TFTHS Classic vom 31.03.2023 mit Holy Moses
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Live on Stage Report: KANONENFIEBER | OBSCURITY
04.06.2026 – Rostock @ Moya
Feuergefecht in Rostock
Kanonenfieber blasen zur Mittjahresoffensive
Es ist ein drückender Donnerstagnachmittag und die Luft ist so elektrisch aufgeladen wie ich selbst, der sich schon seit einigen Wochen auf das heutige Event freut. Doch bevor das abendliche Grollen beginnt, geht es erstmal durch ein heftiges Unwetter, das die Blitze massenhaft über die Wolken tanzen lässt…
Doch schließlich erreichen wir das Moya - die erste Schlacht ist geschlagen! Dort feuern Obscurity bereits die ersten Töne auf die Menge ab. So kurz nach sieben erscheint mir das ein wenig früh, stand auf den Tickets doch etwas von "Beginn 19:30 Uhr", auf der Homepage des Clubs gar 20 Uhr. Nun ja, sei's drum, wir haben das Glück, den Auftritt der Bergischen Löwen nahezu komplett mitzuerleben. Während diese schon mal amtlich die Menge auf Temperatur bringen, stehe ich mit meinem hochgewachsen Freund Tobi - Längenmaß 2,07m - an der beachtlichen Schlange zum Merch an. Zwar haben Kanonenfieber löblicherweise in ihrem Shop auch exorbitante Größen auf Lager, die heute aber zum Pech meines Gefährten nicht dabei sind. Schade für ihn, ich deck mich aber ein – unter anderem mit dem Tour-Shirt, das lediglich drei Daten enthält. Denn wenn eine Größe wie Kanonenfieber, die sie mittlerweile unbestreitbar sind, schon in die schöne Hansestadt Mecklenburg-Vorpommerns kommen, nimmt man so einen Nachweis doch gerne mit.
Zurück zu Obscurity: die Rheinländer geben ordentlich Gas und geizen auch nicht mit Worten des Dankes und des Lobes für den Headliner, der Moya Crew und dem Publikum. Natürlich präsentieren sie einige Stücke ihres aktuellen Albums „Ascheregen“, haben mit beispielsweise „Naglfar“ (von „Vintar“, 2014) aber auch ältere Stücke in petto. Als der letzte Song angesagt wird, stutze ich kurz, da ich, wie vermutlich viele andere, an dieser Position den "Bergischen Hammer" erwartet habe und dieser nicht genannt wird. Doch nach dieser Schrecksekunde und dem dann folgenden doch vorletzten Song ertönen die Trommeln, die auf eben jenen hymnenhaften Evergreen hindeuten, und letztendlich wird also doch der Hammer geschwungen und somit ein letztes Mal dem Bergischen Land gehuldigt.
Bevor nun aber Kanonenfieber die Bühne betreten, vergeht nochmal einiges an Zeit - und das obwohl das Bühnenbild eigentlich bereits schon längst steht. Allerdings ist das nur das Bild von vorn, niemand weiß, was noch alles vorbereitet werden muss. Denn was die Menge in den nächsten rund eineinhalb Stunden serviert bekommen wird, ist mehr als nur ein Metal Konzert mit guter Show. Es werden Superlativen angestrebt - und geliefert werden…
Und dann endlich ist es soweit: die Crowd Lights erlischen und mit den nur allzu vertrauten Tönen von „Die Feuertaufe“ betreten Kanonenfieber nach und nach die Bühne. Schon jetzt merkt man, dass das Publikum verdammt heiß auf das Bataillon von Bamberg ist. Ja, auch diese Menschen vor der Bühne haben sich schließlich zum Teil extravagant gekleidet – nicht nur etliche Kanonenfieber-Shirts zieren den Saal, nein, manche Gäste fühlen sich zu höherem berufen und tragen bereits Maske und Pickelhaube oder gar eine mindestens authentisch anmutende Uniform. Wie gesagt, Rostock hat Bock!
