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Live on Stage Report: Protzen Open Air 2026

vom 18. bis 20.06.2026


TAG 1 – Donnerstag, 18.06.2026


Der erste Gang über das Gelände des Protzen Open Air hat jedes Jahr seinen ganz eigenen Charme. Der Grill glüht bereits, die ersten Biere finden ihren Weg in durstige Kehlen und im Hangar sammeln sich nach und nach die Frühaufsteher der Metalszene. Den Auftakt des Festivals übernahmen diesmal MORSROT – eine junge Band mit Wurzeln auf Malta, die mittlerweile von Berlin aus ihren eigenen Weg geht und sich musikalisch längst von den klassischen Death-Metal-Fesseln gelöst hat.

Wer pures Old-School-Geballer erwartete, musste seine Erwartungen bereits nach wenigen Minuten neu justieren. Mit Death Metal früherer Tage hat das Material nur noch am Rande zu tun. Stattdessen präsentierten MORSROT einen eigenwilligen Mix, der mich stellenweise an eine harte Kreuzung aus Voivod und Rush erinnerte. Progressiv, verschachtelt, technisch anspruchsvoll und dennoch mit genügend Druck ausgestattet, um die ersten Nackenmuskeln des Tages in Bewegung zu bringen. Als Festivalopener war das durchaus eine mutige Wahl.

Der Hangar war zu dieser frühen Stunde erwartungsgemäß noch etwas spärlich gefüllt, was der Spielfreude der drei Musiker allerdings keinen Abbruch tat. Mit sichtbarer Leidenschaft und viel Selbstvertrauen spielten sie ihr Set herunter und hinterließen dabei einen überraschend starken Eindruck.

Lediglich ein Umstand machte sich im Sound bemerkbar: Der zweite Gitarrist konnte an diesem Abend nicht dabei sein. Gerade bei den komplexeren Arrangements fehlte dadurch stellenweise etwas Druck und Breite im Klangbild. Die verbliebenen Musiker meisterten die Situation zwar souverän, dennoch hätte eine zweite Gitarre dem Auftritt hörbar noch mehr Wucht verliehen. Ich hoffe, dass die komplette Besetzung spätestens am 10.10.2026 beim Z.O.F.F. wieder gemeinsam auf der Bühne steht.

Am Ende war das genau die Art von Überraschung, die ein Festivalbeginn gut gebrauchen kann. Sicher nicht die einfachste Kost für ein Publikum, das gerade erst in den Tag startet, aber dafür umso spannender. MORSROT bewiesen Mut zur Eigenständigkeit und lieferten einen Auftritt ab, der neugierig auf ihre weitere Entwicklung macht. Manchmal beginnt ein Festival eben nicht mit der Brechstange, sondern mit Köpfchen – und das darf genauso viel Spaß machen.

Nach dem gelungenen Auftakt durch die Malteser betrat mit Hæresis die erste Berliner Band des Festivals die Bühne. Black Metal gehört nun wirklich nicht zu meinen bevorzugten Spielwiesen, doch genau deshalb überraschte mich der Auftritt umso mehr. Die 2016 gegründete Band schaffte es, mich mit ihrem atmosphärischen, brutalen und gleichzeitig erstaunlich abwechslungsreichen Sound über die komplette Spielzeit mitzunehmen.

Anstatt ausschließlich auf Dauerfeuer zu setzen, bauten Hæresis dichte Klanglandschaften auf, in denen rasende Blastbeats, schwere Gitarrenwände und melancholische Melodien hervorragend ineinandergriffen. Das wirkte intensiv, düster und zu keiner Sekunde beliebig. Besonders Frontfrau C.G. zog alle Blicke auf sich. Mit ihrer enormen Bühnenpräsenz und ihren kompromisslosen Vocals war sie ganz klar der Mittelpunkt des Geschehens und verlieh den Songs eine zusätzliche Portion Ausdruck und Intensität. Für mich als Fotograf hatte der Auftritt allerdings einen kleinen Haken. Der nahezu permanente Nebeleinsatz sorgte zwar für eine großartige, dichte Atmosphäre, machte brauchbare Fotos aber nahezu unmöglich. Musikalisch funktionierte dieses Stilmittel hervorragend – fotografisch hingegen brachte es mich an die Grenzen des Machbaren.

