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Live on Stage Review: DIE TOTEN HOSEN | BEATSTEAKS | THE STRANGLERS

Trink aus wir müssen gehen am 11.07.2026 – Berlin @ Olympiastadion


Es gibt Konzerte, auf die freut man sich ein paar Wochen. Und dann gibt es diese Abende, auf die man sich im Grunde ein ganzes Leben vorbereitet. Der 11. Juli 2026 gehörte für mich ohne jeden Zweifel zur zweiten Kategorie. Mein mittlerweile 37. Konzert mit DIE TOTEN HOSEN sollte zugleich mein letztes sein. Eine Band, die mich seit meiner Jugend begleitet, deren Songs unzählige Lebensabschnitte vertont haben und wegen der meine Ex-Frau regelmäßig fragte, ob ich eigentlich auch mal mit ihr zu einer anderen Band gehen würde. Wahrscheinlich hatte sie nicht ganz Unrecht.

Noch emotionaler wurde dieser Tag dadurch, dass mein Sohn Sören zum ersten Mal mit den Düsseldorfern in Berührung kam. Sein erstes Konzert der Band – und sehr wahrscheinlich gleichzeitig sein letztes. Irgendwie schloss sich damit ein Kreis, den ich beim Betreten des Olympiastadions noch gar nicht richtig greifen konnte.

Berlin zeigte sich von seiner schönsten Seite. Sonnenschein, gut gelaunte Menschen, überall lachende Gesichter und diese besondere Vorfreude, die nur ein Stadion voller Gleichgesinnter erzeugen kann. Einziger kleiner Wermutstropfen waren die Preise. Das Bier war noch einmal ein gutes Stück teurer als beim letzten Berliner Gastspiel auf dem Tempelhofer Feld, und auch beim Merchandise hatte man die Preisschraube spürbar angezogen. Natürlich habe ich trotzdem zugeschlagen – bei meinem letzten HOSEN-Konzert hätte ich mich wohl eher geärgert, wenn ich es nicht getan hätte.

Dass THE STRANGLERS den Abend eröffnen würden, war bereits ein kleines Geschenk. Noch bevor der erste Ton erklang, kündigte Campino die Band mit sichtbarem Respekt als die hochgeschätzten Herren aus Guildford an und erinnerte dabei an das erste gemeinsame Kapitel der Hosen-Geschichte Anfang der Achtziger im legendären SO36. Schöner kann man eine Brücke zwischen den Generationen kaum schlagen.

Musikalisch machten die Briten sofort klar, dass heute technisch alles passen würde. Der Sound war vom ersten Akkord an glasklar, druckvoll und ausgewogen. Im bereits gut gefüllten Stadion entwickelte sich schnell eine angenehm entspannte Atmosphäre. Natürlich wurden Klassiker wie Always the Sun, Golden Brown oder das finale No More Heroes lautstark gefeiert, doch gerade die etwas raueren Nummern wie Tank, Something Better Change oder Nice 'n' Sleazy zeigten eindrucksvoll, warum diese Band bis heute Kultstatus genießt. Man merkte den Musikern den Spaß deutlich an. Während ich zufrieden an meiner Erdbeerbowle nippte, wurde mir klar, dass dieser Abend verdammt gut werden würde.

Die Aufgabe, anschließend ein Berliner Publikum im eigenen Stadion noch weiter anzuheizen, übernahmen die BEATSTEAKS. Für mich seit Jahren eine absolute Wohlfühl-Band. Dass sie in der Heimstätte meines Vereins zwischendurch wieder einige Seitenhiebe gegen den Stadtrivalen verteilten, hätte es aus meiner Sicht zwar nicht gebraucht, aber geschenkt – schließlich überwog die gute Laune bei weitem.

Schon das Intro sorgte für Gänsehaut. Mit Total Eclipse of the Heart erwiesen die Jungs der nur drei Tage zuvor verstorbenen Bonnie Tyler die Ehre. Kaum erklangen die ersten Töne dieses unsterblichen Klassikers, wurde es für einen kurzen Moment erstaunlich still im Olympiastadion. 70.000 Menschen lauschten andächtig, ehe tosender Applaus einsetzte. Einen schöneren und würdevolleren Auftakt hätte ich mir für diesen Auftritt kaum vorstellen können. Gänsehaut? Nicht nur ein bisschen – sondern von der ersten bis zur letzten Sekunde.

Andy kündigte die Berliner zuvor als enge Freunde der HOSEN an, und genau dieses Gefühl zog sich durch den gesamten Auftritt. Die Chemie war jederzeit spürbar. Die Setlist war hervorragend zusammengestellt, Summer, Jane Became Insane, Hail to the Freaks oder Hello Joe funktionierten prächtig. Der eingebaute Ausschnitt von Wünsch dir was war eine wunderschöne Verbeugung vor dem Hauptact, während Hey Du das komplette Olympiastadion in einen riesigen Chor verwandelte. Obwohl inzwischen rund 70.000 Menschen im Stadion standen, fühlte sich der Auftritt erstaunlicherweise eher nach verschwitztem Clubkonzert als nach gigantischer Stadionproduktion an. Warum genau das so war, kann ich bis heute nicht erklären. Vielleicht besitzen BEATSTEAKS einfach dieses besondere Talent, riesige Menschenmengen wie einen einzigen Freundeskreis wirken zu lassen.

