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Live on Stage Report: Protzen Open Air 2026

vom 18. bis 20.06.2026




TAG 3 – Samstag, 20.06.2026


Der letzte Festivaltag begann erfreulich unspektakulär – genau so, wie ich es mag. Ein gemütliches Frühstück, anschließend entspannt die Sachen ins Auto geworfen und auf nach Protzen. Den traditionellen Frühschoppen ließ ich diesmal sausen, obwohl Der Münzer den Hangar bereits ordentlich beschallte. Dafür war ich pünktlich auf dem Gelände, um unseren Patrick und seine Miri in Empfang zu nehmen, denn für Patrick sollte es später selbst noch auf die Bühne gehen. Doch zunächst gehörte die Aufmerksamkeit einer Band, die den Samstag mit ordentlich Krach eröffnen durfte.

DRILL STAR AUTOPSY stammen aus Eisleben in Sachsen-Anhalt und prügeln sich seit 2014 mit einer angenehm kompromisslosen Mischung aus Death und Groove Metal durch den Underground. Kein überproduzierter Schnickschnack, sondern ehrliche Vollbedienung direkt auf die Zwölf. Genau die richtige Musik, um den Kreislauf nach einem entspannten Morgen endgültig auf Festivaltemperatur zu bringen.

Vor der Bühne war es um diese Uhrzeit naturgemäß noch angenehm übersichtlich. Viele Besucher kämpften vermutlich noch mit Kaffee, Grillgut oder den Nachwirkungen der vergangenen Nacht. Die Band selbst schien das allerdings herzlich wenig zu interessieren. Vom ersten Ton an wurde gespielt, als stünde das Infield bereits kurz vor der Eskalation. Druckvoll, laut und herrlich ungehobelt droschen sich die Musiker durch ihr Set, ohne dabei auch nur eine Sekunde auf halber Kraft zu agieren.

Besonders gefiel mir, dass trotz aller Brutalität immer genügend Groove im Material steckte. Statt ausschließlich auf Dauerfeuer zu setzen, lockerten immer wieder stampfende Passagen das Geschehen auf und sorgten dafür, dass auch die ersten Köpfe vor der Bühne zuverlässig in Bewegung gerieten. Die Spielfreude war den Musikern jederzeit anzusehen, und genau diese Energie sprang nach und nach auch auf das Publikum über.

Natürlich war das noch keine Massenveranstaltung vor der Bühne. Aber genau für solche Slots sind Festivals schließlich da. Neue Bands entdecken, ein kaltes Getränk in der Hand und dabei feststellen, dass man den Tag kaum besser beginnen kann als mit einer ordentlichen Portion musikalischem Abriss. DRILL STAR AUTOPSY erledigten diesen Job mit Bravour und legten ein solides Fundament für alles, was an diesem letzten Protzen-Tag noch folgen sollte.

Ein Wecker braucht keinen Snooze-Knopf, wenn er so klingt. DRILL STAR AUTOPSY machten keine Gefangenen, sondern einfach verdammt viel Lärm – und manchmal ist genau das die schönste Art, einen Festivaltag zu eröffnen.

Nun war Patrick also endlich selbst an der Reihe. Statt wie sonst vor der Bühne oder irgendwo zwischen Bierstand und Fotograben stand er diesmal bei INFECTIVE DECAY am Mikro – mit GOREGONZOLA-Gitarrist Hotte an seiner Seite. Genau auf diesen Moment war ich ehrlich gesagt ziemlich gespannt. Schließlich kennt man die Jungs, aber auf der Bühne müssen sie erst einmal zeigen, dass aus einer guten Idee auch eine gute Band werden kann.

Und genau das gelang. INFECTIVE DECAY servierten schnörkellosen Oldschool-Death-Metal, der weder geschniegelt noch auf Teufel komm raus originell sein wollte. Stattdessen gab es ehrliche Riffs, ordentlich Groove und Songs, die einfach funktionieren. Vor allem wirkte das Ganze erfreulich eigenständig. In Zeiten, in denen gefühlt jeder zweite Musiker gleichzeitig in achtundsechzig Bands und dreihundert Nebenprojekten spielt, fühlte sich das hier wie eine echte Band an – und nicht wie das nächste Wochenendprojekt.

