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Q&A – Das Interview: EXUMER

Derjenige, der im Hintergrund permanent Panik verbreitet


Als EXUMER 1985 in Frankfurt gegründet wurden, gehörte Thrash Metal noch nicht zum kulturellen Inventar, sondern klang wie eine laufende Abrissbirne mit Stromanschluss. Mit dem Demo A Mortal in Black und dem Debüt Possessed by Fire setzte die Band früh eine Duftmarke aus Schweiß, Feuer und scharfkantigen Riffs. Nach Rising from the Sea, einer langen Unterbrechung und der endgültigen Wiederbelebung im Jahr 2008 begann eine zweite Schaffensphase, die mit Fire & Damnation, The Raging Tides und Hostile Defiance bewies, dass eine Rückkehr nicht zwangsläufig nach aufgewärmter Dosensuppe schmecken muss.

Mit Death Mask Messiah legen EXUMER nun ihr sechstes Studioalbum vor – aggressiver, direkter und zugleich kompositorisch ausgefeilter. Zwischen politischen Glaubenskriegen, gesellschaftlicher Spaltung, falschen Propheten und elf musikalischen Schlägen in die Magengrube bleibt dennoch Platz für Traditionspflege: Nasty Ronnie veredelt die Coverversion von Unchained Angel und erinnert damit an die gemeinsame Europatour von EXUMER und NASTY SAVAGE im Jahr 1988. Wir sprachen mit Frontmann und Gründungsmitglied Mem V. Stein über die lange Entstehung des Albums, die neue Rhythmusabteilung, David Koresh, die Vereinigten Staaten im Dauerstreit und die Frage, weshalb guter Thrash Metal auch nach über 40 Jahren keine Gehhilfe benötigt.

Hallo Mem, schön, dass du dir die Zeit für uns nimmst. Wie geht es dir, wie ist die Stimmung im Hause EXUMER, und steigt kurz vor der Veröffentlichung von Death Mask Messiah langsam die gesunde Nervosität?

Ja, wir sind natürlich ziemlich aufgeregt – allerdings im positiven Sinne. Soweit ich das bislang einschätzen kann, fällt die Resonanz auf das Album allgemein sehr positiv aus. Da ich derzeit zahlreiche Interviews dazu führe, bekomme ich bereits einen recht guten Eindruck davon. Die gesamte Band ist jedenfalls gespannt.

Außerdem stehen wir kurz davor, etwas Besonderes unter Dach und Fach zu bringen: die Live-Weltpremiere des Albums. Die Location ist wirklich ziemlich geil, und wenn alles klappt, werden wir die Einzelheiten bereits in den nächsten Tagen bekannt geben. Insofern ist alles paletti.

Auch die Konzerte für das kommende Jahr nehmen zunehmend Gestalt an. Es ist schon aufregend zu sehen, wohin wir überall eingeladen werden – ob zum Maryland Deathfest oder zu verschiedenen anderen größeren Festivals. Da ist einiges in Bewegung. Es läuft also alles bestens.

Zwischen den ersten Ideen für Death Mask Messiah im Jahr 2021 und den Aufnahmen Ende 2025 beziehungsweise Anfang 2026 liegen mehrere Jahre. Weshalb benötigte das Album diese lange Reifezeit, und gab es zwischenzeitlich einen Punkt, an dem ihr den verdammten Deckel endlich auf den Topf setzen wolltet?

Klar, wir hatten 2019 Hostile Defiance veröffentlicht und waren damit zunächst im Frühjahr auf Tour. Im Sommer folgten die Festivals, bevor wir zum Jahresabschluss noch einmal auf Tour gingen. Anschließend bereiteten wir uns auf 2020 vor – und dann kam die Pandemie. Damit lag erst einmal alles auf Eis.

Ende 2021 nahmen wir die Arbeit wieder auf. Unser kreativer Prozess ist eigentlich immer derselbe: Wir sammeln Ideen, anschließend fliege ich nach Deutschland, und dann reservieren wir uns bestimmte Zeiträume, in denen wir gemeinsam im Proberaum an diesen Ideen basteln. Dabei entwickle und finalisiere ich auch meine Gesangsideen. So entstehen unsere Songs im Grunde als Band.

2022 spielten wir zunächst weiterhin keine Konzerte. Gleichzeitig begann es mit Tony, unserem damaligen Bassisten, ein wenig zu kriseln, bis er schließlich ausstieg. 2023 absolvierten wir lediglich einige wenige Auftritte, doch irgendwann mussten wir natürlich wieder richtig auf Tour gehen. Deshalb spielten wir 2024 gemeinsam mit HIRAX die Europatour. Tony war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr dabei. Noch vor der Tour wurde Alex, der zuvor schon einige Male bei uns ausgeholfen hatte, festes Mitglied der Band.

Auch bei Matthias, der bei uns Schlagzeug spielte, ergab sich eine Veränderung. Er arbeitet als Drumtech für zahlreiche andere Bands und konnte es irgendwann nicht mehr stemmen, gefühlt 360 Tage im Jahr unterwegs zu sein und zusätzlich noch unsere Band unterzubringen. Schließlich sind auch wir eine tourende Band, und das Ganze ist entsprechend zeitaufwendig. Vor der Europatour 2024 sagte er deshalb ganz offen: „Ich schaffe das nicht mehr. Wenn ich so weitermache, erleide ich irgendwann einen Zusammenbruch.“

Daraufhin fragten wir Jérôme, ob er als Ersatz einsteigen wolle. Er sagte sofort zu. Schließlich spielt er gemeinsam mit Marc bei THE VERY END und kennt ihn daher natürlich bereits als unseren Gitarristen.

