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Live on Stage Report: KRAFTWERK
26.11.2025 – Braunschweig @ Volkswagen Halle
Kraftwerk gehören seit je her zu der seltenen Sorte Künstler, die nicht nur Musik machten, sondern die Regeln des musikalischen Universums neu schrieben. Als Ralf Hütter und Florian Schneider Anfang der 1970er Jahre im Düsseldorfer Kling Klang Studio ihre ersten synthetischen Klangerkundungen wagten, ahnte kaum jemand, dass hier gerade das Fundament für mehrere zukünftige Genres gelegt wurde. Während der Rest der Welt noch an Gitarren festhielt, programmierten Kraftwerk bereits die Blaupausen für Techno, Electro, House, Synth-Pop, Hip-Hop und unzählige Hybridformen, die später globale Kultur prägen sollten.
Ihre klinisch präzise Ästhetik, die maschinenhafte Rhythmik und ihr Konzept der „Mensch-Maschine“ beeinflussten nicht nur Musiker, sondern auch Designer, Filmemacher und Popkulturdenker – ein gesamtes Ökosystem aus Ideen, das weit über die Musik hinausstrahlte. Kraftwerk standen für eine Zukunft, die noch gar nicht begonnen hatte, und sie taten es mit einer Konsequenz, die ihnen weltweit Kultstatus einbrachte: von den Clubs Detroits über die Studios in London bis hin zu Hip-Hop-Pionieren, die ihre Sequenzen sampelten und damit eigene Revolutionen lostraten.
Die Geschichte Kraftwerks war damit nie nur die Biografie einer Band. Sie war die Geschichte eines ästhetischen Paradigmenwechsels – eines elektrischen Funkens, der ganze Generationen inspirierte und bis heute nachwirkt wie der leise, aber unerschütterliche Pulsschlag der modernen Musik.
Es ist schon ein herrliches Privileg, Chefredakteur zu sein. Nicht wegen irgendwelcher imaginären Vorteile, sondern weil man einfach schreiben darf, was man möchte – und ich möchte festhalten, dass mich Kraftwerk an diesem Abend emotional komplett demontierten, neu zusammensetzten, schleiften, polierten und glänzend wieder in die Welt stellten. Meine Begeisterung, meine Hochachtung, meine Ehrfurcht – all das versuche ich im Folgenden in Worte zu pressen, wissend, dass Sprache niemals annähernd transportieren kann, was diese zweistündige Offenbarung in mir ausgelöst hat.
Die Halle war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Eine Atmosphäre wie in einer Oper: ehrfürchtig, konzentriert, erwartungsvoll. Um Punkt 20 Uhr – pünktlicher als die Atomuhr in Braunschweig selbst – begann das Spektakel. Kein Warm-up, keine Lückenfüller, kein Zögern. Kraftwerk traten auf wie immer: regungslos, unerschütterlich, ikonisch. Ralf Hütter, inzwischen 79 Jahre alt, stand zwischen seinen drei Mitstreitern wie der ruhige Fixstern im Zentrum eines jahrzehntelangen Orbits.
Auf der Rückfahrt sprachen wir lange darüber, ob irgendjemand in der Musikgeschichte jemals einen vergleichbaren Impact hatte. Und wir fanden niemanden. Niemanden! Kraftwerk waren und sind nicht nur Jahre, sondern LICHTJAHRE voraus gewesen – ästhetisch, technisch, konzeptionell. Man könnte ganze Abende damit verbringen, die Band in ihrer Bedeutung einzuordnen, und würde trotzdem immer zu dem gleichen Schluss kommen: Ohne Kraftwerk klänge die Welt anders.
Vom ersten Ton an stellte sich die berühmte Gänsehaut ein. Nicht diese handelsübliche Konzertgänsehaut, sondern die Sorte, die dich daran erinnert, wie alt du geworden bist, wie jung du mal warst und wie sehr Musik Zeit überwindet. Die Erkenntnis, dass ich diese Legende vermutlich nie wieder live sehen würde, traf mich zwischendurch wie ein elektrischer Schlag. Ich sah sie zuletzt vor 25 Jahren bei der Expo 2000 in Hannover. Sabrina hatte sie Ende der Neunziger in Roskilde erlebt. Und plötzlich standen wir wieder dort, zwei erwachsene Menschen, und erlebten eine hochauflösende Zeitreise durch die eigene Biografie – in 3-D, versteht sich.
Als ich als Kind zum ersten Mal Die Roboter hörte, hatte ich Angst. Echte Angst. Und gleichzeitig war ich fasziniert. Eine Faszination, die mich seitdem begleitet – und die in Braunschweig wieder aufflackerte, stärker als je zuvor.
Der Abend bestand aus Blöcken: Album für Album, Hit für Hit, eingebettet in die konsequent durchkomponierten Visuals der Neuinterpretationen. Diese Neuauflage „3-D Der Katalog“ verpasste selbst den über 40 Jahre alten Songs eine Frische, die andere Bands in zehn neuen Alben nicht erreichen würden. Das Model, Computer Liebe, Metropolis, Neonlicht – jedes Stück klang, als wäre es gestern komponiert worden, nicht Jahrzehnte vor der Geburt vieler Konzertgäste. Und ja, sogar Stücke, die für mich nie ganz oben rangierten – Autobahn, Spacelab, Trans Europa Express – entfalteten an diesem Abend eine hypnotische Kraft, die mich in Trance versetzte. Diese Musik funktioniert live wie ein präzise justiertes Nervensystem.
Es gab viele besondere Augenblicke – aber einer stach hervor: Die Hommage an Ryūichi Sakamoto, Hütters engen Freund seit 1981, war herzzerreißend. Die erste und einzige Coverversion in der gesamten Karriere von Kraftwerk. Ich war geflasht. Und ich war emotional übermannt. Und natürlich sofort im Anschluss Radioaktivität mit den japanischen Vocals, die Sakamoto einst beisteuerte. Ein Moment, der in seiner künstlerischen Dichte kaum zu überbieten war.
Als Das Model erklang – makellos, elegant, vollkommen – verschwand Sabrina einfach. Ich entdeckte später, dass sie sich heimlich in den Innenraum geschlichen hatte, um zwischen den ergriffen Dastehenden mutig als Einzige das Tanzbein zu schwingen. Ich dagegen saß da wie festgeschraubt, fasziniert, überwältigt, ergriffen und bei gefühlt jedem zweiten Song den Tränen näher als jeder Atomuhr Toleranzgrenze.
Das 1986er Electric Café wurde ausführlich zelebriert, bevor Kraftwerk die Bühne verließen. Und dann geschah das, was an jedem Kraftwerk-Abend geschieht: Die ungebildeten Halbversteher verließen den Saal – und verpassten den größten Hit, Die Roboter. Der letzte Akt. Der Triumph. Die Krönung.
Nach jeder Nummer ein Jubel, der nicht einfach laut war, sondern ohrenbetäubend, grenzenlos begeistert, kathartisch. Und selbst als wir nach diesem Erlebnis fast eine Stunde im Parkhaus feststeckten, war das völlig egal. Manche Abende machen die Zeit bedeutungslos – dieser war einer davon.