Auch der Knochenmann hatte sichtbar seinen Spaß, und im Hangar nickten längst nicht nur die ersten Reihen anerkennend mit. Die Franken erspielten sich ihre Sympathien völlig ohne großes Brimborium. Genau so muss Death Metal sein: ehrlich, direkt und mit genügend Dampf unter der Haube, damit der Nacken freiwillig Überstunden macht.

Wenn das erst der Anfang ist, dann darf man auf die Zukunft gespannt sein. Jetzt fehlt eigentlich nur noch die erste richtige Scheibe. Nach diesem Auftritt hätte sie jedenfalls gute Chancen, ziemlich häufig in meinem CD-Player zu landen.

RESURRECTED gehören zu den Konstanten des deutschen Death Metals, die sich ihren Ruf nicht durch große Worte, sondern durch jahrzehntelange Knochenarbeit erspielt haben. Seit Anfang der Neunziger stehen die Hessen für kompromisslosen Old-School-Death Metal, und genau diese Erfahrung war auf der Protzen-Bühne in jeder einzelnen Minute zu spüren.

Nach einem kurzen Plausch mit den Jungs von Infective Decay – bei denen für mich überraschend Timo Claaß hinter der Schießbude saß – wurde es Zeit für eine gehörige Portion Todesblei. RESURRECTED legten los, als gäbe es kein Morgen mehr. Im gleißenden Sonnenlicht droschen die Deutschen eine Breitseite nach der anderen ins Publikum, während Chris Mieves am Mikrofon unermüdlich Vollgas gab und seine markanten Growls über das Festivalgelände peitschte.

Mit ihren neuen Songs zeigte die Band eindrucksvoll, dass ihre Kracher nicht nur auf Platte funktionieren, sondern live noch einmal eine ganze Ecke wuchtiger wirken. Wo ich das aktuelle Album Perpetual mit 7,9 Punkten bewertet hatte, entfaltete das Material auf der Bühne plötzlich eine ganz andere Durchschlagskraft. Die Gitarren sägten messerscharf, das Schlagzeug trieb kompromisslos nach vorne, und die Rhythmusfraktion ließ kaum Luft zum Durchatmen. Megafettes Geprügel trifft es vermutlich am besten.

Besonders erfreulich war zu sehen, dass Ur-Mitglied Thomas Granzow wieder eine schlagkräftige Mannschaft um sich versammelt hat. Die Spielfreude war jederzeit greifbar, die Abläufe saßen, und trotz der erbarmungslosen Mittagssonne wirkte niemand, als würde er einen Gang zurückschalten. Stattdessen marschierte die Band mit beeindruckender Konsequenz durch ihr Set und ließ keinen Zweifel daran, weshalb sie seit Jahrzehnten zur festen Größe der deutschen Death-Metal-Szene gehört.

Am Ende blieb die Erkenntnis, dass manche Musik schlichtweg eine Bühne braucht, um ihre volle Wirkung zu entfalten. RESURRECTED lieferten genau so einen Auftritt ab: roh, ehrlich, brutal und ohne jede Spielerei. Wer danach noch behauptete, Death Metal funktioniere nur im dunklen Club, dürfte spätestens in Protzen eines Besseren belehrt worden sein – Sonnenbrand inklusive.

DUSTBORN eröffneten ihren Auftritt etwas überraschend, denn ursprünglich waren für diesen Slot METALL angekündigt. Warum die Running Order kurzfristig geändert wurde, entzog sich meiner Kenntnis – fest stand nur, dass nun die Tschechen aus České Budějovice die Bühne übernommen hatten. Seit ihrer Gründung 2017 hat sich die Band vom symphonischen Death Metal immer stärker in Richtung atmosphärisch angehauchten Black Metal entwickelt und brachte genau diese Mischung auch in Protzen überzeugend auf die Bretter.

