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HESPERIA – Picenum – True Marchigian Black Metal Renaissance (2026)

(10.354) Miriam (10/10) Black Metal


Label: Hammerheart Records 
VÖ: 28.08.2026 
Stil: Black Metal 






Es gibt Bands, bei denen man sich auf jedes neue Album freut. Wer meine Jahresbestenliste 2025 verfolgt hat, weiß, dass HESPERIA für mich völlig verdient auf Platz 1 landete. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an „Picenum – True Marchigian Black Metal Renaissance“. Doch Hesperus hat in den letzten fast drei Jahrzehnten immer wieder bewiesen, dass er nicht einfach Alben veröffentlicht – er erschafft musikalische Zeitreisen. Seit der Gründung im Jahr 1997 verfolgt der italienische Multiinstrumentalist konsequent seinen eigenen Weg. Während sich viele Black-Metal-Bands an nordischer Mythologie orientieren, widmet sich Hesperus den historischen Ereignissen, Sagen und Legenden seiner Heimat, den italienischen MARKEN (eine ostitalienische Region).

Seine Musik bezeichnet er deshalb nicht als Atmospheric Black Metal oder Pagan Metal, sondern als „Hesperian Metal“ – und genau dieser Begriff beschreibt seine Kunst wohl am treffendsten. "Picenum“ knüpft direkt an den Vorgänger "Fra li Monti Sibillini" an und führt den Hörer erneut tief in die Geschichte der Region. Das Album gliedert sich in drei Akte: Geschichte, Folklore und die Rückkehr zum Monte Sibilla. Was mich dabei besonders begeistert: Die erzählerischen Passagen sind keine bloßen Interludes. Sie sind fester Bestandteil der Musik. Geschichte und Komposition verschmelzen zu einem einzigen Werk.

Bereits „Picenum – Le Origini“ schlägt das erste Kapitel auf. Keine spektakuläre Eröffnung, sondern ein ruhiger Einstieg, der den Hörer langsam in diese längst vergangene Welt hineinzieht. Kaum verklingen die letzten Klänge, reißt „1375 – La Lega Maledetta“ den Hörer mitten in den Aufstand der Familie Da Varano gegen die Herrschaft der Kirche. Krieg, Verrat und religiöser Fanatismus bilden die Kulisse dieses ersten Kapitels. Hesperus erzählt Geschichte nicht mit erhobenem Zeigefinger – er lässt sie durch seine Musik lebendig werden.

Die Reise führt weiter nach "Castrum Pitini". Vor meinem inneren Auge erhebt sich die alte Festung über der picenischen Nekropole. Das typische Flüstern, mittelalterliche Instrumente und groovige Gitarren erschaffen eine Atmosphäre, wie sie nur HESPERIA erzeugen kann. Und dann überrascht Hesperus plötzlich mit einem klassischen Heavy-Metal-Riff. Ein kurzer Moment, aber einer, der dem Stück eine völlig neue Dynamik verleiht und mich sofort grinsen lässt.

Erst „La Leggenda della Roccaccia“ fühlt sich für mich wie das eigentliche Überschreiten einer Schwelle an. Ab hier verliert man völlig das Gefühl für die Gegenwart. Historische Erzählungen gehen nahtlos in musikalische Szenen über. Mal glaubt man, Zeuge mittelalterlicher Folter zu werden, dann wieder öffnet sich ein düsterer Festsaal, ehe Kirchenglocken und kalte Gitarren das Bild erneut verändern. Besonders das Cembalo verleiht diesem Stück einen ganz eigenen Charakter. Genau in solchen Momenten verstehe ich, warum Hesperus seine Musik als etwas Eigenständiges betrachtet. Dann verändert sich die Stimmung. „Lu Lupu Mannà“ schleicht sich beinahe lautlos an. Der Werwolf der Region bleibt zunächst verborgen, bevor er mit voller Wucht zuschlägt. Der Song wirkt wild, unberechenbar und roh – genauso, wie ich mir diese alte Legende musikalisch vorstelle.

Noch stärker zieht mich allerdings „La Sdrega“ in ihren Bann. Die Sdrega ist die Hexe der Folklore aus den MARKEN. Der Überlieferung nach versammelt sie sich freitags mit anderen Hexen zum Sabbat, verwandelt sich in Katzen oder Schlangen und sucht nachts ihre Opfer heim. Alte Bauern streuten Salz vor ihre Türen und vertrauten auf Kräuter und Schutzrituale, um sich vor ihr zu schützen. Genau diese düstere Legende vertont Hesperus auf beeindruckende Weise. Katzenlaute eröffnen das Stück, ehe schwere Gitarren und schleppende Melodien die Atmosphäre immer dichter werden lassen. Eine fast spieluhrartige Passage sorgt für trügerische Ruhe, bevor Adram von Sulphuria mit seinen Backing-Vocals dem Song zwischen Minute 4:50 und 5:25 eine zusätzliche Gänsehaut-Ebene verleiht. Wenige Augenblicke später brechen Blastbeats, Galopp-Rhythmen und Hexengelächter los – als wäre man selbst Teil dieses Hexensabbats... Für mich ist „La Sdrega“ einer der abwechslungsreichsten Songs des Albums. Nicht nur musikalisch, sondern auch deshalb, weil Hesperus hier eine uralte Legende seiner Heimat so authentisch vertont, dass man die Angst der Menschen vor dieser Gestalt beinahe greifen kann.

