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Q&A – Das Interview: WHITE MANTIS
Thrash Metal gehört auf die Bühne!
Ich hätte nicht gedacht, dass es eine Band im klassischen Thrashbereich heutzutage noch schafft, mich zu überraschen. Nun hat das eine Combo dennoch auf die Reihe gekriegt, und dann auch noch eine, die ich bisher überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Die Rede ist von WHITE MANTIS, deren neues Epos „Arrows At The Sun“ mich schon beim ersten Hördurchlauf fett weggeblasen hat. Was lag also näher, der Combo einige meiner dussligen Fragen an die Kutte zu heften, welche Sänger/Gitarrist Matthias auch bereitwillig und vor allem schnell beantwortet hat. Und hier nun das Ergebnis:
Zuerst einmal Gratulation zu Eurem neuen Album „Arrows At The Sun“. Obwohl ich bei progressiv angehauchten Platten eher mal zwei, drei Durchläufe mehr brauche, war ich hier doch schon beim ersten Hören hin und weg. WHITE MANTIS waren mir bisher nicht bekannt, und so wird es wohl einigen unserer Leser gehen, Also stellt Euch am besten mal selbst vor!
Ja, danke dir, freut mich sehr, dass dir das Album so gut gefällt. Ich bin der Matthias, bin bei White Mantis am Gesang und der Gitarre und habe die Band 2012 gegründet. In den ersten Jahren hatten wir immer wieder mit Besetzungswechseln zu kämpfen, bis wir dann nach unserem ersten Demo endlich eine stabile Truppe beisammen hatten. 2019 kam dann in dieser Besetzung unser Debütalbum „Sacrifice Your Future“ raus. Seit den Anfangstagen spielen wir Thrash Metal, aber im Laufe der Zeit haben wir unseren Stil immer weiter verfeinert und letztlich unseren eigenen Sound gefunden.
Oft verabscheuen Bands ja Vergleiche dieser Art. Ich hoffe also, ich lehne mich jetzt nicht zu weit hinaus. Als Einflüsse nennt die Labelinfo VOÏVOD und frühe MEGADETH. Ich würde vielleicht noch MEKONG DELTA und MIDAS TOUCH nennen. Was ist Eure Meinung dazu?
Klar, Vergleiche sind völlig in Ordnung, damit haben wir absolut kein Problem. Wir sind ja selbst Fans und machen das genauso – man hört sich eine Band an und versucht, die Einflüsse rauszufiltern. Das ist ja auch spannend, gerade wenn man Bands kennt und liebt. Die von dir genannten MEKONG DELTA oder MIDAS TOUCH habe ich persönlich zwar nie gehört, aber bei uns gibt es schon ein paar prägende Säulen. Für mich als Hauptsongwriter ist das Riffing von MEGADETH ein großer Einfluss, genauso wie die Klangwelten von VOÏVOD. Inspiration ziehe ich aber auch aus Black Metal und Death Metal. Die Basis bleibt dabei klassischer Thrash Metal, gern mit einem leichten progressiven Anstrich – wobei ich persönlich unsere Musik gar nicht wirklich als progressiv bezeichnen würde. Eine reine Progressive-Thrash-Band sind wir auf jeden Fall nicht.
Sechs Jahre sind seit Eurem Debütalbum vergangen. Was hat sich an Eurem Stil seitdem geändert? Geht Ihr heute anders an das Songwriting heran? Ist die gesamte Band daran beteiligt oder habt Ihr da ein Mastermind?
Die ersten Grundideen für neue Songs kristallisieren sich bei mir meistens ziemlich schnell heraus, und dann setze ich sie um. Für das zweite Album wollte ich unbedingt mehr Twin-Guitar-Leads einbauen. Auch wenn es sechs Jahre bis zum Release gedauert hat, war die eigentliche Songwriting-Phase deutlich kürzer. Das dürfte einer der Gründe sein, warum das Album vom Sound und vom Songwriting kompakter wirkt als das Debüt. Der Prozess lief im Grunde ähnlich ab wie beim ersten Album: Ich habe eine Vorproduktion gemacht, in der das Arrangement schon weitgehend feststand, und die Feinheiten haben wir dann im Proberaum ausgearbeitet. Bei ein paar Songs war das Arrangement aus der Vorproduktion sogar so stimmig, dass wir direkt damit ins Studio gegangen sind.
