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Live on Stage Report: Protzen Open Air 2026

vom 18. bis 20.06.2026




TAG 2 – Freitag, 19.06.2026


Der zweite Festivaltag begann erfreulich unspektakulär: Nach einer ruhigen Nacht im heimischen Bett, einer völlig entspannten Anfahrt und ohne den üblichen Festival-Kater stand ich pünktlich um 12 Uhr wieder auf dem Gelände. Besser kann ein Freitag kaum starten. Noch besser wird er allerdings, wenn als erste Band GOREGONZOLA auf die Bühne marschieren. Die Franken sind seit Jahren eine feste Größe im deutschen Underground und der beste Beweis dafür, dass man nicht alle zwei Jahre ein neues Album veröffentlichen muss, um das Publikum zuverlässig in Bewegung zu versetzen. Ihr herrlich durchgeknallter Mix aus brutalem Death Metal, Grind, rabenschwarzem Humor und gepflegtem Blödsinn funktioniert heute genauso gut wie vor vielen Jahren.

Musikalisch wurde vom ersten Ton an keine Rücksicht auf Verluste genommen. Tiefgestimmte Gitarren, knallharte Blastbeats und fiese Growls prasselten ohne Vorwarnung durchs Hangar-Zelt und machten sofort klar, dass der Donnerstag alles andere als ein gemütlicher Warm-up-Tag werden würde. Zwischen den Songs blieb trotzdem genug Platz für den typischen Humor der Franken, der nie aufgesetzt wirkt, sondern einfach zum Gesamtpaket gehört. Genau diese Mischung aus kompromisslosem Gebolze und augenzwinkernder Selbstverarsche macht GOREGONZOLA seit Jahren so sympathisch.

Besonders herrlich war natürlich Trumpeltier. Kaum zu glauben, dass der Song bereits 2017 erschienen ist – aktueller könnte der Titel heute trotzdem kaum wirken. Entsprechend groß waren die Lacher im Publikum, ohne dass dabei die musikalische Wucht auch nur eine Sekunde verloren ging. Genau so muss Satire im Death Metal funktionieren: mit der Kettensäge statt mit dem Zeigefinger.

Auch abseits der Musik bewiesen die Franken Geschmack. Das leicht verfremdete Morbid Angel-Logo auf einem ihrer Shirts dürfte problemlos zu den coolsten Merch-Artikeln des gesamten Festivals gehören. Manchmal sind es eben die kleinen Ideen, die einem genauso im Gedächtnis bleiben wie die Songs.

Als Opener war GOREGONZOLA jedenfalls ein echter Volltreffer. Brutal, witzig, herrlich bodenständig und mit einer Spielfreude ausgestattet, die man auch ohne neue Veröffentlichungen sofort spürt. Manche Bands brauchen alle zwei Jahre ein neues Album, um relevant zu bleiben. GOREGONZOLA erinnern eindrucksvoll daran, dass eine starke Live-Show manchmal völlig ausreicht, um das Publikum glücklich nach der ersten Portion Nackenmuskeltraining in den weiteren Festivaltag zu schicken.

Nach der eben überlebten Grindcore-Breitseite von durfte es musikalisch gerne etwas lockerer werden. Mit TIGERCAGE aus Aschaffenburg stand anschließend eine Band auf der Bühne, die schnörkellosen Rock mit einer ordentlichen Portion Punkrock-Attitüde verbindet. Druckvoll, eingängig und mit einer gehörigen Portion Spaß an der Sache. Für Festivalchefin Andrea war dieser Auftritt eine echte Herzensangelegenheit, weshalb ich gespannt war, wie sich die Franken bei ihrem ersten Gastspiel auf dem Protzen Open Air präsentieren würden. Der Hangar war um diese Uhrzeit zwar noch nicht bis auf den letzten Platz gefüllt, doch das schien die Band überhaupt nicht zu interessieren. Vom ersten Ton an wurde Gas gegeben, als stünde ein ausverkauftes Festivalgelände vor der Bühne.

