BACKENGRILLEN – Backengrillen (2026)
(10.029) Phillip (6,5/10) Free Jazz Doom
Label: Svart Records
VÖ: 23.01.2026
Stil: Free Jazz Doom
Treffen sich ehemalige Mitglieder diverser Bands, unter Anderem Refused und The International Noise Conspiracy in einem Raum voller Instrumente, so kommt dabei Backengrillen heraus. Das könnte einerseits ein Begriff dafür sein, seinen Arsch über offenes Feuer zu hängen um einen möglichst krossen Gluteus Maximus zu erhalten, ist aber andererseits und in Wirklichkeit der Spitzname eines Krematoriums in Umeå. Nach eben diesem werden sich diese vier Schweden benannt haben, um nach eigenem Bezeugen Death Metal Riffs so umzugestalten und zu rekonstruieren, dass sie komplett an Bedeutung verlieren. Unter Zuhilfenahme eines Saxofons. Und einer Querflöte.
Beginnt A Hate Inferior noch vielversprechend doomig, ultralangsam und verheißungsvoll, so verändert sich der erste dieser fünf „Songs“ irgendwann in eine Richtung in der das hauptsächlich genutzte Saxophon klingt wie ein Schwarm asthmatischer Wildgänse. Was zuvor noch als Song, ohne Anführungszeichen, erkennbar war, wandelt sich zu einer Art Collage, die die Hoffnung aufkeimen lässt, doch bitte möglichst zügig zum Ende zu kommen. Im folgenden Dör för långsamt hören wir Mats Gustafsson zu wie er, der diese Instrumente mit Sicherheit beherrscht, so tut, als hielte er sie das erste Mal in der Hand, bei gleichzeitigem Schlaganfall.
Die einsetzenden Drums schleppen die Chose noch in nachvollziehbare Fahrwasser und bilden mit Tiefton-Viersaiter dann das Parkett auf dem ein wesentlich artikulierteres Saxophon gehen lernen darf. Sänger Dennis Lyxzén fängt dann ein wenig an zu singen, entscheidet sich aber auch recht schnell zum gelegentlichen Kontrollverlust – und zieht das Saxophon gleich mit. Um das Ganze etwas nachvollziehbarer zu machen, und aus Mangel an Musikvideos, folgt hier ein Livemitschnitt.
Repeater II startet erfrischend punkig und geordnet. Zu meiner großen Verwunderung bleibt das auch recht lange so, bevor auch dieses Stück unweigerlich auseinanderkracht. Der darauf folgende Titeltrack nimmt zu Beginn bereits erwähnte Flöten als zentrale Orientierungsstelle, wenn man es so nennen möchte, tauscht aber irgendwann zu Gunsten des Saxophons. Hier geschieht wieder alles betont langsam, doomig, fast schon schön. Diese beiden Stücke sind noch diejenigen, die man als Song bezeichnen könnte. Eine Gitarre, übrigens, ist nicht Teil dieses Albums.
Der Abschluss Socialism or Barbarism beginnt mir elektronischen Störgeräuschen bevor Drummer David Sundström seine virtuose Kunst zum Besten geben kann. Der Bass hat auch Bock drauf, nur Stimme und Rest der Instrumentierung machen mal wieder komplett ihr eigenes Spiel draus. Danach ist es vorbei und lässt mich ein wenig rätselnd zurück.
Laut mitgeliefertem Presse-Text, der betont humorvollgehalten ist, soll das hier an einem Donnerstag spontan eingeprobt worden sein, am Freitag folgte die Live-Premiere und am Samstag wurde aufgenommen. Diesen Teil glaube ich sofort, denn Backengrillen klingt wie ein riesiger Jam von vier Leuten die mit absoluter Sicherheit ganz genau wissen wie man Instrumente spielt und Songs im herkömmlichen Sinne schreibt. Nur hatten sie darauf keinen Bock und wollten nach jeweils ein paar Minuten im Stück mal so richtig bescheuert sein, spontan was anderes machen und mal schauen was dabei herum kommt. Das Problem ist, dass das im Leben nicht funktionieren würde, wenn die beteiligten Musiker nicht ihre erarbeitete Reputation hätten.
So wird es sicherlich Menschen geben, die mit der Art Geräusche etwas anfangen können, auch wird es Leute geben die vorgeben, mit so etwas großen Spaß zu haben. Und es gibt Leute, die sich denken, dass das hier einfach ein großer Haufen Matsch auf Acid ist. Ganz ehrlich, ich war hoffnungsvoll zu Beginn und mit jedem Durchlauf erschließt sich das hier mehr, aber Gefallen daran werde ich nicht durchgängig finden können. Es war spannend, ermüdend, überraschend, fordernd, extrem nervig, enttäuschend und doch denke ich, dass eine Fortsetzung davon wieder interessant wird. Denn die Spontanität dieser Nummer hier lässt sich partout nicht wiederholen.
Anspieltipps:
🔨 Repeater II
🛠 Socialism or Barbarism
Bewertung: 6,5 von 10 Punkten
TRACKLIST
1. A Hate Inferior
2. Dör för långsamt
3. Repeater II
4. Backengrillen
5. Socialism or Barbarism