Auffällig war vor allem, wie stimmig DUSTBORN ihre unterschiedlichen Einflüsse miteinander verbanden. Mal dominierten frostige Black-Metal-Passagen, kurz darauf öffneten sich die Songs durch die symphonischen Arrangements zu weitläufigen Klanglandschaften. Gerade diese Dynamik sorgte dafür, dass der Auftritt nie eintönig wirkte, sondern trotz der überwiegend düsteren Grundstimmung immer wieder neue Akzente setzte. Ich habe nicht alles gesehen und gehört, doch das, was ich erleben durfte, machte Appetit auf mehr.

Auf den nun folgenden Moment hatte ich mich tatsächlich schon lange gefreut. KEITZER gehören seit über einem Vierteljahrhundert zu den kompromisslosesten Deathgrind-Exporten aus Nordrhein-Westfalen. Trotzdem hatte ich die Truppe bis zum Protzen Open Air noch nie live erlebt. Umso größer war die Vorfreude auf meine persönliche Livepremiere – und die wurde nicht nur erfüllt, sondern mit Anlauf pulverisiert.

Von der ersten Sekunde an gab es keine Gefangenen. Mit einer Präzision, die fast schon beängstigend wirkte, drosch sich die Band durch ihr gnadenloses Material. Grindcore, Death Metal und eine ordentliche Portion Grindcore verschmolzen zu einem wütenden Orkan, der trotz irrwitziger Geschwindigkeit niemals chaotisch wirkte. Jeder Break saß, jedes Riff traf ins Schwarze, jeder Tempowechsel zündete punktgenau. Genau so muss extremer Metal auf einer Festivalbühne funktionieren.

Frontmann Christian, bekennender Benfica-Fan, entwickelte dabei eine Energie, die man seinem eher niedrigen Körperschwerpunkt niemals zugetraut hätte. Wie ein Flummi sprang er über die Bühne, brüllte sich die Seele aus dem Leib und peitschte das Publikum unermüdlich nach vorne. Währenddessen richtete sich mein Blick immer wieder auf Drummer Tim. Optisch erinnerte er mich an einen wild gewordenen Arjen Robben, der seine komplette Wut an den Trommeln ausließ. Was dort hinter dem Kit passierte, war schlicht sensationell. Geschwindigkeit, Ausdauer und Präzision auf einem Niveau, bei dem einem als Schlagzeugfan automatisch die Kinnlade herunterklappt.

Gerade diese Kombination aus technischer Perfektion und völlig entfesselter Spielfreude machte den Auftritt so besonders. KEITZER wirkten niemals geschniegelt oder berechnend, sondern wie eine Maschine, die ausschließlich dafür gebaut wurde, alles vor der Bühne in Schutt und Asche zu legen. Brutal, rasend schnell und dennoch jederzeit kontrolliert – genau deshalb funktionierte jede einzelne Minute dieses Sets.

Dass mein Sohn unmittelbar nach dem Gig beide Alben am Merch kaufte, spricht eigentlich Bände. Eine bessere Investition hätte er an diesem Wochenende kaum tätigen können. Für mich waren KEITZER bis zu diesem Zeitpunkt ganz klar die stärkste Band des gesamten Festivals. Wer derart kompromisslos alles niederwalzt und dabei trotzdem musikalisch derart präzise bleibt, hinterlässt nicht nur Eindruck, sondern ein dauerhaftes Schleudertrauma im Nacken.

