SEPULTURA – The Cloud of Unknowing (2026)
(10.222) Olaf (2,5/10) Thrash Metal
Label: Nuclear Blast
VÖ: 24.04.2026
Stil: Thrash Metal
Manchmal braucht es nur ein paar Sekunden, um zu merken, dass etwas gewaltig schiefläuft. In meinem Fall waren es ziemlich genau die ersten Takte von All Souls Rising. Und das macht die Sache eigentlich noch schlimmer. Denn genau da blitzt sie auf – diese alte, ehrwürdige Größe von Sepultura. Diese Band, die mir Anfang der 90er mit Chaos A.D. und Roots das Hirn neu verdrahtet hat. Diese Institution aus Brasilien, die mehr Bands beeinflusst hat als so mancher Gott im Metal-Olymp überhaupt kennt.
Und jetzt stehen wir hier. Abschiedstour. Letztes Kapitel. Vier Songs. Und ich sitze da, höre mir das Ding an und denke mir: Das soll es gewesen sein?
Die Ausgangslage liest sich auf dem Papier eigentlich wie ein Pflichttermin. Vier Jahrzehnte Bandgeschichte, weltweite Anerkennung, unzählige Tourneen – und dann die Idee, noch einmal spontan ins Studio zu gehen, ohne Druck, ohne Plan, einfach „aus dem Moment heraus“. Das klingt erstmal nach Freiheit, nach Kreativität, nach einem letzten künstlerischen Aufbäumen. In der Realität klingt es leider eher nach: „Wir hatten noch ein paar Riffreste in der Schublade und dachten uns, komm, raus damit.“
Und jetzt zu diesem bitteren Elefanten im Raum: All Souls Rising. Dieser Opener ist eine verdammte Frechheit – aber im positiven Sinne. Der knallt. Der hat Druck. Der hat diesen Groove, diese Energie, dieses „Ja, genau so!“-Gefühl. Derrick klingt hungrig, die Gitarren sägen, das Schlagzeug treibt. Für einen kurzen Moment denkst du: Alter, das wird ein würdiger Abschied. Und dann… passiert das, was man eigentlich nur mit einem resignierten Kopfschütteln kommentieren kann.
Die restlichen drei Songs wirken, als hätte jemand beschlossen, das Tempo rauszunehmen, die Spannung zu zerlegen und das Ganze in eine Mischung aus sphärischem Gedudel, halbgaren Ideen und musikalischem Leerlauf zu kippen. Ernsthaft – so verliert man ein überlebensgroßes Vermächtnis.
Beyond the Dream versucht sich an einer emotionalen, ruhigen Nummer. Clean Vocals, Pathos, große Gefühle. In der Theorie alles legitim. In der Praxis klingt das aber eher nach „Powerballade im Proberaum entstanden und niemand hatte den Mut zu sagen: Leute, das reicht nicht“. Textlich wird von innerer Veränderung und Hoffnung gesprochen – sinngemäß dieses „we can change from within“-Narrativ. Nur leider transportiert die Musik genau das Gegenteil: Müdigkeit.
Sacred Books und The Place treiben das Ganze dann endgültig in diese pseudo-tiefgründige Richtung, bei der man sich fragt, ob hier wirklich noch eine Band spielt oder ob man versehentlich in einem Meditationskurs gelandet ist. Themen wie Migration, Identität, Selbsthass und gesellschaftliche Spannungen sind absolut relevant – keine Frage. Aber wenn der musikalische Unterbau nicht trägt, bleibt davon nicht viel mehr als ein gut gemeinter Vortrag übrig. Sinngemäß heißt es da, dass Menschen „in falscher Sicherheit leben und beginnen, gegen das zu kämpfen, was sie selbst hassen“. Starkes Bild. Nur schade, dass die Musik dazu klingt, als hätte sie selbst aufgegeben.
Und genau da liegt das Problem dieses Releases: Es will bedeutungsschwer sein, tiefgründig, reflektiert. Aber es fehlt die Wucht. Die Konsequenz. Die Zähne. Das hier ist nicht das finale Aufbäumen einer Legende – das ist ein laues Ausklingen.
Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Diese Band steht kurz davor, Geschichte zu sein. Und dann kommt so eine halbgare Kacke dabei raus? Sorry, aber ich schreibe mich da wirklich in Rage. Das fühlt sich nicht nach einem bewussten Abschluss an, sondern nach einem musikalischen Kehraus. B-Ware. Ausschuss. Material, das auf einem regulären Album vermutlich nicht mal die B-Seite gesehen hätte. Und ja, ich weiß – „spontan“, „ehrlich“, „aus dem Moment“. Alles schön und gut. Aber ehrlich gesagt: Spontan kann auch scheiße sein. Und ehrlich gesagt ist dieses EP genau das – ehrlich schwach.
Dass ausgerechnet diese Band, die den Metal in so vielen Facetten geprägt hat, am Ende mit so einem halbherzigen Ding um die Ecke kommt, ist nicht nur enttäuschend. Es ist fast schon respektlos gegenüber der eigenen Legacy. Am Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack. Nicht, weil hier alles schlecht ist – sondern weil man ganz genau hört, was möglich gewesen wäre. Dieser Opener zeigt es ja. Und genau deshalb tut es so weh.
Wenn das wirklich der letzte Output dieser Legende sein soll, dann ist das kein würdiger Abgang, sondern ein leiser Abgang durch die Hintertür – während vorne noch die alten Klassiker aus den Boxen knallen und daran erinnern, wie groß diese Band einmal war.
Bewertung: 2,5 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. All Souls rising
02. Beyond the Dream
03. Sacred Books
04. The Place