Gerade weil Black Metal normalerweise nicht mein Genre ist, hinterließen Hæresis einen bleibenden Eindruck. Atmosphärisch, brutal und mit einer charismatischen Frontfrau ausgestattet, überzeugte die Band auf ganzer Linie. Ein Auftritt, der eindrucksvoll bewies, dass gute Livebands auch außerhalb der eigenen Komfortzone begeistern können.

Nun war es Zeit für einen ordentlichen Tritt aufs Gaspedal. Genau dafür sind TRAITOR aus Balingen seit ihrer Gründung 2009 bekannt. Klassischer Thrash Metal, gespielt ohne Schnörkel, dafür mit Vollgas, jeder Menge Spielfreude und einer Besonderheit, die man nicht alle Tage erlebt: Schlagzeuger Andreas Mozer sitzt nicht nur hinter der Schießbude, sondern übernimmt gleichzeitig auch den Gesang. Was auf dem Papier ungewöhnlich klingt, funktioniert live beeindruckend gut.

Kaum flogen die ersten Salven von Knee-Deep in the Dead, Thrash Command und Venomizer durchs Hangar-Zelt, war klar, dass jetzt keine Gefangenen mehr gemacht werden. TRAITOR feuerten aus allen Rohren und legten mit Exiled to the Surface, Toxic Death, Mad Dictator und Torturize eine Setlist vor, die Thrash-Fans praktisch keine Verschnaufpause gönnte. Spätestens mit Nuke 'Em All, Ebola und Reactor IV war endgültig Schluss mit angezogener Handbremse. Gerd Hery und Matthias Koch wirbelten ununterbrochen über die Bühne, feuerten messerscharfe Riffs ins Publikum und lieferten sich immer wieder packende Duelle an den Gitarren, während Andreas Mozer trotz der Doppelbelastung aus Schlagzeug und Gesang das gesamte Geschehen fest im Griff hatte.

Besonders beeindruckend war die Energie auf und vor der Bühne. Circle Pits, fliegende Haare und erhobene Fäuste bestimmten das Bild, denn die Balinger verstanden es hervorragend, das Publikum permanent mitzunehmen. Die 40 Minuten vergingen wie im Flug, ehe mit der Ramones-Hommage Blitzkrieg Bop als Zugabe noch einmal sämtliche Reserven mobilisiert wurden. Der Hangar verwandelte sich endgültig in ein brodelndes Moshpit, und überall blickte man in verschwitzte, aber überglückliche Gesichter.

Nach drei starken Eröffnungsbands war der Hangar bereits gut aufgeheizt, doch als STILLBIRTH die Bühne enterten, verwandelte sich das Ganze endgültig in ein sportliches Großereignis. Die Truppe aus Hagen gehört seit 1999 zu den zuverlässigsten Abrisskommandos des deutschen Extreme Metal und hat sich ihren Ruf als kompromisslose Liveband über unzählige Konzerte mehr als verdient. Wer die Mischung aus Death Metal, Grindcore und Deathcore kennt, weiß ohnehin, dass hier keine Gefangenen gemacht werden.

Schon die ersten Takte sorgten dafür, dass sich vor der Bühne niemand mehr an Benimmregeln erinnerte. Es durfte getanzt werden – und zwar ordentlich. Moshpits, Circle Pits und sogar eine kleine Wall of Death gehörten genauso selbstverständlich zum Programm wie die völlig entfesselten Musiker auf der Bühne. Vor allem Frontmann Lukas Swiaczny schien sämtliche Energiereserven des Tages aufgespart zu haben und peitschte das Publikum ununterbrochen nach vorne. Der Mann war überall gleichzeitig, sprang, brüllte, gestikulierte und ließ keinen Zweifel daran, warum STILLBIRTH seit Jahren als Live-Macht gelten.

Mit Songs wie Back to the Stoned Age, Global Error, Annihilation of Mankind oder Revive the Throne rollte eine Dampfwalze nach der anderen durch den Hangar. Besonders die groovigen Passagen entwickelten eine Sogwirkung, der sich kaum jemand entziehen konnte. Immer wieder flogen Haare, Fäuste und verschwitzte Shirts durch die Luft, während von der Bühne aus permanent neue Attacken gestartet wurden. Irgendwann tropfte der Schweiß sogar vom Hallendach – ein ziemlich verlässlicher Indikator dafür, dass eine Band alles richtig gemacht hat.

