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CLAWFINGER – Before we all die (2026)

(10.050) Olaf (10/10) Modern Metal


Label: Perception
VÖ: 20.02.2026
Stil: Modern Metal






Es fühlt sich an, als hätten Clawfinger nicht einfach nur ein neues Album veröffentlicht, sondern als hätten sie nach 18 Jahren Anlauf tief Luft geholt, sich einmal kräftig geräuspert und dann beschlossen, der Welt wieder genau das zu sagen, was sie hören muss – ob sie will oder nicht. Als Environmental Patients vor drei Jahren erschien, hatte ich schon dieses wohlig-kribbelige Gefühl: Da kommt noch was. Bitte lass da mehr kommen.

Ich hab gehofft, gewartet, geflucht, wieder gehofft. Und jetzt ist Before We All Die endlich da. Nicht nur gut, nicht nur solide, sondern in dieser beschissenen Zeit unfassbar wichtig. Weil diese Band wieder auf dem Podium steht, um anzuklagen, Missstände anzuprangern und den Finger in jede offene Wunde zu legen, die unsere schöne neue Welt so großzügig verteilt.

Ich bin seit Anbeginn großer Fan dieser schwedisch-norwegischen Götterband, die sich 1990 in einem geriatrischen Krankenhaus kennenlernte – nicht als Patienten, sondern als Pfleger. Dass ausgerechnet zwischen Zahnersatz und Toilettengängen eine der prägendsten Crossover- und Rap-Metal-Bands Europas entstand, ist so grotesk, dass es schon wieder genial ist.

Clawfinger waren Pioniere, lange bevor Begriffe wie Crossover und Rap Metal inflationär durch jede zweite Playlist geschoben wurden. Sie haben Korn und Rammstein beeinflusst, ohne je ihre eigene Identität zu verramschen. Deaf Dumb Blind kam 1993, Touren mit Alice In Chains und Anthrax folgten, plötzlich waren sie Headliner in Hallen, in denen sie kurz zuvor noch eröffnet hatten. Sieben Alben, rund 1.500 Konzerte, 1,4 Millionen verkaufte Tonträger – und dann Stille. Fast zwei Jahrzehnte. Und jetzt: Album Nummer acht. Comeback? Nein. Rückkehr zur Pflicht.

Als ich sie 2025 auf dem Rock Harz endlich wieder live gesehen habe, war das kein Nostalgie-Kuschelabend mit alten Hits, sondern ein Headliner-würdiger Abriss, der mir schlagartig klar gemacht hat: Diese Band ist nicht hier, um sich selbst zu feiern. Diese Band ist hier, um dir den Spiegel vors Gesicht zu halten und ihn dir notfalls auf die Nase zu hauen. Genau das macht Before We All Die musikalisch und inhaltlich.

Musikalisch ist dieses Album ein wilder, perfekt austarierter Ritt durch alle Härten-Spielarten, die Clawfinger je ausgezeichnet haben. Riffs ohne Ende, Heavyness, dass es einem die Schuhe auszieht, dazu diese wunderbar frechen Keyboard-Einlagen, die nie kitschig wirken, sondern wie giftige Zuckerstreusel auf einem Betonklotz. Und über allem thront Zak Tells unnachahmlicher Rap, der klingt, als hätte er in den letzten 18 Jahren nichts anderes gemacht, als sich innerlich aufzuregen und Reime auf den Weltuntergang zu sammeln. Es erinnert an alte Glanztaten wie Nigger oder The truth, klingt dabei aber kein bisschen angestaubt. Modern, fett, roh, direkt. Produziert von der Band selbst, und man hört das: kein glattpoliertes Streaming-Produkt, sondern ein Album mit Ecken, Kanten und ordentlich Schmutz unter den Fingernägeln.

Inhaltlich ist Before We All Die ein schwarzhumoriges Manifest gegen Umweltkollaps, politische Heuchelei, gesellschaftlichen Zerfall und die ganz persönlichen Brüche dazwischen. Going Down (Like Titanic) bringt das Grundgefühl dieses Albums auf den Punkt: „We’re going down like we’re Titanic / everything’s fine there’s no need to panic.“ Sarkasmus als Überlebensstrategie. Wir feiern auf dem Deck, während das Schiff sinkt, und wundern uns dann, warum die Füße nass werden. In Environmental Patients diagnostizieren sie der Menschheit einen unheilbaren Fall von Egoismus und Selbstüberschätzung: „We are environmental patients trying to fix environmental cases … living on borrowed time.“ Das sitzt. Und es tut weh. Zu Recht.

