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AIRBOURNE - Airbourne (2026)

(10.400) Olaf (10/10) Hard Rock


Label: Spinefarm Records
VÖ: 04.09.2026
Stil: Hard Rock






Seit gut zwei Wochen scheint mein Musikplayer einen Defekt zu haben: Er spielt immer wieder dasselbe Album. Noch merkwürdiger ist allerdings, dass ich keinerlei Interesse daran habe, diesen Fehler zu beheben. Sobald Gutsy losbricht, sitzt dieses breite, vermutlich medizinisch bedenkliche Grinsen wieder in meinem Gesicht. Danach gibt es knapp eine Dreiviertelstunde lang Stromschläge aus der Steckdose des Rock’n’Roll – und anschließend beginnt der Spaß von vorn. Die Wiederholungstaste hat inzwischen vermutlich Anspruch auf Gefahrenzulage.

Beim Rockharz brauchten AIRBOURNE lediglich Strom, Bier und eine Bühne, die Joel O’Keeffe möglichst schnell wieder verlassen konnte. Mit Gutsy und Alive After Death (Last Plane Out) wurde dort bereits der Betriebsdruck des neuen Materials geprüft, und es war deutlich zu spüren, dass etwas Großes heranrollt. Wie groß dieses Etwas tatsächlich geworden ist, war allerdings nicht abzusehen. Statt sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen und zum sechsten Mal dieselbe australische Zapfanlage anzuschließen, rotzen die Australier mit ihrem selbstbetitelten Album ihr mit weitem Abstand bestes Werk heraus. Nur Hits, nur Geballer, unfassbar. Die zwölf Songs besitzen eine derartige Ausrast-Garantie, dass selbst ein Sicherheitsgurt vermutlich freiwillig kündigen würde.

Dabei begann die Geschichte deutlich bescheidener. Als AIRBOURNE 2004 aus Warrnambool nach Melbourne kamen, spielten sie in einem Raum ohne Bühne, dafür mit Teppich, Sofas und gerade einmal elf Zuschauern. Joel benahm sich trotzdem, als stünden 100.000 Menschen vor ihm. Genau diese Haltung zieht sich bis heute durch die Geschichte der Band: Es ist vollkommen egal, ob elf Leute zuschauen oder ein Festivalfeld bis zum Horizont reicht – AIRBOURNE spielen grundsätzlich so, als hinge das Überleben des Rock’n’Roll von den nächsten 45 Minuten ab.

Schon in ihrer gemeinsamen Bude im Melbourner Stadtteil Thornbury behandelten Joel und Ryan O’Keeffe sowie ihre damaligen Mitstreiter die Band wie einen regulären Beruf. Zwischen neun und fünf wurden die Marshall-Türme im Wohnzimmer aufgerissen, vorher und danach herrschte aus Rücksicht auf die Nachbarn Ruhe. Beim Fest zur Einweihung der AC/DC Lane nahmen sie für zwei zeitlich getrennte Auftritte zusammen 200 Dollar, während ihnen ein kleines Label inmitten eines Bieterwettstreits Leidenschaft, Marketing und eine Tüte warmer Muffins anbot. Diese Mischung aus Größenwahn, Bodenständigkeit und völliger Hingabe führte schließlich 2007 zu Runnin’ Wild.

Lemmy mochte AIRBOURNE so sehr, dass er ohne Gage im Video zum Titelsong auftauchte. Viel mehr Ritterschlag kann eine junge Rocktruppe eigentlich nicht bekommen. Vor allem aber gab er der Band einen Rat, den sie nie vergessen hat: Sie solle sich nicht um den Unsinn der Musikindustrie kümmern, sich selbst treu bleiben und Musik schreiben, die den eigenen Roadies gefällt. Schließlich müssten gerade die das Zeug häufiger hören als jeder andere.