Auch der nächste Song ist vom Debüt: Die „Dicke Bertha“ ist geladen und bereit fürs Gefecht. Natürlich werden die im Hintergrund aufgebauten Geschütze hier herrlich mit Licht und Pyrotechnik in Szene gesetzt. Doch nicht nur optisch werden die einzelnen Songs untermalt und verknüpft. Um Übergänge zu erzeugen und die Reise zu den Schauplätzen zu schaffen, werden zwischen den verschiedenen Szenarien Texte im Hörspielformat vom Band gespielt. Alles gleicht einer epischen Geschichtsstunde mit brachialem Soundtrack. So führt es die Zuschauer nun nach Sankt Mihiel, wo „The Yankee Division March“ auf sie wartet. In einer Wall of Death stürzen sich die Rostocker aufeinander wie die besungenen Truppen im Song. Von dort geht es, wie einst auf der EP von 2022, direkt in den Wald von Belleau und damit in „Die Fastnacht der Hölle“. Die Menge folgt dem Marschbefehl von Kanonenfieber beziehungsweise Kommandant Noise und stampft singend voran. Es dauert nicht lang und es entwickelt sich der erste Circle Pit. Hatte ich schon erwähnt, dass das Publikum heute sehr motiviert ist?
Die Geschichte wird weitererzählt, schöpferisch bleibt die Band aber im Jahr 2022 – denn noch eine andere EP, die mindestens einen absoluten Kanonenfieber-Klassiker enthält, entstand zu jener Zeit. Ich rede natürlich von „Der Füsilier“ und gerade der erste Teil der Scheibe darf für mich auf keinem KF Konzert fehlen. Und so wie der Song hier und heute gefeiert wird, gehört er wohl nicht nur zu meinen Favoriten. Doch auch „Der Füsilier II“ verfehlt seine Wirkung absolut nicht. Die Dramatik, die Text und Musik erzeugen, geht unter die Haut und stellen mir die Haare auf, die Darbietung auf der Bühne erledigt den Rest. Beklemmend und traurig schön.
Was diese beiden EPs mit der „U-Bootsmann“-Scheibe von 2023 verbindet, ist die Tatsache, dass alle Stücke dieser Veröffentlichungen im Februar auf der Compilation „Soldatenschicksale“ vereint wurden; plus zwei neue Titel, die maritime Geschichten beinhalten. Folgerichtig leitet der nächste Einspieler uns hinaus aufs Meer. Auf besagtes Hörspiel folgt noch das Intro „U-Bootsperre“ und dann geht es in „Kampf und Sturm“ in die Seeschlacht. Wie man es bereits kennt, hat die Band ihre Uniformen gewechselt und steht nun im Marinedress da. Doch auch die Bühne hat sich verändert: Zwar ist die Stage des Moya größentechnisch nicht mit der des Summerbreeze oder mancher XXL Arena zu vergleichen, wo man direkt ein ganzes Boot dargestellt hatte, doch auch so wirken die aufgestellten „Schiffswände“ mit Bullaugen super. Ohnehin haben die maritimen Songs der Süddeutschen es mir persönlich besonders angetan und dann werden sie heute auch noch in einer Hansestadt an der Ostsee performt - welch perfekte Kombination! Es folgen die angedeuteten neu(er)en Songs „Z-Vor!“ und „Heizer Tenner“, die für ordentlichen Antrieb und Bewegung sorgen. Während Noise im erstgenannten Track seine Crew zielstrebig voraus navigiert, heizt er im zweiten noch selbst die Maschinen an, was herrlich inszeniert wird. Der Höhepunkt dieses Kapitels bildet aber „Die Havarie“. Die Geschichte über die verzweifelte Besatzung des UB2 reißt immer wieder mit, packt den Hörer und zieht ihn mit runter auf den Grund des Meeres. Dieser Titel ist wirklich herausstechend und ein kleines Meisterwerk, das die Menge auch heute begeistert und lauthals „Ahoi“ brüllen lässt.
Zurück an Land werden wir von der nächsten Durchsage empfangen, die uns ins folgende Thema überleitet. Nach ein paar älteren Songs zu Beginn des Sets, die beim ein oder anderen vielleicht auch ein wenig Nostalgie aufflammen ließen, geht es nun, gepackt von „Großmachtfantasie“, ab in die „Menschenmühle“. Jedes Detail des Songs über den Wahnsinn der deutschen Befehlshaber jener Zeit bekomme ich nicht mit, da die Natur ihr Recht verlangt und mich kurz in die gekachelten Räumlichkeiten des Moya schickt. Ein kleiner Tribut an die Wartezeit zwischen den Bands und dem ein oder anderen Getränk… Bei meiner Rückkehr sehe ich auf dem Kopf des charismatischen Frontmanns einen preußischen Tschako, was schon irgendwie auf das folgende Stück hindeutet – denn diese Kopfbedeckung sah man nicht selten auch in Bezug zu berittenen Streitkräften, ergo heißt es nun „Gott mit der Kavallerie“. Der Song treibt und treibt und treibt und die Menge galoppiert im Kreis. Die Rostocker scheinen unermüdlich – oder haben sie nur Angst vor Noise‘ Säbel, den er im Refrain immer wieder zieht? Wer weiß…?