Kaum hat sich der Nebel gelegt, führt „Il Sentiero delle Fate – Atto I“ weiter in die Tiefen der Sibillinischen Berge. Der Pfad der Feen klingt zunächst fast friedlich, doch dieser Eindruck hält nur für einen Augenblick. Schiefe Harmonien, ein markanter Bass und das typisch kontrollierte Chaos lassen schnell erkennen, dass wir es hier nicht mit freundlichen Märchenwesen zu tun haben. Hesperus spielt gekonnt mit Licht und Schatten. Kaum hat man sich in einer wunderschönen Melodie verloren, reißen einen die nächsten Rasereien wieder heraus. Genau dieser Wechsel macht seine Musik für mich so faszinierend.

Während der erste Akt noch Fragen aufwirft, beantwortet „Il Sentiero delle Fate – Atto II“ nichts – im Gegenteil. Das Stück wirkt noch geheimnisvoller. Langsame Gitarren, fast klagende Gesänge und diese wunderschöne Melodieführung erzeugen Bilder einer unterirdischen Welt. Vor meinem inneren Auge öffnet sich eine Höhle. Chöre erklingen aus der Ferne, Fledermäuse durchbrechen die Stille und ich ertappe mich erneut dabei, wie sehr ich mir wünsche, Italienisch zu verstehen. Doch vielleicht liegt genau darin auch ein Teil des Zaubers. Die Musik erzählt bereits genug.

Schließlich erreichen wir den Höhepunkt der Reise. „Il Paradiso della Regina Sibilla – Atto I“ öffnet die Tore zum sagenumwobenen Reich der Königin Sibilla. Seit Jahrhunderten erzählt man sich in den MARKEN die Legende einer geheimnisvollen Königin, die tief im Inneren des Monte Sibilla lebt und Reisende in ihr Reich lockt. Hesperus fängt diese Mystik mit einer beinahe majestätischen Atmosphäre ein. Gewaltige Gitarren treffen auf epische Melodien und ließen mich stellenweise unweigerlich an die großen Momente von EMPEROR denken – ohne dabei jemals wie eine Kopie zu wirken.

Im zweiten Akt des Paradieses zeigt Hesperus schließlich noch einmal alles, was HESPERIA für mich so außergewöhnlich macht. „Il Paradiso della Regina Sibilla – Atto II“ vereint rasende Black-Metal-Passagen mit mittelalterlichen Instrumenten, filmischen Momenten und einer Melodieführung, die mich über die gesamte Spielzeit hinweg nicht mehr loslässt. Gerade auf diesem Album wirken die Melodien noch harmonischer und durchdachter als auf den Vorgängern. Sie lenken die Wahrnehmung des Hörers, bauen Spannung auf, nehmen sie wieder heraus und ziehen einen anschließend umso tiefer in diese Welt hinein. Und dann erklingt immer wieder dieses Cembalo... inzwischen gehört dieses Instrument für mich einfach zu HESPERIA wie die Stimme von Hesperus selbst.

Mit „Sfere di Luce sopra il Monte Sibilla“ endet die Reise dort, wo alle Geschichten irgendwann enden müssen. Keine große Explosion, kein dramatischer Abschluss. Stattdessen ziehen langsam wieder Nebelschwaden über den Monte Sibilla. Die letzten Klänge wirken wie ein Abschiedsgruß dieser längst vergangenen Welt. Man schlägt das Buch zu – wohl wissend, dass man schon bald wieder darin lesen möchte.

Fazit:
Es gibt viele Bands, die Geschichte in ihren Texten behandeln. Es gibt auch viele Bands, die Folk-Elemente in ihre Musik einbauen. HESPERIA macht daraus etwas völlig Eigenständiges. Hier wirken die historischen Erzählungen nicht wie ein Konzept, das nachträglich über die Musik gelegt wurde. Sie sind die Musik. Jede Melodie, jedes Instrument und jede erzählerische Passage erfüllt einen Zweck. Manche Alben hört man. Manche erlebt man. Und dann gibt es "Picenum- True Marchigian Black Metal Renaissance“ – ein Album, in das man eintaucht und aus dem man erst wieder auftaucht, wenn der Nebel über dem Monte Sibilla sich langsam lichtet. 

Anspieltipps:
🏰Castrum Pitini: II Castello Sopra La Necropoli Picena E Il Cimitero 
La Sdrega
🌄 Il Paradiso Della Regina Sibilla, Atto II: Il Racconto Del Cavaliere Tedesco Che Tornò E Rimase Nel Regno Della Sibilla 


Bewertung: 10 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Ver Sacrum: Picus Martius Picenos in Picenum Ducit (prologo)
02. 1375, La Lega Maledetta: i signori Da Varano si ribellano alla Chiesa / Intermezzo-
      Le Glorie dei Da Varano nel Rinascimento
03. Castrum Pitini: il castello sopra la necropoli picena e il cimitero
04. La Leggenda della Roccaccia: il necromante signore della guerra / Intermezzo-
      L’eccidio dei Da Varano: Cesare Borgia - Peste 1527 -
      Echi di fantasmi a Pergola
05. Lu Lupu Mannà / Intermezzo- Li Mazzamurelli
06. La Sdrega / Intermezzo- Notte a Elcito: le sdreghe lavandare a Fotne de li Trocchi -
      (in viaggio) verso li Monti Sibillini
07. Il Sentiero delle Fate, Atto I: l’ira della Sibilla a Colfiorito / Intermezzo-
      Notte a Pretare: il ritorno delle fate fra i pastori
08. Il Sentiero delle Fate, Atto II: le fate caprine non si accorsero del’alba /
      Intermezzo-Notte alle Gole del Fiastrone: la grotta dei frati eretici
09. Il Paradiso della Regina Sibilla, Atto I: l’arrivo del cavaliere A.
      de La Sale a Mons Daemoniacus
10. Il Paradiso della Regina Sibilla, Atto II: il racconto del cavaliere tedesco
      che tornò e rimase nel regno della Sibilla
11. Sfere di Luce sopra il Monte Sibilla (epilogo)



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