FINSTERFORST - Still (2026)
(10.361) Olaf (9,7/10) Black Forest Metal
Label: AOP Records
VÖ: 31.07.2026
Stil: Black Forrest Metal
Ich habe lange auf die Stelle hinter dem Komma gestarrt. Ist nach Jenseits tatsächlich schon wieder die Höchstpunktzahl fällig? Eigentlich ja. Andererseits war diese 2023 veröffentlichte, knapp 40-minütige Reise durch Freiheit, Dualität, Reflexionen und Katharsis noch einen winzigen Hauch stärker. Also bleiben drei Zehntel im Schwarzwald zurück. Sie dürfen dort Pilze sammeln, während Still mit 9,7 Punkten durch die Tür marschiert und eindrucksvoll klarmacht, dass FINSTERFORST weiterhin zu meinen absoluten deutschen Lieblingsbands gehören.
Seit ihrer Gründung 2004 haben sich die Freiburger nie sonderlich dafür interessiert, in eine vorbereitete Genreschublade zu passen. Das begann mit der EP Wiege der Finsternis, setzte sich über Weltenkraft, …zum Tode hin und Rastlos fort, wurde auf Mach dich frei noch monumentaler und erreichte mit Zerfall eine beinahe tektonische Wucht. Zwischendurch durfte mit #YØLØ hemmungslos an der Biertheke getanzt werden, bevor Jenseits zeigte, wie tief, vielschichtig und emotional der sogenannte Black Forest Metal inzwischen geworden war. Sieben Jahre nach dem letzten regulären Studioalbum und drei Jahre nach der Mammut-EP liegt nun Still vor: neun Stücke, rund 78 Minuten und erneut keinerlei Interesse daran, dem Hörer mundgerechte Dreiminüter mit Plastikbesteck zu servieren.
Der Titel klingt nach Schweigen, Ruhe und Bewegungslosigkeit. Die Musik tut allerdings wenig davon. Still lebt von gewaltigen Gegensätzen: massive Gitarrenwände treffen auf akustische Passagen, Raserei auf melancholische Weite, Olli Berlins wütende Stimme auf klaren Gesang, Akkordeon und große Chöre. Mal klingt das Album, als würde ein Sturm durch die Baumwipfel fahren, mal steht es beinahe andächtig zwischen den Stämmen und wartet darauf, dass der Nebel die letzten Sonnenstrahlen verschluckt. FINSTERFORST schaffen es erneut, Natur nicht bloß romantisch zu verklären, sondern sie als etwas Schönes, Bedrohliches und vollkommen Gleichgültiges hörbar zu machen. Wer hier nach fröhlichem Humpa-Folk sucht, sollte besser gleich am nächsten touristisch ausgeschilderten Wanderparkplatz umdrehen.
Dabei sind die Kompositionen trotz ihrer Größe erstaunlich griffig. Das soll bei FINSTERFORST allerdings nicht heißen, dass nach anderthalb Minuten der Refrain zum dritten Mal kommt und anschließend jemand auf den TikTok-Knopf drückt. Vielmehr werden Melodien und Motive so geschickt gesetzt, dass selbst die langen Stücke eine klare Richtung behalten. Simon hat die Musik und Arrangements erneut mit beeindruckendem Gespür für Dynamik gebaut. Gitarren, Synthesizer, orchestrale Flächen und die Folk-Elemente stapeln sich nicht einfach übereinander, sondern greifen ineinander. Das Album ist opulent, aber nicht überladen; komplex, aber niemals verkopft. Man entdeckt bei jedem Durchlauf neue Kleinigkeiten, ohne beim ersten Hören vor einer musikalischen Bedienungsanleitung kapitulieren zu müssen.
Schon Obduktion macht deutlich, dass hier nicht sieben Jahre lang Däumchen gedreht wurden. Der Auftakt vereint Schwere, Atmosphäre und diesen typischen, weit ausholenden Erzählfluss, bei dem FINSTERFORST nicht einfach einen Song spielen, sondern eine Landschaft errichten. Richtig erwischt hat mich anschließend jedoch Herbstwanderung. Nach Freiheit besitzt die Band damit den nächsten Ohrwurm mit garantierter Gänsehautwirkung. Die Nummer stampft, schiebt und wächst zu einer Hymne heran, die sich mit erstaunlicher Hartnäckigkeit im Kopf festsetzt. Musikalisch könnte das stellenweise sogar als deutlich härtere Variante von RAMMSTEIN durchgehen – was die Herren hoffentlich nicht als Beleidigung auffassen. Falls doch, klären wir das bei einem gepflegten Waldspaziergang. Sicherheitshalber nehme ich ein Käsebrot mit.
Die übrigen Stücke werden nicht zu bloßen Zwischenstationen degradiert. Knie nieder, Im Wind, Stille Nacht und Fels bilden vielmehr das abwechslungsreiche Herz des Albums. Hier greifen aggressive Ausbrüche, monumentale Chöre, klare Stimmen und folkige beziehungsweise akustische Momente besonders selbstverständlich ineinander. Das Akkordeon ist dabei kein aufgesetzter Traditionsnachweis, sondern eine eigenständige Klangfarbe. Die Rückkehr von Johannes Joseph an Akkordeon und Mikrofon erweist sich als echter Gewinn, weil sein klarer Gesang einen wirkungsvollen Gegenpol zu Ollis rauer Gewalt bildet. Und wenn zusätzlich Shanty Peter und die Badweihermatrosengewerkschaftskapelle loslegen – allein dieser Name beansprucht eigentlich schon eine eigene Vinylseite –, bekommt der Schwarzwaldchor eine Wucht, die gleichermaßen nach Gemeinschaft, Aufbruch und kontrolliertem Baumfällen klingt.
