CRYPTIC SHIFT – Overspace & Supertime (2026)
(10.082) Olaf (9,0/10) Prog Death Metal
Label: Metal Blade
VÖ: 27.02.2026
Stil: Progressive Death/Thrash Metal
Wer im Jahr 2026 als Metalhead noch echte musikalische Abenteuer erleben will, muss bereit sein, sich fallen zu lassen – und genau da wartet CRYPTIC SHIFT bereits, grinsend wie ein Alien-Kommandant: „Setz dich hin, hör zu, und vergiss für die nächsten 82 Minuten einfach mal, dass du ein Leben hast.“
Denn ja: fünf Songs, 82 Minuten. Das ist nicht einfach ein Album – das ist ein interstellarer Gewaltmarsch durch Dimensionen, in denen Zeit nicht linear verläuft und Gitarristen vermutlich als Naturkatastrophen eingestuft werden. Und Overspace & Supertime ist genau so ein Werk, das man nicht „mal eben nebenbei“ konsumiert. Das ist keine Spotify-Playlist fürs Kochen. Das ist ein Ritual. Ein Test. Ein verdammter Eignungstest für die eigene Aufmerksamkeitsspanne.
Wenn du also gerade denkst, du könntest dieses Album locker beim Autofahren hören: nein. Vergiss es. Dieses Teil ist nicht „Auto-fahr-tauglich“. Du brauchst für Overspace & Supertime die Konzentration eines Marathonläufers, nicht die eines 5000-Meter-Rennens. Wer hier nebenbei noch Verkehrszeichen lesen will, fährt spätestens bei Minute 14 von Stratocumulus Evergaol in eine Leitplanke und wacht dann auf irgendeinem Mond wieder auf – cryogenisch konserviert und mit Robo-Vocals im Kopf.
Und trotzdem: irgendwie funktioniert es. Unfassbar gut sogar.
CRYPTIC SHIFT stammen aus Leeds, UK und wurden 2015 von Alexander Bradley (Gesang/Gitarre) und Ryan Sheperson (Drums) gegründet – zwei Typen, die offensichtlich zu viel Science-Fiction gelesen und zu wenig Schlaf bekommen haben. Später kam mit John Riley der Bass dazu, man veröffentlichte die EP Beyond the Celestial Realms (2016) und ließ 2020 das Debüt Visitations from Enceladus auf die Menschheit los – inklusive des damals schon absurd langen Epos Moonbelt Immolator. Und jetzt, 2026, kommt mit Overspace & Supertime die nächste Eskalationsstufe.
Was bei anderen Bands ein „progressiver Ansatz“ wäre, ist bei CRYPTIC SHIFT eine komplette alternative Evolution der extremen Musik. Dieses Album klingt tatsächlich wie: Atheist zu Unquestionable Presence-Zeiten treffen auf Death zu Symbolic-Zeiten, dazu eine ordentliche Prise Sci-Fi-Wahnsinn, Jazz-Fusion-Genetik und eine Thrash-Death-Maschine, die offensichtlich mit schwarzer Materie betrieben wird. Und ja, ich weiß wie das klingt. Nach einer übertriebenen Metapher aus einem Review, das sich selbst zu wichtig nimmt. Aber das hier ist keine Übertreibung. Das ist ein Album, das dich herausfordert, dich verwirrt, dich überrollt und dann mit chirurgischer Präzision wieder zusammensetzt – allerdings nicht so wie vorher, sondern mit ein paar zusätzlichen Synapsen, die vorher nicht da waren.
Das Faszinierende ist: CRYPTIC SHIFT wirken dabei nicht wie verkopfte Nerds, die dem Hörer beweisen wollen, wie viele Takte man in ein Riff pressen kann, bevor es platzt. Trotz aller Komplexität bleibt das Ganze erstaunlich griffig. Natürlich nicht im Sinne von „Ohrwurm“, sondern eher wie ein außerirdisches Artefakt, das du nicht mehr loswirst, wenn du es einmal angefasst hast.