Für das dritte Album haben wir den Songwriting-Prozess komplett umgestellt. Statt fertige Songs vorzulegen, bringe ich jetzt nur ein grobes Grundgerüst mit und wir machen das Arrangement gemeinsam von Anfang an. Das geht nicht nur schneller, sondern macht auch deutlich mehr Spaß – und am Ende geht es genau darum: den Spaß an der Kreativität und am Songwriting.
Trotz der teilweise überfallartigen Wechsel innerhalb der Songs wirkt „Arrows At The Sun“ nie irgendwie sperrig oder schwer verdaulich, was auch durch die stetige Aggressivität erklärt werden kann. Wie schafft man diese Gratwanderung? Dauert es lange, bis alle Bandmitglieder mit einem Song zufrieden sind?
Für uns steht beim Songwriting immer im Vordergrund, dass ein Song spannend bleibt und trotzdem gut fließt. Diese abrupten Wechsel, die man bei uns hört, sind kein Selbstzweck, sondern immer Teil des Gesamtkonzepts und dienen der Dynamik. Gerade im Thrash Metal ist es wichtig, an den richtigen Stellen Spannung aufzubauen, das Aggressivitätslevel hochzuhalten. Das ist oft eine echte Gratwanderung. Wenn man mitten im kreativen Prozess steckt, ist es leicht, in so eine Art Tunnelblick zu geraten. Man verliert dann schnell das Gefühl dafür, ob man zu viel macht oder ob noch etwas fehlt. Genau da ist das Feedback der anderen in der Band Gold wert. Durch diesen Austausch finden wir das richtige Gleichgewicht und die Songs entwickeln sich so zu dem, was am Ende ins Studio oder auf die Bühne kommt.
Das Coverartwork zeigt, wie schon auf „Sacrifice Your Future“ eine eher archaisches Sujet. Den Songtiteln nach scheinen sich die Lyrics doch eher auf gesellschaftliche Dinge oder auch Zukunftsvisionen zu beziehen. Was gab den Ausschlag für die Auswahl des Coverartworks? Wer hat das Ding erschaffen?
In meinen Texten geht es immer wieder um existenzielle Fragen – nicht ausschließlich, aber immer mal wieder. Dabei spielt die Archaik eine große Rolle. Zum einen, weil sich das thematisch sehr gut bildlich darstellen lässt, und zum anderen, weil diese Ästhetik absolut meinem Geschmack entspricht. Deshalb war für uns klar, dass auch das Artwork in diese Richtung gehen sollte.
Das Cover zu „Arrows at the Sun“ greift genau diese archaische Bildsprache auf. Es zeigt den Kampf gegen eine übermächtige, beinahe unüberwindbare Kraft – und trotzdem schießt man seine Pfeile ab, wohl wissend, dass es vielleicht aussichtslos ist. Dieser Akt des Widerstands, dieses Sich-Entgegenstellen im Moment unausweichlicher Auslöschung.
Geschaffen hat das Artwork Velio Josto, und wir hätten uns keinen besseren Künstler dafür vorstellen können. Er hat unsere Idee nicht nur verstanden, sondern ihr eine Intensität und Tiefe gegeben, die perfekt zu unserer Musik passt. Wir waren vom Ergebnis sofort begeistert, weil es das ausdrückt, was wir mit dem Album sagen wollen – roh, direkt und atmosphärisch.
Das erste Video zum neuen Album, „Nekrotornado“, zeigt Euch beim Spielen, aber auch kurze Filmeinblendungen von Computertechnik, Mikrobiologie, Kriegsbildern bis hin zu Atomexplosionen. Wie hängt das alles zusammen? Was ist der „Nekrotornado“?