Langsam erloschen die Lichter im Olympiastadion. Plötzlich erklang das Intro Trink aus – und schon diese wenigen Takte ließen mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Die Spannung im Rund war förmlich greifbar. Als unmittelbar danach die ersten Akkorde von Opel-Gang einsetzten, explodierte das Stadion förmlich. Einen besseren, ehrlicheren und energiegeladeneren Auftakt für ein Abschiedskonzert hätte ich mir kaum vorstellen können. Über 70.000 Menschen sprangen gleichzeitig los, sangen jede Zeile mit und machten sofort klar, dass dies weit mehr als ein gewöhnliches Rockkonzert werden würde. DIE TOTEN HOSEN spielten ihr größtes Deutschland-Konzert dieser Abschiedstour – und gleichzeitig ihr inzwischen 65. Konzert in Berlin. Trotzdem wirkte hier nichts routiniert oder abgespult. Im Gegenteil: Campino rannte, sprang und tobte über die Bühne, als hätte die Band gerade erst ihre erste Clubtour begonnen.

Die Setlist war eine meisterhafte Reise durch mehr als vier Jahrzehnte Bandgeschichte. Früh wurden mit Die Show muss weitergehen, Wir waren nie weg, Auswärtsspiel oder Unter den Wolken die neueren Kapitel aufgeschlagen, ehe Klassiker wie Altes Fieber, Paradies, Nur zu Besuch, Steh auf, wenn du am Boden bist, Bonnie & Clyde oder Alles aus Liebe die emotionale Fallhöhe immer weiter erhöhten. Für uns Berliner durfte selbstverständlich Wannsee nicht fehlen, das vom gesamten Stadion frenetisch gefeiert wurde.

Persönlich erwischte mich allerdings Hier kommt Alex völlig unvorbereitet. Aus einem ganz bestimmten Grund, den ich vermutlich nur für mich selbst behalten werde, liefen plötzlich die Tränen. Vielleicht lag es an der Erkenntnis, dass dies tatsächlich mein letztes Konzert dieser Band sein würde. Vielleicht an der Atmosphäre. Vielleicht auch an drei Litern Erdbeerbowle. Wahrscheinlich an allem zusammen. Ich sang jedenfalls lauter mit als vermutlich gesund gewesen wäre.

Überhaupt war das Publikum an diesem Abend ein ganz wesentlicher Bestandteil des Erlebnisses. Rund um uns herum standen Menschen unterschiedlichster Generationen, die gemeinsam feierten, sich in den Armen lagen und jede Zeile mitsangen. Niemand drängelte, niemand nervte. Es fühlte sich an, als hätten sich für einen Abend 70.000 Freunde verabredet.

Auch musikalisch gönnten sich die Düsseldorfer einige Überraschungen. Sven Regener betrat die Bühne und gemeinsam wurde Immer nur geliebt erstmals live gespielt. Seine angenehm lakonische Art passte hervorragend zu diesem besonderen Moment. Kurz darauf folgte mit Halbstark eine weitere wunderbare Hommage an frühere Zeiten. Doch was dann geschah, dürfte wohl in die Berliner Konzertgeschichte eingehen. Mit Beginn des zweiten Zugabenblocks erschien plötzlich Farin Urlaub. Für einen kurzen Moment schien das gesamte Olympiastadion kollektiv den Verstand zu verlieren.

Gemeinsam spielten sie das live uraufgeführte Hier sind die Hosen, ehe Farin gleich auf der Bühne blieb und zusammen mit Campino Schrei nach Liebe anstimmte. Zwei der wichtigsten deutschen Punkbands, vereint auf einer Bühne – ausgerechnet in Berlin. Ehrlich gesagt hätte der Abend an dieser Stelle bereits enden dürfen. Mehr Gänsehaut passt eigentlich nicht in einen Menschen.

Doch DIE TOTEN HOSEN hatten noch längst nicht genug.

Mit Alles wird vorübergehen, Freunde, den unvermeidlichen Zehn kleine Jägermeister, dem obligatorischen You'll Never Walk Alone und schließlich Ich liebe das Leben verabschiedeten sie sich unter einem Meer aus Konfetti, wehenden Fahnen, Bengalos und glücklichen Gesichtern. Als die letzten Töne verklungen waren, blieb für einige Sekunden einfach nur Stille in meinem Kopf.

Natürlich habe ich im Laufe meines Lebens unzählige großartige Konzerte erlebt. Doch nur wenige schaffen es, Musik, Erinnerungen, Emotionen und Gemeinschaft derart perfekt miteinander zu verbinden. Dieser Abend war weit mehr als ein Abschied. Er war eine Feier eines Lebensgefühls, das Generationen geprägt hat. Sollte dies tatsächlich mein letztes Konzert mit den HOSEN gewesen sein, dann hätte ich mir keinen würdigeren Abschluss wünschen können. Manche Bands hört man einfach. Andere begleiten einen durchs Leben. Und wenn irgendwann der letzte Vorhang fällt, bleibt am Ende nicht die Traurigkeit, sondern tiefe Dankbarkeit dafür, all das erlebt haben zu dürfen.




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