TFTHS Classic vom 10.11.2023 mit Tom G.Warrior
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Q&A – Das Interview: SOULBURN
Zu leben, hier und jetzt, mit bewusster Absicht
Mit ihrem fünften Album Quantifying Cosmic Doom setzen SOULBURN ihren konsequenten Weg zwischen Death Metal, Doom und Black Metal fort. Was einst aus der Asche von ASPHYX entstand, hat sich längst zu einer eigenständigen Institution des extremen Metals entwickelt. Gemeinsam mit Frontmann Twan van Geel sprechen wir über kosmische Abgründe, düstere Geschichten, die Entwicklung der Band über drei Jahrzehnte hinweg und die Frage, warum Dunkelheit manchmal die schönste Farbe im Metal sein kann.
Hallo Twan, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Wie geht es dir, und wie fühlt es sich an, wenige Tage nach der Veröffentlichung von Quantifying Cosmic Doom auf die ersten Reaktionen der Fans zu blicken?
Überraschenderweise geht es mir – wenn man die anhaltenden Irrwege der hässlichsten Seiten der Menschheit auf diesem wunderschönen Planeten betrachtet – sehr gut. Es ist großartig zu sehen, wie positiv auf das neue Album reagiert wird, vor allem, weil wir hier nicht gerade den sichersten Weg eingeschlagen haben.
Obwohl ich fest davon überzeugt bin, dass das, was wir machen, genau dem entspricht, wo wir in unserem Leben aktuell stehen, ist es natürlich auch ein gewisses Risiko, ob die Leute diesen neuen Vibe annehmen oder eben nicht.
Davon abgesehen könnte ich ohnehin keine Musik für irgendjemanden anderen als mich selbst machen. Es würde keinen Sinn ergeben, ein Album zu schreiben, das die Leute von dir erwarten, wenn du selbst auf einer völlig anderen Frequenz unterwegs bist, was Kreativität und Kunst betrifft.
Ich denke, die Bedeutung deiner Kunst wird mit zunehmendem Alter immer wichtiger, während die Gedanken darüber, was andere davon halten könnten, immer unwichtiger werden.
Das bestmögliche Ergebnis ist, wenn beides im Einklang steht. Und nach der ersten Woche seit der Veröffentlichung habe ich das Gefühl, dass genau das passiert und als perfekte Symbiose funktioniert.
Vielleicht verlieren wir einige alteingesessene, konservative Puristen, aber dafür gewinnen wir mehr Fans, die verstehen – oder zumindest nachvollziehen können –, was wir mit diesem neuen Vibe ausdrücken wollen. Und das ist ganz sicher eine hervorragende Position, in der man sich aktuell befinden kann.
Der Albumtitel Quantifying Cosmic Doom klingt nach etwas, das selbst Albert Einstein wahrscheinlich Kopfschmerzen bereitet hätte. Wie bist Du auf diesen Titel gekommen, und was bedeutet er für dich persönlich?
Wenn ich es auf ein einziges Wort reduzieren müsste, dann wäre es Furchtlosigkeit – allerdings nicht im oberflächlichen Sinn von Rücksichtslosigkeit. Vielmehr ist es eine stille Form der Auflehnung gegen die Schwerkraft der Existenz selbst. Der Titel bleibt in meinem Kopf, nicht als feststehende Idee, sondern als etwas Wandelbares, etwas, das sich je nach Tiefe der Gedanken und dem Zustand der Seele, die sich mit ihm auseinandersetzt, neu formt. Er atmet anders, wenn man sich ihm nur flüchtig nähert, und verdunkelt sich, wenn man sich entscheidet, tiefer in seine unsichtbare Materie hinabzusteigen.
Auf einer Ebene wird er zu einer intimen Konfrontation mit dem eigenen Selbst: dem Gewicht von Ängsten, der langsamen Erosion von Sinn und der eigentümlichen Einsamkeit, die entsteht, wenn man von Menschen umgeben und dennoch unsichtbar ist. Er handelt vom Kampf, Licht im Lärm zu finden, sich über die unsichtbaren Ablagerungen zu erheben, die sich auf den Geist legen und ihn im Zweifel gefangen halten. Es geht darum, mitten im Chaos zu stehen und sich dennoch zu weigern, darin aufzugehen.
