AMON AMARTH – The Allfather awakes (2026)
(10.451) Olaf (8,5/10) Viking Metal
Label: Metal Blade
VÖ: 02.10.2026
Stil: Viking Metal
Eins vorab: Als ich Upphaf zum ersten Mal hörte, war mein spontaner Gedanke weder besonders analytisch noch druckreif: ACH DU SCHEISSE! Ausgerechnet AMON AMARTH, deren Musik bislang eher nach berstenden Schildwällen als nach besinnlichem Lagerfeuer klang, veröffentlichen eine Akustikballade. Unweigerlich stellte sich die Frage, ob ich mir das komplette Album überhaupt antun möchte. Würde nach dem überraschend starken The Great Heathen Army nun die endgültige Überfahrt in seichte Gewässer folgen?
Mein Verhältnis zu AMON AMARTH ist inzwischen ohnehin etwas kompliziert. Früher mochte ich die Schweden wirklich gerne. Diese wuchtige Verbindung aus melodischem Death Metal, nordischer Mythologie und Johan Heggs unverkennbarem Gebell funktionierte, ohne dass dafür auf jeder Bühne ein halbes Wikingerdorf abgefackelt werden musste. Heute sind AMON AMARTH längst ein globales Unternehmen mit Drachenköpfen, Rudergymnastik und einer Merchandising-Flotte, gegen die so manche Handelsmarine aussieht wie ein Tretbootverleih. Diesen medialen Hype und die fortschreitende Kommerzialisierung kann ich nicht immer problemlos verkraften. Andererseits muss man neidlos anerkennen, dass sich Johan Hegg und seine Krieger diesen Erfolg über Jahrzehnte hart erarbeitet haben. Niemand wird mal eben aus Versehen zu einer der größten europäischen Metalbands.
1992 im schwedischen Tumba gegründet, haben sich AMON AMARTH seit Once Sent from the Golden Hall kontinuierlich nach oben gekämpft. Alben wie Versus the World, With Oden on Our Side und Twilight of the Thunder God verwandelten die einstigen Untergrundkrieger in internationale Headliner. Dabei wurde der Sound im Laufe der Jahre immer größer, eingängiger und bühnentauglicher. Das brachte großartige Hymnen hervor, ließ gelegentlich aber auch den Verdacht aufkommen, dass manche Refrains bereits mit Blick auf 80.000 gleichzeitig erhobene Trinkhörner geschrieben wurden.
Damit mich AMON AMARTH erneut ins Drachenboot holen konnten, musste The Allfather Awakens den Standard des Vorgängers mindestens halten. Am besten sollte die Band gleichzeitig ein paar der über Jahre angesammelten Dekoschilde über Bord werfen. Und tatsächlich: Scheuklappen ab, ab geht die Luzie! Das dreizehnte Studioalbum ist eine verdammt starke Platte geworden, die besonders in ihrer ersten Hälfte deutlich bissiger, finsterer und überraschend nah an den eigenen Wurzeln agiert.
Die Entstehung unterschied sich von der gewohnten Arbeitsweise. Teile des Materials wurden bereits während der Tourneen geschrieben. Aufgenommen wurde in zwei zeitlich getrennten Etappen bei Jacob Hansen in Dänemark: zunächst im Frühjahr 2025, abgeschlossen wurden die Arbeiten im März 2026. Statt sämtliche Stücke gesammelt einzuspielen, widmete sich die Band jeweils einem Song, bis Schlagzeug, Gitarren und Gesang vollständig im Kasten waren. Dieser konzentrierte Ansatz ist hörbar. Die Kompositionen wirken geschlossen und besitzen jeweils eine klar erkennbare Identität, ohne dass das Album auseinanderfällt.
Auch der Gitarrensound wurde bewusst etwas weniger modern ausgerichtet. Die Rückkehr zu Marshall-Verstärkern verleiht den Riffs mehr Kante und ein angenehm raues Fundament. Jacob Hansens Produktion bleibt selbstverständlich druckvoll und transparent, poliert den Kriegern jedoch nicht jede Schramme aus der Rüstung. Vor allem Johan Hegg profitiert davon. Sein finsteres Gebell steht weit im Vordergrund und klingt stellenweise so, als hätte man einen schlecht gelaunten Höhlenbären mit einer Einführung in nordische Mythologie geweckt.
