MEGADETH - Megadeth (2026)
(10.044) Olaf (8,0/10) Thrash Metal
Label: BLKIIBLK
VÖ: 23.01.2026
Stil: Thrash Metal
Seit MEGADETH vor über 40 Jahren aus dem wilden Feuer der Thrash-Metal-Szene emporstieg, dirigiert von Dave Mustaine – einem Gitarristen, der so rotzig schmettert wie die Sonne laut lacht – hat sich die musikalische Landschaft verändert wie ein Gitarrenriff, das sich im Orbit verfängt. Was als Dumpfheit begann, ist zu einer Lawine der Metalgeschichte angewachsen, die bis heute metertief im kollektiven Klanggedächtnis gräbt. Mit über 50 Millionen verkauften Platten, einem Grammy und Klassikern wie Rust in Peace oder Peace Sells… But Who’s Buying?, ist die Band längst Institution, Mythos und Running Gag zugleich.
Nun steht mit Megadeth das – vermutlich – letzte Kapitel einer Ära bevor. Und wie man es von einem Mann erwartet, der seine Karriere damit begonnen hat, seine eigenen Gitarrenriffs in Brand zu setzen, statt mit dem Feuer zu spielen, hat Mustaine ein Album entworfen, das so ambivalent ist wie sein Humor.
Der Titelsong Tipping Point wirft dich gleich in den Ring: schneller Thrash, messerscharfe Riffs und ein Gefühl, als stünde man kurz vor dem Moment, in dem alles kippt. Diese Eröffnung nimmt dir sofort den Atem und sagt: „Ja, ich bin noch da.“ Und das ist gut so, denn die Band wirkt – trotz des Endzeitlinks – absolut präsent. Tracks wie I Don’t Care und Hey, God?! folgen dieser Linie mit einer Mischung aus Trotz, Melodie und der typischen Mustaine’schen Skepsis gegenüber dem Universum. Gerade der Titel Hey, God?! fühlt sich an, als würde Mustaine selbst Gott beim Soundcheck hinterfragen – rhetorisch, bissig und mit der Präzision eines scharf geschliffenen Plektrums. Dabei bleibt das Album nicht im staubigen Thrash-Tunnel stecken, sondern jongliert geschickt mit Tempiwechseln, Punches und Groove, die einem das Genick spielerisch neu ausrichten.
Doch was ist ein MEGADETH-Album ohne ein wenig Kabinettstückchen? Let There Be Shred ist praktisch Mustaines Antwort auf jede religiöse Diskussion über Metalsound: laute Gitarren, schnelle Solos, der Sound von jemandem, der selbst nicht recht wusste, wie viele Halswirbel er gerade bricht. Und Puppet Parade – kurioserweise für mich der eigentliche Höhepunkt – wirkt wie eine Rückblende, aber aufgepeppt mit all dem Wissen, das diese Band über Jahrzehnte angesammelt hat.
Another Bad Day kosmetisch sauberer und doch schwer im Groove, spielt mit dem Mythos der „komischen Tragödie“ – wer hat nicht mal einen schlechten Tag? Auch wenn du gerade versuchst, deine Gitarre über eine tonnenschwere Basslinie zu schwingen, ohne umzufallen. Und dann Made to Kill und besonders Obey the Call – letzteres in all seiner geschichteten Komplexität ein Song, der erst nach ein paar Durchläufen richtig zündet – wirken wie ein Blick zurück auf die großen Narrative der Band, aber in einer Form, die nicht in Pathos ertrinkt, sondern dich elegant um den Verstand tanzt.
Im direkten Kontrast dazu steht I Am War, ein Titel, der sich thematisch wie eine Kampfansage an alles anhört, was jemals auf zwei Beinen stand. Doch die Produktion, so makellos sie auch ist, wirkt auf den ersten Blick fast zu sauber, zu glatt – wie frisch polierte Rüstungen in der Halle eines Schwertermuseums. Genau das hast du ja bereits erwähnt: technisch meisterhaft, aber nicht immer packend wie ein blutiger Fünfer in der Metal-Champions League.
Dann kommt The Last Note – und hier merkt man, dass Mustaine nicht nur Gitarre spielen, sondern Emotionen dirigieren kann. Der Song wirkt wie ein Abschiedssatz, der einem nicht ins Gesicht schlägt, sondern dich höflich fragt, ob du sitzen bleiben willst, wenn der Vorhang fällt. Der Vergleich zu früheren Klassikern drängt sich auf, aber dieser Abschluss steht fest auf eigenen Beinen.
Und dann – wie ein letzter Streich auf dem Schachbrett der Metalwelt – Ride the Lightning. Ja, tatsächlich: eine Überarbeitung des Songs, der so eng mit der frühen Geschichte von Mustaine und seiner ehemaligen Band verknüpft ist, dass es heute noch funkelnde Funken schlägt. Braucht man das? Vermutlich nicht und ich schon gar nicht. Aber es ist ein Statement – wild, ein bisschen selbstreferenziell und auf seine schräge Art charmant.
Wenn ich ehrlich bin, wirkt dieses Album wie ein gut gemachter, aber nicht absoluter Höhepunkt. Es ist eher ein würdiges Schlusswort, kein letztes Feuerwerk mit Raketenregen. Zu glatt produziert? Vielleicht. Zu steril für manche im aggressiven Thrash-Kosmos? Eventuell. Aber sauber gespielt, effektiv arrangiert und mit einem Händchen für Variation und Härte gesegnet – das allemal.
Am Ende ist Megadeth nicht das monumentale Meisterwerk, das man als finale Urknall-Absage erwarten würde, sondern eher ein versiertes, reifes Werk. Es fühlt sich an, als ginge Mustaine nicht mit einem lauten Schlachtruf, sondern mit einem respektvollen Nicken von der Bühne. Und vielleicht ist das genau der Stil, den ein Musiker wählt, der dieselbe Band seit Jahrzehnten trägt und jetzt einfach nur genau weiß, was er sagen will. Und warum in aller Welt wird ein 8 Punkte Album bei uns Platte der Woche? Nunja, eine ehrfurchtsvolle Verneigung hat sich Dave schon verdient, auch wenn dieses Album in der Discographie eher im Mittelfeld anzusiedeln ist.
Dennoch…Danke für die Musik! Mach's jut, man sieht sich…
Anspieltipps:
🔥Puppet Parade
💀Obey the Call
🎸Tipping Point
Bewertung: 8,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Tipping Point
02. I don’t care
03. Hey, God!
04. Let there be shred
05. Puppet Parade
06. Another bad Day
07. Made to kill
08. Obey the Call
09. I am War
10. The last Note
11. Ride the Lightning

