METALL – Chasing the Truth (2026)
(10.212) Olaf (8,7/10) Heavy Metal
Label: Iron Shield Records
VÖ: 30.04.2026
Stil: Heavy Metal
Manchmal entscheidet man sich bewusst gegen gesunden Menschenverstand. Zum Beispiel, wenn man am Abend zum 60. Geburtstag von Marko Thäle eingeladen ist – dem Mann, der hinter dem Schlagzeug von METALL sitzt – und sich denkt: „Schreib das Review lieber danach, falls es scheiße wird… man weiß ja nie.“ Rückblickend betrachtet war diese Sorge ungefähr so berechtigt wie ein Regenschirm in der Wüste. Denn Chasing the Truth ist alles andere als ein Anlass für diplomatisches Herumgeeier – das Ding ist verdammt stark geworden.
Und das macht die Geschichte umso schöner. METALL, gegründet 1982 in der DDR, damals noch mit Radiopräsenz und Szene-Relevanz, später als HEADLESS unterwegs, dann 1991 erst einmal Geschichte – und schließlich 2013 wieder auferstanden wie ein rostiger, aber unzerstörbarer Stahlträger, der sich weigert zu brechen. Dass hinter diesem Neustart mit Sven Rappoldt nicht nur ein Gründungsmitglied, sondern auch eine Berliner Institution steckt, merkt man der Platte an. Hier wird nichts gespielt, hier wird gelebt.
Sieben Jahre sind seit Metal Fire vergangen. Sieben Jahre, in denen man sich durch pandemische Tristesse, Gitarristenwechsel und den ganz normalen Wahnsinn des Lebens kämpfen musste. Und genau das hört man diesem Album an – allerdings nicht als Bruch, sondern als Verdichtung. Das hier ist kein Schnellschuss, das ist ein durchgegarter Stahlblock.
Was sofort auffällt: Diese Produktion ist fett. Nicht geschniegelt, nicht klinisch totpoliert, sondern satt, druckvoll, mit genau der richtigen Portion Dreck unter den Fingernägeln. Die Gitarren braten, als hätten sie den Auftrag, den Berliner Asphalt aufzuschmelzen, der Bass schiebt wie ein alter Panzer durch den Mix, und das Schlagzeug… nun ja, sagen wir so: der alte Sack an den Kesseln hat es anscheinend noch druff.
Der rote Faden zieht sich dabei klar durch das Album – und er wurde schon vor längerer Zeit ausgelegt. Lord of Flies war kein Zufallstreffer, sondern ein Versprechen. Ein Versprechen, das hier konsequent eingelöst wird. Klassischer Heavy Metal, aber mit genug Druck und Biss, um nicht als nostalgische Fingerübung durchzugehen. Das hier ist keine Zeitreise, das ist eine Standortbestimmung.
Und dann gibt es diese Momente, in denen die Band einfach beschließt, komplett durchzuziehen. Heavens burn ist so ein Fall – mein persönlicher Favorit. Das Ding geht nicht nur auf die Zwölf, das geht auf die Dreizehn, Vierzehn und zur Sicherheit nochmal rückwärts durch die Wand. Ähnlich kompromisslos zeigt sich der Titeltrack Chasing the Truth, während Imminent Strike endgültig klarstellt, dass hier ordentlich Kohlen im Ofen liegen. Da wird nicht gezündelt, da wird verbrannt.
Einen kleinen, leicht schrägen Stolperstein liefert allerdings Solomon’s Rage. Musikalisch passt das Ding wunderbar ins Gesamtbild – treibend, druckvoll, mit dieser leicht düsteren Note, die sich durch das Album zieht. Aber dann kommt dieser deutschsprachige Part im Hintergrund… und ich sitze da und denke mir: Habe ich gerade einen Song gehört oder hat jemand heimlich den Staubsauger neben dem Mikrofon eingeschaltet? Ich will dem Kollegen wirklich nichts Böses – die Idee ist sogar charmant, mal mit der Sprache zu spielen – aber verständlich ist das nur in homöopathischen Dosen. Vielleicht liegt’s am Mix, vielleicht an der Artikulation, vielleicht auch daran, dass ich zu sehr damit beschäftigt war, den Kopf zu schütteln und gleichzeitig zu nicken. Kurios ist es auf jeden Fall – und irgendwie passt es dann doch wieder, weil es dem Album eine kleine, eigenwillige Macke verpasst.
Trotz all dieser Wucht bleibt das Album erstaunlich strukturiert. The Realm inside bringt Atmosphäre rein, ohne in Pathos zu ersaufen, Dying Hope arbeitet mit einer unterschwelligen Melancholie, die sich angenehm vom reinen Draufhauen abhebt. Und selbst wenn Titel wie Slave of Power thematisch wenig Interpretationsspielraum lassen, fühlt sich das nie nach austauschbarer Genre-Rhetorik an. Es geht um Kontrolle, Macht, Zweifel – und dieses latente Gefühl, dass die Wahrheit eben nicht immer angenehm ist.
Ein kleiner Wermutstropfen bleibt allerdings: Joel. Der Mann ist definitiv auf einem richtig guten Weg, keine Frage. Er hat Charakter in der Stimme, er bringt Energie rein – aber da geht noch mehr. Man hört förmlich, dass da noch eine Stufe schlummert, die irgendwann gezündet werden will. Und wenn das passiert, dann wird das hier nicht mehr „nur“ stark, sondern richtig gefährlich.
Was METALL hier abliefern, ist im besten Sinne ehrlich. Kein Anbiedern, kein Trend-Geschiele, kein „Wir müssen jetzt modern klingen“. Stattdessen: ein Album, das weiß, wo es herkommt, und genau deshalb so selbstbewusst nach vorne geht. Das ist Heavy Metal, der nicht um Erlaubnis fragt. Am Ende bleibt ein Album, das sich nicht aufdrängt, sondern festsetzt. Wie ein guter Whiskey – erst warm, dann brennend, und am nächsten Tag weiß man immer noch genau, was man da eigentlich erlebt hat. Chasing the Truth ist kein perfektes Album, aber ein verdammt überzeugendes. Eines, das zeigt, dass man auch nach über vier Jahrzehnten Bandgeschichte noch etwas zu sagen hat – und vor allem: wie man es sagt.
Anspieltips:
🔥Heavens burn
🔥Imminent Strike
🔥Chasing the Truth
Bewertung: 8,7 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. The Serpent’s Ensemble
02. Chasing the Truth
03. Dying Hope
04. Lord of Flies
05. The Realm inside
06. Imminent Strike
07. Slave of Power
08. Heavens burn
09. Solomon’s Rage
10. Heart of Steel