METALL gehören zu den wenigen Berliner Heavy-Metal-Urgesteinen, die den Begriff Durchhaltevermögen nicht nur buchstabieren, sondern seit den frühen Achtzigern auch leben. Gegründet in der DDR, zwischenzeitlich als Headless unterwegs und seit ihrer Wiedergeburt 2013 wieder unter dem ursprünglichen Banner aktiv, haben sie sich ihren Platz in der Hauptstadt-Szene hart erarbeitet. Mit dem starken aktuellen Album Chasing the Truth im Gepäck war der Auftritt beim Protzen Open Air deshalb weit mehr als ein nostalgischer Blick zurück – hier wollte eine Band beweisen, dass sie auch 2026 noch jede Menge Feuer im Tank hat.

Und genau das gelang. Vom ersten Ton an war zu spüren, dass METALL wieder richtig Lust auf die Bühne haben. Die neuen Songs fügten sich nahtlos zwischen die Klassiker ein und entwickelten live sogar noch mehr Druck als auf Platte. Vor allem Frontmann Joel zeigte eindrucksvoll, wie sehr er in den vergangenen Jahren gereift ist. Seine Stimme besitzt inzwischen deutlich mehr Selbstverständlichkeit, mehr Autorität und genau das Quäntchen Dreck, das klassischer Heavy Metal braucht. Wo früher hier und da noch etwas Zurückhaltung mitschwang, stand nun ein Sänger auf der Bühne, der seine Band überzeugend anführt.

Ebenso stark präsentierte sich Thäle hinter dem Schlagzeug. Bei ihm merkt man einfach, dass er sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Keine überflüssigen Showeinlagen, kein wildes Herumgewirbel, sondern druckvolles, präzises und jederzeit songdienliches Drumming. Genau diese Bodenständigkeit verleiht METALL ihre Glaubwürdigkeit.

Eine der größten Überraschungen war jedoch Neuzugang Alex Reinhold an der Gitarre. Als neuer Mann musste er keine leichte Aufgabe übernehmen, doch davon war auf der Bühne nichts zu merken. Im Gegenteil: Seine Soli saßen, die Riffs hatten Biss und seine Bühnenpräsenz wirkte, als wäre er schon seit Jahren Teil der Band. Selbst Iron-Shield-Labelboss Duck, der an diesem Nachmittag erfreulicherweise wieder halbwegs nüchtern wirkte, geriet anschließend regelrecht ins Schwärmen. Ganz unrecht hatte er damit nicht.

Trotz aller Begeisterung blieb für mich aber ein Gedanke über den gesamten Auftritt bestehen: METALL brauchen wieder eine zweite Gitarre. Alex stemmt zwar einen hervorragenden Job, dennoch verlieren einige der Arrangements live etwas von ihrer Wucht. Gerade die neuen Stücke würden mit einer zusätzlichen Gitarrenspur deutlich massiver, breiter und letztlich noch beeindruckender klingen. Das ist keine grundsätzliche Kritik, sondern vielmehr der Hinweis darauf, wie viel Potenzial in dieser Besetzung tatsächlich steckt.

Am Ende blieb ein Auftritt, der eindrucksvoll zeigte, dass Berliner Metal-Geschichte keineswegs im Museum verstaubt. METALL wirken hungrig, spielfreudig und besitzen mit dem neuen Material eine starke Grundlage für die kommenden Jahre. Sollte sich die Band den Wunsch nach einer zweiten Gitarre erfüllen, könnte sie tatsächlich wieder ein gewichtiges Wörtchen auf den Bühnen dieser Republik mitreden. Und ganz ehrlich: Genau dort gehören diese Berliner Veteranen auch hin – laut, ehrlich und mit erhobener Pommesgabel.

GRAVESTONE gehören zu diesen schwedischen Death-Metal-Bands, die gar nicht erst versuchen, das Genre neu zu erfinden. Seit ihrer Gründung 2013 setzen die vier Musiker kompromisslos auf HM-2-Sound, knochentrockene Riffs und jede Menge Dreck unter den Fingernägeln. Genau das bekamen die Zuschauer in Protzen auch serviert. Vom ersten Ton an walzte die Band mit ihrem herrlich altmodischen Sound über das Gelände und ließ keinen Zweifel daran, warum Schweden bis heute als Geburtsstätte dieses Sounds gilt. Stücke wie Mosh of the Living Dead, Behead the Bastard oder Bring Out Your Dead sorgten für reichlich Bewegung vor der Bühne, während die Band selbst völlig unspektakulär und gerade deshalb unglaublich authentisch wirkte. Kein Firlefanz, keine Showeffekte – einfach Death Metal, wie er nach kaltem Proberaum, Bier und rostigen Kettensägen klingen muss.