Besonders stark ist erneut, wie viel Gefühl unter der massiven Oberfläche steckt. Still beschränkt sich nicht auf Zorn oder heroisches Pathos. Melancholie, Einsamkeit, Trotz, Sehnsucht und eine beinahe körperlich spürbare Schwere stehen gleichberechtigt nebeneinander. Olli klingt dabei so variabel wie selten zuvor. Seine harschen Vocals besitzen genügend Dreck und Druck, während die klaren Passagen dem Material zusätzliche Tiefe geben. FINSTERFORST brauchen keine künstliche Theatralik, weil die Musik selbst groß genug ist. Andere Bands fahren für solche Dimensionen drei Lastwagen voller Bombast auf; hier reicht offenbar eine ausreichend finstere Lichtung.
Und dann wäre da natürlich Leere. Knapp 24 Minuten Spielzeit, also ungefähr so lang wie das vollständige Album mancher Grindcore-Kapelle samt Soundcheck und Heimfahrt. Wer sich auf dieses Ungetüm einlässt, bekommt allerdings unfassbar viel zu entdecken. Das Stück entfaltet sich geduldig, wechselt Perspektiven, verdichtet sich, zieht sich wieder zurück und baut seine Wirkung nicht über bloße Länge, sondern über Entwicklung auf. Genau darin liegt eine der größten Stärken dieser Band: FINSTERFORST komponieren lange Stücke nicht, um beeindruckende Zahlen auf die Rückseite des Covers zu drucken. Sie benötigen diesen Raum tatsächlich. Leere ist keine Ansammlung lose verklebter Ideen, sondern eine Reise, die ihre Zeit verlangt und sie anschließend großzügig zurückzahlt.
Die beiden abschließenden Coverversionen passen ebenfalls wie die Faust aufs Auge. Beyond the North Waves von IMMORTAL fügt sich mit seiner frostigen Größe hervorragend in die Klangwelt von FINSTERFORST ein, während Another Brick in the Wall Pt. II von PINK FLOYD eine ganz andere Ausgangsbasis mitbringt und gerade deshalb funktioniert. Beide Stücke werden nicht einfach nachgespielt, sondern konsequent in den Schwarzwald gezerrt. Klanglich wirken sie zwar etwas anders als die Eigenkompositionen und stehen dadurch ein wenig außerhalb des eigentlichen Albumflusses, doch als Zugaben sind sie ebenso überraschend wie stimmig.
Produktion, Mischung und Mastering aus den Iguana Studios verleihen Still enorme Kraft, ohne die zahlreichen Details plattzuwalzen. Die Gitarren besitzen Gewicht, das Schlagzeug drückt, die orchestralen Arrangements schaffen Tiefe und selbst in den dichtesten Momenten bleibt genügend Platz für Melodien und Stimmen. Das Artwork von Yaroslav Gerzhedovich unterstreicht die dunkle, beinahe traumartige Stimmung ebenfalls hervorragend. Nur eine Frage nagt seit dem ersten Blick an mir: Warum wurde das Bandlogo geändert? Das werde ich wohl demnächst in einem Interview klären müssen. Es gibt schließlich Dinge, die sich nicht mit 17 weiteren Albumdurchläufen beantworten lassen.
Bleibt eigentlich nur noch eine Forderung: Jetzt bitte endlich #YØLØ 2! Den Aprilscherz von vor zwei Jahren nehme ich euch noch immer übel, meine Herren. Ich feiere die Scheibe bis heute und war geistig längst bereit für die nächste große Eskalation zwischen Metal, Unfug und Getränkeunfall.
Still bestätigt dennoch eindrucksvoll, warum FINSTERFORST für mich zu den spannendsten und besten Bands dieses Landes gehören. Das Album ist gewaltig, emotional, detailverliebt und trotz seiner 78 Minuten niemals zäh. Lediglich Jenseits berührt mich in seiner Gesamtheit noch einen winzigen Hauch stärker. Die 9,7 Punkte sind deshalb keine höfliche Verbeugung, sondern nahezu die volle Breitseite. Nun bleibt nur zu hoffen, dass ich die Jungs bald wieder live erleben darf. Diese Musik gehört schließlich nicht nur in Kopfhörer, sondern auf eine Bühne, vor der der Boden bebt und das Bier im Becher freiwillig Schaum schlägt.
ANSPIELTIPS
🍂Herbstwanderung
💀Obduktion
🌑Leere
Bewertung: 9,7 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Obduktion
02. Herbstwanderung
03. Knie nieder
04. Im Wind
05. Stille Nacht
06. Fels
07. Leere
08. Beyond the North Waves (Immortal)
09. Another Brick in the Wall (Pink Floyd)