Das Musikvideo zu Nekrotornado hat,wie schon unser erstes Video zum Debütalbum, wieder Sascha Schöberl umgesetzt, der sowohl Regie als auch Kamera übernommen hat. Wir haben ihm auch dieses Mal komplett freie Hand gelassen, was die kreative Ausgestaltung betrifft. Das ist uns generell wichtig: egal ob bei Artworks, Grafiken oder eben Musikvideos, wir vertrauen den Leuten, mit denen wir zusammenarbeiten, und geben ihnen bewusst viel Freiraum. Wir wollen ihren Input und ihre Sichtweise, statt alles bis ins kleinste Detail vorzugeben.
Inhaltlich geht es in „Nekrotornado“ um den Tod und um die Frage, wie wir als moderne Gesellschaft damit umgehen. Früher – in anderen Kulturen oder Zeiten – war der Tod viel stärker in das Leben eingebunden, auch durch die Rolle von Spiritualität und Religion. Heute wirkt das Ganze eher distanziert, beinahe verdrängt. Im Text geht es aber nicht nur darum, sondern auch um Themen wie Transhumanismus und Posthumanismus. Vor allem in den USA gibt es bereits Bestrebungen, das Bewusstsein zu digitalisieren, mit dem Ziel, den Tod zu überwinden und eine Art ewiges Leben zu schaffen. Nekrotornado setzt sich kritisch mit dieser Entwicklung auseinander und stellt die Frage, was das eigentlich bedeutet – für uns als Menschen und für unser Verständnis von Leben und Tod.
Könnt Ihr uns sonst noch etwas über die Lyrics erzählen? Wer ist für die Texte verantwortlich?
Für den Großteil der Texte bin ich verantwortlich. Inhaltlich drehen sie sich immer wieder um existenzielle Fragen, zum Beispiel wie der Mensch im Spannungsfeld zwischen einer Sehnsucht nach etwas Ursprünglichem und Natürlichem und einer immer weiter fortschreitenden Technisierung in unserer postmodernen Welt steht. Ich greife dabei Themen auf, die uns alle betreffen – Medien, Kontrolle durch technokratische Systeme, Fanatismus in allen Facetten oder aktuell auch künstliche Intelligenz.
Mal gehe ich das eher abstrakt und lyrisch an, mal bette ich es in Geschichten ein, die oft in einer archaischen, postapokalyptischen Welt spielen. Dort müssen Menschen sich wieder mit dem auseinandersetzen, was tief in ihnen verwurzelt ist. Mit dem, was über Jahrtausende in uns angelegt wurde, und das im Gegensatz zu dem steht, was wir heute als Zivilisation kennen, was aber oft nur wie eine dünne Schicht über allem liegt. Diese Geschichten bedienen sich manchmal auch Bildern, die aus archaischen Mythen stammen könnten.
Wichtig ist mir dabei vor allem, eine bestimmte Stimmung und Atmosphäre zu erzeugen. Es geht nicht darum, ein durchgehendes Konzept oder eine epische Handlung über alle Texte hinweg zu verfolgen. Jeder Song steht für sich, hat seine eigene Welt und seine eigene Bildsprache.
Die Produktion des Albums ist recht fett geworden. Selbst mit meinen schrottigen PC- Speakern kracht das ordentlich. Wo und mit wem habt Ihr das Teil aufgenommen/gemastert?
Danke erstmal, das freut uns natürlich sehr, dass dir die Produktion so gefällt. Wie schon beim Debüt „Sacrifice Your Future“ hat unser Drummer Thomas Taube im Five Lakes Studio die komplette Produktion übernommen, also von den Aufnahmen bis hin zu Mixing und Mastering. Wir haben echt das Glück, jemanden in der Band zu haben, der nicht nur Schlagzeug spielt, sondern auch ein absoluter Profi in Sachen Produktion ist und das mit echter Leidenschaft macht. Thomas arbeitet auch für andere Metalbands verschiedenster Stilrichtungen und bringt da jede Menge Erfahrung mit.