Mittlerweile waren auch meine Helden von F.K.Ü. auf dem heiligen Acker eingetroffen, was mich besonders freute, habe ich die Band doch ztotz meines 20jährigen Fanseins noch nie live gesehen. Es wurde also fachgesimpelt, gelacht und meine Vorfreude stieg ins Unermessliche. Doch dazu gleich mehr…

Vor CASKET habe ich mich in der Vergangenheit ehrlich gesagt schwergetan. In älteren Reviews bin ich mit dem Trio aus Reutlingen vermutlich etwas zu hart ins Gericht gegangen. Manchmal braucht es eben den richtigen Moment – oder den richtigen Gig. Den habe ich in Protzen bekommen. Als kleine Wiedergutmachung wanderte anschließend sogar ein schickes Leibchen der Band in meine Tasche. Irgendwo muss man seine musikalischen Fehleinschätzungen schließlich auch bezahlen.

Seit 1990 stehen CASKET für kompromisslosen Death Metal ohne Schnickschnack. Keine modernen Spielereien, keine technischen Kunststücke für YouTube-Kommentare, sondern modrige Riffs, ein Schlagzeug, das wie ein Presslufthammer arbeitet, und ein Gesang, der klingt, als hätte jemand einen Betonmischer mit Leichenteilen gefüllt. Genau diese herrlich stumpfe, dreckige und brachiale Mischung rollte auch durch den Hangar.

Die drei wirkten dabei angenehm unaufgeregt. Kein großes Theater, keine peinlichen Ansagen, sondern einfach Song für Song ein tonnenschwerer Abriss. Gerade diese Gelassenheit machte den Auftritt so überzeugend. CASKET mussten niemandem mehr etwas beweisen. Sie ließen ihre Riffs sprechen – und die trafen mitten zwischen die Augen. Der Sound war druckvoll, die Gitarren sägten sich durch die Luft und die Rhythmusfraktion sorgte dafür, dass die Nackenmuskulatur des Publikums Überstunden schob.

Der Hangar war entsprechend bestens gefüllt und ging von Beginn an mit. Headbanger, erhobene Fäuste und zufriedene Gesichter wohin man blickte. Genau so muss schnörkelloser Old-School-Death-Metal funktionieren: direkt, ehrlich und mit der Wucht eines Abrissbaggers auf Ketten.

Unterm Strich lieferten CASKET für mich einen der Auftritte, bei denen man seine eigene Meinung gerne korrigiert. Manchmal schmeckt kalter Kaffee eben doch überraschend gut – besonders wenn er mit Schlamm, Blut und einer ordentlichen Portion Moder serviert wird. Mein neues Shirt war jedenfalls keine spontane Bierlaune, sondern die verdiente Belohnung für einen fetten Abriss, der eindrucksvoll bewiesen hat, dass kompromissloser Death Metal auch nach über drei Jahrzehnten noch sämtliche Knochen locker rütteln kann.

DÉCEMBRE NOIR gehören für mich längst zu den Konstanten der deutschen Death-Doom-Szene. Seit ihrer Gründung in Thüringen verbinden sie Melancholie, Wucht und Atmosphäre auf eine Weise, die nie gekünstelt wirkt, sondern immer direkt ins Mark geht. Umso ärgerlicher war es, dass ich ausgerechnet an diesem Abend einen Teil des Auftritts verpasste. Meine Frau kam extra mit dem Zug bis Neuruppin West, um am Abend F.K.Ü. zu erleben, also hatte die Abholung selbstverständlich Vorrang. Manchmal gewinnt eben die Liebe gegen den Doom.

