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Live on Stage Review: 40 Jahre Protector

PROTECTOR | NUCTERON 02.05.2026 Wolfburg @ Schwimmbad


Wenn man mit dem eigenen Sohn morgens durch die alte Heimat fährt, vor der ehemaligen Kaserne in Celle steht und dabei merkt, wie absurd schnell Zeit vergeht, dann ist man emotional ohnehin schon weichgekocht, bevor überhaupt die erste Snare durchs Trommelfell sägt. Und genau so begann dieser Tag. Zwischen Erinnerungen an früher, leicht nostalgischem Grinsen und einem Besuch in der Wietzenbrucher Waldschenke, wo weiterhin das vermutlich beste Schnitzel dieses Planeten serviert wird – goldbraun wie die Abendsonne über Niedersachsen, Schuhgrüße 44 mit Pilzen und/oder Blumenkohl und ungefähr so subtil wie ein Motörhead-Riff – lag bereits diese besondere Stimmung in der Luft. Diese Mischung aus Vorfreude, Zeitreise und dem Wissen, dass heute kein normaler Konzertabend stattfinden würde.

Danach ging es weiter nach Wolfsburg. Eine Stadt, die früher einmal wirkte, als hätte Volkswagen persönlich den Asphalt vergoldet. Heute dagegen eher wie ein Ort, an dem selbst die Tauben depressiv gucken. Irgendwie traurig ruhig alles. Fast gespenstisch. Aber genau deshalb wirkte dieser Abend wie ein schwarzer Fremdkörper mitten in der niedersächsischen Tristesse. Hotel bezogen – mit strategisch hervorragenden 180 Metern Entfernung zum Veranstaltungsort. Eine Distanz, die im nüchternen Zustand irrelevant erscheint, nach mehreren Litern Bier aber ungefähr dieselbe Bedeutung bekommt wie ein Rettungsboot auf der Titanic.

Vorher noch zwei Cocktails im Kaufhof vernichtet – nein, nicht das Einkaufszentrum, sondern diese kleine Trinkmeile, wo man schon beim ersten Schluck merkt, dass heute sämtliche guten Vorsätze sterben werden. Vor dem Schwimmbad dann bereits jede Menge oldschoolige Metalheads. Kutten. Nieten. Alte Shirts, die vermutlich älter waren als manche Festivalbesucher heutzutage.

Drinnen angekommen sofort dieses wohlige Gefühl: Das Schwimmbad ist schlicht eine fantastische Location. Charmant, angenehm eng, atmosphärisch irgendwo zwischen Underground-Hölle und familiärem Klassentreffen. Dazu Spaten vom Fass, überall bekannte Gesichter, sogar unser Timo war am Start. Und natürlich wurde Merch gekauft, als gäbe es kein Morgen mehr. Bei Jubiläumsshows setzt der Verstand ohnehin aus. Schon beim Betreten spürte man: Das hier wird keine sterile Pflichtveranstaltung für nostalgische Facebook-Posts. Das wird emotional. Laut. Verschwitzt. Und vermutlich vollkommen eskalierend.

Den Anfang machten NUCTEMERON aus Trier. Eine Band, die klingt, als hätte man schwarzen Lederstahl, frühen Black Metal und rasiermesserscharfen Speed Metal gemeinsam in eine Gruft gesperrt und anschließend angezündet. Blut, Schädel, Patronengurte, Nieten bis zum Bandscheibenvorfall – optisch wie musikalisch genau diese herrlich kompromisslose Oldschool-Ästhetik, die man entweder liebt oder überhaupt nicht versteht. Und wenn dann Songs vom starken neuen Album durch die Halle peitschen, merkt man schnell: Das hier ist keine aufgesetzte Retroshow, sondern ehrlicher Wahnsinn mit Herzrasen-Garantie.

