Alben des Jahres 2025

DIE Alben DES MONATS (06/26)

Aktuelle Reviews

Q&A - Die Interviews

Tales from the hard side

live on stage reports

Wir hörten früher gerne

So fing alles an

CD-Reviews K-M

MADBALL – Not your Kingdom (2026)

(10.360) Olaf (8,7/10) Hardcore


Label: Nuclear Blast
VÖ: 24.07.2026
Stil: Hardcore






Meine erste Begegnung mit MADBALL fühlte sich damals an wie ein unbeabsichtigter Tritt in eine offenstehende Kellertür: dunkel, schmerzhaft und trotzdem irgendwie lebensverändernd. Seitdem steht der Name für eine ziemlich einfache Rechnung: Groove plus Wut plus Straße ergibt Hardcore. Daran ändert auch Not Your Kingdom nichts. Warum sollte man nach fast vier Jahrzehnten plötzlich mit Klangschalen, Querflöte und einem musikalischen Selbstfindungsseminar anfangen?

Die New Yorker reißen ihre Vergangenheit diesmal nur kurz an, anstatt sie feierlich durchs Hardcore-Museum zu tragen. Aus dem Umfeld von AGNOSTIC FRONT entstanden, wurden MADBALL längst selbst zu einer der tragenden Säulen des NYHC. Acht Jahre nach For the Cause und erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit ohne Jorge „Hoya Roc“ Guerra am Bass hätte Album Nummer zehn allerdings zur heiklen Angelegenheit werden können. Doch Paul Delaney füllt die entstandene Lücke nicht wie ein Aushilfsarbeiter mit Besucherausweis, sondern als Teil der Familie. Gitarrist Mike Gurnari und Schlagzeuger Mike Justian sind ohnehin nur auf dem Papier die „neuen Leute“: Sieben beziehungsweise 15 Jahre Bandzugehörigkeit reichen bei anderen Formationen bereits für Gründung, Auflösung, Reunion und Abschiedstournee.

Knapp 30 Minuten, 14 Tracks, keine überflüssigen Höflichkeiten. Zwei der Stücke sind kurze Zwischenspiele, der Rest tritt die Tür ein, erledigt die Arbeit und verschwindet, bevor jemand den Sicherheitsdienst rufen kann. Tethered stellt sofort klar, dass MADBALL weder eingerostet noch altersmilde sind. Das Riffing schiebt, die Rhythmusgruppe stampft und Freddy Cricien klingt, als habe man ihm kurz vor der Aufnahme erklärt, sein Parkplatz sei jetzt gebührenpflichtig. Seine Stimme besitzt weiterhin diese einzigartige Mischung aus Anklage, Durchhalteparole und der glaubwürdigen Androhung körperlicher Konsequenzen.

Dabei bleiben MADBALL nicht ausschließlich im vertrauten Midtempo-Groove stecken. Die Platte verbindet hektische Punk-Attacken, metallische Riffs, vereinzelte Blastbeats, massive Breakdowns und jene Gangshouts, bei denen selbst friedliebende Menschen plötzlich anfangen, mit den Armen zu rudern. Die Unterschiede zum klassischen Bandsound liegen in den Details. Einige Refrains fallen eingängiger aus, manche Passagen wirken nachdenklicher und die kurzen akustischen Einsprengsel verleihen dem Album eine überraschend stimmige Dramaturgie. Das ist keine Neuerfindung, aber eine spürbare Erweiterung, ohne dass dabei der Betonstaub aus den Klamotten geklopft wird.

Rebel Kids bringt diesen Spagat besonders gut auf den Punkt. Der Song marschiert mit breitem Groove, metallischem Druck und einem starken Refrain los, richtet sich inhaltlich aber weniger gegen eine bestimmte Generation als gegen Rebellion als modisches Accessoire. „Rebel kids don’t follow trends / Not when I was coming up / We questioned everything / Seems that’s coming to an end.“ Cricien beobachtet eine Szene, in der Widerstand zunehmend aus dem passenden Shirt, der richtigen Pose und einer ausreichend empörten Internetmeinung besteht. Früher stellte man Autoritäten infrage, heute fragt man den Algorithmus, welche Haltung gerade Reichweite bringt.

