TABERNAKEL – Scheintaufe (2026)
(10.363) Maik (8,1/10) Black Metal
Label: Iconoclasm Conquest
VÖ: 31.07.2026
Stil: Black Metal
Wenn mich Gedanken auf den Black Metal der frühen Neunziger bringen, umwölkt oft ein kleiner Schatten Wehmut mein ergrauendes Haupt. Diese auf Minimalismus konzipierte, bösartige Aggression, die damals, teils mit grottenschlechtem Sound, in unsere Lauschröhren rieselte und uns dazu brachte, grotesk gewandet mit archaischen Hieb- und Stichwaffen im Wald grässliche Fratzen zu schneiden, bestach durch ihre bedingungslose Schwärze.
Die alten Schwarzmetallschergen haben dann teilweise andere, gar avantgardistische Wege eingeschlagen, oder haben den Black-Metal-Sound mit dem Bügeleisen dem Establishment angedient, den stilistischen Ecken und Kanten mittels moderner Technik die Bösartigkeit weggeschmirgelt oder haben ihre Finsternis in immer abstrusere Bühnenoutfits umgeleitet.
Mittlerweile ist diese erste Welle auch schon (wie eben auch ich) in die Jahre gekommen, und die, die noch Corpsepaint auftragen, müssen vorher einen Termin beim Stuckateur ausmachen, der die Falten in der Visage mit ordentlich Gips auffüllt. Black Metal ist nicht mehr der böse Cousin in der Metal-Verwandtschaft, sondern ist zum gewohnten Anblick geworden. Wandert der Black Metal nun in Richtung Altersheim oder mutiert geradezu zum Maskenball?
Keineswegs, denn da gibt es einige jüngere Schergen, welche die alte rostige Axt aus dem Wald holen und damit gewaltig auf den Putz hauen. Eines dieser Schwarzwurzelgewächse ist das Ein-Mann-Projekt TABERNAKEL. Erst letztes Jahr erschien das Debütalbum „Antoniusfeuer“, welches ich auch hier rezensiert habe. (siehe unten - Anm. d. Red.).
Und da Ignis Nefandus, der Mann hinter TABERNAKEL, scheinbar ein fleißiges Kerlchen ist, steht nun schon der zweite Langspieler auf der Matte. „Scheintaufe“ hat er das Zweitwerk getauft, und das nicht nur zum Schein (Oha, der Godau war heute wohl schon auf der Wortspielstraße unterwegs???).
Das Album beginnt zunächst wie ein Filmsoundtrack. Und zwar für einen düsteren Monumentalfilm, den ich nun schon allein wegen der Mucke anschauen würde. Das ist aber kein Intro in dem Sinne, sondern gehört zum ersten Song „Krypta Des Sinnes“, der wieder schön in den Traditionen des Neunziger-Schwarzmetalls schwelgt. Halbtonriffing, knarziger Gesang und eben dieser apokalyptische Touch, was eben alles dazugehört.
Das mit knapp über neun Minuten längste Stück des Albums folgt als Zweites. „Schlüssel Zum Sanktum“ beginnt mit akustischen Gitarrenklängen, wechselt dann in harschen Black Metal, der mich an DARKTHRONE so ab der „Plaguewielder“ und vielleicht an die erste DØDHEIMSGARD erinnerte. Das liegt wohl am Gitarrensound und an einigen Riffs. Gegen später im Song kommen die Akustikgitarren wieder und der Song wird zwischendurch etwas getragener.
Dazu kommen Parts, in denen der knarzige Gesang mit einer Art Klargesang parallel agiert, was dem Ganzen einen epischen Charakter verleiht. Die für klassischen Black Metal erstaunliche Abwechslungsfreude bewirkt auch, dass der Song trotz seiner Länge nicht langatmig wirkt. Und selbst wenn das so wäre, folgte nun der „Befreiungsschlag“, denn „Sanguis“ ist der kürzeste Track auf „Scheintaufe“ und geht dementsprechend auch am heftigsten ab.
Auch sonst werden auf „Scheintaufe“ immer wieder aus dem Rahmen ausbrechende Elemente eingearbeitet. Beispiele sind der Sprechgesang in „Im Nebel“, der fast walzeraffine Rhythmus in „Wie Die Gischt“, bei dem auch wieder düster wabernde Chöre verwendet werden, die an die epische Phase von BATHORY erinnern. Oder der Dark-Metal-artige Part in der Mitte von „Schmerz Trug Ich Aus“.
Außer den schon erwähnten frühen DØDHEIMSGARD werden als Haupteinflüsse noch IMMORTAL, FORGOTTEN WOODS und ULVER angegeben. Wobei Letztere eher wohl bei den atmosphärischen Parts gemeint sein dürften. Zum Beispiel das sehr sphärische und ruhige Instrumentalstück „Trugbild Des Selbst“, oder eben das Ende von „Schmerz Trug Ich Aus“.
Ansonsten bewegt sich das Werk im Rahmen schwarzmetallischer Tradition, bedient sich der Stilelemente der frühen Neunziger, ohne jedoch in allzu verstaubte Grüfte hinabzusteigen. Die Mischung aus Aggression, Düsternis und Atmosphäre machen „Scheintaufe“ zu einem Release, welches tief in der Black-Metal-Tradition verhaftet ist, sich aber anschickt, diesen Anspruch frisch und unverbraucht darzubieten.
Das alles kommt in einer Produktion daher, welche die Stimmung der knarzigen Zeit übernimmt, allerdings sauberer klingt und alle Instrumente klar erkennbar macht. Dafür wird auf ein allzu glattgebügeltes Ergebnis verzichtet, was „Scheintaufe“ sehr authentisch wirken lässt. Außer in digitaler Form wird es „Scheintaufe“ auch auf Vinyl und sogar Kassette geben, Letzteres allerdings in einer stark limitierten Auflage.
Anspieltipps:
🔥 Schlüssel Zum Sanktum
⛓️ Sanguis
Bewertung: 8,1 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Krypta Des Sinnes
02. Schlüssel Zum Sanktum
03. Sanguis
04. Im Nebel
05. Trugbild Des Selbst
06. Wie Die Gischt
07. Schmerz Trug Ich Aus
08. Ödnis

