JESUS CRUSTUS – El Crustadore (2026)
(10.231) Olaf (8,5/10) Grinding Sludge
Label: DIY
VÖ: 01.05.2026
Stil: Grinding Sludge
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Ich hätte ehrlich gesagt nicht mehr damit gerechnet, dass JESUS CRUSTUS nach ihrem herrlich kaputten 2021er Debüt nochmal aus dem modrigen Keller kriechen. Damals schon eine Band, die sich konsequent jeder Erwartungshaltung entzogen hat – und jetzt stehen sie wieder da, als hätte jemand die Kanalisation aufgerissen und ein Monolith aus Bass, Schlagzeug und blankem Wahnsinn wäre herausgekrochen. Keine Gitarren. Immer noch nicht. Und genau das ist die vielleicht beste Entscheidung, die diese Band je getroffen hat.
Gegründet aus den Trümmern von Nekyia Orchestra und Reptiloid, war die Idee von Jan und Chris von Anfang an klar: alles runterbrechen auf das Nötigste – und das Nötigste ist hier eben maximal unangenehm. Erst als Keksgrinder als vokaler Abrissbagger dazustieß, wurde aus dieser Idee ein echtes Biest. Ein Trio, das klingt, als würde es sich gegenseitig im Proberaum verprügeln und dabei zufällig Musik aufnehmen.
Und genau dieses Biest trägt jetzt den Namen El Crustadore.
Was hier aus den Boxen kriecht, lässt sich nur schwer greifen. Irgendwo zwischen Death, Crust, Grind, Doom, Sludge und einem guten Schuss „ist mir doch egal, wie das heißt“ entsteht eine Soundwand, die nicht nur drückt, sondern regelrecht fault. „Grinding Sludge“ nennt die Band das selbst – ich würde ergänzen: mit akuter Tetanus-Gefahr.
Dabei ist das Entscheidende gar nicht nur die stilistische Mischung, sondern die Art, wie sie umgesetzt wird. Der Keksgrinder kotzt sich hier wirklich alles von der Seele. Mal hysterisch (ok, das war wohl eher Tina, wie mir mitgeteilt wurde…), mal tief gurgelnd, mal wie ein wütender Straßenprediger kurz vorm Nervenzusammenbruch. Dazu ein Bass, der eher als Presslufthammer fungiert, und ein Schlagzeug, das zwischen schleppender Apokalypse und völliger Eskalation pendelt.
Gerade diese Dynamik macht das Album so stark. Es ist eben nicht nur stumpfes Draufbolzen. Da gibt es diese zähen, schleppenden Momente, in denen sich alles wie zäher Teer über deine Gehörgänge legt – und dann plötzlich wieder diese grindigen Ausbrüche, bei denen dir gefühlt die Tapete von der Wand fliegt. Alles wirkt dreckig, alles wirkt echt, nichts ist poliert.
Inhaltlich bewegt sich das Ganze irgendwo zwischen religiöser Perversion, gesellschaftlicher Abrechnung und völlig entgleister Fantasie. Und genau hier wird es spannend, weil die Texte eben nicht nur stumpfer Gore sind, sondern oft diese verstörende Mischung aus Ironie, Provokation und bitterem Ernst liefern.
Wenn in The Crust is alive Zeilen fallen wie
„The pulsating masses of ulcerous sores / purulent boils burst out fetid gruel“
dann ist das nicht einfach nur eklig – das ist fast schon poetischer Verfall.
Oder wenn in Baptized in crust mantraartig beschworen wird
„In the name of the father / the son / and the holy crust“
dann ist das gleichzeitig blasphemisch, absurd und irgendwie erschreckend konsequent.
Und dann gibt es diese Momente, in denen die Band einfach komplett auf alles pfeift. CopPorn wirkt wie ein Schlag in die Magengrube, während Scripted brutality mit Zeilen wie
„It is scripted brutal entertainment / the crowd’s pulse is rising“
fast schon unangenehm nah an der Realität kratzt.
Was mich dabei wirklich beeindruckt: Trotz dieses ganzen Chaos bleibt das Album erstaunlich greifbar. Die Aufnahme von Christian Eggers, Produktion, Mix und Master Stephan Kern sorgen dafür, dass dieser Moloch nicht einfach nur zu Brei zerfällt. Im Gegenteil – jedes Riff, jeder Schlag, jede vokale Eskalation sitzt da, wo sie sitzen soll. Dreckig, aber kontrolliert. Roh, aber nicht planlos. Und ja, auch das Artwork passt wie die Faust aufs Auge: düster, krank, genau die visuelle Entsprechung dieses Sounds. Ein Album, das man sich nicht „anhört“, sondern eher „aushält“ – und genau das macht den Reiz aus.
Man muss aber auch ehrlich sein: Das hier ist nichts für die breite Masse. 80% der Metal-Hörer werden nach zwei Songs kapitulieren und sich fragen, ob ihre Anlage kaputt ist. Der Rest – also wir kaputten Seelen – sitzt grinsend davor und denkt sich: genau so muss das. Und genau deshalb funktioniert El Crustadore so verdammt gut. Es will niemandem gefallen. Es will nicht verstanden werden. Es ist einfach da – wie ein schlecht verheilter Bruch, der bei jedem Wetterwechsel wieder schmerzt.
Ein Album, welches sich konsequent jeder Norm verweigert und genau dadurch so stark ist. Kein Kompromiss, kein Anbiedern, kein Sicherheitsnetz. Nur Bass, Drums, Wahnsinn – und ein Sänger, der klingt, als hätte er die Hölle persönlich gefressen. Ich finde das bärenstark. Und ich habe jetzt schon Angst – und gleichzeitig richtig Bock – auf den Protzen-Gig.
ANSPIELTIPPS
💀The Crust is alive
🔥Baptized in crust
👮♂️CopPorn