Ihm war es besonders wichtig, dass wir eben keine typische Thrash- oder Retro-Thrash-Produktion bekommen, sondern einen Sound, der für sich steht und unsere Songs richtig zur Geltung bringt. Das Feedback, das wir bislang zur Produktion bekommen haben, ist durchweg positiv und das freut uns genauso wie ihn.
Eure früheren Veröffentlichungen habt Ihr ja in Eigenregie herausgebracht. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit High Roller Records, und wie zufrieden seid Ihr bisher mit der Arbeit des Labels?
Unsere erste EP haben wir komplett in Eigenregie nur digital veröffentlicht. Beim Debütalbum sah das schon anders aus. Da haben Iron Shield die CD-Version rausgebracht und High Roller die Vinyl. Deshalb waren wir dort auch keine Unbekannten mehr. Es hat uns sehr gefreut, dass High Roller nach unserer Kontaktaufnahme sofort Feuer und Flamme für das neue Material war und direkt zugesagt hat, „Arrows at the Sun“ zu veröffentlichen.
High Roller ist ja ein sehr angesehenes deutsches Metal-Label, das eine riesige Bandbreite an traditionellem Metal und verschiedenen Subgenres abdeckt. Die sind auch in Sachen Promotion extrem gut vernetzt, und genau deshalb sind wir mit der Zusammenarbeit super zufrieden.
Ihr seid jetzt sicher ziemlich heiß drauf, das neue Album auch live zu präsentieren. Habt Ihr da schon was auf der Agenda? Was sollten Veranstalter locker machen, wenn sie Euch auf ihre Bühne locken wollen?
Wir sind natürlich immer heiß darauf, live zu spielen – Thrash-Metal gehört schließlich genau dorthin. Diese Energie auf der Bühne, die Wucht und das Adrenalin…so muss das sein! Gerade sind wir dabei, neue Shows zu organisieren, und an der Stelle gerne der Aufruf an alle Veranstalter: meldet euch einfach bei uns. Wir bringen die Abrissbirne mit und sorgen dafür, dass der Laden brennt.
Was ist sonst noch geplant im Hause WHITE MANTIS? Habt Ihr Euren Stil gefunden oder gibt es schon Ideen für Vorstöße in andere Regionen? Lasst Ihr „Arrows At The Sun“ erst einmal sacken oder flirren Euch schon neue Songideen durch den Kopf?
Gerade sind wir schon mitten dabei, die Songs für das dritte Album zu schreiben. Natürlich wird man auch diesmal wieder klar die Handschrift von WHITE MANTIS erkennen, aber wir setzen uns beim Songwriting immer neue Ziele. Sei es durch andere Tempi, spannende Arrangements oder mehr Dynamik. Wir wollen ständig ausprobieren und schauen, wo wir unseren Stil noch erweitern können. Ideen haben wir jede Menge, und auch wenn das neue Album an das anknüpfen wird, was wir bisher gemacht haben, wird es sicher wieder ein paar Überraschungen bereithalten. Uns ist wichtig, dass wir nie zweimal dasselbe Album schreiben. Dafür machen wir das Ganze viel zu sehr aus kreativer Freude und aus Spaß an der gemeinsamen Arbeit.
Ich hoffe, meine Fragen waren nicht zu langweilig. Ich bedanke mich schon mal für Eure Zeit und wünsche Euch viel Erfolg mit der Band und natürlich dem aktuellen Album. Die abschließenden Worte gehören Euch.
Von langweiligen Fragen kann hier keine Rede sein – im Gegenteil, danke für das tolle Interview! Wir würden uns freuen, wenn man sich auch mal bei einem unserer Gigs persönlich über den Weg läuft. Thrash Metal wird ja oft als ein Genre mit engen Grenzen und beschränkten Möglichkeiten gesehen, aber das sehen wir komplett anders. Thrash Metal ist noch lange nicht am Ende! Thrash till death!

