ANTI-SAPIEN – At the Mercy of the Merciless (EP) (2026)
(10.024) Olaf (8,0/10) Crust Death Metal
Label: Terminus Hate City
VÖ: 16.01.2026
Stil: Crust Death Metal
ANTI-SAPIEN – allein dieser Name klingt schon so, als würde dir gleich jemand mit der rostigen Schaufel die Zivilisation aus dem Gesicht kratzen. Und ich muss zugeben: Von der Band hatte ich vorher wirklich noch nie gehört. Was im Nachhinein ein bisschen so wirkt, als hätte ich jahrelang an einer sehr interessanten, sehr versifften Kellerklappe vorbeigelaufen – und mich dann gewundert, warum es da drinnen so schön nach Adrenalin, D-Beat und Menschenhass auf Systeme riecht.
At the Mercy of the Merciless ist genau das: 22 Minuten Kurzstrecken-Gewalt, aber nicht als dumpfer Krawall, sondern als bewusst geschärfte Abrissbirne. Das Ding wurde „on the road“ geschrieben, im Growl House aufgenommen und erblickt nun das Licht der Welt. Und ja: Man hört diesem Material an, dass es nicht am Reißbrett entstanden ist. Das fühlt sich eher an wie ein Tourvan, der nach Schweiß, Fastfood und schlechten Nachrichten stinkt – und irgendwo zwischen Motel-Parkplatz und Backstage plötzlich Musik ausspuckt, die gleichzeitig Spaß macht und dir den Spiegel so nah vors Gesicht hält, dass du die eigenen Risse siehst.
Die Band kommt aus Brooklyn (gegründet 2021), und dieses urbane, verdichtete, leicht paranoide Lebensgefühl hängt über der EP wie Neonlicht über nassem Asphalt. Auch die Entwicklungsgeschichte passt: Was als Pandemie-Side-Projekt „aus Spaß“ gestartet sein soll, wirkt hier wie ein Projekt, das inzwischen ernsthaft Zähne bekommen hat. Das Line-up wird als Blake Charlton (Gitarre/Gesang), Alex Fewell (Drums), Ryan Murphy (Bass/Backups) und Nathan Rand (Leadgitarre) angegeben – und unabhängig davon, ob man die früheren Stationen der Leute kennt: Hier spielt niemand, als wäre das „nur nebenbei“. Das ist fokussiert, hungrig, und wütend auf eine Art, die nicht geschniegelt klingt, sondern lebendig.
Musikalisch wird „Death Crust“ auf das Etikett geklebt – passt grundsätzlich, aber ich würde das nicht als reine Stilbeschreibung durchgehen lassen. Grind? Nur bedingt. Crust? Maximal beim letzten Song so richtig. Dazwischen passiert eine angenehm freakige Mischung, die Death Metal, Hardcore, D-Beat und diese dreckige “wir-müssen-jetzt-körperlich-reagieren”-Energie in einen Mixer wirft. Was mich dabei überrascht hat: Das ist nicht nur „schnell und ekelhaft“ (beides stimmt), sondern die Riffs wirken stellenweise auffällig durchdacht, die Übergänge sitzen, und es gibt immer wieder Momente, in denen die Band eine Idee nicht nur anschneidet, sondern sie wirklich ausformt – ohne dabei die dreckigen Fingernägel zu waschen.
Textlich ist das Ganze angenehm weit weg vom „wir sind böse, weil wir böse sind“-Quatsch. Old Drugs wird gleich zum inhaltlichen Türtritt: Es geht um Sucht, Kontrollverlust und diese gesellschaftliche Doppelmoral, die Menschen erst durch den Fleischwolf dreht und ihnen dann vorwirft, dass sie bluten. Dass dabei sogar Empathie durch den Dreck schimmert, ist stark – das ist „ugly“, aber nicht herzlos. Eater of Ghosts zieht die Linie weiter: Nachtfahrten, Alkohol, Selbstzerstörung, und dieses Gefühl, dass man die eigenen „Geister“ nicht vertreibt, sondern ihnen die Tür aufhält. Das ist gleichzeitig Party und Horrorfilm – und genau diese Mischung macht’s so glaubwürdig.
Der Titelsong At the Mercy of the Merciless zoomt dann raus: weg vom Individuum, hin zum großen Systemschaden. Da geht’s um Spaltung, Echokammern, algorithmische Vereinsamung – und um die Art, wie Komfort und Bequemlichkeit uns zu Komplizen machen, während oben jemand am Profithebel zieht. Das trifft einen Nerv, ohne zur Predigt zu werden, weil die Musik dazu nicht geschniegelt marschiert, sondern wie ein massiver Midtempo-Stiefeltritt daherkommt.
Und dann ist da D.E.A.D. – der Track, der für mich der fette Hit der EP ist. Nicht, weil er „netter“ wäre, sondern weil er diese Catchiness besitzt, die dir selbst dann im Kopf bleibt, wenn du eigentlich gerade nur versuchst, nicht mit dem Nacken in der ersten Reihe zu sterben. Die Abkürzung wird als „Do Everything All Day“ erklärt – eine Art Anti-Lebenszeitverschwendung-Mantra, geboren aus Verlust und dem Willen, nicht in Hass, Leere und Dauer-Zynismus zu versacken. Allein dieser Kern macht den Song größer als reinen Mosh-Futter-Spaß, auch wenn er live garantiert exakt das sein wird: ein Abrisskommando mit Ansage.
Grinding the System legt danach die politische Klinge offen auf den Tisch. Arbeiter, die die Maschine am Laufen halten, während Hoffnung verdunstet und Schulden bis ins Grab hinterherkriechen – dazu diese zynische Erkenntnis, dass Menschen ohne Hoffnung leichter zu steuern sind. Das ist nicht subtil, aber es muss auch nicht subtil sein, wenn die Welt gerade selbst „mit dem Vorschlaghammer“ spricht. Und trotzdem: Die Band schafft es, aus Wut keine graue Pampe zu machen, sondern Hymnencharakter reinzuschmuggeln – so ein Song, bei dem du im Pit rennst und danach kurz stehenbleibst und denkst: „Verdammt, stimmt leider.“
Dass George Washington’s Teeth am Ende dann thematisch so bitter aufdreht, passt: Die wahre Geschichte, dass Washington Zähne von versklavten Menschen nutzte, wird hier als Einstieg in eine größere Anklage gegen Mythos, Geschichtsglättung und die hübsch gerahmte Gewalt der „großen Erzählungen“ verwendet. Dazu diese grotesken Bilder – und als Endtritt das gebrüllte „BITE IT YOU SCUM“. Das hat schwarzen Humor, aber eben diesen Humor, der nicht zum Weglachen da ist, sondern wie ein Messergriff: Man hält ihn fest, damit es nicht noch mehr wehtut.
Unterm Strich ist das hier eine EP, die gleichzeitig räudig und erstaunlich pointiert ist. Keine 40 Minuten Selbstbeweihräucherung, kein „wir sind so extrem“-Theater – sondern 22 Minuten, die mächtig Spaß machen und trotzdem etwas im Kopf hinterlassen. Und ja: Ich sehe ANTI-SAPIEN absolut auf einem Billing mit Nails oder 200 Stab Wounds. Diese Band hat genau die Sorte Energie, die nicht um Erlaubnis fragt, sondern die Tür gleich mitnimmt.
Anspieltipps
🔥D.E.A.D.
💀Grinding the System
🎸George Washington’s Teeth
Bewertung: 8,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Old Drugs
02. Eater of Ghosts
03. At the Mercy of the Merciless
04. D.E.A.D.
05. Grinding the System
06. George Washington’s Teeth