All diese Umstände sorgten letztlich dafür, dass aus den ursprünglich angepeilten zwei Jahren plötzlich vier oder fünf wurden – und am Ende sogar sieben Jahre zwischen den beiden Alben lagen. Allerdings gehörten wir ohnehin nie zu den Bands, die im Zweijahresrhythmus eine neue Platte veröffentlichen. Unser üblicher Zyklus liegt eher bei drei bis vier Jahren: Zwischen Fire & Damnation und The Raging Tides lagen vier Jahre, zwischen The Raging Tides und Hostile Defiance waren es drei.

Auch METAL BLADE geht damit vollkommen entspannt um. Mehr noch: Das Label findet es hervorragend, dass wir uns die notwendige Zeit für ein Album nehmen. So müssen die Leute ein wenig warten, können dem neuen Material aber auch mit entsprechender Spannung entgegenfiebern, anstatt alle zwei Wochen mit einem neuen Song von uns versorgt zu werden.

Das ist also der Hintergrund für die lange Pause: die Pandemie, mehrere Besetzungswechsel und all die damit verbundenen Umstände.

Alex Voss und Jerome Reil sind erstmals als feste Rhythmusabteilung auf einem EXUMER-Album zu hören. Wie stark haben ihre Energie, ihre Spielweise und möglicherweise auch ihr jüngerer Blick auf Thrash Metal das Songwriting und den Klang von Death Mask Messiah beeinflusst?

Sagen wir es einmal so: Die beiden gehören einer deutlich jüngeren Generation an – zwischen ihnen und Ray beziehungsweise mir liegen etwa 20 bis 25 Jahre. Marc liegt altersmäßig ebenfalls unter uns, gehört aber auch schon zur etwas gereifteren Fraktion. Natürlich bringen Jérôme und Alex eine andere Energie mit. Der entscheidende Unterschied besteht für mich allerdings darin, dass beide ihre Instrumente hervorragend beherrschen und dadurch vor allem den Sound der Band erweitern konnten. Das ist wesentlich wichtiger, denn an Energie hat es uns eigentlich noch nie gemangelt.

Unser charakteristischer Sound ist im Kern ohnehin relativ beständig und basiert vor allem auf Aggressivität. Damit hatten wir nie ein Problem. Durch das, was Jérôme und Alex als Musiker einbringen, haben sich für uns jedoch neue Türen geöffnet und zusätzliche Möglichkeiten ergeben. Genau das ist letztlich das A und O und für mich der wichtigste Aspekt an der ganzen Sache.

Ich glaube, dass man diesen Einfluss auch deutlich auf der Platte hört. Wenn wir heute beispielsweise Lust auf einen Song mit 210 BPM haben, dann machen wir ihn einfach – ohne uns anschließend den Kopf darüber zu zerbrechen, ob wir das live überhaupt hinbekommen.

Genau solche Dinge sind entscheidend. Wie alt jemand am Ende ist, spielt dabei keine große Rolle. Man kann auch einen 23-Jährigen in der Band haben, der Ray und mir hinterherläuft. Über das Alter mache ich mir deshalb keine Gedanken. Dass Jérôme und Alex zusätzlich ihre musikalische Virtuosität mitbringen, ist allerdings ausgesprochen cool und erweitert unseren Sound enorm.

Du hast Death Mask Messiah als wesentlich aggressiver und unmittelbarer als Hostile Defiance beschrieben. War diese Rückkehr zu einer stärker frontal ausgerichteten Spielweise von Beginn an geplant, oder entwickelte sich die zunehmende Härte erst während des Songwritings?

Ja, das beginnt bereits beim Songwriting. Im Grunde entsteht jede unserer Platten sehr organisch und natürlich. Die Songs und Riffs geben die Richtung vor, in die es gehen soll, und wir tasten uns anschließend Track für Track weiter voran.

Wir machen uns eigentlich nie Gedanken darüber, wie das Ergebnis am Ende zwingend klingen muss. Es klingt eben so, wie es klingt. Natürlich gibt es gewisse Absichten oder Ideen. Bei Hostile Defiance hatten wir uns beispielsweise vorgenommen, einige melodischere Elemente einzubauen. Aber auch das entstand auf natürliche Weise, weil uns zu diesem Zeitpunkt einfach danach war.

Für uns als Band ist es ideal, sagen zu können: Die Musik bestimmt, was wir machen, und die jeweilige Stimmung ergibt sich daraus von selbst. Sobald man versucht, etwas künstlich zu erzwingen, geht es meistens schief. Wir machen das schließlich schon ein paar Tage und wissen daher ziemlich genau, wo unsere Stärken liegen. Dementsprechend nähern wir uns der Musik, und die Songs entstehen genau so, wie sie entstehen sollen.

In meinem Review schreibe ich, dass das Album der Energie von Possessed by Fire erstaunlich nahekommt, ohne wie eine künstlich gealterte Achtzigerjahre-Kopie zu klingen. Wie schwierig ist es, die ursprüngliche DNA von EXUMER zu bewahren und trotzdem als gegenwärtige Band wahrgenommen zu werden?