Die Band beschreibt ihren Stil selbst als „Technical Thrash/Death Metal“ mit progressiven Elementen – aber das greift fast zu kurz. Denn dieses Album hat eine ganz eigene Atmosphäre: futuristisch, klinisch, aber gleichzeitig auch brutal organisch. Wie ein Raumschiff aus Fleisch.
Auch textlich wird die Sci-Fi-Welt konsequent weitergesponnen. Der neue Zyklus spielt laut Ryan Sheperson in einer Art alternativer Realität zu den Ereignissen von Visitations from Enceladus: gleiche Motive, ähnliche Planeten, aber andere Dimensionen, andere Regeln, andere Abgründe. Die Hauptfigur heißt diesmal „The Recaller“ und wird durch hyperspaceartige Traum- und Bewusstseinswelten gejagt – Cyber-Schusswechsel, bizarre Begegnungen, fremde Sphären, alles dabei. Und das ist einer der großen Pluspunkte: Das Album ist nicht einfach eine Sammlung technischer Songs. Es ist eine Reise. Und diese Reise ist riesig. Gewaltig. Teilweise sogar erschlagend.
Der Opener Cryogenically Frozen macht direkt klar, dass man diesmal nicht erst zehn Minuten warm wird. Laut Band war das sogar Absicht: Im Gegensatz zum cineastisch-langen Einstieg des Vorgängers geht es hier sofort in ein jazzig-fusionartiges Geflecht, das sich anfühlt, als hätte Metal eine Parallelwelt gehabt, in der Allan Holdsworth mit Cynic und Pestilence gemeinsam im Proberaum saß – und am Ende kam trotzdem ein Circle-Pit-taugliches Monster raus. Das klingt alles schön theoretisch – aber praktisch ist das Ding einfach ein Schlag ins Gesicht. Nur halt ein sehr intelligenter Schlag ins Gesicht.
Und jetzt mal ehrlich: Wie zur Hölle soll das live umgesetzt werden?
Ich sehe es schon vor mir. Festivalbühne. Publikum halb betrunken, halb verwirrt. Und dann ruft Alexander Bradley: „This is Stratocumulus Evergaol!“ Und irgendwo hinten fragt einer: „Ist das jetzt noch der Song oder schon der nächste?“ Und vorne kippen die ersten um, nicht wegen Moshpit, sondern wegen geistiger Überforderung. Und ich gebe ein versprechen ab: Wenn mich meine Kollegen bei Tales from the Hard Side mal wieder nerven, werde ich aus reiner Boshaftigkeit mit diesem 30-Minuten-Monster ein Exempel statuieren. Das ist keine Strafe mehr, das ist pädagogischer Sadismus. Und wenn nach Minute 23 noch jemand „Kannst du das nochmal erklären?“ fragt, gibt’s sofort die Wiederholung.
Nach diesem Mammutstück folgt Hyperspace Topography, ein Song, der sich in der Mitte des Albums wie ein scheinbarer „Atemzug“ anfühlt – aber natürlich nicht, weil er einfach wäre, sondern weil er anders arbeitet. Hier stellt sich die Band laut eigener Aussage die Struktur einer nächsten Dimension vor: geologische Formen, physische Erkundung, widersprüchliche Realität. Musikalisch tauchen hier sogar Shoegaze- und Alternative-Rock-Techniken auf, mit cleanen Flächen, Effektpedalen, gleitenden Leads und „Robo-Vocals“ als Rückkehr. Das Ergebnis: futuristisch, fast schon hypnotisch, aber immer noch brutal. Als würde man durch einen Neon-Nebel fliegen, während unter einem Planeten explodieren.
Hexagonal Eyes (Diverity Trepaphyphasyzm) zieht dir danach wieder den Teppich weg. Die Band beschreibt das Ding als ihr extremstes Material, mit einem unbarmherzigen Strom aus Ideen, der dich in einem „Black-Hole-Grip“ festhält. Und ja, das trifft es ziemlich gut: du wirst hier nicht geführt, du wirst eingesaugt. Gleichzeitig spielt die Story wieder auf Orte vom Debüt an – die Rückkehr zu einer Moonbase, die ersten Symptome einer „temporal disease“, also einer Art Zeitkrankheit. Und spätestens da merkst du: Das hier ist nicht einfach Sci-Fi als Deko. Das ist Konzeptarbeit mit Hirn. Und trotzdem wird es nie peinlich oder „cringe“. Es bleibt immer Metal. Es bleibt immer aggressiv. Es bleibt immer ein Album, das nicht im Bücherregal wohnen will, sondern in der Magengrube.