Gerade diese ungekünstelte Art machte den Auftritt so sympathisch. Keine große Show, kein übertriebener Firlefanz – stattdessen ehrlicher, energiegeladener Rock mit Punk-DNA, der live hervorragend funktionierte und den Festivalvormittag ordentlich in Schwung brachte.

Am Ende bewiesen TIGERCAGE, dass ein guter Auftritt nicht von der Größe des Publikums lebt, sondern von der Leidenschaft auf der Bühne. Wer so viel Herzblut investiert, gewinnt auch vor einem noch nicht prall gefüllten Hangar neue Fans – und genau deshalb dürfte der erste Besuch in Protzen sicher nicht der letzte gewesen sein.

Manchmal freut man sich auf einen Auftritt aus mehreren Gründen gleichzeitig. Bei RAVAGER war das bei mir genau der Fall. Zum einen mag ich den kompromisslosen Thrash Metal der 2014 im niedersächsischen Walsrode gegründeten Band schon seit einiger Zeit. Zum anderen stand mit Martin Kesici inzwischen ein langjähriger Kumpel am Mikrofon. Umso schöner war es zu sehen, dass er wieder genau dort angekommen ist, wo ich ihn schon immer lieber gesehen habe: auf einer Metalbühne statt in Castingshows oder Reality-Formaten. Entsprechend groß war meine Vorfreude auf den Thrash-Express.

Schon die ersten Minuten machten deutlich, warum die Band in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen ist. Die beiden Gitarristen Marcel Lehr und Daniel Musiol droschen messerscharfe Riffs in die Menge, während Justus Mahler und Drummer André Sawade das Fundament mit reichlich Dampf unterlegten. Und Martin? Der wirkte, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Seine raue Stimme passte überraschend perfekt zum kompromisslosen Thrash-Sound und verlieh den Songs eine zusätzliche Portion Aggression.

Leider hatte Petrus andere Pläne. Mitten im dritten Song öffnete der Himmel sämtliche Schleusen gleichzeitig. Was zunächst nach einem kräftigen Schauer aussah, entwickelte sich innerhalb weniger Augenblicke zu einem sintflutartigen Wolkenbruch. Sicherheit geht nun einmal vor, also blieb den Veranstaltern nichts anderes übrig, als den Auftritt abzubrechen. Verdammt ärgerlich, denn genau in diesem Moment begann die Band eigentlich erst richtig warmzulaufen. Das wenige, was man hören durfte, machte jedenfalls Lust auf deutlich mehr.

Mindestens genauso enttäuscht wirkte übrigens Labelchef Duck. Der hatte sich bereits zu dieser frühen Stunde intensiv mit Gerstensaft beschäftigt und nahm die wetterbedingte Zwangspause mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und flüssiger Gelassenheit hin. Dass er später noch für einige herrlich schräge Anekdoten sorgen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch niemand ahnen.

So blieb von RAVAGER leider nur ein viel zu kurzer Appetithappen. Aber manchmal reichen schon wenige Minuten, um zu erkennen, dass eine Band auf dem richtigen Weg ist. Der Thrash-Express rollte zwar nur bis zur dritten Haltestelle, bevor der Himmel die Notbremse zog – die Fahrkarte für die nächste Runde löse ich trotzdem sofort wieder.

WARPATH gehören zu den Bands, die sich vom Zahn der Zeit herzlich wenig beeindrucken lassen. Seit der Gründung 1991 in Hamburg, einer längeren Pause und der Rückkehr vor einigen Jahren stehen Digger und seine Mitstreiter wieder dort, wo sie hingehören: auf einer Bühne, mit einer ordentlichen Portion Thrash Metal und einem Grinsen im Gesicht, das verrät, dass hier niemand mehr irgendwem etwas beweisen muss.

Ganz reibungslos wollte der Auftritt allerdings zunächst nicht verlaufen. Mitten im zweiten Song verabschiedete sich der Strom und sorgte kurzzeitig für ratlose Gesichter. Zumindest theoretisch. Praktisch nutzte Digger die Zwangspause für lockere Sprüche, spontane Sing-alongs und einen entspannten Plausch mit dem Publikum. Anstatt dass die Stimmung kippte, wurde sie sogar noch besser. Genau solche Momente zeigen, ob eine Band wirklich live funktioniert oder lediglich ihren Ablaufplan abarbeitet.

