EVERGREY – Architects of a new Weave (2026)
(10.270) Olaf (8,3/10) Progressive Power Metal
Label: Napalm Records
VÖ: 05.06.2026
Stil: Heavy Metal
Mit EVERGREY ist das immer so eine Sache. Andere Bands veröffentlichen Alben. Die Schweden veröffentlichen emotionale Aktenordner voller Selbstzweifel, innerer Narben, melancholischer Katharsis und jener speziellen Sorte Weltschmerz, die man vermutlich nur in Göteborg bei Dauerregen und kaltem Kaffee wirklich glaubwürdig vertonen kann. Seit Mitte der Neunziger erschafft die Band um Tom Englund diese einzigartige Mischung aus Progressive Metal, düsterem Melodrama und tonnenschwerer Emotionalität, die irgendwo zwischen Therapiegespräch, apokalyptischem Kinofilm und Faust-in-die-Luft-Hymne lebt. Und ja: Auch auf dem mittlerweile fünfzehnten Studioalbum Architects Of A New Weave erkennt man EVERGREY bereits nach drei Sekunden. Wahrscheinlich sogar nach zwei.
Dabei startet die Platte derart stark, dass man innerlich bereits die Neunerwertung poliert. Nach dem kurzen, cineastischen Intro Welcome To The Pattern, das wie eine düstere Einladung in einen Strudel aus Schmerz, Hoffnung und Selbstreflexion wirkt, feuern EVERGREY mit The Shadow Self direkt den ersten echten Volltreffer ab. Die Band klingt sofort groß, präsent und majestätisch, ohne sich in übertriebener Prog-Selbstverliebtheit zu verlieren. Genau das konnten EVERGREY ohnehin schon immer besser als viele ihrer Genre-Kollegen: technisch anspruchsvoll sein, ohne dabei zu vergessen, dass Songs auch Gefühle transportieren dürfen. Und diese Gefühle sitzen hier erneut tief. Sehr tief sogar.
Gerade die ersten fünf Stücke liefern exakt das, was man von dieser Band erwartet. The Shadow Self fräst sich mit seiner Mischung aus Schwere und verletzlicher Offenheit direkt ins Nervenzentrum. Zeilen wie „What do I do with the shadow self? How do I make it a part of myself?“ gehören genau zu jener Art von lyrischer Ehrlichkeit, die Tom Englund seit Jahrzehnten von unzähligen Power-Metal-Märchenerzählern unterscheidet. Während andere noch Drachen reiten oder Schwerter schwingen, seziert Englund lieber seine eigene Psyche mit chirurgischer Präzision.
Musikalisch ist das erneut beeindruckend umgesetzt. Die Gitarren drücken massiv, die Leads schweben melancholisch über den Songs, und die Produktion besitzt diese moderne Klarheit, ohne steril zu wirken. Adam „Nolly“ Getgood sorgt für einen druckvollen, transparenten Mix, der den emotionalen Kern der Songs nicht zerquetscht. Besonders angenehm: Das Album klingt groß, aber nicht künstlich aufgeblasen wie ein Marvel-Trailer mit acht Explosionen pro Minute.
Der Titeltrack Architects Of The New Weave entwickelt sich schnell zu einem der stärksten Momente der Platte. Die hymnischen Refrains funktionieren hervorragend, die Dynamik zwischen Härte und Atmosphäre sitzt perfekt, und wenn Englund „We are the architects“ singt, klingt das weniger nach Selbstbeweihräucherung als vielmehr nach einer erschöpften Kampfansage an das eigene Innenleben. Genau dort liegt seit jeher die große Stärke von EVERGREY: Diese Band klingt nie geschniegelt oder konstruiert emotional. Der Schmerz wirkt echt. Die Hoffnung ebenso.
Überhaupt lebt Architects Of A New Weave von diesem permanenten Spannungsfeld zwischen Dunkelheit und Aufbruch. Die Texte kreisen ständig um Identität, innere Kämpfe, Isolation und Selbstheilung. „My world is on fire and all I have to take the flames out are these tears that I cry“ aus The World Is On Fire ist typischer EVERGREY-Stoff: maximal melodramatisch, aber gerade deshalb wirkungsvoll. Englund verkauft solche Zeilen eben mit einer Glaubwürdigkeit, die viele Sänger niemals erreichen werden, selbst wenn sie sich dabei drei Stunden lang mit Kajal im Spiegel anschauen.