Eigentlich ist das überhaupt nicht schwierig, weil wir gar nicht erst versuchen, irgendetwas zu erzwingen oder unbedingt so zu klingen wie früher. Ray und ich waren gerade einmal 17 / 18 Jahre alt, als Possessed by Fire entstand. Damals befanden wir uns sowohl als Menschen als auch als Musiker an einem völlig anderen Punkt. Wenn man versucht, diese Zeit mit aller Gewalt künstlich wiederzubeleben, ist man von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das funktioniert zu hundert Prozent nicht.

Deshalb versuchen wir es erst gar nicht. Dieser Sound steckt ohnehin in unserer DNA – EXUMER ist nun einmal EXUMER. Nach mehr als 40 Jahren müssen wir uns dafür nicht mehr besonders anstrengen. Gleichzeitig wissen wir natürlich, dass wir ein musikalisches Erbe aus den Achtzigern besitzen. Auch wenn wir in diesem Jahrzehnt lediglich zwei Alben veröffentlicht haben, ist uns bewusst, dass damit ein gewisser Kultfaktor verbunden ist. Es versteht sich von selbst, dass wir keine Experimente veranstalten, die vollkommen von unserem charakteristischen Sound abweichen. Am besten lässt sich unsere Haltung vielleicht so beschreiben: Die alten Songs gehören weiterhin fest zu unserem Set, aber wir präsentieren uns als eine Band, die im Hier und Jetzt existiert.

Wir versuchen nicht, die Achtziger permanent zu zelebrieren und allen zu erzählen, wie unglaublich großartig damals angeblich alles gewesen sei. Wir stehen heute mitten im Leben und haben, wie ich finde, noch immer etwas zu sagen. Das ist wesentlich ehrlicher, als sich mit einem Patronengurt auf die Bühne zu stellen und so zu tun, als wäre man noch 18. Das wäre nicht nur albern, sondern würde vermutlich auch niemand ernst nehmen (lacht).

Ich glaube nicht, dass jemals jemand nach einer unserer Shows nach Hause gegangen ist und gedacht hat: „Das waren ein paar alte Säcke, die versucht haben, dort möglichst albern herumzumetallen.“ Meiner Wahrnehmung nach ist eher das Gegenteil der Fall. Die Leute besuchen unsere Konzerte gerade deshalb gern, weil wir genau so auftreten, wie es heute zu uns passt. Sie merken, dass wir es noch immer genauso ernst meinen wie vor 40 Jahren – nur bringen wir es auf eine Weise zum Ausdruck, die zu den Menschen passt, die wir heute sind. Ich glaube, dass alle Bands aus dieser Zeit, die weiterhin ernst genommen werden, ähnlich damit umgehen. Ob TESTAMENT, KREATOR oder eine andere Band dieser Generation: Niemand versucht krampfhaft, etwas darzustellen, das er längst nicht mehr ist.

Mein Sohn Leo ist sieben Jahre alt. Als die Jungs hier waren, habe ich ihn mitgenommen. Natürlich sieht keiner von uns heute noch so aus wie vor 40 Jahren. Leo war den ganzen Tag backstage und bei ihnen im Nightliner. Wir hatten dort als vollkommen normale Menschen miteinander zu tun. Genau das ist meiner Meinung nach der richtige Weg, wenn man ernst genommen werden möchte: Man sollte nichts vorspielen und keine künstliche Härte inszenieren. Selbst der härteste Metal-Musiker wird plötzlich ganz weich, wenn ein Siebenjähriger vor ihm steht. Da kann man schlecht weiterhin den unnahbaren harten Kerl markieren. Schließlich haben viele von uns selbst Söhne und Töchter. Wir sind eben alle erwachsene Menschen.

Sobald wir jedoch auf die Bühne gehen, wird der Schalter umgelegt – und dann geht es los. Genau darauf kommt es an. Das war jetzt zwar eine etwas längere Antwort, aber ich glaube, du verstehst, was ich meine (lacht).

Der Albumtitel nimmt Bezug auf David Koresh und die Belagerung von Waco, beschreibt zugleich aber ein allgemeineres Phänomen: selbst ernannte Erlöser, die Menschen durch Manipulation und Machtgier ins Verderben führen. Wie intensiv hast du dich für die Texte noch einmal mit Waco und den Branch Davidians beschäftigt, und gab es bei deiner Recherche Einzelheiten, die dich selbst nach mehr als 30 Jahren noch erschüttert oder überrascht haben?

Ja, auf jeden Fall. Die Idee kam mir 2023, zum 30. Jahrestag der Ereignisse von Waco. Ich saß damals im Auto und hörte ein Interview mit einem Schriftsteller und Journalisten, der zu diesem Zeitpunkt ein Buch über Waco veröffentlicht hatte.

In diesem Gespräch äußerte er viele Gedanken, die mir unmittelbar einleuchteten, weil sich an den grundlegenden Mechanismen bis heute kaum etwas verändert hat. Ein Beispiel ist die Informationspolitik der Bundesregierung zu den damaligen Ereignissen. Es gab eine offizielle Darstellung dessen, was in Waco passiert sein soll – und daneben die tatsächlichen Vorgänge. Da dachte ich: Alter, das ist im Grunde derselbe Schwachsinn, mit dem wir seit 30, 50 oder 60 Jahren konfrontiert werden. Wir werden immer wieder an der Nase herumgeführt.