Auf einer anderen Ebene wächst dieser Gedanke über das Persönliche hinaus und richtet den Blick auf das Kosmische. Er wird zu einer Meditation über Enden – nicht nur über das Ende von Momenten oder Identitäten, sondern über das Ende der Existenz selbst. Über das stille, unausweichliche Auseinanderfallen des Universums. Über den Gedanken, dass alles, was wir kennen, alles, was wir sind, auf einen Horizont zusteuert, den wir weder überschreiten noch begreifen können. Und dennoch liegt in diesem Bewusstsein etwas seltsam Befreiendes.
Ich erinnere mich daran, genau diesen Worten begegnet zu sein, als meine Frau gerade „The End of Everything (Astrophysically Speaking)“ von Katie Mack las. Es war der Titel eines Kapitels – schlicht und doch gewaltig, getragen von einer Schwere, die sofort etwas in mir zum Klingen brachte. Es fühlte sich weniger wie ein Zufall an als vielmehr wie ein Wiedererkennen, als hätte diese Formulierung nur darauf gewartet, ihren Platz zu finden.
Und genau in diesem Moment fügte sie sich perfekt zu dem, was Eric erschaffen hatte. Die Musik trug bereits dieselbe Weite in sich – vielschichtig, komplex und in ihrer Tiefe beinahe architektonisch. Diese Songs existierten nicht einfach nur; sie entfalteten sich und offenbarten mit jedem Hördurchgang neue Dimensionen. Irgendwann war es unbestreitbar: Das hier war mehr als Musik. Es war Philosophie, übersetzt in Resonanz – eine Erkundung von Größenordnungen, die von den tiefsten Rissen der menschlichen Psyche bis hin zum äußersten Kollaps des Kosmos reicht.
Furchtlosigkeit bedeutet demnach nicht die Abwesenheit von Angst. Sie ist die Bereitschaft, sowohl der Dunkelheit im eigenen Inneren als auch der Unendlichkeit jenseits davon ins Auge zu blicken – und im Akt des Hinschauens einen Sinn zu finden.
Bitte erkläre uns das lyrische Konzept hinter dem Album. Gibt es einen roten Faden, der die Songs miteinander verbindet, oder handelt es sich eher um einzelne Geschichten innerhalb eines gemeinsamen Universums?
In gewisser Weise handelt es sich tatsächlich um ein Konzept, ja, und genau deshalb habe ich es in Kapitel unterteilt: um dem Ganzen eine gewisse stille Kohärenz zu verleihen, eine verborgene Architektur unter der Oberfläche. Was ich durch das gesamte Album hindurch verweben möchte, ist eine einfache und zugleich unendliche Idee: dass alles für sich genommen ein in sich vollständiges Universum ist.
Ganz gleich, ob man sich nach innen wendet und in die Tiefen des eigenen Selbst hinabsteigt oder den Blick nach außen in die unermessliche Weite richtet – immer wieder beginnen dieselben Muster sichtbar zu werden: Linien und Formen, Bewegungen und Kräfte, Gestalten, die sich über verschiedene Ebenen hinweg spiegeln und wiederholen. Alle Dinge, egal wie klein oder unermesslich groß sie sein mögen, scheinen in derselben unsichtbaren Strömung zu treiben, gebunden an das, was wir in unserer menschlichen Begrenztheit Zeit genannt haben.
Doch das meiste davon bleibt weit außerhalb unseres Verständnisses. Und genau dort, an der Grenze des Begreifbaren, in jener leuchtenden Ungewissheit, zieht es mich beim Schreiben immer wieder hin. Die Musik von Soulburn wird dabei zu einem Gefäß, das diese Reise ermöglicht – losgelöst von Schwerkraft und Grenzen und fähig, Gedanken an Orte zu tragen, die Sprache allein nur schwer erreichen kann.
Und so wie die Musik sollte auch das Wort sich jeder Endgültigkeit widersetzen. Texte müssen, vielleicht sogar noch behutsamer, eine gewisse Offenheit bewahren, eine notwendige Mehrdeutigkeit. Sie sind nicht dazu bestimmt, Antworten zu liefern, sondern sich weiterzuentwickeln. Ihre Bedeutung soll sich mit jeder Begegnung verändern und je nach Blickwinkel andere Facetten offenbaren. Etwas, zu dem man zurückkehren kann, mit dem man ringen, durch das man wandern kann. Oder ganz einfach etwas, das man fühlen kann – etwas, das die Fantasie entfacht und noch lange nach dem Verklingen der letzten Töne still im Hörer weiterlebt.
