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ANGUS McSIX - …and the all-seeing astral Eye (2026)

(10.137) Olaf (2,5/10) Klatschpappen Metal


Label: Napalm Records
VÖ: 13.03.2026
Stil: Klatschpappen Kirmes Metal






Ich liebe Konstanten im Leben. Wirklich. Manche Menschen brauchen ihren Morgenkaffee, andere den Wetterbericht, wieder andere die Gewissheit, dass am Wochenende irgendwo ein Grill angeschmissen wird. Ich hingegen darf mich offenbar darauf verlassen, dass ANGUS McSIX auch auf Album Nummer zwei wieder jene Form von musikalischem Edelkompost abliefern, bei der man fast schon Respekt vor der Beharrlichkeit bekommen muss. Denn Konstanz ist ja an sich etwas Schönes. Wenn man konstant solch eine Gülle abliefert, ist das in seiner Konsequenz fast schon wieder eine Kunstform.

Die Truppe, die nach dem 2023er Debüt mit einem durchaus chartstauglichen Tusch angetreten war, setzt auf …and the All-Seeing Astral Eye die Saga mit neuer Hauptfigur fort: Nicht mehr Angus selbst steht im Zentrum, sondern sein Bruder Adam McSix, gesungen von Sam Nyman. Dazu kommt mit Jasmin Pabst eine weitere Gitarristin ins Line-up, während die ganze Geschichte natürlich wieder in jener betont überzogenen Fantasy-Metal-Kulisse spielt, die irgendwo zwischen Comic-Heft, Karnevalswagen und Kindergeburtstag im Drachenkostüm angesiedelt ist. Und ja, das Debüt landete tatsächlich in den deutschen Top 10, was einmal mehr beweist, dass Charts kein Qualitätsmerkmal sind, sondern oft nur dokumentierter Massengeschmack mit Barcode.

Was Napalm Records hier als “noch epischer, noch absurder und noch grandioser” verkaufen möchte, liest sich bereits im Pressetext wie eine Sitzung, bei der jemand zu oft “habt doch einfach Spaß damit” gesagt hat, bis keiner mehr bemerkte, dass Spaß und Fremdscham zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. Die Story um eingefrorene Helden, Erzfeinde mit Namen wie aus einem schlechten Pen-&-Paper-Abend und ein Universum, dessen Schicksal an einer Horde geschniegelt aufgepumpter Tralala-Metal-Karikaturen hängt, will sich mit Gewalt als selbstironischer Eskapismus inszenieren. Das Problem ist nur: Selbstironie entschuldigt nicht alles. Wenn das Konzept ständig mit dem Ellbogen in die Rippen stößt und “Na, verstanden? Ist doch lustig!” raunt, wird aus augenzwinkernder Überhöhung irgendwann schlicht Dauerbelästigung.

Und genau da liegt für mich der Kern dieses Albums. ANGUS McSIX wirken nicht wie eine Band, die eine gute Idee konsequent ausreizt, sondern wie ein Projekt, das dem eigenen Gimmick hoffnungslos verfallen ist. Alles ist größer, bunter, dümmer, schriller, noch eine Schicht Keyboard darüber, noch ein technoider Beat darunter, noch ein Gast obendrauf, damit auch wirklich niemand merkt, dass im Zentrum dieser glitzernden Weltraumwurst erschreckend wenig Substanz steckt. Allein die Gästeliste liest sich wie ein panischer Hilferuf. Rhapsody Of Fire, Van Canto, Turmion Kätilöt, Freedom Call – das suggeriert für mich vor allem eines: Man hat offenbar nur begrenztes Vertrauen in die Tragfähigkeit der eigenen Ideen und stopft deshalb möglichst viele bekannte Namen in die Presselandschaft, damit irgendwo schon jemand “Boah, cool, den kenn ich!” ruft.

Musikalisch ist das Ganze dann eben genau das, was man befürchten musste: Techno, Keyboards, tralala, wir fassen uns an den Händen und hüpfen im Kreis. Was soll der Kack? Dieses Album klingt in meiner Vorstellung wie der verzweifelte Versuch, Power Metal, Eurodance, Musical-Pathos und Ballermann-Kompatibilität in einen Topf zu werfen und das Ergebnis als “metal hymn” zu etikettieren. Der Pressetext ist sogar noch stolz darauf, dass The Fire Of Yore eine Brücke zwischen Manowar, Modern Talking und Electric Callboy schlage. Man muss auf so eine Idee auch erst einmal kommen. Und dann müsste man idealerweise den Mumm haben, sie wieder zu verwerfen. Stattdessen wird sie hier mit breitem Grinsen durchgezogen, als hätte jemand ernsthaft geglaubt, das sei originell und nicht einfach bloß unfassbar anstrengend.

Ich mag ja Angus am liebsten medium rare. Musikalisch serviert man hier jedoch eher frittierten Pansen auf einem Teller aus Plastikgold. Da wird mit Pathos hantiert, als stünde das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel, während im Hintergrund Sounds blinken, die selbst den Fernsehgarten auf dumme Gedanken bringen könnten. Andrea Kiewel dürfte sich freuen, denn diese Mischung aus Klatschpappen-Euphorie, Kirmes-Metal und geschniegelt auf Massentauglichkeit gebürstetem Mitgröhlzucker wäre für die Sonntagmittagssonne vermutlich der ganz große Wurf. Relevanz? Nun, ungefähr in der Gewichtsklasse des 1. FC Heidenheim in der Bundesliga. Da ist man da, ja. Aber die Welt bleibt erstaunlich unbeeindruckt.