Ich fand es unglaublich, wie wenig sich in all dieser Zeit verändert hat, und begann deshalb, dieses Konzept weiterzuspinnen. Der Autor erklärte unter anderem, dass David Koresh seinen Anhängern Erlösung versprochen hatte – „Salvation“. Letztlich trug er jedoch gewissermaßen eine Maske: Statt der angekündigten Erlösung brachte er Tod und Vernichtung.

Auch sein Verhalten gegenüber seinen Anhängern passte zu diesem Bild. Er verlangte von den Männern, nicht mehr mit ihren eigenen Frauen zu schlafen, während er selbst mit einigen dieser Frauen Kinder zeugte. Solche Dinge ließen mich darüber nachdenken, dass Politiker im Grunde ganz ähnlich vorgehen. Sie präsentieren dir irgendwelche Programme und Maßnahmen, von denen sie behaupten, dass sie dein Leben erheblich verbessern werden. Du wählst sie daraufhin ins Amt – und anschließend geschieht entweder das genaue Gegenteil oder überhaupt nichts.

Aus all diesen Zusammenhängen entwickelte sich die Idee, darüber ein Album zu schreiben. Irgendwann kam mir dann der Titel Death Mask Messiah. Wir haben unser Maskottchen mit der Maske, weshalb das hervorragend zur Band und ihrer Geschichte passte. Aus den einzelnen Begriffen „Death“, „Mask“ und „Messiah“ fügte sich schließlich alles zusammen.

Auch für das Cover und die gesamte visuelle Gestaltung des Albums erwies sich das Konzept als ideal. Ein Gedanke führte zum nächsten, bis am Ende alles perfekt ineinandergriff. Das Thema bot uns enorm viel Material und zahlreiche Möglichkeiten, es visuell umzusetzen – sei es in den Videos, auf dem Albumcover oder in anderen Bereichen.

Du entwickelst für jedes EXUMER-Album ein übergeordnetes lyrisches Konzept. Was war diesmal zuerst vorhanden: die Figur des falschen Messias, der politische und gesellschaftliche Zustand der Vereinigten Staaten oder schlicht das Gefühl, dass dort mittlerweile so viel Zündstoff herumliegt, dass man daraus mehrere Alben hätte bauen können?

Beides. Was bei uns in den vergangenen zehn Jahren passiert ist und teilweise noch immer passiert, ist im Grunde unglaublich. Daraus lässt sich enorm viel Inspiration ziehen. Ich bezeichne mich selbst immer als Beobachter. Ich sage niemandem: „Du bist rechts, du bist links oder du stehst in der Mitte – und das ist richtig oder falsch.“ Diese Einteilungen sind für mich Unsinn. Ich sage lediglich: „Das sind die Dinge, die ich beobachte, und das sind die dazugehörigen Informationen.“

Ich nutze die Plattform unserer Band, um mich auszudrücken und meine Beobachtungen mit den Leuten zu teilen. Was jemand anschließend mit diesen Informationen anfängt, bleibt ihm vollkommen selbst überlassen. Man kann sagen: „Der hat doch einen an der Laterne, der spinnt.“ Man kann aber ebenso zu dem Schluss kommen: „So falsch ist das eigentlich gar nicht, was Mem da erzählt.“ Diese Entscheidung muss jeder für sich treffen.

Für mich ist diese Herangehensweise ideal, weil ich den Menschen einen Anstoß gebe, sich mit Themen zu beschäftigen, denen sie sich ansonsten vielleicht nicht widmen würden. Was sie daraus mitnehmen und wie sie die Informationen bewerten, liegt allein bei ihnen.

Aber du hast schon recht: Ich könnte problemlos fünf Alben schreiben. Hier liegen genügend Ideen herum, und ich mache ständig neue Beobachtungen, mit denen ich locker fünf weitere Platten füllen könnte. Allerdings hat Death Mask Messiah auch lange genug gedauert. Dadurch konnten wir reichlich Ideen sammeln – sowohl musikalisch als auch für mich als Texter.

Die Texte greifen außerdem die amerikanische Politik des vergangenen Jahrzehnts, die Pandemie, Black Lives Matter und den gezielten Einsatz von Fehlinformationen auf. Wie vermeidest du es, daraus bloße politische Parolen zu machen, die heute laut klingen, aber morgen bereits das Verfallsdatum überschritten haben?

Das sind universelle Themen. Für vieles, was derzeit bei uns in den USA geschieht, lassen sich sicherlich Parallelen in Deutschland oder anderen Teilen Europas finden. Wenn sich beispielsweise immer mehr Regierungen politisch deutlich nach rechts bewegen, handelt es sich nicht ausschließlich um ein US-amerikanisches Phänomen, sondern um eine weltweite Entwicklung.

Ob in Brasilien, Deutschland oder anderswo – man erkennt bestimmte Tendenzen und kann beobachten, wie sie sich ausbreiten. Gleichzeitig beschäftigen sich immer mehr Menschen gerade einmal zehn Sekunden mit einem Thema. Je stärker sich dieses Verhalten durchsetzt, desto leichter gelangen Falschinformationen in Umlauf. Ich bezweifle, dass sich daran innerhalb der kommenden zehn Jahre etwas ändern oder die Situation sogar verbessern wird.