In meinem Review hatte ich den Eindruck, dass die Musik ständig zwischen gewaltiger Zerstörungskraft und einer fast spirituellen Atmosphäre pendelt. Ist genau dieses Spannungsfeld der Kern von SOULBURN?
Schau, wenn wir tatsächlich aus Sternenstaub geschmiedet wurden – verstreute Überreste sterbender Sonnen – und wenn dieses Album uns in dem Moment einfängt, in dem wir am stärksten mit diesem Ursprung im Einklang stehen, dann entsteht daraus etwas, das der ungefilterten Essenz des Menschseins sehr nahekommt.
Es wird zu einem lebendigen Sturm, einem atmenden, spiralförmigen Kosmos in sich selbst, einer Achterbahnfahrt des göttlichen Funkens, der versucht, sich aus der rostigen Maschinerie der Zeit zu befreien. Wie eine Flamme, gefangen in einem Käfig aus Glas, flackert, bricht und kämpft sie, windet sich unter Druck, beugt sich den Emotionen und formt sich immer wieder neu – wie geschmolzenes Metall unter unsichtbaren Händen.
Es legt alles schonungslos offen, bis hin zu den tiefsten Wurzeln, zum eigentlichen Kern dessen, was Soulburn im Jahr 2026 in diesem Moment bedeutet. Und wir haben das Gefühl, dass wir künstlerisch gerade erst an der Spitze des Eisbergs kratzen und noch längst nicht ausgeschöpft haben, was daraus entstehen kann.
Der Pressetext beschreibt das Album als den bisherigen Höhepunkt einer langen Reise durch viele Dimensionen und versteckte Pfade. An welchem Punkt während des Songwritings wurde euch klar, dass hier etwas Besonderes entstanden ist?
In dem Moment, als Eric mir die Blaupausen schickte, wie wir sie nennen (die rohen Demo-Tracks seiner Ideen), wusste ich, dass dieses Album etwas Besonderes werden würde – mehr noch als unsere vorherigen Veröffentlichungen.
Bist du mit dem Begriff Chromästhesie vertraut? [Die Chromästhesie (auch Ton-Farbe-Synästhesie) ist eine seltene neurologische Besonderheit (eine Form der Synästhesie), bei der akustische Reize wie Töne, Klänge oder gesprochene Wörter unwillkürlich und automatisch zusätzliche visuelle Wahrnehmungen von Farben, Formen oder Bewegungen auslösen – Olaf].
Dieses Phänomen spielte für mich eine große Rolle bei der Ausarbeitung des Albumkonzepts, der Titel, der Kapitel und des Cover-Artworks. Es war nicht einfach nur Schwarz und Grau; vielmehr begannen farbenreiche Rätselgestalten zu entstehen, sobald die Blaupausen in mein Unterbewusstsein eingesickert waren.
Das inspirierte mich auf vielen Ebenen und brachte mich auch dazu, bei meinem Gesang noch tiefer zu gehen. Die Musik hat mich regelrecht eingeladen und vollkommen in ihren Bann gezogen.
Sobald wir die Arrangements mit den Basslinien und dem Schlagzeug fertiggestellt hatten und die Texte Gestalt annahmen, gewann alles zunehmend an Zielgerichtetheit und Bedeutung. Es war eine äußerst bereichernde Erfahrung, das Album Stück für Stück zusammenwachsen zu sehen.
Natürlich verlieh die herausragende Produktion von Erwin Hermsen in den Toneshed Studios dem Ganzen die wohlverdiente letzte Veredelungsschicht. Dabei blieb kein Detail unbeachtet, wodurch das gesamte Album zu einer ausgesprochen abenteuerlichen Reise wurde, die den Hörer mit ihrer cineastischen Größe in ihren Sog zieht und ihren Platz als unser bislang ausgereiftestes Werk sichert.
Die Songtitel lesen sich teilweise wie Kapitel eines düsteren Science-Fiction-Romans. Was inspiriert dich stärker: klassische Literatur, Philosophie, kosmischer Horror oder die Realität selbst?
Das ist eine interessante Frage. Wenn ich darüber nachdenke und mich für nur eine Sache entscheiden müsste, dann wäre es die Philosophie – genauer gesagt ein ganz bestimmtes Buch. Dieses Buch vereint gewissermaßen alle von dir genannten Bereiche in sich. Ich spreche von Also sprach Zarathustra von Friedrich Nietzsche.