Kaum war die Technik wieder auf Betriebstemperatur, rollte der Groove-Express unaufhaltsam los. WARPATH präsentierten sich erstaunlich frisch, spielfreudig und mit einer Lockerheit, die man nach über drei Jahrzehnten Bandgeschichte nicht unbedingt erwarten würde. Die Riffs saßen, das Zusammenspiel wirkte homogen und Digger führte die Meute mit gewohnt rauem Charme durch das Set. Spätestens bei Massive erreichte der Auftritt seinen Höhepunkt. Der Song entwickelte genau jene Wucht, für die WARPATH seit jeher stehen, und ließ den Hangar noch einmal ordentlich durchschütteln.

Überhaupt machte die neu formierte Besetzung einen ausgesprochen fitten Eindruck. Keine müde Pflichtübung alter Recken, sondern eine Band, die sichtbar Spaß daran hat, gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Genau diese Energie sprang auch aufs Publikum über und machte den Auftritt zu einer rundum kurzweiligen Angelegenheit.

Bleibt eigentlich nur noch eine offene Rechnung. Lieber Dirk: Unsere Diskussion darüber, wann Temple of the Absurd ihren ersten Auftritt hatten, habe ich bekanntlich gewonnen. Du hast mir dafür eine der schlechtesten Platten aus deiner Sammlung versprochen. Ich warte noch immer. Aber nach diesem starken Gig will ich ausnahmsweise großzügig sein. Du darfst sie mir auch beim nächsten Konzert persönlich überreichen.

MACERATION gehören zu den Urgesteinen des dänischen Death Metal. Anfang der Neunziger legten sie mit ihrem Debüt einen echten Underground-Klassiker vor, verschwanden anschließend jahrzehntelang von der Bildfläche und meldeten sich erst vor wenigen Jahren eindrucksvoll zurück. Auf dem Protzen Open Air bewiesen die Dänen, dass sie von ihrer Wucht nichts eingebüßt haben.

Vom ersten Riff an walzte die Band mit ihrem typisch sägenden Old-School-Sound über das Festivalgelände. Die Gitarren röhrten herrlich schmutzig aus den Boxen, das Schlagzeug trieb kompromisslos nach vorne und die tiefen Growls passten perfekt zu den tonnenschweren Riffs. Trotz aller Brutalität wirkte der Auftritt niemals eintönig. MACERATION verstanden es, ihre Songs mit genügend Dynamik und Groove auszustatten, sodass der Funke auch auf die Zuschauer übersprang. Genau so muss klassischer skandinavischer Death Metal auf einer Festivalbühne klingen.

Kurz darauf verwandelten WOJCZECH den Hangar in eine einzige Abrissbirne. Seit 1995 stehen die Rostocker für kompromisslosen Death Metal und Grindcore, und genau diese Mischung ließ auch in Protzen keine Gefangenen zurück. Wo andere Bands noch Anlauf nehmen, hatten WOJCZECH bereits die nächste Blastbeat-Attacke gezündet.

Die ultrakurzen Songs wurden mit einer Präzision heruntergeprügelt, die beeindruckte. Zwei Sänger wechselten sich permanent ab, während Gitarren und Schlagzeug ein wahres Inferno entfachten. Trotz des enormen Tempos blieb das Material jederzeit kontrolliert und nachvollziehbar. Das war kein chaotisches Krachgewitter, sondern ein perfekt eingespielter Angriff auf Trommelfelle und Nackenmuskulatur. Der Hangar entwickelte sich entsprechend schnell zu einem Hexenkessel, in dem die Band ihre langjährige Erfahrung eindrucksvoll ausspielte.

Am Ende lieferten beide Bands genau das, was man sich auf einem Festival wie dem Protzen Open Air wünscht: MACERATION zelebrierten klassischen Death Metal mit Herzblut und jeder Menge Druck, während WOJCZECH den Hangar mit gnadenloser Grindcore-Energie auf links drehten. Zwei völlig unterschiedliche Spielarten extremer Musik – und beide funktionierten auf ihre ganz eigene Weise ausgezeichnet.