Es folgten No Guts. No Glory., Black Dog Barking, Breakin’ Outta Hell und Boneshaker. Gute bis hervorragende Platten, die den australischen Pub Rock zuverlässig durch die internationale Festivalwelt trugen. Das selbstbetitelte sechste Studioalbum spielt jedoch noch einmal in einer anderen Gewichtsklasse. Der Name ist keine verlegene Lösung, weil beim abschließenden Bier niemandem mehr ein Titel einfiel. AIRBOURNE haben die Platte nach sich selbst benannt, weil sie alles bündeln soll, wofür die Band seit ihrer Gründung im Jahr 2003 steht. Nur größer, konzentrierter, besser geschrieben und mit einem Sound versehen, der einem die Frisur nach hinten tackert.

Besonders emotional wird die Entstehungsgeschichte durch den offenen Brief, den Joel O’Keeffe an Lemmy richtet. Darin erzählt er, wie die Band sechs Jahre lang geschrieben, verworfen, neu begonnen und weitergesiebt hat. Nach unzähligen Stunden, Tagen, Wochen und Monaten blieb schließlich genau jene Sammlung von Songs übrig, die AIRBOURNE selbst als ihr endgültiges Rock’n’Roll-Statement betrachten. Als das selbstbetitelte Album endlich fertig war, folgte der entscheidende Test: Die Roadies liebten es. Joels knappe Botschaft an Lemmy lautet deshalb: „Mate, we did it.“ Vier Worte, in denen mehr Stolz, Erleichterung und Dankbarkeit stecken als in mancher dreiseitigen Presseerklärung.

Ryan O’Keeffe spricht von der bestmöglichen Platte, die sie als Band erschaffen konnten, während Joel das Ganze gewohnt zurückhaltend als „blockbuster shit“ bezeichnet. Bescheidenheit ist schließlich eine wunderbare Tugend – aber offensichtlich für andere Leute. Allerdings entpuppt sich das großspurige Versprechen diesmal nicht als heiße Luft. Man hört jeder Minute an, wie viel Zeit, Geld, Schweiß und völliger Wahnsinn in diesen Songs stecken. Ryan arbeitete allein drei Monate an seinen Schlagzeugspuren; rechnet man Schreib- und Aufnahmezeit zusammen, entspricht jede Minute Musik ungefähr einem Monat Arbeit. 

Auch bei den beteiligten Leuten wurde nicht im Sonderangebot gewühlt. Mutt Lange und Bryan Adams arbeiteten an Here She Comes und Who Put The Rhythm In You? mit. Der ehemalige JOHNNY CRASH-Frontmann Vick Wright brachte seinen rotzigen Straßenpoeten-Instinkt in mehrere Stücke ein, während Brian Howes als Produzent die zahlreichen Ideen zu einer geschlossenen Einheit formte. Mike Fraser, Karl Dicaire und später Craig Harnath sorgten dafür, dass diese riesige Maschine während der Aufnahmen nicht auseinanderflog. Zakk Cervini mischte das Material mit enormem Druck, Ted Jensen verpasste ihm beim Mastering den finalen Tritt in den Hintern.

Aufgenommen wurde überwiegend in den Music Farm Studios außerhalb von Byron Bay, mitten in einer Umgebung, in der Schlangen, Trichternetzspinnen, Ratten und Kröten offenbar zur technischen Belegschaft gehören. Unwetter legten den Strom lahm, Sturzfluten überschwemmten die Gegend und eine entwurzelte Palme verfehlte Justin Street nur knapp. Selbst die analoge Bandmaschine hatte regelmäßig keine Lust mehr und verabschiedete sich mit dramatischer Konsequenz. AIRBOURNE hielten trotzdem an ihr fest, weil dieses widerspenstige Ding genau den Klang lieferte, den sie wollten.

Joel beschreibt in seinem Brief einen beinahe absurden Arbeitsalltag: Morgens wurde über die eine oder andere Schlange gestiegen, anschließend wurden Schweine gefüttert, Ziegen begrüßt, Pasteten warmgehalten und VB-Bier kaltgestellt. Danach ging es für zwölf bis sechzehn Stunden ins Studio. Lemmy hätte diesen Ort vermutlich tatsächlich geliebt. Alles konnte einen dort umbringen – und was es nicht schaffte, machte die Musik offenbar nur noch lauter.