Der Stil des Werkes greift Elemente der klassischen Literatur auf und hat zahlreiche bedeutende Schriftsteller nach ihm inspiriert. Im Mittelpunkt steht Zarathustra, ein wandernder Lehrer, der nach Jahren der Einsamkeit von einem Berg herabsteigt. Begleitet wird er von einem Adler, der für Stolz, Stärke und Unabhängigkeit steht, sowie von einer Schlange, die Weisheit, List und Erkenntnis verkörpert. Gemeinsam macht er sich auf den Weg, um seine Philosophie mit den Menschen zu teilen.
Doch die Menschheit erweist sich oft als zu engstirnig und gefangen in ihrer egogetriebenen Natur. Daher scheitert Zarathustra immer wieder daran, seine Gedanken zu vermitteln. Trotzdem gibt er nicht auf und setzt seinen Weg unbeirrt fort. Seine Reise spiegelt Nietzsches Überzeugung wider, dass neue Denkweisen von der Gesellschaft häufig nur schwer akzeptiert werden – daher auch Phänomene wie Religion, starre Traditionen, Kriege, Egoismus und Gier.
Seit ich das Buch als Jugendlicher zum ersten Mal gelesen habe, fühle ich mich ihm tief verbunden. Etwa alle zehn Jahre kehre ich zu ihm zurück und entdecke dabei neue Bedeutungsebenen. Jede erneute Lektüre eröffnet frische Einsichten und neue Perspektiven.
Mit Songs wie Powehi, the Embellished Dark Source of Unending Creation oder M87 – What Hopes To Be Born? greift ihr astronomische und kosmologische Themen auf. Woher kommt deine Faszination für das Universum?
Die Mehrdeutigkeit unseres Kosmos – das Wo, das Warum, das Wie – hat schon immer etwas Rastloses in mir ausgelöst. Seit meiner Kindheit habe ich, wie so viele andere auch, immer wieder zu den Sternen aufgeblickt; nicht nur, um sie anzusehen, sondern um zu staunen und meinen Gedanken freien Lauf in das gewaltige Unbekannte zu lassen. In solchen Momenten wird man unweigerlich in den Bereich existenzieller Überlegungen gezogen.
Denn es scheint weder einen erdachten Gott noch einen menschlichen Verstand zu geben, der den Grund unserer Existenz vollständig begreifen könnte. Und vielleicht liegt genau darin der Sinn. Anstatt nach Gewissheit darüber zu suchen, was jenseits unseres Lebens liegt, was nach dem Tod kommen mag oder in welcher Form wir möglicherweise zurückkehren, habe ich eine andere Perspektive angenommen. Zu leben – hier und jetzt – mit bewusster Absicht.
Ethisch zu handeln, achtsam zu bleiben und Weisheit im gegenwärtigen Moment zu kultivieren. Denn es ist genau dieser Moment und die Entscheidungen, die wir in ihm treffen, die still und leise alles prägen, was darauf folgt. Die Zukunft ist in diesem Sinne nichts, das auf uns wartet; sie ist etwas, das wir fortwährend selbst erschaffen.
Diese Sichtweise auf die Welt hat mich vor sieben Jahren auch dazu geführt, den Veganismus anzunehmen – eine Entscheidung, von der ich lediglich bedauere, sie nicht früher getroffen zu haben. Es liegt eine stille und beständige Erfüllung darin, die eigenen Handlungen mit den eigenen Werten in Einklang zu bringen. In vielerlei Hinsicht ist dies eine Form innerer Kohärenz.
Vielleicht ist es genau das, was in „Also sprach Zarathustra“ so tief in mir nachhallt: der Aufruf, bewusst zu leben, über eine passive Existenz hinauszuwachsen und zum Autor des eigenen Lebens zu werden.In diesem Sinne erkenne ich, dass tatsächlich ein Teil Zarathustras in mir lebt.
Wenn du einen einzigen Song des Albums auswählen müsstest, der die Essenz von Quantifying Cosmic Doom am besten einfängt – welcher wäre es und warum?
Das musste einfach der Opener und zugleich die erste Single werden: The Braveheart of Nightmares. In vielerlei Hinsicht fängt dieser Song die Essenz des gesamten Albums in einem einzigen Stück ein. Von der Komposition über die Texte bis hin zu der Art und Weise, wie er den Hörer auf eine Reise mitnimmt, fühlt er sich wie ein echtes Abenteuer an.
Besonders liebe ich das Überraschungsmoment, wenn nach dem wilden Eröffnungsriff, das von unerbittlichen Blastbeats angetrieben wird, plötzlich die klaren Gesänge einsetzen. Dieser starke Kontrast erzeugt eine besondere Spannung und zieht einen sofort noch tiefer in die Atmosphäre des Songs hinein. Für mich ist das die perfekte Einführung in das Album.