FACEBREAKER gehören für mich zu diesen schwedischen Death-Metal-Bands, die man viel zu lange nicht mehr live erlebt hat. Umso schöner war es, sie endlich wieder in Protzen begrüßen zu dürfen. Zwar stand ich diesmal nicht direkt vor der Bühne, doch schon wenige Meter weiter war unüberhörbar, dass die Schweden nichts von ihrer Durchschlagskraft eingebüßt haben.

Der typische HM-2-Sound walzte mit einer gehörigen Portion Groove über das Festivalgelände, dazu diese herrlich räudige Mischung aus Old-School-Death-Metal und skandinavischer Dreckigkeit, für die die Band seit Mitte der 2000er steht. Selbst ohne direkten Blick auf die Bühne war spürbar, dass hier keine halben Sachen gemacht wurden. Manchmal reicht eben schon der Sound, um zu wissen, dass auf der Bühne gerade alles stimmt. Vor allem freut es mich, FACEBREAKER endlich wieder auf einem deutschen Festival erlebt – beziehungsweise gehört – zu haben.

Im Hangar legten anschließend JUST BEFORE DAWN einen derart wuchtigen Abriss hin, dass man sich unweigerlich fragte, ob die Hallenwände den Heimweg noch antreten würden. Das schwedische Projekt um Anders Biazzi steht seit Jahren für kompromisslosen Death Metal mit historischen Kriegsthemen, doch live entwickelte das Material noch einmal eine ganz andere Wucht. Besonders gefreut hat mich dabei, meinen Kumpel Remco Kreft mal wieder nur am Mikrofon zu erleben. Seine markante Stimme passte perfekt zu den schweren Riffs und verlieh den Songs genau die Mischung aus Aggression und Druck, die dieses Material braucht. Auch wenn ich den Auftritt diesmal nur akustisch genießen konnte, ließ die Resonanz aus dem Hangar keinerlei Zweifel daran, dass JUST BEFORE DAWN einen der stärksten Auftritte des Tages ablieferten.

Bernd „Bernemann“ Kost wieder auf einer Festivalbühne zu erleben, fühlt sich für Thrash-Fans inzwischen fast schon wie ein kleines Heimspiel an. Der Dortmunder Gitarrist hat nach seiner SODOM-Zeit mit BONDED längst bewiesen, dass seine Geschichte keineswegs zu Ende erzählt ist. Zusammen mit seinen Mitstreitern zündet er vielmehr ein eigenes Thrash-Feuer, das sich gewaschen hat – und in Protzen gehörte die Band ganz klar zu den Gewinnern des Tages.

Anfangs wirkte der Platz vor der Bühne noch überraschend luftig. Vielleicht brauchten einige Besucher noch ein kaltes Getränk oder hatten den Grill wichtiger genommen als das Kommando aus Dortmund. Doch mit jedem Song rückten mehr Leute nach vorne, denn BONDED lieferten genau das, was man sich von einer Band dieses Kalibers erhofft: messerscharfe Riffs, brachiale Präzision und jede Menge Druck. Spätestens bei Rest In Violence oder Suit Murderer war klar, dass hier niemand halbgas unterwegs war.

Bernemann spielte gewohnt souverän und mit dieser beneidenswerten Gelassenheit eines Musikers, der seit Jahrzehnten weiß, wie Thrash Metal zu klingen hat. Manuel Bigus überzeugte mit einer aggressiven, dennoch klar verständlichen Stimme, während Marco Stützer und der für Christian „Speesy“ Giesler angetretene Yorck Segatz gemeinsam mit Schlagzeuger Simon Schröder, der ja kurz vorher schon mit Warpath den Hangar zerlegte, eine Rhythmusmaschine auf die Bretter stellten, die praktisch keine Luft zum Durchatmen ließ. Das Zusammenspiel wirkte eingespielt, druckvoll und vor allem mitreißend.