Zum Glück erwischte ich noch den Rest des Auftritts – und der reichte völlig aus, um mich daran zu erinnern, warum ich diese Band so schätze. Die Mischung aus schweren, melancholischen Riffs und den markanten Growls von Frontmann Lars funktionierte wie gewohnt hervorragend. Trotz der vergleichsweise kurzen Zeit, die ich noch vor der Bühne verbringen konnte, war sofort diese intensive Atmosphäre da, die DÉCEMBRE NOIR seit Jahren auszeichnet.

Besonders beeindruckt hat mich Neuzugang Schubi an der Gitarre. Seine Leads fügten sich derart selbstverständlich in den Bandsound ein, als wäre er nie etwas anderes gewesen als Teil dieser Mannschaft. Präzise, gefühlvoll und technisch stark – für meine Ohren eine echte Wohltat. Natürlich war auch Lars wieder voll in seinem Element. Seine Bühnenpräsenz braucht keine großen Gesten, sondern lebt von Authentizität und dieser unverwechselbaren Mischung aus Wucht und Emotion. Umso schöner war es, vor und nach dem Gig noch gemeinsam in Erinnerungen an vergangene Konzerte und gemeinsame Erlebnisse zu schwelgen.

Auch wenn ich diesmal nur einen Teil des Sets erleben durfte, reichte dieser völlig aus, um erneut zu bestätigen, weshalb DÉCEMBRE NOIR zu den besten Vertretern ihres Genres in Deutschland gehören. Manche Bands hinterlassen nach einem Auftritt verschwitzte Shirts, andere einen Tinnitus. DÉCEMBRE NOIR schaffen etwas deutlich Nachhaltigeres: Sie hinterlassen dieses wohlige Gefühl, einen guten Freund getroffen zu haben – und genau deshalb freue ich mich schon jetzt auf das nächste Wiedersehen.

SPACE CHASER gehören mittlerweile zu den Berliner Bands, bei denen ich ohne große Überlegung sofort vor der Bühne stehe. 2016 gegründet, haben sich die Thrash-Metaller mit jeder Veröffentlichung weiterentwickelt und sich längst vom Geheimtipp zu einer festen Größe der deutschen Szene gespielt. Und ja, ich gebe es inzwischen ganz offen zu: An Leos Gesang musste ich mich anfangs erst gewöhnen. Mittlerweile bin ich echter Fan geworden und freue mich tierisch auf das kommende Album der Berliner Dudes.

Live bestätigten SPACE CHASER genau diesen Eindruck eindrucksvoll. Vom ersten Riff an wurde klar, dass hier keine Gefangenen gemacht werden. Rasende Tempi wechselten sich mit messerscharfen Grooves ab, die Gitarren sägten sich mit chirurgischer Präzision durch das Hangarzelt und Leo wirkte, als hätte er einen zusätzlichen Energydrink direkt intravenös verabreicht bekommen. Die Spielfreude der gesamten Band sprang sofort aufs Publikum über, das jede Gelegenheit zum Moshen, Headbangen und Fäuste-Recken dankbar annahm.

Besonders beeindruckend ist dabei, wie selbstverständlich die vier Musiker ihre technischen Fähigkeiten mit echter Bühnenpräsenz verbinden. Hier wird nicht einfach nur möglichst schnell gespielt, sondern jeder Song entwickelt Druck, Dynamik und Charakter. Genau das macht modernen Thrash Metal spannend: Geschwindigkeit allein reicht nicht – SPACE CHASER liefern zusätzlich Hooks, starke Riffs und jede Menge Leidenschaft. Thrash vom allerfeinsten.

