GLUECIFER – Same Drug new High (2026)
(10.031) Olaf (7,0/10) Hard Rock
Label: Steamhammer
VÖ: 16.01.2026
Stil: Hard Rock
GLUECIFER sind zurück. Nicht „mal kurz Hallo sagen“, sondern mit dem offiziell ersten Studioalbum seit Ewigkeiten: Same Drug New High, angekündigt für den 16. Januar 2026 via Steamhammer. 21 Jahre Pause – das ist nicht „wir mussten mal kurz Luft holen“, das ist eher „wir waren einmal komplett um die Welt und haben unterwegs die CD-Regale gegen Streaming-Playlists getauscht“. Und ja: Ich bin grundsätzlich anfällig für solche Comeback-Geschichten. Gerade bei einer Band, die ich immer als schmutzigen, selbstbewussten Gegenentwurf zum geschniegelt-modernen Rock wahrgenommen habe. Nur kommt hier direkt der Haken, der weh tut: Call from the Other Side ist bis heute ein Dauerbrenner in meiner Playlist – und die neue Platte kann nach dieser langen Pause daran nicht anknüpfen.
Das liegt weniger daran, dass GLUECIFER plötzlich völlig falsch abgebogen wären. Im Gegenteil: Sie machen genau das, was man von ihnen erwartet. Rotzrock, Punk’n’Roll, ein Schuss Glam-Glitzer im Augenwinkel, aber immer mit dem Stiefel auf dem Monitor. Das Material wurde in Oslo zusammengezimmert und dort auch final in Form gebracht – und man merkt: Die Band will keinen Neustart mit Ansage, sondern ein Weiterfahren im vertrauten Gang. Die Maschine läuft, der Auspuff knallt, der Tank ist voll. Nur… der Motor klingt heute anders.
Der größte Unterschied ist ausgerechnet der, der früher so viel ausgemacht hat: die Stimme. Biff Malibu ist merklich älter geworden – nicht im Sinne von „reifer, charismatischer, mit Patina“, sondern eher so, dass das ehemals Markante weichgespült wirkt. Was GLUECIFER früher von vielen Bands abgehoben hat, ist mittlerweile zu einer Allerweltsstimme geworden, ohne jeglichen Wiedererkennungswert. Das ist gemein, ich weiß. Aber genau diese spezielle Kante war ein Teil des Alleinstellungsmerkmals – und wenn die fehlt, klingt ein Teil der Magie plötzlich erstaunlich austauschbar. Es ist nicht schlecht gesungen, überhaupt nicht. Nur eben: nicht mehr dieses „nur so klingt Gluecifer“-Ding.
Musikalisch ist das Ganze… okay. Und „okay“ ist bei einer Band, die man innerlich immer ein bisschen größer gemacht hat als sie vielleicht objektiv war, fast schon ein kleiner Verrat. Die Songs gehen meist direkt rein, die Riffs stehen stabil, die Rhythmen treten dir freundlich in den Hintern, und die Band weiß nach wie vor, wie man Rock’n’Roll nicht geschniegelt aussehen lässt. Aber es ist eben auch nicht die Quadratur des Kreises. Nichts, was dich beim dritten Durchlauf plötzlich anspringt und sagt: „Siehst du? Genau deshalb mussten wir zurückkommen.“ Eher so: „Ja, das läuft. Kann man machen.“
Und trotzdem: Es gibt Momente, in denen die alte Selbstverständlichkeit kurz aufflackert. Wenn die Band das Tempo anzieht, wenn die Gitarren dieses „jetzt wird nicht diskutiert, jetzt wird gefahren“-Gefühl erzeugen, wenn Refrains so gebaut sind, dass sie live wahrscheinlich hervorragend funktionieren. Man spürt auch, dass hier Leute am Werk sind, die ihr Handwerk nicht verlernt haben – zumal das Line-up mit den beiden Gründungsfiguren und langjährigen Mitstreitern nach innen geschlossen wirkt. Das Album will kein Museum sein, sondern ein funktionierender Clubabend: Bier klebt am Boden, der Schweiß tropft von der Decke, und irgendwer brüllt den Hook, obwohl er ihn erst seit fünf Minuten kennt.
Historisch betrachtet ist das Comeback natürlich folgerichtig. GLUECIFER kamen Mitte der 90er aus Oslo, haben sich mit einer Handvoll Alben, vielen Releases drumherum und einem Ruf als gnadenlos gute Liveband ein solides Denkmal gebaut, sich 2005 verabschiedet und 2018 wieder zusammengefunden – begleitet von diesem kollektiven „Endlich!“-Aufschrei und einer ganzen Reihe großer Shows und Festivals. Der Druck, irgendwann auch wieder neues Material zu liefern, lag quasi in der Luft. Und genau das passiert jetzt. Das ist aus Fan-Sicht erstmal eine schöne Nachricht – selbst wenn die Musik am Ende nicht das liefert, was die Erinnerung im Kopf draus gemacht hat.
Optisch muss ich übrigens kurz klatschen: Der böse guckende Gockel ist schon witzig. Ich weiß nicht, ob er böse ist, weil ihm jemand den Glam geklaut hat oder weil er 21 Jahre auf den Release-Plan gestarrt hat – aber das Vieh hat Charakter. Und Charakter kann man in diesen Tagen nicht oft genug gebrauchen.
Am Ende bleibt bei mir ein zwiespältiges Gefühl: Ich bin froh, dass GLUECIFER wieder da sind. Ich mag, dass sie nicht auf Trend-Slalom gehen, sondern ihren Film weiterfahren. Ich sehe die kommende Tour gedanklich schon vor mir, weil dieses Material live sicher mehr zündet als auf Kopfhörern zwischen Küche und E-Mail-Postfach. Aber als Album, als Statement nach 21 Jahren, als „Jetzt zeigen wir’s euch noch einmal“ – dafür ist mir Same Drug New High zu sehr „solide“ und zu wenig „unverwechselbar“. Es ist Rotzrock, der funktioniert. Nur eben nicht mehr Rotzrock, der sich ins Gehirn tätowiert.
Anspieltips
🔥The Idiot
🎸Same Drug New High
💀Pharmacity
Bewertung: 7,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. The Idiot
02. Same Drug new High
03. Armadas
04. I’m ready
05. The Score
06. Pharmacity
07. 1996
08. Made in the Morning
09. Mind Control
10. Another Night, another City
11. On the Wire