Das ausgedehnte Ende deutet bereits früh an, dass dieses Album nicht dafür gedacht ist, an der Oberfläche zu bleiben oder lediglich einen schnellen, oberflächlichen Metal-Kick zu liefern. Stattdessen richtet es den Blick nach innen. Es bewegt sich in Wellen der Selbstreflexion und erkundet das Unbekannte.
Wenn ich versuche, diesen Song zu beschreiben, komme ich immer wieder auf die Vorstellung zurück, im Gewebe von Träumen und Albträumen zu existieren – in jenem Raum, in dem Realität und Fantasie miteinander verschwimmen. Genau dort lebt dieser Song.
Du bist bereits bei vielen bekannten Bands aktiv gewesen. Was unterscheidet die Arbeit mit SOULBURN von deinen Erfahrungen bei anderen Projekten?
Was diese Band für mich ausmacht, ist die Balance zwischen Professionalität sowie der kreativen Freiheit und dem Vertrauen, das mir die Jungs entgegenbringen. Im kreativen Prozess herrscht ein echtes Gefühl von gegenseitigem Respekt, wodurch sich alles ganz natürlich entwickeln kann.
Auf der Bühne verwandelt sich diese Professionalität in absolutes Vertrauen. Hinter mir stehen zwei langhaarige, headbangende Sechssaiten-Shredder, während im Rücken ein solides und verlässliches Schlagzeugfundament den Takt vorgibt. Wir sind keine Teenager mehr – kein Chaos, keine Egos, kein unberechenbares Verhalten. Nur Fokus, Erfahrung und die gemeinsame Hingabe zu dem, was wir tun. Wenn wir zusammenkommen, fühlt es sich an wie ein perfekt eingespieltes Team. Wir wissen, wer wir sind, wofür wir stehen, und tragen das mit Stolz und Überzeugung nach außen.
Außerdem gibt es etwas Einzigartiges in dem Sound, den wir entwickelt haben. Oft klingt keine andere Band wirklich wie wir, weil wir Doom-, Death- und Black Metal auf eine Weise miteinander verschmelzen lassen, die sich beinahe wie unsere eigene DNA anfühlt. Es geht dabei nicht nur um bestimmte Riffs oder Songstrukturen, sondern um den Gitarrensound, die Atmosphäre und den rohen, rauen Charakter meiner Stimme. Es ist etwas, das man eher spürt, als dass man es konkret benennen kann.
Im Vergleich zu meinen anderen Projekten fühlt sich dieses hier für mich am persönlichsten an – vor allem, weil ich hier auch Frontmann und Texter bin. Ein sehr guter Freund sagte kürzlich, nachdem wir das Album gemeinsam bei ein paar großartigen Craft-Bieren bei mir zu Hause gehört hatten: „Im Grunde betritt man den Geist von Twan van Geel.“ Und wenn das stimmt, dann wurde das Raumschiff, das euch durch mein unterbewusstes Theater des Absurden navigiert, von Mr. Daniels konstruiert. (lacht)
Eric gilt ja als einer der kreativen Köpfe der Band. Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen euch beiden beim Entstehen neuer Songs ab?
Zunächst einmal ist es eine absolute Ehre, mit jemandem zusammenzuarbeiten, den man ohne Übertreibung als Underground-Legende bezeichnen kann. Es gibt wirklich niemanden, der mit ihm vergleichbar wäre. Das gilt nicht nur für seine unverwechselbare Herangehensweise an das Songwriting, die sofort wiedererkennbar und äußerst einflussreich ist, sondern auch für ihn als Mensch.
Er vereint auf seltene Weise künstlerische Integrität, Authentizität und Individualität – Eigenschaften, die man heutzutage nur noch selten findet. In allem, was er tut, steckt eine besondere Tiefe und Aufrichtigkeit, sowohl musikalisch als auch persönlich, die ihn von anderen abhebt. Mit jemandem dieses Kalibers zusammenarbeiten zu dürfen, ist nicht nur inspirierend, sondern auch etwas, das ich sehr zu schätzen weiß und keineswegs als selbstverständlich betrachte.