Dann diese zutiefst menschlichen Songs, die zeigen, dass nicht nur die Welt, sondern auch wir selbst oft ein einziges Baustellenchaos sind. A Fucking Disgrace ist keine platte Selbstgeißelung, sondern ein ehrlicher Blick auf innere Blockaden, Scham und dieses lähmende Gefühl, sich selbst permanent im Weg zu stehen: „Sometimes I feel like a fucking disgrace to us all.“ Ball & Chain schleppt die Last aller selbstgemachten Fehler durch die Strophen und fragt, ob das Leben nicht grundsätzlich ein schwerer Metallklotz am Knöchel ist, den man halt irgendwie hinter sich herzieht. Und A Perfect Day ist ein kleines Meisterstück: Erst malt es ein idyllisches Morgenmärchen, dann kippt es gnadenlos in graue Realität und endet in einem entnervten „God I hate this fucking shit.“ Mehr Alltag passt nicht in vier Minuten.

Politisch werden Clawfinger so giftig wie eh und je. Scum ist eine unmissverständliche Abrechnung mit narzisstischen, sexistischen, machtgeilen Figuren. Und da frage ich mich natürlich: Warum tummelt sich da im Hintergrund plötzlich die Stimme vom Orange Goblin? Hat Scum vielleicht irgendwas mit der brüllenden Orange aus dem Oval Office zu tun? Fragen über Fragen. Antworten gibt’s Ende der Woche im Interview, aber die Botschaft ist klar: „You can polish a turd, but a pile of shit is still a pile of shit.“ Tear You Down setzt noch einen drauf und zerlegt Fake News, falsche Moral und politische Doppelmoral mit chirurgischer Präzision. In Kill The Dream gibt es keine Helden, kein Pathos, keine falsche Romantik: „Kill the dream with the war machine.“ Blut, Landraub, zerstörte Familien. Punkt. Und You Call Yourself a Teacher? kanalisiert institutionelle Ignoranz und Alltagsdemütigung zu einem der befreiendsten Wutausbrüche des Albums: „Any second now I’m gonna break.“ Ich habe beim Hören mehrfach zustimmend genickt und leise geflucht.

Was mich aber wirklich umhaut, ist, wie geschlossen dieses Album wirkt. Keine Füller, keine Alibi-Nummern, kein müdes Zurücklehnen auf alte Lorbeeren. Jeder Song zahlt auf das große Ganze ein. Diese Mischung aus Riffs, Beats, Keys und Rap hat einen absurd hohen Wiedererkennungswert. Es ist abwechslungsreich, es ist wütend, es ist bitter, es ist sarkastisch, es ist manchmal überraschend persönlich – und es bleibt im Kopf hängen wie ein schlechter Gedanke um drei Uhr nachts.

Und dann dieser Kontext: 18 Jahre nach dem letzten Album sind Clawfinger zurück. Das ist nicht nur gut, das ist notwendig. In einer Zeit, in der sich alle in Filterblasen, Belanglosigkeiten und künstlichem Ruhm verlieren, kommt diese Band daher und schreit: Schaut euch diesen verdammten Scherbenhaufen an, den wir hier anrichten. Und ja, wir sind Teil davon. Genau diese Mischung aus Anklage, Selbstironie und schwarzem Humor macht dieses Album so stark.

Ganz ehrlich: Dieses Album ist in seiner Gesamtheit perfekt. Musik, Wiedererkennungswert, Abwechslungsreichtum, Inhalt, Haltung – alles auf Anschlag. Weniger als die Höchstnote für dieses moderne Meisterwerk wäre ein Fauxpas biblischen Ausmaßes. Und das, obwohl ich mir vorgenommen hatte, dieses Jahr sparsam mit Höchstnoten zu sein. Tja. Vorsätze sind was für Neujahr, nicht für Clawfinger.

Für mich ist Before We All Die eines der wichtigsten Alben des Jahres. Ob es am Ende in meiner Top 10 landet, wird sich zeigen – aber es ist auf einem verdammt guten Weg. Ich höre es im Auto, bei der Arbeit, beim Schreiben, beim Putzen, beim Existieren. Es funktioniert immer. Und jedes Mal denke ich: Zum Glück sind diese alten, lauten, albernen Jungs noch da.

Clawfinger sind zurück, nicht um die Welt zu retten, sondern um sie lautstark anzuschreien, während sie brennt. Dieses Album ist Protest, Therapie, Mittelfinger und Party zugleich. Ein modernes Meisterwerk mit Haltung, Humor und maximaler Heavyness. Ich bin wieder 25 Jahre alt. Und gleichzeitig so wütend wie noch nie.


Bewertung: 10 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Scum
02. Ball & Chain
03. Tear you down
04. Big Brother
05. Linked together
06. A perfect Day
07. Going down (Like Titanic)
08. You call yourself a Teacher
09. A fucking Disgrace
10. Kill the Dream
11. Environmental Patients
12. Before we all die 



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