einmal beschließen, Berlin in Schutt und Asche zu legen, wird man vermutlich wieder dort stehen. Mit Bier in der Hand, Schmerzen im Rücken und einem debilen Grinsen im Gesicht. Und genau so soll es sein.




FESTIVAL TIPS 2026


SOCIAL MEDIA

Album der Woche

Album des Monats

Album des Jahres

MERCH

70.000 Tons 2024

The new breed

GROTESQUE GLORY

mottenkiste

P P P

ZO SONGCHECK

V.I.P.

alter Z.O.F.F.

Unsere Partner

Join the Army

Damit das klar ist