Deshalb besitzen diese Themen auch kein „Expiration Date“, also kein Verfallsdatum. Ganz im Gegenteil: Ich glaube nicht, dass die Entwicklung in den nächsten zehn Jahren erfreulicher wird. Es wird zwar immer Menschen geben, die Informationen hinterfragen und sich kritisch mit bestimmten Vorgängen auseinandersetzen. Daneben existiert jedoch eine große Gruppe, die Informationen einfach übernimmt und sich daraus eine Meinung bildet, ohne deren Wahrheitsgehalt genauer zu überprüfen. Ich glaube nicht, dass sich dieses grundsätzliche Verhalten in den kommenden zehn Jahren wesentlich verändern wird.

Fratricide beschreibt eine Gesellschaft, die sich durch Identitätspolitik, Parteizugehörigkeit und kulturelle Grabenkämpfe selbst zerlegt. Erlebst du die Vereinigten Staaten inzwischen tatsächlich als ein Land, in dem politische Gegner nicht mehr als Mitmenschen mit anderer Meinung, sondern grundsätzlich als Feinde betrachtet werden?

Ja, solche Konflikte reichen mittlerweile bis tief in die Familien hinein. Es geht längst nicht mehr nur darum, dass du und ich befreundet sind, obwohl du politisch rechts und ich links stehe – oder umgekehrt. Beim Thanksgiving-Dinner gehen sich Menschen beinahe an die Kehle, weil der Vater sagt: „Ich bin Trump-Anhänger“, während der Sohn erklärt: „Ich bin ultralinks.“ Aus unterschiedlichen politischen Überzeugungen entstehen dann regelrechte Familienfehden.

Inzwischen hat sich die Lage meiner Meinung nach etwas beruhigt. Die Temperatur ist ein wenig gesunken. Besonders heftig war es während der Pandemie, als alle permanent aufeinanderhockten. Seitdem hat sich die Situation verändert.

Ich bin vor etwa 26 oder 27 Jahren in die USA ausgewandert, um hier zu studieren. Damals herrschte definitiv eine andere gesellschaftliche Atmosphäre. Als die Anschläge vom 11. September geschahen, lebte ich bereits seit zwei Jahren hier. Trotzdem spitzten sich die politischen Auseinandersetzungen vor allem innerhalb der vergangenen zehn Jahre immer weiter zu. Menschen gehen inzwischen wesentlich härter miteinander um, sobald sie unterschiedliche politische Ansichten vertreten. Diese Entwicklung hat sich seit meiner Ankunft in den USA deutlich verschärft.

Mittlerweile ist die Temperatur zwar etwas gesunken und die Situation nicht mehr ganz so aufgeheizt wie noch vor einigen Jahren, aber das Thema ist weiterhin präsent. Wenn ich darüber einen Text schreibe, muss dieser natürlich genauso dramatisch sein wie unsere Musik. Beides muss miteinander harmonieren.

Vor einigen Jahren war die Lage hier wirklich extrem. Damals dachte ich: Wenn das so weitergeht, werden wir Terrorismus innerhalb der eigenen Bevölkerung erleben. Damit meine ich nicht, dass jemand von außen kommt und etwas in die Luft sprengt, sondern Gewalt von Amerikanern gegen Amerikaner.

Inzwischen hat sich die Situation etwas entschärft, weil viele Menschen mit ganz anderen Problemen beschäftigt sind. Sie müssen zusehen, wie sie ihren Alltag finanzieren. Wenn du dein Auto nicht mehr ausreichend betanken kannst oder dir bereits vor dem nächsten Gehaltsscheck das Geld für Lebensmittel ausgeht, beschäftigst du dich automatisch weniger mit Politik. Dann geht es in erster Linie darum, irgendwie genügend Geld zum Leben zu verdienen.

Mit Unchained Angel von NASTY SAVAGE schließt sich ein Kreis zur gemeinsamen Europatour von 1988. Wer hatte die Idee zu dieser Coverversion, und wie schnell ließ sich Nasty Ronnie überreden, noch einmal den entfesselten Engel aus dem Käfig zu lassen?

Wir haben eigentlich auf jedem Album einen Coversong und machen uns natürlich Gedanken darüber, welches Stück infrage kommt. Meistens stammt die ursprüngliche Idee von mir, wird innerhalb der Band aber relativ schnell angenommen. Diesmal ging ich zu Ray und sagte: „Alter, lass uns etwas machen, das auch geschichtlich zu uns passt.“

Das erste Demo Wage of Mayhem gehörte in den Achtzigern zu den ersten Tapes, die ich als Tapetrader besaß. Deshalb schlug ich vor, den Song vom Klanggefühl her an dieser Demoaufnahme auszurichten – und nicht an der späteren Neueinspielung aus den Achtzigern. Ray gefiel die Idee ebenfalls ausgesprochen gut, denn diese ursprüngliche Version besitzt einen unglaublich starken Vibe. Sie klingt sehr roh und rumpelt noch ganz ordentlich.

Mit Ronnie bin ich schon seit langer Zeit über Facebook befreundet. Also erklärte ich ihm genau, was wir vorhatten. Er war sofort begeistert und sagte: „Auf jeden Fall, lass uns das machen!“ Nachdem wir von ihm grünes Licht bekommen hatten, mussten wir nur noch überlegen, wie wir die Gesangsparts untereinander aufteilen.

Ich schlug vor, dass zunächst jeder von uns den kompletten Song einsingt. Anschließend wollten wir gemeinsam entscheiden, welche Stimme an welcher Stelle am besten funktioniert und wie wir die einzelnen Passagen aufteilen. Genauso haben wir es schließlich umgesetzt.