Und ja, Heaven ist ebenfalls ein ziemliches Brett. Der Song besitzt genau diese Mischung aus Größe, Pathos und emotionaler Wucht, die Fans der Band lieben. Wenn Englund dort „I am desire, I am the fire in your eyes“ singt, klingt das wie ein Mann, der gleichzeitig zusammenbrechen und Berge versetzen könnte. Das ist kitschig. Das ist großartig. Das ist EVERGREY. Leider kommt danach aber genau jener Punkt, an dem das Album ein wenig an Höhe verliert. Nicht dramatisch. Nicht katastrophal. Aber spürbar.
Denn obwohl die Kompositionen weiterhin hochwertig bleiben, fehlt ab der zweiten Hälfte zunehmend dieser eine magische Moment, dieser sofort zündende Ohrwurm, dieser gigantische Refrain, den man drei Stunden später noch unter der Dusche grölt wie ein depressiver Opernsänger mit Stromrechnungssorgen. Songs wie Leaving The Emptiness oder Longing sind atmosphärisch stark, hervorragend arrangiert und emotional nachvollziehbar, ziehen aber das Tempo und die unmittelbare Wirkung etwas heraus. Gerade im Mittelteil beginnt das Album stellenweise zu sehr im eigenen Weltschmerz zu baden, ohne dabei neue emotionale Gipfel zu erreichen.
Das klingt jetzt härter, als es gemeint ist. Denn selbst ein „nicht überragendes“ EVERGREY-Album ist immer noch stärker als ein Großteil dessen, was andere Bands derzeit veröffentlichen. Die Schweden bewegen sich qualitativ weiterhin auf einem Niveau, das viele Gruppen vermutlich nicht einmal mit Navi, Kompass und göttlicher Intervention erreichen würden. Aber genau deshalb liegt die Erwartungshaltung eben auch absurd hoch.
Der Gastauftritt von Mikael Stanne auf A Burning Flame funktioniert dagegen hervorragend. Die beiden Göteborg-Stimmen harmonieren exzellent miteinander und verleihen dem Song zusätzliche emotionale Tiefe. Besonders die Zeile „Be a burning flame forever“ entwickelt eine fast mantrahafte Wirkung. Man merkt, dass hier zwei Sänger am Werk sind, die Schmerz nicht nur darstellen, sondern offenbar seit Jahrzehnten beruflich verwalten.
Auch textlich bleibt die Band bemerkenswert konstant stark. Immer wieder tauchen Motive von innerer Heilung, Selbstzweifel und Wiederaufbau auf. „How do you find strength enough for believing?“ aus Longing oder „These chains of shame we have worn far too long“ aus Chains Of Shame wirken nie wie austauschbare Emo-Phrasen, sondern wie ernst gemeinte Reflexionen über psychische Lasten, Selbstakzeptanz und das ewige Ringen mit sich selbst. Genau deshalb funktioniert diese Band seit so vielen Jahren. EVERGREY schreiben keine Fantasy-Geschichten. Sie schreiben vertonten seelischen Verschleiß.
Und dann kommt mit The Prophecy nochmal ein würdiger Abschluss, der die Platte emotional sauber abrundet. Kein gigantischer Knall zum Finale, eher ein resigniertes, aber hoffnungsvolles Ausatmen nach einem langen inneren Krieg. Passend dazu die Zeile: „And the scars that I used to hide now tell a tale of light.“ Das ist pathetisch. Aber eben auf die gute Art. Was bleibt also?
Ein sehr starkes Album einer außergewöhnlichen Band, das allerdings nicht ganz die Klasse seiner direkten Vorgänger erreicht. Die ersten Songs liefern absolute Spitzenklasse und erinnern daran, warum EVERGREY seit Jahrzehnten zu den emotional glaubwürdigsten Bands des Progressive Metal gehören. Doch hinten raus fehlt ein wenig die ganz große Magie, der eine Song für die Ewigkeit, dieser monumentale Treffer mitten ins Herz. Statt kompletter Eskalation gibt es diesmal eher kontrollierten Weltschmerz mit gelegentlichen Gänsehautmomenten. Immer noch beeindruckend. Aber eben nicht ganz überirdisch.
ANSPIELTIPS:
🩸The Shadow Self
🔥A Burning Flame
🦁Call Off Your Lions
Bewertung: 8,3 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Welcome to the Pattern
02. The Shadow self
03. Architects of a new Weave
04. The World is on Fire
05. Heaven
06. The Script
07. Leaving the Emptiness
08. Longing
09. A burning Flame
10. Call of your Lions
11. Chains of Shame
12. The Prophecy