Was das Songwriting betrifft, ist Eric Daniels als Hauptkomponist die treibende Kraft der Band. Er legt das Fundament, und anschließend arbeiten wir beide eng zusammen, um die Strukturen und Arrangements der Demos auszuarbeiten. Danach geht das Material an Kreft und Marc, die die Schlagzeugparts beisteuern und das rhythmische Rückgrat vervollständigen. Anschließend feilen Eric und ich weiter an den Songs, bis sich alles genau richtig anfühlt. Zu diesem Zeitpunkt habe ich in der Regel bereits eine sehr konkrete Vorstellung davon, in welche gesangliche Richtung die meisten Stücke gehen sollen.
Viele Bands sprechen von „Old School“, aber bei euch wirkt das niemals nostalgisch. Wie schafft ihr es, traditionell zu klingen und gleichzeitig neue Wege zu gehen?
Im Kern sind wir nach wie vor leidenschaftliche Musikliebhaber. Wir haben großen Respekt vor echtem Handwerk und vor Künstlern, die den Mut haben, ihren eigenen Weg zu gehen – Menschen, die keine Angst davor haben, eine unverwechselbare Identität zu entwickeln. Die sogenannte unheilige Dreifaltigkeit, die wir zuvor erwähnt haben, bildet dabei nach wie vor einen wichtigen Grundpfeiler. Doch darüber hinaus reichen unsere Einflüsse weit über diese Basis hinaus.
Aus der Vergangenheit schöpfen wir Inspiration von Bands und Künstlern wie Pink Floyd, David Bowie, Nick Cave, The Cure und Type O Negative – Künstlern, die keine Scheu hatten, Atmosphäre, Emotionen und Tiefe auf ihre ganz eigene Weise zu erforschen. Blickt man auf die Gegenwart, sind es Bands wie Dødheimsgard, Oranssi Pazuzu und Trelldom, die weiterhin Grenzen verschieben und uns damit nachhaltig beeindrucken.
In einer Welt, in der immer mehr Musik zunehmend gleichförmig klingt, ist unser natürlicher Instinkt, genau in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Wir kennen unsere Wurzeln, sie sind tief in uns verankert. Man hört sie in der Art, wie wir unsere Riffs spielen, im Klang, in der Intensität. Sie spiegeln sich auch in der Darbietung wider – in der Rohheit, der Überzeugung und der Energie hinter jedem einzelnen Wort, das ich ins Mikrofon schreie.
Was unsere Musik für uns „old school“ macht, ist nicht die Nachahmung vergangener Zeiten, sondern die Haltung und die Absicht dahinter. Und was sie frisch hält, ist das Bewusstsein darüber, woher wir kommen, kombiniert mit der Art und Weise, wie wir diese Einflüsse neu interpretieren und in etwas Eigenständiges verwandeln – unseren ganz persönlichen Klangcocktail, wenn man so will. Etwas, das gleichzeitig vertraut und verstörend wirkt.
Außerdem versuchen wir, die Dinge nicht zu zerdenken. Hinter dem Ganzen steckt weder ein konstruiertes Image noch ein künstlich erschaffenes Konzept. Es sind schlicht vier Individuen, die mit dem gemeinsamen Antrieb zusammenkommen, etwas Kraftvolles und Ehrliches zu erschaffen. Alles, was wir tun, basiert auf Authentizität – darauf, etwas Echtes in jede Note und jede Textzeile zu legen.
Es ist ein Gleichgewicht zwischen einer gewissen Reinheit in der Ästhetik und einer völligen Missachtung von Erwartungen. Ich bezeichne das manchmal als eine Form von „spiritueller Anarchie“ – eine Geisteshaltung absoluter kreativer Freiheit, bei der man kompromisslos seinen eigenen Weg geht. In vielerlei Hinsicht ist das neo-satanisch: Es bedeutet, bewusst außerhalb der Norm zu stehen, sich dieser Position vollkommen bewusst zu sein und sie mit Überzeugung und Selbstvertrauen anzunehmen.
Welche Rolle spielt die Live-Atmosphäre für Songs, die so episch und atmosphärisch aufgebaut sind wie auf dem neuen Album?
Es spielt eine entscheidende Rolle. Für mich sollte sich die Bühne weniger wie ein Ort der Darbietung anfühlen und vielmehr wie ein Abstieg in eine andere Welt. Mich zieht eine dunkle, alles verschlingende Atmosphäre an – etwas, das an diese alten Venom-Live-VHS-Aufnahmen erinnert. Schatten statt Spektakel. Licht, das nicht zu viel preisgibt, sondern vielmehr andeutet, verschleiert und den Zuschauer in seinen Bann zieht.