Die Band wirkte hungrig, bissig und komplett entfesselt. Die Gitarren sägten sich durch die Luft wie rostige Kreissägen, während das Publikum bereits früh ordentlich mitging. Kein Wunder. Diese Mischung aus Blackened Speed und aggressiver Thrash-Attitüde funktionierte im Schwimmbad perfekt. Dazu dieser räudige Underground-Charme, der heutzutage oft fehlt, weil viele Bands lieber geschniegelt auf Instagram posieren, statt nach Bier, Leder und Proberaum zu riechen. NUCTEMERON dagegen wirkten wie direkt aus einem verrauchten Tape-Trading-Keller der späten Achtziger teleportiert. Großartiger Auftritt. Jederzeit wieder.

Und dann kam endlich der Moment, wegen dem diese Halle bis unter die Decke gefüllt war. 40 Jahre PROTECTOR.

Allein dieser Satz fühlt sich surreal an. Vier Jahrzehnte deutscher Extrem-Metal-Geschichte. Eine Band, die in ihrer Anfangszeit niemals die ganz große mediale Aufmerksamkeit bekam wie andere Thrash-Größen, dafür aber Kultstatus entwickelte, weil sie schon früh diese rohe Mischung aus Thrash, Death und morbider Dunkelheit spielte, bevor die Szene überhaupt wusste, wie man das nennen soll. PROTECTOR klangen schon immer wie der vertonte Weltuntergang in einem versifften Bunker. Und genau deshalb liebte man sie.

Als das Intro des 1986er-Demos erklang und Ur-Bassist Michael Schnabel gemeinsam mit der Band die Bühne betrat, lief sofort kollektiv die Gänsehaut durchs Publikum. Plötzlich stand nicht einfach irgendeine aktuelle Formation auf der Bühne – plötzlich stand dort Geschichte. Direkt danach dann Protector of Death, bei dem Schnabel den Bass übernahm. Ein unglaublicher Auftakt. Diese erste Reise zurück in die Anfangstage fühlte sich an wie ein geöffnetes Zeitportal voller Schweiß, Bier und zerfledderter Tape-Hüllen.

Danach ging es mit Misanthropy und Kain and Abel weiter. Der Sound war druckvoll, angenehm dreckig und trotzdem differenziert genug, um jede dieser ikonischen Gitarrenlinien wirken zu lassen. Micke wirkte bestens aufgelegt, die Band generell unglaublich spielfreudig. Kein routiniertes Runterspielen eines Jubiläumsprogramms, sondern ehrliche Leidenschaft.

Vor Golem tauchte dann Hansi Müller auf – von 1986 bis 1991 Teil der Band – und allein sein Gang zur Bühne wurde gefeiert wie der Einlauf eines Boxweltmeisters mit minutenlangen „Hansi-Hansi“-Rufen. Anschließend spielte er bei Apocalyptic Revelations Gitarre und blieb bis Urm the Mad. Genau solche Momente machten diesen Abend so besonders. Nicht bloß Gastauftritte als Alibi, sondern echte Kapitel der Bandgeschichte live nebeneinander. Die Stimmung wurde dabei immer absurder. Immer wieder hallten „PROTECTOR! PROTECTOR!“ Rufe durch die proppevolle Halle, während das Bier literweise floss und sich selbst die Wände vermutlich langsam fragten, ob sie heute Nacht noch heil nach Hause kommen.

Dann kamen Sliced, Hacked and Grinded und der nächste große Abschnitt dieser musikalischen Zeitreise. Bei Mortal Passion betraten Olly Wiebel, Ingo sowie erneut Michael Schnabel die Bühne. Besonders emotional wirkte dabei, wie selbstverständlich sich alle Musiker gegenseitig Raum gaben. Kein Ego-Gehabe, kein „wer gehört mehr zur Band“, sondern pure Feier dieser langen Geschichte. Bei A Shedding of Skin übernahm Olly gemeinsam mit Martin die Vocals und die Halle explodierte endgültig. Danach das Intro Necropolis, ehe bei Tantalus erneut mehrere ehemalige Mitglieder gemeinsam auf der Bühne standen. Spätestens bei Whom Gods Destroy war das Ganze weniger Konzert als Familienfeier mit Thrash Metal.

