TAILGUNNER – Midnight Blitz (2026)
(10.058) Olaf (9,5/10) Heavy Metal
Label: Napalm Records
VÖ: 06.02.2026
Stil: Heavy Metal
Es gibt diese Momente, da klickt man auf „Play“ – und noch bevor der erste Song richtig Fahrt aufnimmt, weiß man: Das hier ist kein weiterer nostalgischer Aufguss, sondern ein Statement. Genau so ging es mir mit Tailgunner und Midnight Blitz. Und ja, ich gebe es offen zu: Live auf dem Rock Hard Festival hat es mich bereits erwischt. Begeisterung ab der ersten Minute, Schweiß, Grinsen, Faust in der Luft – Shirt gekauft, bevor der letzte Akkord verklungen war. Manche Bands muss man nicht zerdenken, man muss sie erleben. Und danach hören. Laut.
TAILGUNNER stammen aus dem Vereinigten Königreich, gegründet 2022, und klingen trotzdem so, als hätten sie einen Zeitkanal direkt in die Hochphase des britischen Heavy Metal geöffnet – ohne dabei in Staub und Patina zu versinken. Midnight Blitz ist ihr zweites vollständiges Album Das allein wäre noch keine Schlagzeile. Der eigentliche Ritterschlag folgt später: K. K. Downing übernimmt die Produktion. Kein Marketing-Gag, sondern ein logischer Schritt, nachdem die Band als Support von KK’s Priest mehr als nur Eindruck hinterlassen hat. Downing hätte sich das nicht angetan, wenn hier nicht Substanz wäre. Und genau das hört man.
Was TAILGUNNER hier abliefern, ist Heavy Metal in Reinform: bretthart produziert, ohne steril zu wirken; druckvoll, aber atmend; modern im Sound, klassisch im Geist. Diese Platte will nicht gefallen, sie will überzeugen – und das tut sie mit unfassbarer Konsequenz. Die Gitarrenarbeit ist schlicht eine Frechheit: Twin-Leads, die sich jagen, Solo-Duelle, die nicht nach „jetzt muss halt ein Solo kommen“ klingen, sondern nach purer Spielfreude und technischer Überlegenheit. Dazu diese Stimme von Craig Cairns – kraftvoll, variabel, mit genau dem richtigen Maß an Pathos, ohne je ins Theatralische abzurutschen.
Thematisch bewegen sich die Texte zwischen Krieg, Vergänglichkeit, inneren Konflikten und epischer Bildsprache. Da wird nicht einfach mit Schlagwörtern hantiert, sondern mit Bildern gearbeitet. Wenn in Tears In Rain Vergänglichkeit und Verlust beschworen werden, schwingt eine fast melancholische Größe mit, die zeigt, dass diese Band mehr kann als nur Attacke. Follow Me In Death spielt mit fatalistischer Hingabe und dunkler Romantik, während Dead Until Dark seine Inspiration aus den Achtzigern nicht versteckt, sondern zelebriert – aber eben mit Stil, nicht mit Augenzwinkern. Besonders stark ist, wie TAILGUNNER epische Ansätze und aggressive Riffs verzahnen: Barren Lands And Seas Of Red verbindet eingängige Refrains mit manischen Thrash-Anleihen, ohne die Kontrolle zu verlieren. Selbst die ruhigeren Momente, etwa War In Heaven, wirken nicht wie eine Pflichtballade, sondern wie ein bewusst gesetzter dramaturgischer Atemzug, bevor das Album wieder Fahrt aufnimmt.
Dass Midnight Blitz trotz seiner klassischen Ausrichtung nie zur Persiflage wird, ist vielleicht seine größte Stärke. Hier klingt nichts nach „früher war alles besser“. Im Gegenteil: Diese Platte steht fest in der Gegenwart, schaut nach vorne und nimmt ihre Einflüsse als Fundament, nicht als Krücke. Genau deshalb funktioniert auch das große Finale Eulogy so hervorragend, wenn orchestrale Momente, starke Vocals und ein Speed-Metal-Ausbruch ineinandergreifen und das Album mit erhobenem Haupt beenden.
Ich habe kürzlich eine Umfrage gesehen, in der gefragt wurde, welches Album Heavy Metal am besten beschreibt. Natürlich fielen die üblichen Namen. Aber vielleicht sollte man den Blick wirklich mal über den Tellerrand wagen – denn Midnight Blitz hat alles, was einen künftigen Klassiker ausmacht. Wenn selbst ein Glen Tipton sinngemäß attestiert, dass genau solche Bands den Geist des Heavy Metal weitertragen, dann ist das mehr als nur Lob. Es ist ein Ritterschlag. Und K. K. Downing bringt es ohnehin auf den Punkt, wenn er sagt, dass TAILGUNNER all das verkörpern, wofür Heavy Metal steht: laut, stolz, traditionsbewusst – und gleichzeitig eigenständig und frisch.
Unterm Strich bleibt ein Album, das sich nicht erklären lässt, sondern gehört werden muss. Midnight Blitz ist Heavy Metal, wie er gedacht ist: direkt, ehrlich, mitreißend – und so verdammt gut, dass man ihn sich ohne langes Zögern ins Regal wuchtet. Wer hier noch diskutiert, hat den Verstärker zu leise eingestellt. „Midnight Blitz klingt wie ein Versprechen an die Zukunft – abgegeben mit der Faust in der Luft und dem Blick nach vorne.“
Bewertung: 9,5 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Midnight Blitz
02. Tears in Rain
03. Follow me in Death
04. Dead until Dark
05. Barren Lands and Seas of Red
06. War in Heaven
07. Blood Sacrifice
08. Night Raids
09. Eye of the Storm
10. Eulogy