Besonders faszinierend finde ich dabei die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Wirkung. Offiziell ist das alles natürlich heldenhaft, augenzwinkernd, mitreißend, ohrwurmig und “one-of-a-kind”. In der Praxis klingt es eher nach einem Produkt, das mit aller Gewalt auf Eingängigkeit geeicht wurde und gerade dadurch jede echte Größe verspielt. Denn Ohrwurm ist nicht automatisch Qualität. Auch ein Werbejingle für Dosensuppe kann sich festsetzen, ohne dass man ihn deswegen für eine kompositorische Sternstunde halten müsste. Hier wird aus jeder Zeile, jedem Refrain und jeder Arrangementschicht so penetrant Signalwirkung gepresst, dass am Ende kaum noch Raum für Reibung, Tiefe oder gar Würde bleibt.

Dass auf 6666 noch Thomas Winkler zu hören ist, ehe das Zepter innerhalb der Story an Adam McSix weitergereicht wird, ist dabei fast schon die hübscheste Pointe der ganzen Angelegenheit. Denn natürlich fragt man sich unweigerlich, ob Winkler die Zeichen der Zeit erkannte und deshalb nicht mehr bei den Kollegen trällert – oder ob das alles schlicht die nächste Wendung in einem ohnehin maximal albernen Theaterstück ist, in dem jede neue Besetzungsnotiz sofort wieder in Lore gegossen werden muss. Offiziell ist 6666 jedenfalls genau jener Übergabemoment zwischen alter und neuer Figur, den Napalm auch so kommuniziert.

Und dann diese Label-Pointe. Erinnert sich noch irgendwer daran, dass man bei Napalm Records in den Anfangstagen auch mal richtig schöne, ungehobelte Krachmusik bekam? Tja, den Krach gibt es hier ebenfalls, nur eben in anderer Form. Nicht als rohe Wucht, sondern als überproduziertes Rambazamba, bei dem man irgendwann wirklich gerne Mäuschen in der Besprechung gewesen wäre. Mich würde nämlich brennend interessieren, wie man dort zusammensaß, sich dieses Werk anhörte und kollektiv zu dem Schluss kam, dass man aus diesem Haufen Scheiße Gold machen könne. Vermutlich fiel irgendwann das Wort “markenfähig”, danach wurde genickt, und der Rest ist Astralstaub.

Das Bittere ist ja: So etwas wird funktionieren. Natürlich wird das Album Beachtung finden. Natürlich wird es seine Zielgruppe finden. Natürlich wird es vermutlich ordentlich streamen, vielleicht sogar wieder charten, weil bunte Verpackung, eingängige Hooks und Fantasy-Klamauk heute hervorragend in eine Welt passen, in der viele lieber Konsumkulisse als Charakter wollen. Das macht die Sache aber nicht besser. Im Gegenteil. Es macht sie nur noch deprimierender, weil man sich beim Hören – oder schon beim Lesen des Konzepts – permanent fragt, an welchem Punkt aus augenzwinkerndem Spaß eine ästhetische Kapitulation geworden ist.

Der von dir zitierte Satz “Let the Search begin” ist dabei tatsächlich die treffendste Zeile des ganzen Kosmos. Ja, let the search begin. Nach guter Musik. Nach einem Songwriting, das ohne Krücken auskommt. Nach einer Melodie, die nicht nach fünf Sekunden nach Zuckerwatte im Helm klingt. Nach einem Metal-Album, das nicht ständig so tut, als müsse es dir mit Konfettikanone und Leuchtschwert beweisen, wie unfassbar ulkig und großartig es doch sei.

ANGUS McSIX ist für mich kein herrlich bekloppter Spaß, sondern ein in Hochglanz gegossenes Missverständnis. Eine Platte wie ein Dauergrinsen aus Plastik, geschniegelt bis in die letzte Synth-Spur, geschniegelt auch dort noch, wo man sich eigentlich mal Dreck unter den Nägeln wünschen würde. Das ist nicht charmant bescheuert, das ist kalkuliert bescheuert. Und kalkulierte Albernheit ist eben nur sehr selten liebenswert. Meistens ist sie einfach nur laut, bunt und unerquicklich. Oder anders gesagt: kaum auszuhalten.

…and the All-Seeing Astral Eye ist für mich kein Album, das scheitert, weil es zu viel wagt. Es scheitert, weil es seine eigene Nervigkeit mit Größe verwechselt. Weil es grelle Reizüberflutung für Unterhaltung hält. Weil es seine Gästeliste wie eine Auszeichnung vor sich herträgt, anstatt mit starken eigenen Songs zu überzeugen. Und weil hinter all dem astralen Tinnef am Ende vor allem eines sichtbar wird: eine Band, die auf Teufel komm raus spektakulär wirken will und dabei jede Form von musikalischer Würde aus dem Fenster kippt. Konsequent ist das immerhin. Und Konstanz, ich sagte es eingangs, liebe ich ja.


Bewertung: 2,5 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. 6666
02. The Fire of Yore
03. I am Adam McSix (feat.Rhapsody of Fire)
04. Dig Down (feat.Van Canto)
05. Techno Men (feat.Turmion Kätilöt)
06. Ork Zero
07. Starlight Stronghold
08. Aetheriyja
09. Let the Search begin
10. The Power of Metal (feat.Freedom Call)
11. Into Battle 



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