Ein ganz wesentlicher Anteil am starken Eindruck ging allerdings auch an unseren Jacky am Mischpult. Der Sound war schlicht brillant: druckvoll, transparent und trotz aller Brutalität erstaunlich differenziert. Jede Gitarre war klar zu orten, der Bass schob gewaltig an und selbst in den schnellsten Passagen blieb alles angenehm definiert. Genau so muss moderner Thrash Metal auf einem Open Air klingen.

Mit zunehmender Spielzeit füllte sich der Bereich vor der Bühne immer mehr – und das völlig zu Recht. BONDED präsentierten keine nostalgische Veteranenshow, sondern eine Band, die mit jeder Menge Spielfreude und Überzeugung ihren eigenen Weg geht. Wer zunächst noch gezögert hatte, dürfte spätestens nach den letzten Takten verstanden haben, warum sich dieser Abstecher vor die Bühne mehr als gelohnt hatte. Manchmal braucht es eben keine großen Showeffekte. Ein paar überragende Riffs, eine erstklassige Band und einen Mischer, der sein Handwerk versteht, reichen völlig aus, um ein Festivalpublikum glücklich zu machen. Genau so muss ein Thrash-Gewitter aussehen.

UNDERTOW gehören seit Ende der Neunziger zu den konstanten Größen der deutschen Extreme-Metal-Szene. Die Jungs aus Baden-Württemberg haben sich nie um Trends geschert und setzen seit jeher auf eine eigenständige Mischung aus Groove Metal, Doom und düsterer Atmosphäre. Ehrlicherweise bin ich mit der Band bis heute nie so richtig warm geworden. Irgendetwas fehlte mir auf den Alben meistens, um dauerhaft hängen zu bleiben. Live sah die Sache in Protzen allerdings deutlich besser aus.

Die Songs entwickelten eine ganz andere Wucht als auf Konserve. Druckvolle Riffs, eine massive Rhythmussektion und eine angenehm unaufgeregte Bühnenpräsenz sorgten dafür, dass die Musik ihre Wirkung nicht verfehlte. Statt großer Show stand die Musik im Mittelpunkt, und genau das funktionierte erstaunlich gut. UNDERTOW wirkten eingespielt, fokussiert und mit jeder Menge Erfahrung ausgestattet. Man muss die Band nicht zwangsläufig vergöttern, um anerkennen zu können, dass hier gestandene Musiker ihr Handwerk beherrschen.

Unterm Strich war das genau die Art von Auftritt, die Vorurteile leise beiseiteschiebt. Ich werde vermutlich auch künftig kein Hardcore-Fan von UNDERTOW, aber an diesem Nachmittag hat die Band definitiv mehr Pluspunkte gesammelt als in den vergangenen Jahren zusammen. Manchmal braucht es eben eine Bühne statt einer Stereoanlage.

THE SPIRIT gehören für mich seit Jahren zu den spannendsten deutschen Vertretern des melodischen Black Death Metals. Seit ihrer Gründung im Saarland verbindet das Duo beziehungsweise die Live-Besetzung eisige Atmosphäre mit rasender Präzision und einer erstaunlich klaren Handschrift. Auch in Protzen bestätigte sich wieder, warum die Band inzwischen weit über die Landesgrenzen hinaus einen hervorragenden Ruf genießt.

Die Mischung aus messerscharfen Tremolo-Riffs, druckvollen Blastbeats und diesen majestätischen Melodiebögen entwickelte eine fast hypnotische Wirkung. Trotz aller Geschwindigkeit blieb jeder Song nachvollziehbar und besaß seine eigene Dynamik. Besonders Frontmann MT führte die Truppe gewohnt souverän an. Der Mann ist einfach eine unfassbar coole Socke, wirkt völlig entspannt und lässt seine Gitarre trotzdem klingen, als wolle sie den halben Wald um Protzen abholzen. THE SPIRIT schaffen das Kunststück, technisch anspruchsvoll zu sein, ohne verkopft zu wirken. Das Ergebnis war ein intensiver Auftritt, der Härte und Atmosphäre nahezu perfekt miteinander verband. Mehr braucht moderner Black Death Metal eigentlich nicht.