Die Farbpalette sollte minimalistisch, aber bewusst gewählt bleiben: kalte, durchdringende Blautöne, tiefes, unheimliches Grün im Geiste von Type O Negative und gelegentliche mystische Magenta-Blitze – beinahe wie Signale aus einer anderen Dimension. Das Licht muss lebendig wirken, mit der Musik atmen und sie nicht bloß ausleuchten.
Idealerweise würden wir, sobald die Umstände es zulassen, unseren eigenen Lichttechniker mitbringen – jemanden, der den Geist dessen, was wir erschaffen wollen, wirklich versteht. Denn wenn die visuelle Ebene mit der klanglichen verschmilzt, geschieht etwas Besonderes. Dann hört es auf, lediglich eine „Show“ zu sein, und wird zu einem Erlebnis – etwas Geteiltem, etwas beinahe Ritualistischem, sowohl für das Publikum als auch für uns selbst.
Festivals hingegen können sich anfühlen, als würde man in eine völlig andere Realität eintreten. Man betritt die Bühne, während noch Fragmente einer vollkommen anderen Atmosphäre in der Luft hängen – Menschen in absurden Kostümen, Überbleibsel des vorherigen Auftritts. Das kann irritierend, manchmal sogar ablenkend sein. Gleichzeitig gehört genau das aber zur Herausforderung. Es zwingt einen dazu, sich anzupassen, den Raum für sich einzunehmen und ihn wieder der eigenen Vision zu unterwerfen. Den Moment zurückzuerobern.
Wenn ich mich dennoch entscheiden müsste, würde ich Clubshows bevorzugen. Kleinere, dunklere Räume. Gleichgesinnte Bands. Ein Publikum, das versteht – oder zumindest bereit ist, sich dem geschaffenen Raum hinzugeben. In einem solchen Umfeld liegt eine besondere Reinheit, eine Art kollektiver Fokus. Dadurch kann sich die Musik genau so entfalten, wie sie gedacht ist: als etwas Vereinnahmendes, Intensives und leicht Verstörendes.
Wenn ihr die Möglichkeit hättet, ein komplettes SOULBURN-Konzert an einem außergewöhnlichen Ort zu spielen – wo wäre das? Eine mittelalterliche Kathedrale, ein verlassenes Observatorium oder doch lieber mitten in einem aktiven Vulkan?
Ein aktiver Vulkan wäre natürlich definitiv ein Auftritt für die Geschichtsbücher … oder vielleicht eher für die Nachrufe. (lacht) Aber die Vorstellung, in einer mittelalterlichen Kathedrale oder einer alten, verlassenen Kirche zu spielen, hat zweifellos ihren ganz eigenen Reiz.
Es liegt eine gewisse poetische Umkehrung darin, diese wunderschönen, uralten Orte, die einst von strenger Doktrin und kollektivem Gehorsam geprägt wurden, in etwas zu verwandeln, das Instinkt, Individualität und innere Souveränität feiert. In diesem Sinne wird daraus kein Ort für die Herde, sondern für den Wolf.
Für mich steht der Wolf für Bewusstsein, Unabhängigkeit und den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen – selbst wenn das bedeutet, sich von der Herde abzugrenzen. Es geht nicht um blinden Widerstand, sondern um ein bewusstes Dasein: zu wissen, wer man ist, seinen Instinkten zu vertrauen und dies mit Überzeugung zu leben. Während das Schaf Sicherheit in der Masse sucht, entfaltet der Wolf seine Stärke durch Selbstbestimmung und Klarheit.
Diese Energie in einen Ort zu bringen, der historisch mit Konformität verbunden ist, erzeugt eine besondere Spannung – fast so, als würde man sich diesen Raum zurückerobern. Dadurch wird die Umgebung wieder lebendig, erfüllt von einer Absicht, die stärker wirkt als bloße Tradition.
Und neben dieser Symbolik gibt es noch die akustische Dimension. Diese gewaltigen Steinbauten besitzen einen natürlichen Nachhall, ein Echo, das uralt wirkt, als hätten die Mauern selbst ein Gedächtnis. Das würde dem Erlebnis eine zusätzliche Ebene verleihen – etwas Organisches, Düsteres und zugleich Faszinierendes. Die Musik würde den Raum nicht einfach nur ausfüllen, sondern darin verweilen, atmen und von den Wänden zurückgeworfen werden.
Diese Kombination aus Atmosphäre, Symbolik und Klangkraft … das ist etwas, das ich unglaublich beeindruckend finde.