Entscheidend war dabei das originale Neve-Pult aus den Albert Studios, über das bereits australische Urgewalten wie AC/DC, ROSE TATTOO und THE ANGELS gelaufen waren. Auch Malcolm Youngs Achtspur-Neve kam zum Einsatz. Später kehrte die Band für weitere Aufnahmen in die Hothouse Studios in Melbourne zurück, wo einst ihre erste EP entstanden war und ein weiteres Pult aus den Albert Studios steht. Der Kreis schließt sich, ohne dass daraus eine nostalgische Museumsführung wird. Hier wurde die australische Rockgeschichte nicht ehrfürchtig abgestaubt, sondern mit Bier übergossen und wieder unter Strom gesetzt.

Das Ergebnis ist brutal geil produziert. Die Drums detonieren wie Artillerie, ohne den Rest unter sich zu begraben. Die Gitarren sägen, beißen und drücken, der Bass schiebt wie ein Roadtrain mit defekter Bremse, während Joels Stimme zwischen Reibeisen, Sirene und enthusiastischem Kneipenwirt sämtliche Warnleuchten zum Blinken bringt. Trotz dieser Wucht klingt das selbstbetitelte Album nicht klinisch oder künstlich aufgeblasen. Zwischen den Instrumenten bleibt Raum, jeder Schlag sitzt und jede kleine Pause erhöht den Druck auf den nächsten Einsatz.

Genau darin zeigt sich die Reife der Band. Früher wurde gerne jede freie Stelle mit zusätzlichem Krach zugemauert, diesmal darf ein Riff auch einmal für sich stehen und seine Wirkung entfalten. Die Australier haben den rasenden Bullen nicht gezähmt, sondern ihm ein ordentliches Geschirr angelegt, damit er gezielter durch die Wand rennt. Der Klang ist riesig, aber niemals glatt. Er besitzt Dreck unter den Fingernägeln, Bierflecken auf dem Hemd und trotzdem eine Präzision, die man bei all dem scheinbaren Chaos leicht unterschätzen könnte.

Schon die Songreihenfolge ist nahezu unverschämt gut. Gutsy eröffnet die Platte mit jener Mischung aus Trotz, Mut und Vollgas, die seit jeher zum genetischen Bauplan der Band gehört. Danach folgt mit Alive After Death (Last Plane Out) kein Abfall, sondern sofort der nächste Volltreffer. Der Text entstand auf einem Tourbus, nachdem Joel gemerkt hatte, dass sich manche Worte nicht im Studio erzwingen lassen. Das Stück handelt davon, dass verstorbene Musiker durch ihre Songs weiterleben. Bereits das kurze „When you speak my name“ bringt den Gedanken auf den Punkt: Solange Menschen ihre Namen aussprechen und ihre Lieder singen, sind diese Musiker nicht endgültig verschwunden.

Mit Here She Comes wird anschließend die ganz große Arena geöffnet. Die Inspiration stammt gleichermaßen von einer Frau mit Feuer in den Augen und dem gewaltigen Sturm, der während der Aufnahmen über die Music Farm hereinbrach. Das passt, denn der Song klingt tatsächlich, als würden Begehren und Unwetter gemeinsam durch die Eingangstür marschieren. Die Zusammenarbeit mit Mutt Lange und Bryan Adams ist in der Größe des Refrains hörbar, ohne dass AIRBOURNE plötzlich fremde Kleidung tragen. Hier wurde nichts weichgespült – der Refrain ist lediglich so breit, dass man ihn vermutlich aus dem Weltraum erkennen kann.

In der Mitte des Albums regiert die bewährte Abteilung für Sex, Schweiß und subtile Texte, wobei „subtil“ in diesem Zusammenhang natürlich als australischer Scherz verstanden werden muss. Kid In A Candy Store lässt Candy Rose zur fleischgewordenen Versuchung werden, Sky High hebt aus ähnlich irdischen Gründen ab, und Christmas Bonus präsentiert eine Chefin, die so überzeugend arbeitet, dass sie sogar „makes Santa come twice“. Goethe hätte es anders formuliert, aber Goethe besaß vermutlich auch keine Marshall-Wand. Who Put The Rhythm In You? vereint Groove und Bombast derart selbstverständlich, dass man sofort versteht, weshalb Mutt Lange und Bryan Adams die zugeschickten Demos zunächst für fertige Aufnahmen hielten. Der Song klebt bereits nach dem ersten Durchgang im Kopf und besitzt diesen seltenen Refrain, den man mitsingen kann, obwohl man noch gar nicht weiß, dass man ihn kennt.