DISHARMONIC ORCHESTRA sind eine jener österreichischen Kultbands, die man entweder seit Jahrzehnten feiert oder irgendwann einmal entdeckt und sich fragt, warum man sie nicht schon viel früher auf dem Schirm hatte. Seit Ende der Achtziger stehen die Wiener für einen herrlich schrägen Mix aus Death Metal, Grind, Jazz, Progressivität und jeder Menge musikalischem Wahnsinn. Dass diese Legende heute wieder auf einer Festivalbühne steht, ist alles andere als selbstverständlich.

Und genau deshalb machte dieser Auftritt so viel Spaß. Zwischen vertrackten Rhythmen, grotesken Breaks und trockenem Groove blieb jederzeit genügend Raum für den typischen, leicht verschmitzten Charme der Band. Was auf dem Papier wie musikalisches Chaos klingt, fügte sich live erstaunlich harmonisch zusammen. DISHARMONIC ORCHESTRA bewiesen eindrucksvoll, dass außergewöhnliches Songwriting auch Jahrzehnte später nichts von seiner Faszination verliert.

Ein großes Dankeschön geht dabei ausdrücklich an Mario, der diese Kultband nach Protzen geholt hat. Solche Verpflichtungen machen den besonderen Charakter des Festivals aus. Zwischen Nostalgie und musikalischer Eigenwilligkeit lieferten DISHARMONIC ORCHESTRA den Beweis, dass manche Dinosaurier noch immer verdammt bissig zubeißen können.

BAEST gehören für mich seit einigen Jahren zu den spannendsten Erscheinungen des modernen Death Metal. Die Dänen aus Aarhus ruhen sich nicht auf den altbewährten Tugenden des Genres aus, sondern entwickeln ihren Sound mit jedem Album weiter, ohne dabei ihre brutale Identität zu verlieren. Genau diese Mischung aus Tradition, Mut und Spielfreude macht die Band so außergewöhnlich – und live sogar noch ein gutes Stück beeindruckender.

Kaum betraten BAEST die Bühne, war das Infield bis auf den letzten Winkel gefüllt. Die Vorfreude war förmlich greifbar, und schon nach den ersten Takten verwandelte sich die Fläche vor der Bühne in ein einziges Meer aus fliegenden Haaren, geballten Fäusten und glücklichen Gesichtern. Die Songs funktionieren live sogar noch direkter als auf Platte, weil die fünf Dänen jede einzelne Note mit einer ansteckenden Energie spielen, die sofort auf das Publikum überspringt.

Frontmann Simon Olsen führte mit seiner charismatischen Präsenz und seinem markerschütternden Growling durch das Set, während Lasse Revsbech und Svend Karlsson an den Gitarren ein Riffgewitter nach dem nächsten entfesselten. Sebastian Abildsten und Schlagzeuger Jens Peter Madsen sorgten dafür, dass der Motor der Band jederzeit auf Höchstdrehzahl lief. Trotz aller technischen Klasse wirkte nichts verkopft oder steril – BAEST spielten mit Herz, Wucht und einer gehörigen Portion Spielfreude. Der Sound war dabei nahezu makellos. Jede Gitarrenspur blieb transparent, der Bass drückte mächtig, die Drums knallten trocken und präzise, und selbst in den schnellsten Passagen blieb alles wunderbar differenziert. Genau so muss moderner Death Metal klingen: brutal, aber nicht matschig.

Besonders beeindruckend finde ich immer wieder, wie BAEST es schaffen, ihre innovativen Studioarrangements nahezu eins zu eins auf die Bühne zu übertragen. Viele Bands verlieren live einen Teil ihrer Raffinesse – hier passiert das genaue Gegenteil. Die Songs gewinnen sogar noch an Intensität und entfalten eine Wucht, die einen förmlich gegen den Bierstand drückt.

Nur an einer Stelle musste ich kurz schlucken: Die Shirtpreise hatten durchaus das Potenzial, kleinere Herzrhythmusstörungen auszulösen. Aber was soll's – bei einer Band, die mich seit Jahren immer wieder mit großartigen Alben überrascht und live derart überzeugt, wanderte trotzdem ein neues Shirt in den Rucksack.