Was können Fans in den kommenden Monaten von SOULBURN erwarten? Tourneen, Festivals oder vielleicht schon erste Ideen für neues Material?
Neues Material entsteht, wenn es entsteht – das ist nichts, was wir jemals erzwingen würden. Ideen tauchen meist ganz natürlich auf, oft in unerwarteten Momenten. Wenn das passiert, sorgen wir dafür, sie sofort festzuhalten. Ob es nun ein Riff, ein lyrisches Thema oder einfach eine bestimmte Atmosphäre oder Stimmung ist – wir nehmen es auf und lassen es mit der Zeit auf natürliche Weise wachsen.
Wir haben gelernt, diesem Prozess zu vertrauen. Inspiration ist nichts, das man auf Knopfdruck herbeirufen kann; sie entfaltet sich, wenn der richtige Moment gekommen ist. Manchmal bleiben Ideen eine Weile Fragmente, während sie sich in anderen Fällen sehr schnell zu etwas Größerem und Vollständigerem entwickeln. All das gehört zum selben kreativen Fluss.
Im Moment haben wir ehrlich gesagt noch keine konkrete Vorstellung davon, was in Bezug auf Konzerte und Tourneen auf uns zukommt. Diese Ungewissheit ist jedoch Teil der Reise – und genau das macht die Sache spannend.
Was wir allerdings wissen: Im Oktober gehen wir gemeinsam mit Mork, unseren norwegischen Brüdern im Metal, auf Europatournee. Darauf freuen wir uns wirklich sehr. Bereits 2022 waren wir zusammen mit ihnen in Südamerika unterwegs, und das war eine großartige Erfahrung. Deshalb wissen wir schon jetzt, dass auch diese Tour etwas Besonderes werden wird.
Darüber hinaus haben wir das Glück, mit einem großartigen Booker bei We Live Agency zusammenzuarbeiten, der uns regelmäßig starke Möglichkeiten eröffnet. Deshalb werden wir sehen, was sich ergibt und welche Wege sich als Nächstes für uns auftun. Letztendlich ist alles immer ein Abenteuer – und genau so mögen wir es.
Die berühmten letzten Worte gehören dir: Was möchtest du unseren Lesern von Zephyr's Odem mit auf den Weg geben?
Zunächst einmal möchte ich mich aufrichtig für dieses Interview bedanken. Deine Fragen haben nicht nur an der Oberfläche gekratzt – sie haben Türen geöffnet, Raum für Tiefe geschaffen und zur Reflexion eingeladen. Das weiß ich wirklich zu schätzen. Nach dem großartigen Review, das du unserem Album gewidmet hast, muss ich allerdings gestehen: Ich habe auch nichts anderes erwartet.
An alle, die dies lesen: Falls ihr noch nicht in dieses Album eingetaucht seid, lade ich euch dazu ein – nein, ich fordere euch sogar dazu auf. Lasst euch darauf ein, lasst es sich entfalten, lasst euch davon vereinnahmen – auf der Plattform eurer Wahl. Und wenn es euch berührt, wenn es irgendwo unter der Oberfläche in euch nachhallt, dann denkt darüber nach, es auch physisch in den Händen zu halten. Es hat etwas Zeitloses, eine Platte als echtes Objekt zu besitzen. Und das Artwork wird euch im Detail zeigen, warum:
https://en.testimonyrecords.de/en/Artists/Soulburn/Soulburn-Quantifying-Cosmic-Doom.html
Noch besser: Erlebt das Album dort, wo es wirklich hingehört – lebendig, atmend und entfesselt. Im Oktober bringen wir es gemeinsam mit unseren Brüdern von Mork auf die Bühne. Kommt vorbei. Stellt euch mitten in den Klang.
Wir werden da sein – nicht nur auf der Bühne, sondern auch unter euch. Am Merch-Stand, im Schatten oder an der Bar. Kommt vorbei, sagt Hallo, teilt einen Moment mit uns und erhebt ein Glas. Bis dahin: Esto lupus, non ovis.
Kosmische Dunkelheit, philosophische Abgründe und eine bemerkenswerte Leidenschaft für extreme Musik – das Gespräch mit Twan van Geel zeigt einmal mehr, warum SOULBURN seit Jahren eine Ausnahmeerscheinung im Underground geblieben ist. Wir bedanken uns herzlich für die Zeit und die ausführlichen Antworten und wünschen der Band viel Erfolg mit Quantifying Cosmic Doom.

