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ANXT - Nightmares (2026)

(10.112) Olaf (4,5/10) Heavy Metal


Label: DIY
VÖ: 14.02.2026
Stil: Heavy Metal







Manchmal landet ein Album auf dem Tisch, bei dem man schon vor dem ersten Ton denkt: Das müsste eigentlich funktionieren. Erfahrung? Vorhanden. Szenehistorie? Mehr als respektabel. Musiker, die ihr Handwerk nicht erst seit TikTok kennen, sondern seit verschwitzten Clubs, warmen Röhrenamps und Tourbussen ohne funktionierende Heizung. ANXT sind genau so ein Fall. Ein Zusammenschluss gestandener Underground-Veteranen aus Nordrhein-Westfalen, entstanden Anfang 2025 aus einer Begegnung erfahrener Musiker, deren Wege sich nach einer längeren personellen Suche schließlich kreuzten – ein klassisches „richtige Leute zur richtigen Zeit“-Szenario. Die Vita liest sich jedenfalls wie ein Klassentreffen deutscher Metalgeschichte: ehemalige Mitglieder von Darkness, Bonded, Powerball, Exumer und weiteren Szeneinstitutionen bündeln hier ihre Kräfte, getragen von der Idee, modernen Heavy Rock mit Tradition zu verbinden.

Und genau deshalb sitzt man als Hörer zunächst mit einer gewissen Erwartungshaltung da. Nicht arrogant, sondern logisch. Wer so viel Erfahrung mitbringt, sollte wissen, wie Dramaturgie funktioniert, wie Spannung aufgebaut wird, wann ein Song atmen muss – und wann er zubeißen sollte.

Der Opener Maniac macht dabei zunächst Hoffnung. Druckvoll, ordentlich produziert, mit einem Einstieg, der signalisiert: Hier will jemand etwas. Gitarren greifen sauber ineinander, das Fundament steht stabil, und für einen Moment glaubt man tatsächlich, dass Nightmares ein Album werden könnte, das klassische Metalenergie mit moderner Härte sinnvoll verschmilzt – genau so, wie es die Bandidee verspricht.

Doch leider folgt danach ein Problem, das sich durch das gesamte Album zieht wie ein zu oft kopierter Schlüssel: Schema F übernimmt das Steuer.

Was anfangs noch nach Struktur klingt, entwickelt sich schnell zu Vorhersehbarkeit. Die Songs bewegen sich meist im gleichen Tempo, in ähnlichen Spannungsbögen – beziehungsweise deren Abwesenheit. Übergänge wirken selten überraschend, Dynamik bleibt überschaubar, und statt Entwicklung entsteht Gleichförmigkeit. Man wartet auf den Moment, in dem das Album ausbricht, die Kurve nimmt, Risiken eingeht. Dieser Moment kommt nicht.

Handwerklich gibt es daran wenig auszusetzen. Die Band kann spielen, keine Frage. Riffs sitzen, Timing stimmt, Produktion ist sauber genug, um nicht zu stören. Aber genau hier liegt das Dilemma: Alles ist korrekt – nur selten zwingend. Musik, die funktioniert, ohne wirklich zu berühren. Das ist kein Totalausfall, aber eben auch weit entfernt von dem, was man von Szenenveteranen erwarten darf. Musikalisch bewegt sich das Ganze eher Richtung Abstiegszone als Champions League.

Ein zentraler Lichtblick ist Frontfrau Tika Pinraluk, deren Stimme grundsätzlich enormes Potenzial besitzt. Gerade in den ersten Momenten blitzt eine spannende Mischung aus Melancholie und Kraft auf, die neugierig macht. Man hört, dass hier deutlich mehr möglich wäre. Leider verliert sich der Gesang im Verlauf des Albums zunehmend in einer sehr ähnlichen Tonlage. Variationen bleiben rar, emotionale Ausschläge werden kaum genutzt – und so wirkt ein eigentlich vielseitiges Instrument irgendwann überraschend eindimensional. Schade, denn gerade hier hätte das Album Persönlichkeit entwickeln können.

Auch textlich bewegt sich Nightmares thematisch im Bereich innerer Konflikte, Selbstzweifel und emotionaler Isolation – klassische Motive zwischen persönlichem Kampf und gesellschaftlicher Entfremdung. Zeilen über verlorene Kontrolle, zerbrechende Identität oder das Gefühl, im eigenen Spiegelbild gefangen zu sein, tauchen immer wieder auf und passen durchaus zum düsteren Grundton der Platte. Inhaltlich also stimmig, nur fehlt der musikalische Rahmen, der diese Gedanken wirklich verstärkt oder dramatisch auflädt.

Was ebenfalls schwer ignorierbar ist: das Artwork. Selten hat ein Cover so laut nach künstlich erzeugter Bedeutung geschrien und dabei gleichzeitig so wenig ausgesagt. Zwischen digitaler Überästhetik und unfreiwilliger Comic-Anmutung wirkt das Ganze eher wie eine KI-Parodie auf „Deepness“ als wie ein ernst gemeintes Albumdesign. Man möchte fast sagen: weniger künstliche Intelligenz, mehr echte Idee hätte geholfen.

Dabei ist das Frustrierende nicht, dass ANXT schlecht wären. Im Gegenteil. Man hört jederzeit das vorhandene Können, die Erfahrung, die Professionalität. Genau deshalb fällt die Enttäuschung stärker aus. Dieses Album wirkt wie eine Band, die alle Zutaten besitzt, aber nie entscheidet, welches Gericht sie eigentlich kochen will. Potential ist da – reichlich sogar –, doch es bleibt ungenutzt.

Und so bleibt nach mehreren Durchläufen vor allem ein Gefühl zurück, das für Musik wahrscheinlich das schlimmste überhaupt ist: Gleichgültigkeit. Nightmares hat mich nicht geärgert, nicht begeistert, nicht überrascht – es hat mich schlicht kaltgelassen. Am Ende steht ein Debüt, das mehr Versprechen als Wirkung liefert. Vielleicht braucht diese Band einfach noch Zeit, um aus Routine wieder Risiko zu machen. Erfahrung allein schreibt keine starken Songs – Mut schon.


Bewertung: 4,5 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Maniac
02. A Hoe like you
03. Learn to die
04. My World
05. Nightmares on Brainstreet
06. Love
07. Stolen Breath
08. Kali’s Menu
09. Mirror Prison
10. Cestoda 



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