Insgesamt blickt Cricien auf Not Your Kingdom häufiger über den Rand des Moshpits hinaus. Es geht um Herkunft, Überleben, Familie, gesellschaftliche Spaltung und den Eindruck, dass diejenigen mit den sichtbaren Schlüsseln noch lange nicht Eigentümer des Gebäudes sind. Aus der Zeile „You hold the keys but it’s not your kingdom“ in What Say You leitet sich der Albumtitel ab. Regierungen, Parteien und ihre jeweiligen Anhängerschaften streiten um die Einrichtung, während die wirklich Mächtigen offenbar längst den Grundbucheintrag besitzen. Man muss nicht jede Schlussfolgerung teilen, um die dahinterstehende Entfremdung nachvollziehen zu können.

Cricien präsentiert diese Gedanken nicht als politikwissenschaftliches Referat. Er bleibt direkt, misstrauisch und tief in jener Punk- und Hardcore-Haltung verwurzelt, die persönliche Freiheit über gesellschaftliche Anpassung stellt. Gleichzeitig wirken viele Texte persönlicher als früher. Erfahrungen aus fast vier Jahrzehnten werden nicht nostalgisch verklärt, sondern als Warnungen und Ratschläge weitergegeben. Familie bedeutet dabei nicht nur Blutsverwandtschaft, sondern Loyalität, Verantwortung und die Bereitschaft, stehenzubleiben, wenn sich andere längst verpisst haben.

Und dann ist da noch IWI. 29 Sekunden. Deutsche Schimpfwörter. Gebrüllt von einem New Yorker, der sie im Laufe unzähliger Tourneen offenbar nicht nur aufgeschnappt, sondern sorgfältig archiviert hat. Goethe hätte vermutlich um eine zweite Strophe gebeten, MADBALL reichen eine halbe Minute. Inhaltliche Feinzeichnung findet woanders statt – hier wird einfach auf Deutsch beleidigt, bis die Zeit um ist. Herrlich bescheuert, vollkommen unerwartet und gerade deshalb einer jener Momente, die man sofort noch einmal hören muss.

Aufgenommen wurde Not Your Kingdom ausgerechnet in Nashville, das bislang nicht zwingend als Geburtsstation für NYHC-Brutalität bekannt war. Andrew Baylis produzierte gemeinsam mit der Band, unterstützt von Aiden Thompson und Grady Saxman; Mix und Mastering übernahm Lee Rouse. Das Ergebnis klingt modern, druckvoll und ausgesprochen fett, ohne klinisch glatt zu wirken. Der Bass besitzt genügend Eigenleben, die Drums knallen natürlich und die Gitarren behalten trotz aller Wucht ihre Konturen. Auch Freddy wurde nicht unter Effekten begraben. Er sitzt im Mix genau dort, wo er hingehört: mitten auf dem Brustkorb.

Natürlich sind MADBALL weiterhin sofort als MADBALL zu erkennen. Überraschungen entstehen hier nicht durch stilistische Verrenkungen, sondern durch kleine Veränderungen innerhalb eines seit Jahrzehnten abgesteckten Reviers. Das Album besitzt mehr Tempo, mehr Details und eine größere inhaltliche Bandbreite, ohne seinen Kern zu verleugnen. Lediglich die Zwischenspiele nehmen der Platte an manchen Stellen etwas Schwung. Bei einer Gesamtspielzeit von nicht einmal einer halben Stunde fällt das jedoch kaum ins Gewicht.

Not Your Kingdom ist kein nostalgischer Rundgang durch die New Yorker Hardcoregeschichte und auch kein verzweifelter Versuch, einer jüngeren Generation hinterherzurennen. Die Platte klingt hungrig, geschlossen und glaubwürdig. Der Abgang eines so prägenden Musikers wie Hoya hätte ein gewaltiges Loch reißen können; stattdessen hat die aktuelle Besetzung daraus eine zusätzliche Tür gebaut und diese anschließend mit voller Wucht eingetreten.

ANSPIELTIPS
🔥Rebel Kids
💀Stab Wounds
🤬IWI


Bewertung: 8,7 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Tethered
02. Flammable
03. Rebelude
04. Rebel Kids
05. Don’t MisStep
06. What say you
07. Stab Wounds
08. Sunrise
09. Life’s Mural
10. Family first
11. Clockwork
12. IWI
13. The Ride
14. Chase a Dream 



SOCIAL MEDIA

Album der Woche

Album des Monats

Album des Jahres

MERCH

70.000 Tons 2024

The new breed

GROTESQUE GLORY

mottenkiste

P P P

ZO SONGCHECK

V.I.P.

alter Z.O.F.F.

Unsere Partner

Join the Army

Damit das klar ist