Der Abschluss ist dann der Titeltrack Overspace & Supertime – und der fühlt sich an wie das Finale eines Films, der in IMAX gedreht wurde, aber komplett aus Blut, Kabeln und kosmischem Wahnsinn besteht. Hier werden die progressivsten Ideen ausgepackt: Spoken-Word-Passagen, die wie Hörbuchsequenzen wirken, Noise-Parts, die laut Band so klingen sollen, als hätten The Jesus & Mary Chain das Raumschiff für zwei Minuten gekapert, und als Sahnehäubchen gibt’s Theremin-Soli von Mike Browning (Nocturnus), direkt aus den Dimensionen uralter Götter. Und ja, das klingt absurd – aber es passt. Weil dieses Album von Anfang an absurd ist.
Auch das Artwork ist nicht einfach nur „cool“, sondern konzeptionell eingebettet. Inspiriert wurde es von Moebius’ 40 Days In The Desert, mit hohen, düsteren Gestalten, passend zur Begegnung zwischen „The Recaller“ und „The Alien Sorceress“. Gemalt wurde es von Jesse Jacobi, und man erkennt sogar, dass die Komposition bewusst an das Cover von Visitations from Enceladus erinnert – weil beide Figuren, obwohl verschieden, miteinander verknüpft sind.
Was mich an Overspace & Supertime am meisten beeindruckt: Es ist nicht nur technisch brillant, sondern auch kompositorisch wahnsinnig stark. Trotz der Länge hat das Album keine echten „Leerlauf“-Momente. Natürlich gibt es Passagen, die sich nicht sofort erschließen. Aber das ist hier kein Fehler – das ist das Konzept. Das Album ist wie ein fremder Planet: beim ersten Besuch verstehst du kaum etwas, beim zweiten erkennst du Muster, beim dritten merkst du, dass du längst infiziert bist.
Und ja, man kann nach dem ersten Durchlauf vielleicht nur 20% von dem erfassen, was hier passiert. Aber genau das macht den Reiz aus. Diese Entdeckungsreise ist gewaltig. Natürlich wird es Leute geben, die sagen: „Zu lang.“Oder: „Zu komplex.“ Oder: „Warum nicht einfach zehn Songs wie normale Menschen?“ Aber CRYPTIC SHIFT sind keine „normalen Menschen“. Das sind musikalische Astrophysiker mit Blastbeats im Blutkreislauf. Und am Ende bleibt diese merkwürdige Wahrheit: Dieses Album ist anstrengend – aber auf eine Art, die Spaß macht. Es ist wie ein riesiges Sci-Fi-Epos, bei dem du nach dem Abspann erschöpft bist, aber trotzdem sofort wissen willst, was du beim ersten Mal übersehen hast.
Ein Album wie ein schwarzes Loch: Es zieht dich rein, es lässt dich nicht los – und es verändert dich.
Overspace & Supertime ist kein Album für zwischendurch, kein Album für nebenbei, kein Album für Menschen, die nach drei Minuten schon nervös werden. Es ist ein gigantisches, bewusst überforderndes, aber unglaublich faszinierendes Werk – technisch auf einem Niveau, bei dem man sich fragt, ob diese Band überhaupt noch in normaler Zeit existiert. Und trotz dieser 82 Minuten bleibt es spannend, weil es nicht einfach Länge ist, sondern Inhalt. Viele Bands würden aus diesen fünf Songs 15 machen – CRYPTIC SHIFT machen daraus ein Universum. Und wenn du danach das Gefühl hast, dein Gehirn müsste rebooten: Glückwunsch. Genau so soll es sein.
Bewertung: 9,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Cryogenically Frozen
02. Stratocumulus Evergaol
03. Hyperspace Topography
04. Hexagonal Eyes (Diverity Trepaphymphasyzm)
05. Overspace & Supertime