Ganz perfekt war der Auftritt dennoch nicht. Leider fehlte an diesem Abend die zweite Gitarre, wodurch einige der massiven Arrangements hörbar an Druck verloren. Die Songs funktionierten zwar weiterhin hervorragend, doch gerade die brachialen Riffwände hätten mit kompletter Besetzung noch deutlich mehr Brutalität entfaltet. Der Stimmung tat das allerdings keinen Abbruch. Vor der Bühne wurde gefeiert, auf der Bühne mindestens genauso.

Am Ende blieb ein Auftritt, der weniger durch technische Perfektion als durch pure Lebensfreude im Extrem-Metal überzeugte. STILLBIRTH lieferten eine schweißtreibende Party, bei der man entweder mitten im Circle Pit landete oder grinsend vom Rand zusah. Und wenn am Ende alle aussehen, als kämen sie direkt aus einer Sauna, dann war der Abend wohl ziemlich gelungen.

Man kann über BLUTGOTT denken, was man möchte – langweilig wird es mit Thomas Gurrath jedenfalls nie. Seit Jahrzehnten tobt sich der ehemalige Lehrer aus Baden-Württemberg musikalisch zwischen Debauchery, Blood God, Balgeroth und inzwischen dem Blutgott-Universum aus. Genau diese Vielseitigkeit brachte er auch nach Protzen mit und hatte damit die ehrenvolle Aufgabe, den ersten Festivaltag zu beschließen.

Schon mit Beasts Of Balgeroth war klar, dass hier keine sterile Lehrstunde in Sachen Death Metal stattfinden würde. Stattdessen walzten Gurrath und seine Mitstreiter mit jeder Menge Groove, dicken Riffs und einer gehörigen Portion Selbstironie über das Publikum hinweg. Blood God Rising und Fire And Steel entwickelten sich schnell zu mitreißenden Nackenbrechern, während Death Of The Bloodking und Legacy Of The Bloodking eindrucksvoll zeigten, dass das aktuelle Material auch live hervorragend funktioniert.

Besonders interessant war die Stimmung vor der Bühne. Thomas Gurrath polarisiert seit Jahren wie kaum ein anderer Musiker der deutschen Szene. Doch spätestens als die ersten alten Debauchery-Kracher erklangen und Blood For The Blood God sowie Let There Be Blood die Menge zum kollektiven Mitgrölen animierten, waren sämtliche Diskussionen plötzlich völlig nebensächlich. Selbst Protzen-Macher Mario schien sich über die Klassiker sichtlich zu freuen. Die Menge ging jedenfalls gnadenlos steil und feierte jede Hymne, als hätte es die ewigen Debatten nie gegeben.

Mit Animal Holocaust und dem abschließenden Demonslayer wurde noch einmal alles aus den Verstärkern herausgequetscht. Die Band spielte druckvoll, eingespielt und mit sichtbarer Spielfreude, ohne sich selbst allzu ernst zu nehmen. Genau diese Mischung macht den Reiz von BLUTGOTT live aus. Das mag auf Platte nicht jeden überzeugen, auf einer Festivalbühne funktioniert dieses Konzept jedoch erstaunlich gut.

Mir selbst hat der Auftritt jedenfalls richtig Spaß gemacht. Nach dem Gig wanderte – wie schon zuvor bei STILLBIRTH – noch ein weiteres Shirt in meine inzwischen bedenklich anwachsende Sammlung. Anschließend ging es zurück nach Hause, ins eigene Bett und unter die heimische Dusche. Ein kurzer Luxusmoment, bevor am Freitag in Protzen wieder das volle Brett auf mich wartete.

Der erste Festivaltag hätte kaum passender enden können: ehrlicher Death Metal mit ordentlich Groove, eine bestens aufgelegte Band und ein Publikum, das sämtliche Vorurteile einfach wegfeierte. Manchmal genügt eben ein fettes Riff, damit selbst die größten Diskussionen verstummen. In Protzen funktionierte das an diesem Abend ausgezeichnet.


OLAF (Text und Bilder)

Blutgott by Thomas Gurrath...Thx



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