Wie eigentlich immer bei uns entstand auch diesmal alles sehr organisch und natürlich. Nichts wurde erzwungen. Ich glaube, genau deshalb besitzt der Song diese besondere Magie. Man hört, dass darin noch ein wenig schwarze Magie steckt. Ohne uns jetzt selbst übermäßig loben zu wollen: Als Coverversion und Hommage ist uns das Stück ziemlich gut gelungen.

Es war also keineswegs so: „Ach, Alter, wir müssen jetzt noch irgendeinen Song aufnehmen. Was machen wir denn bloß?“ Wir wollten nicht uninspiriert irgendetwas covern, nur damit am Ende noch ein Bonus-Track auf der Platte steht, die Plattenfirma die Klappe hält und auch die Leute zufriedengestellt sind. Genau so war es eben nicht.

Ich glaube, man hört dem Ergebnis deutlich an, dass wir richtig Bock darauf hatten – und dass es NASTY SAVAGE genauso ging. Dadurch ist die Coverversion ausgesprochen intensiv geworden. So ist das Ganze letztlich entstanden.

Die Gitarrenarbeit von Ray Mensh und Marc Bräutigam klingt auf dem Album verschachtelt, nervös und häufig herrlich unberechenbar, ohne den natürlichen Fluss der Songs zu zerstören. Wie entstehen solche Riffs bei euch?

Ray übernimmt nach wie vor den größten Teil des Songwritings. Mittlerweile sind die beiden aber hervorragend aufeinander eingespielt. Marc ist seit 2013 bei uns, arbeitet als Gitarrenlehrer und beherrscht sein Instrument wirklich ausgezeichnet.

Für das neue Album haben wir ihm gesagt: „Alter, schreib doch einmal zwei Songs komplett selbst.“ Das war tatsächlich das erste Mal in 40 Jahren, dass wir überhaupt jemandem den Freiraum gegeben haben, etwas zu übernehmen, das normalerweise Ray macht. Dieses Vertrauen ist allerdings nicht über Nacht entstanden, sondern hat sich während der 13 Jahre entwickelt, die Marc mittlerweile bei uns ist. Inzwischen besitzen wir ein absolutes Vertrauensverhältnis und verlassen uns zu hundert Prozent auf ihn.

Dadurch ergänzen sich Ray und Marc natürlich sehr gut. Ray kann sich gelegentlich etwas zurücklehnen und muss nicht mehr ständig alles allein übernehmen. Ich bin dagegen derjenige, der im Hintergrund permanent Panik verbreitet: „Wir brauchen Riffs! Wir müssen eine Platte machen!“ Damit gehe ich wahrscheinlich allen ziemlich auf den Sack, aber das gehört zu meinen Aufgaben, seit wir die Band gegründet haben (lacht).

Genau darin besteht ein Teil unserer internen Dynamik: Der eine ist etwas entspannter, während ich schnell nervös werde und ständig darauf hinweise, was wir noch alles erledigen müssen. Mittlerweile ergänzen sich Ray und Marc jedoch ausgezeichnet. Marc besitzt eine andere Art, Gitarre zu spielen, und bringt dadurch zusätzliche Facetten in unsere Musik ein. Das macht die Sache noch interessanter.

Er spielt außerdem beinahe sämtliche Soli – wahrscheinlich 99 Prozent davon. Inzwischen schreibt er auch genau so, wie ein EXUMER-Song klingen muss. Wir müssen uns keine Gedanken mehr darüber machen, ob seine Ideen in das Gesamtbild passen. Sie fügen sich vollkommen natürlich in unseren Sound ein, und daraus ist etwas ausgesprochen Interessantes entstanden.

Marc ist seit The Raging Tides auf unseren Alben zu hören. Jetzt, bei der dritten Platte mit ihm, merkt man deutlich, dass er zu hundert Prozent in der Band angekommen ist.

Dominic Paraskevopoulos hat das Album produziert, Arthur Rizk (Eternal Champion, unbedingt antesten!) übernahm Mix und Mastering. Was sollten beide aus dem Material herausholen, und wie verhindert man bei einem derart massiven Klang, dass am Ende zwar alles fett, aber nichts mehr voneinander zu unterscheiden ist?

Paras war als Sound Engineer tätig, und auch dabei spielt Vertrauen eine enorme Rolle. Du übergibst jemandem im Grunde deine Songs und sagst: „Hier sind sie, mach etwas daraus.“ Natürlich müssen wir als Band zunächst tight spielen und die entsprechende Leistung abliefern. Schließlich kann auch der beste Tontechniker nur das aufnehmen, was wir ihm vorsetzen. Paraskevopoulos hat unsere Performance jedoch hervorragend eingefangen.

Er wusste beispielsweise genau, dass er mit Jérôme in ein Studio gehen musste, das über einen riesigen Aufnahmeraum verfügt, damit das Schlagzeug entsprechend fett klingt. Das sind vermeintliche Kleinigkeiten, aber genau an solchen Entscheidungen zeigt sich die Erfahrung eines guten Sound Engineers. Wenn jemand weiß, was er tut und das notwendige Know-how mitbringt, hört man das am Ende auch im Ergebnis.

Und Arthur ist ohnehin ein Freak, Alter. Der arbeitet problemlos mit KING DIAMOND oder nimmt Max von SOULFLY auf. Anschließend produziert er eine Punkband, die vielleicht 50 Follower bei Instagram besitzt. Er macht ausschließlich Dinge, auf die er wirklich Bock hat – diese dafür aber zu hundert Prozent.