Und irgendwo neben uns saß Mama Missy. Allein dieser Gedanke hatte etwas wunderbar Menschliches. Während vorne die Hölle losbrach und sich hunderte verschwitzte Metalheads gegenseitig Bier über Kutten kippten, saß dort eine stolze Mutter, die sich das Jubiläum ihres Sohnes natürlich nicht entgehen ließ. Ehrlich gesagt war genau das vermutlich einer der schönsten Aspekte dieses Abends: Trotz aller Härte wirkte alles unglaublich familiär.

Bei Mental Malaria übernahm Matze Grün den Bass, während sich parallel bereits Jacek Zander und Matthias Lindner auf ihren Einsatz vorbereiteten. Wir standen inzwischen an der Bühnenseite mitten zwischen ehemaligen Bandmitgliedern, prosteten uns gegenseitig zu und hatten permanent dieses absurde Gefühl, Teil von etwas Historischem zu sein. Nicht wie Zuschauer. Mehr wie Mitreisende.

Als dann The End erklang und Jacek gemeinsam mit Matthias auf die Bühne kam, war endgültig klar, dass dieser Abend für viele Besucher weit mehr war als nur ein Konzert. Das war Erinnerung, Wiedersehen, Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig. Danach ging es mit Road Rage, Sons of Kain, Xenophobia und Stillwell Avenue weiter – und obwohl die Setlist ohnehin schon völlig wahnsinnig war, hatte die Band immer noch Reserven. Mit Last Stand Hill wurde langsam die finale Phase eingeläutet. Doch der eigentliche Wahnsinn wartete noch.

Bei Pandemic Misery standen plötzlich sämtliche Gastmusiker gemeinsam auf der Bühne. Und genau da entstand dieser eine dieser seltenen Konzertmomente, die man nie wieder vergisst. Vollkommen überfüllte Bühne. Überall grinsende Musiker. Bierbecher in der Luft. Fans am Durchdrehen. Die Halle kochte. Und mitten drin diese Band, die nach 40 Jahren immer noch klingt, als würde sie sich mit rostigen Nägeln durch die Schädeldecke fräsen, trotz der „neuen“, rein schwedischen Besetzung.

Nach Calle Brutal folgte mit Spacecake schließlich der Schlusspunkt eines vollkommen legendären Abends. Danach kamen sämtliche Beteiligten gemeinsam nach vorne und verabschiedeten sich zusammen vom Publikum. Keine künstliche Rockstar-Distanz. Einfach ehrliche Dankbarkeit. Und genau das machte diesen Abend so großartig. Diese Mischung aus musikalischer Klasse, völliger Eskalation und menschlicher Wärme. Man hatte nie das Gefühl, hier einer perfekt durchgeplanten Business-Show beizuwohnen. Das hier war Herzblut. Schweiß. Geschichte.

Legendärer Abend. Einer dieser seltenen Konzerte, über die man selbst Jahre später noch spricht. Zumindest bis zu dem Moment, als mein alkoholvernebeltes Ich gegen Mitternacht der festen Überzeugung war, eine fette Pizza Salami wäre jetzt eine brillante Idee. War sie nicht. Der daraus resultierende Sodbrand fühlte sich an, als hätte mir Satan persönlich einen Flammenwerfer in den Brustkorb gehalten. Geholfen gegen den Vollsuff hat es natürlich ebenfalls nicht. Selbst am Montag hing mir diese Nacht noch nach wie ein schlecht gelaunter Dämon mit Bierfahne. Aber genau so müssen solche Abende doch enden.

Mit klingelnden Ohren.
Mit schmerzenden Knochen.
Mit zu viel Bier.
Mit Geschichten.
Und mit dem verdammt guten Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben.





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