CYCLONE – Known unto God (2026)
(10.061) Olaf (8,5/10) Thrash Metal
Label: High Roller Records
VÖ: 06.02.2026
Stil: Thrash Metal
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Manchmal sind es keine großen Gesten, sondern kleine, gezielte Schläge, die am meisten Eindruck hinterlassen. Cyclone gehören für mich genau in diese Kategorie – zumindest seit 1986. Brutal Destruction ist bis heute ein gern gesehener Gast auf meinem Plattenteller, ein Album, das nicht altern will, egal wie oft man es auflegt. Inferior to None aus dem Jahr 1990 hingegen wollte mir schon damals nicht mehr so recht munden. Irgendwo zwischen Ambition, Fortschrittswillen und dem Zeitgeist ging mir der rohe Charme verloren. Danach: Funkstille. Die Belgier verschwanden im Nirgendwo, fast so geräuschlos, wie sie gekommen waren. Umso surrealer war es, sie 2023 plötzlich wieder auf der Bühne zu sehen – beim Keep It True, wo auch sonst. Und jetzt, 36 Jahre nach dem Debüt, lassen Cyclone tatsächlich neue Musik los. Keine Nostalgieshow, sondern frisches Material. Das allein verdient schon Respekt.
Known Unto God ist kein vollwertiges Album, sondern ein Mini-Album mit fünf Songs und gut zwanzig Minuten Spielzeit. Und genau hier fängt das Spannungsfeld an, in dem sich diese Veröffentlichung bewegt. Einerseits ist da diese fast kindliche Freude, eine Band aus den Achtzigern wieder mit neuem Stoff zu hören. Andererseits bleibt dieses kleine „Ach komm, ein paar Songs mehr hätten es auch getan“. Aber was nicht ist, kann ja noch werden – und die Zeichen stehen nicht schlecht.
Inhaltlich und musikalisch ist schnell klar: Cyclone wissen sehr genau, woher sie kommen, und sie wissen ebenso genau, was sie heute nicht mehr machen wollen. Guido Gevels ist als einziges verbliebenes Mitglied der Originalbesetzung so etwas wie der rote Faden, der alles zusammenhält. Dass der Rest der Band aus jüngeren Musikern besteht, merkt man der Platte nicht negativ an – im Gegenteil. Die fünf Songs wirken erstaunlich frisch, spielfreudig und fokussiert. Hier wird nicht krampfhaft versucht, Brutal Destruction zu kopieren, sondern dessen Geist einzufangen. Straffer Songaufbau, keine ausufernden Rifforgien, kein unnötiges Recycling. Oldschool, ja – aber nicht museal.
Der Sound ist insgesamt druckvoll und klar, die Gitarren sägen mit ausreichend Biss, der Bass ist schön präsent. Nur der Drumsound ist nicht ganz mein Fall: etwas zu modern, etwas zu sauber, mir fehlt stellenweise dieses raue, organische Knallen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau und eher Geschmacksfrage als echter Kritikpunkt. Unterm Strich ist die Produktion absolut zeitgemäß, ohne den Thrash-Kern weichzuspülen.
Thematisch zeigt sich die Band erstaunlich reflektiert. Der Titelsong Known Unto God greift die Inschrift auf den Gräbern unbekannter Soldaten in Flanders Fields auf – „known unto God“. Statt plumper Kriegsrhetorik dominiert ein nachdenklicher Blick auf Anonymität, Opfer und das kollektive Vergessen. Der Song wirkt ruhig, beinahe würdevoll in seiner Herangehensweise und entfaltet seine Wirkung gerade durch Zurückhaltung statt Pathos. Auch I Fear Myself geht tiefer, als der Titel zunächst vermuten lässt. Hier stehen Selbstzweifel, innere Zerrissenheit und die Angst vor dem eigenen Abgrund im Mittelpunkt. Cyclone beweisen damit, dass Thrash Metal sehr wohl nach innen schauen kann, ohne an Wucht, Schärfe oder Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Besonders spannend wird es bei Nothing Is Real. Hier lugt tatsächlich eine andere Seite von Cyclone hervor, beeinflusst von NWOBHM und frühem US Metal. Man hört diese leicht schrägen Harmonien, diese latent düstere Atmosphäre, die eher an alte Angel Witch- oder Satan-Momente erinnert als an reinen Euro-Thrash. Dass Guido Gevels diesen Song als seinen Favoriten bezeichnet, kann ich gut nachvollziehen – er sticht heraus, ohne aus dem Rahmen zu fallen.
Natürlich ist das hier nicht die Quadratur des Kreises. Niemand erfindet mit Known Unto God den Thrash Metal neu, und das will diese Platte auch gar nicht. Aber es ist herrlich frisch für eine Band, die in ihr 40. Jahr geht. Fünf Songs, die Spaß machen, die Substanz haben und Lust auf mehr erzeugen. Und das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einem Comeback machen kann.
Man muss fairerweise noch einmal erwähnen: Von der Originalbesetzung ist nur noch Guido Gevels an Bord. Doch genau das scheint Cyclone eher gutzutun als zu schaden. Die neue Mannschaft spielt hungrig, respektvoll gegenüber der eigenen Geschichte, aber ohne Ehrfurchtsstarre. Wenn die Belgier diesen Weg weitergehen, ist mit ihnen wieder zu rechnen – nicht als nostalgische Fußnote, sondern als aktive, ernstzunehmende Band im heutigen Thrash-Zirkus.
Known Unto God ist kein großes Statement, aber ein starkes Lebenszeichen. Fünf Songs, die zeigen, dass Vergangenheit und Gegenwart sich nicht ausschließen müssen – und dass Cyclone noch lange nicht zum alten Eisen gehören.
Anspieltipps:
🔥Eliminate
💀Known Unto God
🎸Nothing Is Real
Bewertung: 8,5 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Eliminate
02. Known unto God
03. I fear myself
04. Nothing is real
05. The Truth lies