Arthur und ich schreiben uns mittlerweile seit vier oder fünf Jahren. Der Kontakt entstand, nachdem er eines der KREATOR-Alben aufgenommen hatte. Matthias war damals im Studio und trug ein EXUMER-Shirt. Arthur sagte zu ihm: „Die finde ich auch richtig geil. Mit EXUMER würde ich gerne einmal arbeiten.“ Zu diesem Zeitpunkt wusste er überhaupt nicht, dass Matthias bei uns Schlagzeug spielte.

Matthias antwortete: „Dann lass uns das doch machen. Ich bin der Schlagzeuger der Band, und Mem lebt in den USA.“ Arthur erklärte, dass er in Philadelphia sei, woraufhin Matthias ihm sagte, dass ich in New York wohne. Anschließend begannen Arthur und ich, miteinander zu schreiben. Seitdem wollte er unbedingt mit uns arbeiten.

Wenn du jemanden wie Arthur an Bord hast, der tief in der Materie steckt und zugleich ein echter Fan deiner Musik und deiner Band ist, kann eigentlich nicht mehr allzu viel schiefgehen. Er geht sehr genau auf den jeweiligen Künstler und dessen individuellen Charakter ein. Bei Paras ist es genauso.

Für die Albumaufnahmen fliege ich jedes Mal nach Deutschland, weil wir unsere Platten dort aufnehmen. Normalerweise reserviere ich mir etwa eine Woche für das Tracking. Diesmal war ich nach vier Tagen mit dem gesamten Album fertig. Am fünften Tag sang ich noch Unchained Angel ein und nahm einige Backing Vocals auf.

Die Zusammenarbeit war hervorragend. Paras holte wirklich die bestmögliche Gesangsleistung aus mir heraus – und genau das gelang ihm auch bei den anderen Jungs. Wenn man zwei solche Leute als Team an seiner Seite hat, weiß man, dass am Ende etwas entstehen wird, auf das man stolz sein kann.

Beide besitzen ein genaues Gespür dafür, wie die Platte klingen muss. Sie wissen, an welcher Stelle ein Effekt auf den Gesang gehört, wann das Schlagzeug eine zusätzliche Bearbeitung benötigt oder wann Gitarren gereampt werden müssen. Das sind absolute Profis, die normalerweise mit Bands eines ganz anderen Kalibers arbeiten als wir und es dort zusätzlich mit großen Managements zu tun haben. Wenn bei KING DIAMOND etwas nicht so klingt, wie es klingen soll – oder wie der König Diamant höchstpersönlich es haben möchte –, wird eben so lange daran gearbeitet, bis das Ergebnis stimmt.

Wenn solche Leute gleichermaßen mit KING DIAMOND und einer kleinen Crust-Punk-Band arbeiten können, weißt du, dass du dich in den richtigen Händen befindest. Genau aus dieser Zusammenarbeit entsteht am Ende ein Album wie Death Mask Messiah. Du kannst dich darauf verlassen, dass diese Menschen dafür sorgen, dass es genauso klingt, wie es klingen soll.

Du sprichst von einer möglichen Renaissance des Thrash Metal, getragen von etablierten Bands und einer neuen Generation. Was fasziniert junge Fans heute an einer Musik, die lange vor ihrer Geburt entstanden ist und sich trotzdem offenbar hartnäckig weigert, alt zu werden?

Ich glaube, dass Thrash Metal bei der nächsten und auch bei der übernächsten Generation genau das auslöst, was er damals bei uns bewirkt hat, als wir noch Jungs waren. Diese Musik gab uns die Erlaubnis, uns so auszudrücken, wie wir es wollten.

Wir waren Musiker, die ihre Instrumente nicht unbedingt perfekt beherrschten, aber mit einer Punk- und Hardcore-Attitüde an Metal herangingen. Genau das ist die Grundidee des Thrash Metal. Du brauchst zunächst nur diesen DIY-Spirit. Dann legst du los und schaust, was du musikalisch daraus machen kannst. Ich glaube, dass diese Haltung junge Generationen heute noch genauso anspricht.

Da verkleidet sich niemand, und die Musik geht dir ohne Umwege direkt ins Gesicht. Wenn du Metal liebst, steckt natürlich Metal darin. Aber es geht nicht um Power Metal, Dungeons & Dragons oder irgendwelche Fantasiewelten. Thrash Metal ist „real as fuck“. Dafür sorgt allein schon dieser Punk- und Hardcore-Vibe.

Ich glaube, dass diese Direktheit besonders junge und rebellische Menschen anspricht – genauso, wie sie uns in den Achtzigern angesprochen hat. Damals lag der Zweite Weltkrieg gerade einmal rund 40 Jahre zurück. Wenn ich in Deutschland mit Kutte, Patronengurt und Nieten auflief, schauten die Leute schon ziemlich irritiert. Als wir dann zu Thrashern wurden und in Lederjacken herumliefen, war das noch einmal eine ganz andere Nummer.

Heute ist es den meisten Menschen vollkommen egal, wie jemand herumläuft. In den Achtzigern sah das noch anders aus. Damals lebten noch viele Menschen, die den Zweiten Weltkrieg selbst erlebt hatten, und sogar einige, die noch Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg besaßen.