Aber schon der „Panzerhenker“ soll mir diese Frage beantworten: Während Kanonenfieber im wahrsten Sinne des Wortes aus allen Rohren feuern, drehen die Leute im Pit nun noch größere Runden. Kein Wunder, hämmern die Drums doch wirklich gnadenlos, während die markante Gitarrenmelodie die Menge unaufhaltsam anstachelt. Das Wechselspiel mit dem extrem groovigen Stampfpart tut sein übriges und lässt den Spaß nicht abebben. Da die Stimmung einen Siedepunkt zu erreichen scheint, passt es wie die Faust aufs Auge beziehungsweise die Pickelhaube auf den Kopf, das nun „Der Maulwurf“ naht, der ganz eindeutig von vielen stark ersehnt wurde. Das Auditorium zeigt sich verdammt textsicher und brüllt sich (fast) das letzte bisschen Stimme aus dem Hals. Während ich das Bassspiel von Gunnar genieße, finden sich ein paar Fans in der Mitte des Pits ein, um sich in ihrem imaginären Schleppschacht zusammen zu kauern. Welch ein Schauspiel…
Wie gesagt: die Stimmung ist am Gipfel, doch alles – das heißt auch dieses großartige Konzert – endet einmal. Und was könnte da besser passen als die „Ausblutungsschlacht“ von Verdun? Ja, der Track ist alles andere als ein Partysong. Während eben noch ein gewisser Spaßfaktor zu verspüren war, wird die Stimmung jetzt gedrückt. Und ja, ich begrüße das sogar sehr. Wie ein guter Freund an diesem Abend sagte „dies Thema verdient ja auch kein Happy End“ – wie recht er hat! Und ganz eindeutig nimmt das Publikum dieses dramatische, emotional aufwühlende Finale völlig an. Das Ambiente ist zweifellos ein anderes als noch vor wenigen Minuten, doch auch hier sind die Leute um mich herum völlig bei der Band und wie ich selbst scheint keiner eine Zugabe nach diesem Ausklang für angebracht zu halten. Die Lichter im Saal gehen wieder an und lediglich das Akustikstück „Als die Waffen kamen“ wird vom Band als Outro gespielt.
Was für ein Abend, was ein Konzert, das nur mit einem Wort zu beschreiben ist: Wahnsinn! Obscurity lieferten einen wirklichen guten Einstieg und die Leute waren schnell auf Betriebstemperatur. So weit, so gut, alles chic, moderat und solide. Doch was Kanonenfieber an diesem Abend zelebrierten, war einfach eine andere Liga. Eine von vorn bis hinten bis ins letzte Detail geplante Show, die von blitzenden Kanonenläufen über atmosphärischen Schneefall, Seefahrtsoptik bis hin zu blutroter Schlachtfeldszenerie alles abdeckte, was man sich als Betrachter einer Band mit eben jener Thematik wünschen kann. Dazu die durchstrukturierten Übergänge, die Bühnenumbau und Outfitwechsel verdammt clever kaschierten. Aber bei all dieser Show darf natürlich nicht vergessen werden, wie verdammt präzise und dennoch leidenschaftlich die Musiker ihren eigentlichen Job hier machten. Denn egal was aufgefahren wird, um das Publikum optisch zu unterhalten, muss natürlich das Wichtigste von allem – die Musik – auch sauber dargeboten werden. Und daran gab es bei all der wilden Action auf der Bühne absolut nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil! Alle Melodien, die sich über die Zeit ins Gehirn gebohrt haben, waren wiederzufinden, die groovigen, stampfenden Parts luden zum Mitmachen ein und die Drums hämmerten erbarmungslos auf alles ein, was bei einem fantastischen Sound einfach nur Spaß machte. Und was soll ich noch zu Front- beziehungsweise Hauptmann Noise sagen? Der Kanonenfieber-Chefdenker hat einfach einen Plan für alles, was diese Band dem Volke bringen soll. Wer sich seiner Truppe verschworen hat, bekommt eine unglaubliche Show geboten, die in den Punkten Songauswahl und –anordnung, musikalischer Performance und Stageacting sowie dem mehrfach beschriebenen Bühnenbild einfach alles auffährt, was der Fan sich wünschen kann. Ich ziehe meine Pickelhaube und sage: Danke für diesen Abend!