Im letzten Drittel nimmt die Platte keinen Millimeter zurück. Last Man Standing, Rock ’N’ Roll Ya und Hell’s Got No Vacancy handeln von Widerstand, Beharrlichkeit und der entschlossenen Weigerung, sich von irgendwem aus dem Weg räumen zu lassen. Bogotá trägt den Staub und die Geschichten der Straße in sich, bevor Send Me To Rock ’N’ Roll Heaven das Album mit erhobenem Glas beendet. Lemmy, Doc Neeson, John Bonham, Bon Scott und Little Richard stehen dabei stellvertretend für jene Musiker, deren Feuer in jeder neuen Generation weiterbrennt. Die Vorstellung einer Rock’n’Roll-Himmelshausband mit diesem Personal ist natürlich verlockend – allerdings dürfte die Lautstärkebegrenzung dort seit Jahren kapituliert haben.

Natürlich zieht Joel O’Keeffe sämtliche Aufmerksamkeit an wie ein durchgedrehter Blitzableiter. Der Mann klettert, springt, wirft Bier und lässt sich auf den Schultern eines Roadies durch Menschenmassen tragen, während andere Leute seines Alters bereits beim falschen Aufstehen Geräusche machen. Dennoch ist AIRBOURNE keineswegs nur Joel mit drei Statisten. Ryan ist der unerbittliche Motor, Justin Street liefert den tiefen Schub und Brett Tyrrell verleiht der Rhythmuswand zusätzliche Breite. Gerade auf diesem Album hört man, wie geschlossen die vier Musiker arbeiten. Joel ist zweifellos komplett wahnsinnig – aber er zieht seine Leute mit, und gemeinsam verwandeln sie kontrollierten Irrsinn in erstaunlich präzisen Rock’n’Roll.

Auch das Cover passt perfekt zu dieser Selbstverständlichkeit: direkt, mächtig und ohne den geringsten Zweifel daran, was sich hinter der Verpackung befindet. Zusammen mit der großartigen Dramaturgie der Tracklist, der gewaltigen Produktion und zwölf Songs ohne Füllmaterial ergibt sich ein Album, bei dem ich nicht einmal aus Höflichkeit nach einem Schwachpunkt suchen möchte. Wer hier weiterhin ausschließlich die alte AC/DC-Schublade aufzieht, hat nicht richtig zugehört. AIRBOURNE hüten das Erbe des australischen Pub Rock, besitzen inzwischen aber längst eine unverwechselbare eigene Handschrift. Der Brief an Lemmy wirkt deshalb nicht wie ein geschickt platzierter Werbetext, sondern wie das erleichterte Schulterklopfen eines Mannes, der einem verstorbenen Freund endlich mitteilen kann: Wir sind uns treu geblieben, wir haben deinen Rat befolgt – und verdammt, wir haben es tatsächlich geschafft.

Dieses Meisterwerk an Energie ist die Platte, auf die ihre gesamte bisherige Laufbahn zugesteuert hat. Laut, dreckig, euphorisch, emotional und bis in die letzte Explosion durchdacht. Keine Verschnaufpause, kein Alibi-Song, kein halbherziger Versuch, irgendeinen Markttrend zu umarmen. Dieses Ding ist ein breit grinsender Mittelfinger gegen Müdigkeit, Berechnung und gepflegte Langeweile. Mehr Rock’n’Roll geht nicht – und besser vermutlich auch nicht.


Bewertung: 10 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Gutsy
02. Alive after Death (Last Plane out)
03. Here she comes
04. Kid in a Candy Store
05. Sky high
06. Who put the Rhythm in you
07. Christmas Bonus
08. Last Man standing
09. Rock’n’Roll Ya
10. Bogotá
11. Hells got no Vacancy
12. Send me to Rock’n’Roll Heaven




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