Natürlich hat sich die Gesellschaft seitdem verändert, und ganze Generationen sind verschwunden. Doch diesen besonderen Vibe, den Thrash Metal damals besaß und bis heute bewahrt hat, spüren junge Leute noch immer. Er spricht diejenigen an, die sich hinstellen und der Welt ein klares „Fuck off!“ entgegenrufen wollen.

Possessed by Fire feiert 2026 seinen 40. Geburtstag. Wenn du heute auf den jungen Mem von 1986 zurückblickst: Bewunderst du seinen Mut, belächelst du seine Unbekümmertheit oder würdest du ihm zunächst erklären, dass vier Jahrzehnte Thrash Metal gewisse Nebenwirkungen auf Nacken und Knie besitzen?

Ja, das hast du gut auf den Punkt gebracht. Mich fragen immer häufiger Leute: „Hättest du damals gedacht, dass du nach 40 Jahren noch immer auf der Bühne stehst und Possessed by Fire schreist?“ Natürlich nicht. Wir haben einfach mit etwas angefangen, ohne überhaupt darüber nachzudenken, wohin uns das einmal führen könnte. Wir sagten: „Jetzt legen wir los“ – und dann legten wir eben los.

Das Erstaunliche ist, dass sich 40 Jahre später noch immer Menschen für diesen ganzen Quatsch interessieren. Wir gondeln weiterhin durch die Weltgeschichte, spielen unsere Songs und können sagen: „Hey, wir haben vor vier Jahrzehnten etwas erschaffen, ohne zu wissen, was daraus einmal entstehen würde.“ Umso schöner ist es, dass es sich zu dem entwickelt hat, was es heute ist.

Wenn man rückblickend betrachtet, was damals alles passiert ist, waren wir für ein paar Teenager schon ziemlich krass unterwegs. Andererseits hält uns genau das bis heute jung. Ich fühle mich nicht wie ein 58-jähriger Mann, der kurz vor dem Zusammenbruch steht. Ich sage immer: „We just started“ – wir haben doch gerade erst angefangen.

Auch das neue Album fühlt sich an, als würden wir noch einmal ganz von vorne beginnen. Ich lese Kommentare und erhalte E-Mails oder Nachrichten in den sozialen Medien, in denen Leute schreiben: „Alter, das gibt es doch gar nicht! Ihr klingt, als hättet ihr noch immer eine unglaubliche Wut im Bauch. Die Platte rattert mit voller Geschwindigkeit an einem vorbei.“ Solche Reaktionen bestätigen mich darin, dass unser Alter als Menschen und Musiker vollkommen irrelevant ist. Wir sprechen heute dieselben Instinkte und aufgewühlten Gemüter an, die bereits vor 40 Jahren von dieser Musik geweckt wurden. Das finde ich ausgesprochen cool.

Außerdem kann ich mich gar nicht wie ein Opa benehmen. Ich habe einen siebenjährigen Sohn – und der steigt mir aufs Dach (lacht)

Nach mehr als 40 Jahren EXUMER, zwei Bandphasen, sechs Studioalben und vermutlich einigen Tonnen vernichteter Nackenwirbel: Was möchtest du mit dieser Band unbedingt noch erreichen?

Ich möchte unbedingt, dass wir mindestens noch die nächsten zehn Jahre aktiv bleiben, weiterhin auf Tour gehen und uns so präsentieren, dass die Leute irgendwann sagen: „Hey, in den Achtzigern gehörten sie vielleicht nicht zur sogenannten ersten Liga, aber heute stehen sie genau dort, wo sie eigentlich schon vor 40 Jahren hätten stehen sollen.“

Wir sind schon immer unseren eigenen Weg gegangen. Natürlich tun das die anderen Bands ebenfalls. Die „Teutonic Four“ – KREATOR, SODOM, DESTRUCTION und TANKARD – gelten als die erste Liga des deutschen Thrash Metal. Dahinter werden Bands wie EXUMER, DEATHROW, ANGEL DUST oder ASSASSIN gern in eine vermeintliche zweite Reihe einsortiert.

Ich fand es allerdings schon immer ziemlich albern, Musik in solche Kategorien zu pressen. Offenbar brauchen die Leute diese Schubladen, weil sie vieles übersichtlicher und einfacher machen. Für mich existieren jedoch weder eine erste noch eine zweite Liga, keine B-Klasse und keine „B-League“. Das ist alles Bullshit. Wir spielen in unserer eigenen Liga und gehören genau dorthin.

Diese Haltung treibt die Band bis heute an: „Fuck off, we’re not B-League anything!“ Daran wird sich auch nichts ändern. Dieser Gedanke tritt uns immer wieder kräftig in den Hintern, bringt uns als Band voran und sorgt dafür, dass unsere Energie nicht nachlässt.

Death Mask Messiah ist weder nostalgischer Rückspiegel-Thrash noch ein krampfhafter Versuch, sich mit modischen Zutaten bei einer jüngeren Generation einzuschmeicheln. EXUMER verbinden die Angriffslust ihrer frühen Jahre mit Erfahrung, zeitgemäßer Wucht und einem gesellschaftspolitischen Konzept, das genügend Stoff für Diskussionen liefert. Nach über 40 Jahren brennt das Feuer also weiterhin – nur kontrollierter, zielgerichteter und mit deutlich besserer Produktion. Vielen Dank an Mem für das Gespräch. Möge der falsche Messias seine Maske verlieren und der echte Thrash Metal dafür umso länger seine hässliche Fratze zeigen.




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