EXHUMED – Red Asphalt (2026)
(10.066) Olaf (10/10) Death Metal
Label: Relapse Records
VÖ: 20.02.2026
Stil: Death Metal
Es gibt Alben, die hört man – und es gibt Alben, die fahren einen über. Exhumed entscheiden sich auf Red Asphalt sehr bewusst für Letzteres. Und zwar mit Vollgas, ohne Sicherheitsgurt, bei Nacht, Regen und defekten Bremsen. Dass mich diese Band seit Jahren begleitet, ist kein Geheimnis, aber was hier 2026 aus den Boxen tropft, ist selbst für ihre Verhältnisse ein besonders blutgetränktes Ausrufezeichen. San José, Kalifornien – seit 1991 ein Ort, an dem Matt Harvey und seine Mitstreiter gelernt haben, wie man Death Metal mit Grindcore-Wahnsinn, Thrash-Spirit und chirurgischer Präzision verbindet. Red Asphalt ist keine nostalgische Rückschau, sondern ein frontal ins Gesicht geschleuderter Beweis dafür, dass Erfahrung nicht weich macht, sondern schärfer.
Das Konzept ist so banal wie genial: die amerikanische Straße als Tatort. Keine romantische Route 66, sondern Asphalt als Massengrab. Exhumed nehmen uns diesmal nicht mit in Leichenschauhäuser des 19. Jahrhunderts oder Videotheken-Horroralbträume, sondern dorthin, wo wir alle regelmäßig sind – ins Auto. Und plötzlich wird aus Alltäglichkeit blanker Horror. Das Album rast durch Themen wie Unfälle, Fahrlässigkeit, Alkohol am Steuer, Profitgier der Industrie, Voyeurismus und Tod auf vier Rädern, ohne auch nur eine Sekunde Luft zu holen. Von Anfang bis Ende Gemetzel in Reinkultur, dabei immer sauber auf den Punkt und erstaunlich nachvollziehbar – so pervers das klingen mag.
Musikalisch ist das hier tatsächlich das beste Carcass-Album, das Carcass nie geschrieben haben. Riffsalven, die sägen wie ein rostiger Knochenschneider, Drums, die eher einem Massencrash als einem Taktgefühl gleichen, und Vocals, die zwischen hysterischem Keifen, räudigem Gebrüll und krankem Grinsen pendeln. Heavy as fuck produziert, aber nicht klinisch: fett, dreckig, drückend, mit genug Klarheit, um jedes Riff wie einen gezielten Schädelbruch wirken zu lassen. Die Produktion lässt keinen Zweifel daran, dass hier nichts dem Zufall überlassen wurde – außer vielleicht dem Überleben der Hörerschaft.
Textlich wird nicht subtil gearbeitet, sondern mit dem Presslufthammer. Gleich Unsafe at Any Speed macht klar, wohin die Reise geht: „Another road, another kill“ und „Never safe, at any speed“ sind keine poetischen Metaphern, sondern das Mantra dieses Albums. Geschwindigkeit wird zur Mordwaffe, der Fahrer zum Serienkiller, der Asphalt zum rot-schwarzen Tagebuch menschlicher Trümmer. Auch der Titelsong Red Asphalt malt das Bild gnadenlos aus, wenn „a splattered brain, a trail of guts“ zur Wegbeschreibung wird und die Straße selbst zur Chronik aus „broken lives“ mutiert. Das ist Splatter, ja – aber mit Konzept und bitterem Nachgeschmack.
Besonders perfide wird es in Shock Trauma, wo Alkohol am Steuer in eine textliche Autopsie ausartet. Zeilen wie „BAC soaring as tires peel“ und „a party to vehicular homicide“ lassen keinen Interpretationsspielraum. Hier wird Schuld nicht relativiert, sondern seziert. Signal Thirty – der Polizeicode für einen tödlichen Verkehrsunfall – funktioniert fast dokumentarisch, wenn von „another bloody number in the toll“ die Rede ist und sich Tod als Routine entlarvt. Und dann wäre da noch Symphorophilia, wahrscheinlich einer der krankesten Songs der Bandgeschichte, der den voyeuristischen Lustgewinn an Zerstörung beschreibt, wenn „new pornography, born of technology“ aus Fleisch, Metall und Schaulust entsteht. Geschmacklos? Absolut. Wirksam? Leider auch.
Was Red Asphalt dabei so stark macht, ist die Konsequenz. Kein Song bricht aus, kein Moment wirkt beliebig oder wie Füllmaterial. Selbst kürzere Stücke wie Shovelhead oder Symphorophilia sind essenziell für den Fluss dieses Albums, das eher wie ein einziger, durchgeknallter Horrorfilm wirkt als wie eine lose Songsammlung. Apropos Film: Guckt euch unbedingt den kleinen Horrorstreifen zu Unsafe at any Speed an. Allein, dass man ihn hier aus guten Gründen nicht einfach einbetten kann, sagt schon alles.
Ja, ich war schon immer Exhumed-Fan – und dieses Album hat das eher verschlimmert als gemildert. Scheiße, ich brauche wirklich endlich ein Shirt von denen. Und ja, verdammt, was soll man tun, wenn das gesamte Album ein einziges Highlight ist? Genau: die Höchstnote zücken. Wie sagte letztens ein befreundeter Musiker zu mir: „Du bist also wie ein Lehrer, der niemals die 1 vergibt?“ Stimmt. Aber manchmal geht es nicht anders. Herr Hiller musste mir 1988 in Mathe auch die Bestnote geben, ob er wollte oder nicht. Warum also hier knausern?
Red Asphalt ist Blut, Gedärme und Splatter – aber grandios organisiert, rasend, brutal, intelligent und bis ins Mark unterhaltsam. Ein herrliches Album zum kompletten Ausrasten, ein Crash ohne Überlebende und ein neuer Fixpunkt im Exhumed-Kosmos. Das ist kein Album, das man hört – es ist ein Frontalaufprall mit 200 km/h, bei dem selbst der Asphalt noch schreit.
Anspieltipps:
🔥Unsafe at Any Speed
💀Signal Thirty
🎸Death on Four Wheels
Bewertung: 10 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Unsafe at any Speed
02. Red Asphalt
03. Shock Trauma
04. Shovelhead
05. The iron Graveyard
06. Crawling from the Wreckage
07. Signal Thirty
08. Death on four Wheels
09. Symphorophilia
10. The Fumes