F.K.Ü. gehören für mich seit Jahren zu den sympathischsten Verrückten der Thrash-Metal-Welt. Seit Ende der Achtziger treiben die Schweden ihr Unwesen und verbinden messerscharfen Old-School-Thrash mit einer grenzenlosen Liebe zu Horrorfilmen. Dieses Konzept wirkt auf dem Papier schon herrlich bekloppt – live entfaltet es jedoch eine Magie, die man erlebt haben muss.

ENDLICH F.K.Ü. live! Bereits mit Rise of the Mosh Mongers schoss mir eine ordentliche Gänsehaut über den Rücken. Eigentlich wollte ich nur schnell meine Fotos machen. Eigentlich. Doch daraus wurde nichts. Ich blieb einfach im Fotograben stehen und starrte grinsend auf diese vier Ausnahmekönner, die mit einer Spielfreude auftraten, als hätten sie ihr eigenes Festival eröffnet. Jeder Blick auf die Bühne verriet, wie viel Spaß die Band selbst an diesem Auftritt hatte – und genau das sprang innerhalb weniger Sekunden auf das Publikum über.

Die Setlist war schlicht zum Niederknien. Schon Rise of the Mosh Mongers verwandelte das Infieldin eine einzige Thrash-Party. Mit (He Is) The Antichrist und A Nightmare Made Thrash legten die Schweden sofort nach, bevor Harvester of Horror und Corpse Mania endgültig sämtliche Nackenwirbel in Bewegung versetzten. Jeder Song war ein Volltreffer, jeder Refrain wurde lauter mitgegrölt als der vorherige. Zwischen Horrorfilm-Hommagen, messerscharfen Riffs und einer gehörigen Portion augenzwinkerndem Wahnsinn bewiesen F.K.Ü. eindrucksvoll, warum sie seit Jahrzehnten eine absolute Ausnahmeerscheinung im Thrash Metal sind.

Dann kam allerdings der Moment, den ich vermutlich nie wieder vergessen werde. Plötzlich blickte Lawrence ins Publikum und sagte: „We will dedicate this next song to Olaf from Zephyr's Odem. A good friend, a true fan and an absolute great guy. This one's for you.“ Sekunden später erklangen die ersten Töne von The Spawning. Ich stand da, hatte Tränen in den Augen und wusste in diesem Moment überhaupt nicht, wohin mit meinen Emotionen. So etwas erlebt man als Fan genau einmal im Leben – wenn überhaupt.

Als wäre das alles noch nicht genug gewesen, bekam mein Sohn nach dem Konzert auch noch das aktuelle Album mit den Unterschriften der kompletten Band geschenkt. Mehr Herzblut, mehr Nähe zu den Fans und mehr Bodenständigkeit kann man auf einer Bühne kaum zeigen.

Ein Kumpel brachte den gesamten Auftritt später mit einem einzigen Satz auf den Punkt: „Die haben die Scheiße bergauf gespielt.“ Treffender lässt sich dieser Gig tatsächlich kaum beschreiben. Für mich war das nicht nur das absolute Highlight des Festivals, sondern einer der besten Live-Auftritte, die ich jemals in Protzen erleben durfte. Für F.K.Ü. würde ich jederzeit um die Welt reisen – und ich bin mir ziemlich sicher, dass genau das auch passieren wird. Manche Konzerte schaut man sich an. Andere brennen sich für immer ins Herz. Dieses gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie.

PURGATORY gehören längst zum Inventar des deutschen Death Metals. Seit den frühen Neunzigern walzt die Nossen-Truppe mit stoischer Konsequenz durch die Szene und beweist auch diesmal wieder eindrucksvoll, dass Erfahrung nicht zwangsläufig Langeweile bedeutet. Im Gegenteil: Das Quartett spielte wie entfesselt, dabei aber jederzeit kontrolliert. Rasend schnell, fett produziert und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk droschen die Songs durch den Hangar, ohne jemals in hektisches Geballer abzurutschen. Genau diese Mischung aus Brutalität und spielerischer Souveränität macht PURGATORY seit Jahren so stark. Kein unnötiger Firlefanz, sondern ehrlicher Death Metal mit Druck, Leidenschaft und jeder Menge Nackenbrecher-Riffs.