BAEST lieferten genau die Art von Auftritt, für die Festivals wie Protzen geschaffen sind: kompromisslos, technisch überragend, mitreißend und voller Leidenschaft. Wer danach noch behauptet, moderner Death Metal hätte keine Zukunft, sollte dringend einen Termin beim Ohrenarzt vereinbaren.

HIDEOUS DIVINITY gehören seit Ende der 2000er zu den technisch anspruchsvollsten Exporten der italienischen Death-Metal-Szene. Was die Römer in Protzen ablieferten, war dann auch genau das, was man von ihnen erwarten durfte: ein brachialer Abriss ohne jede Rücksicht auf Nackenmuskulatur oder Trommelfelle. Präzision und Brutalität gingen Hand in Hand, während die Band ihre komplexen Songs mit einer Selbstverständlichkeit auf die Bühne hämmerte, als wäre das alles die leichteste Übung der Welt.

Die Gitarren sägten messerscharf durch die Luft, das Schlagzeug drosch im Dauerfeuer auf alles ein, was nicht bei drei hinter dem Bierstand verschwunden war, und der Gesang klang, als würde ein Betonmischer Dämonen verschlucken. Trotz aller technischen Raffinesse wirkte nichts verkopft. Statt sterilem Gefrickel gab es rohe Energie, gnadenlose Geschwindigkeit und immer wieder diese mächtigen Grooves, die selbst zwischen den Blastbeats für Bewegung sorgten. Stücke wie Ages Die oder The Embalmer entwickelten live eine Wucht, die eindrucksvoll bewies, warum HIDEOUS DIVINITY seit Jahren zur europäischen Elite des extremen Death Metal zählen.

Unterm Strich war das kein Auftritt für Freunde zarter Klänge, sondern ein kontrollierter Vulkanausbruch. Brutal, präzise und mit der Eleganz einer Abrissbirne – manchmal braucht gutes Entertainment eben keine Kompromisse.

Wenn eine Band seit mehr als drei Jahrzehnten durch die Clubs und Festivals dieser Welt zieht, muss sie niemandem mehr etwas beweisen. PRO-PAIN gehören genau in diese Kategorie. Die New Yorker lieferten in Protzen genau den kompromisslosen Hardcore-Groove ab, der sie seit den Neunzigern auszeichnet und Generationen von Fans begleitet hat.

Schon nach wenigen Minuten war das Infield brechend voll. Überall flogen Fäuste in die Luft, Köpfe nickten im Takt und die Menge feierte jede einzelne Nummer, als wäre sie gerade erst erschienen. Klassiker wie Make War (Not Love), Stand tall oder Un-Amarican entfalteten ihre bekannte Urgewalt und bewiesen eindrucksvoll, dass diese Songs auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Durchschlagskraft verloren haben. Der Sound war schwer, direkt und frei von überflüssigem Schnickschnack – genau so muss PRO-PAIN klingen.

Wer bei diesem Auftritt stillstehen konnte, sollte vorsichtshalber einmal seinen Puls kontrollieren lassen. Die Band zeigte eindrucksvoll, dass ehrlicher Hardcore mit fettem Groove kein Verfallsdatum kennt und auch 2026 noch mühelos ein komplettes Festivalgelände in Bewegung versetzt.

Für RETARDED NOISE SQUAD war ich bereits auf dem Heimweg, sodass ich den Auftritt leider verpasst habe. Schade eigentlich, denn nach allem, was mir unmittelbar danach von mehreren Festivalbesuchern erzählt wurde, sollen die Jungs noch einmal ordentlich einen draufgesetzt haben. Auch wenn ich mir dieses Kapitel des zweiten Festivaltages entgehen ließ, klangen die Stimmen danach erstaunlich einhellig: Wer bis zum Schluss geblieben war, wurde offenbar mit einem würdigen Abschluss eines ohnehin starken Festivaltages belohnt.


OLAF (Text und Bilder)

Pro-Pain Foto von der bandeigenen FB Seite



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