Mit FIMBUL WINTER wurde es anschließend deutlich epischer. Hinter der noch jungen Band stehen Musiker, die ihre Sporen bereits bei Amon Amarth verdient haben, nun aber eigene Wege beschreiten. Das kommende Album wirft seine Schatten voraus und When the Sun Comes Out at Night machte unmissverständlich klar, dass hier einiges auf uns zukommt. Besonders beeindruckend war dabei Anders von Just before Dawn, der zum zweiten Mal an diesem Wochenende auf der Bühne stand, und Frontmann Clint Williams, der der Musik mit seiner markanten Stimme genau die richtige Portion Atmosphäre und Wucht verlieh. Die Mischung aus melodischem Death Metal, nordischer Epik und druckvollem Songwriting funktionierte hervorragend und machte Lust auf deutlich mehr.

Wenn AVULSED die Bühne betreten, weiß man bereits vorher, dass Blut, Gedärme und feinster spanischer Todesstahl nicht lange auf sich warten lassen. Seit über drei Jahrzehnten liefern die Madrilenen kompromisslosen Death Metal ab und zeigten erneut, warum sie zu den verlässlichsten Größen Europas gehören. Die blutige Bühnenshow passte perfekt zur Musik, wirkte dabei aber nie albern, sondern unterstrich den morbiden Charakter der Songs. Frontmann Dave Rotten ist ohnehin eine Klasse für sich. Locker, sympathisch und gleichzeitig herrlich fies führte er seine Truppe durch ein gnadenlos druckvolles Set und bewies einmal mehr, warum er zu den prägendsten Stimmen des europäischen Death Metals gehört.

Über ROTTING CHRIST noch große Worte zu verlieren, wirkt beinahe überflüssig. Die Griechen sind längst eine Institution, und Sakis Tolis scheint mit jedem Jahr eher stärker als schwächer zu werden. Die Band verwandelte das Festivalgelände in einen düsteren Tempel zwischen Black Metal, Ritualen und monumentalen Hymnen. Jeder Ton saß, jede Bewegung wirkte selbstverständlich und jede Melodie entfaltete ihre ganz eigene Magie. Sakis führte seine Mannschaft mit beeindruckender Ruhe durch das Set und bestätigte eindrucksvoll seinen Ruf als einer der ganz Großen des Genres. Eine Maschine, die seit Jahrzehnten nahezu fehlerfrei läuft.

Danach war für mich allerdings Schicht im Schacht. Müde Beine, ein langer Festivaltag und die einstündige Heimfahrt waren am Ende stärker als mein Wille, noch CONFUSION MASTER mitzunehmen. Dass der Auftritt sehr gut gewesen sein soll, habe ich mir anschließend mehrfach berichten lassen.

Hier schon mal ein kleiner Ausblick und danke an Mario, dass Ravager noch einen weitern Slot bekommen, nachdem der diesjährige quasi abgesoffen ist.

Unterm Strich war das Protzen Open Air 2026 einmal mehr genau das, weshalb ich dieses Festival seit Jahren so schätze: familiär, hervorragend organisiert und musikalisch unglaublich abwechslungsreich. Von jungen Bands über Underground-Legenden bis hin zu internationalen Größen passte hier nahezu jedes Puzzleteil. Die Sonne meinte es fast durchgehend gut, das Bier war kalt, die Stimmung ausgezeichnet und die Bands lieferten mit beeindruckender Konstanz ab.

Am Ende blieb nicht nur reichlich Staub an den Schuhen und Muskelkater im Nacken zurück, sondern auch das sichere Gefühl, dass Protzen erneut bewiesen hat, warum dieses Festival längst zu den Pflichtterminen im deutschen Metal-Sommer gehört. Nächstes Jahr? Aber selbstverständlich. Vielleicht trainiere ich bis dahin nur vorsichtshalber schon mal die Waden.




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