Schon Gjallarhorn macht unmissverständlich klar, dass AMON AMARTH keineswegs beschlossen haben, fortan den akustischen Kulturabend im Langhaus zu begleiten. Das Tempo ist hoch, die Gitarren treiben mächtig, und der eingängige Refrain dürfte live sofort funktionieren. Inhaltlich geht es um Odens Streben nach Weisheit und den Preis, den er dafür zu zahlen bereit ist. Die Opferung seines Auges wird nicht einfach als heldische Pose verkauft, sondern als Erkenntnis, dass Weisheit niemals kostenlos zu haben ist. Ein ziemlich gelungener Auftakt, der den vertrauten Bandsound nicht kopiert, sondern mit neuer Energie versieht.
Eight Legs of Thunder galoppiert anschließend auf Sleipnir in Richtung Ragnarök. Die musikalische Bewegung passt hervorragend zum Thema: Das Stück prescht voran, bleibt melodisch und besitzt genau jene Mischung aus Kampfgeist und Größenwahn, die AMON AMARTH seit jeher beherrschen. Natürlich ist das nicht gerade Kammermusik für zurückhaltende Gemüter. Wenn Oden auf seinem legendären Ross in die letzte Schlacht reitet, darf es ruhig donnern. Alles andere wäre vermutlich historisch unangemessen.
Kvasir’s Blood und We Rule the Waves halten das Niveau. Letzteres besitzt einen deutlich traditionelleren Heavy-Metal-Einschlag und liefert einen Refrain, der zweifellos für große Bühnen gebaut wurde. Textlich beschwört die Band ihren unstillbaren Drang, immer weiterzuziehen: „From cradle until the grave / As long as the sun sets in the west / We rule the waves.“ Die Reise bis zu den Küsten Vinlands wird dabei zum Sinnbild für den eigenen Werdegang. Aus Tumba hinaus in die Welt, immer weiter, immer größer – bescheidene Selbstzweifel gehören weiterhin nicht zur Grundausstattung dieses Langschiffs.
Dann kommt Upphaf. Ja, diese Akustikballade bleibt ein Bruch, und nein, zu meinen Lieblingsstücken der Band wird sie in diesem Leben vermutlich nicht mehr aufsteigen. Isoliert gehört, löste sie bei mir ungefähr die Begeisterung einer unangekündigten Steuerprüfung aus. Im Albumkontext ergibt sie jedoch mehr Sinn. Das Stück basiert auf den ersten Strophen der Völuspá und richtet den Blick auf die Entstehung der Welt, auf Ymir, die neun Welten und die Schöpfung Midgards. Damit bildet es einen stillen Mittelpunkt zwischen den vorherigen Eroberungszügen und den folgenden Schlachten. Die Melodien besitzen durchaus Atmosphäre, und Heggs tiefe Stimme funktioniert überraschend gut über den akustischen Gitarren. Dennoch bleibt das Ganze für meinen Geschmack etwas zu sehr nordische Lagerfeuerromantik. Interessant? Ja. Noch einmal freiwillig als Vorabsingle? Bitte nicht.
Zum Glück wird danach sofort wieder die Axt ausgepackt. Die with a War Cry ist kurz, direkt und aggressiv, ohne seine Melodien zu vernachlässigen. Die Zeilen „Facing destruction / Annihilation / Master your thoughts and mind“ reduzieren den Kampf nicht auf stumpfes Draufhauen. Im Mittelpunkt stehen Selbstbeherrschung und der Wille, selbst angesichts der sicheren Vernichtung Haltung zu bewahren. Das ist zwar kein philosophisches Proseminar, besitzt aber mehr Substanz als das übliche „Wir hauen euch alle um und trinken anschließend Met“.
Mit Raven God erreicht das Album seinen letzten wirklich überragenden Punkt. Hier passt nahezu alles zusammen: die düstere Atmosphäre, die schneidenden Melodien, das massive Riffing und Heggs ausgesprochen dominante Stimme. Bis einschließlich dieses Stücks ist The Allfather Awakens verdammt stark und streckenweise tatsächlich „back to the roots“, ohne wie der verzweifelte Versuch zu klingen, das Jahr 2002 künstlich wiederzubeleben.
Danach wird es leider etwas käsiger. Der Titelsong The Allfather Awakes und Oden’s Hunt sind keineswegs schlecht, greifen aber stärker nach den großen Gesten. Die Refrains werden breiter, der Pathospegel steigt und an einigen Stellen scheint schon beim Songwriting jemand die Pyrotechnik gezündet zu haben. Das funktioniert live wahrscheinlich hervorragend, nimmt der zuvor so angenehm finsteren Platte jedoch ein wenig von ihrer Schärfe.
Das fast siebenminütige Ascending Like an Eagle führt schließlich die Geschichte von Serpent’s Trail vom Vorgänger fort. Der Song setzt auf Ausdauer, Kraft und die Überwindung scheinbar unbezwingbarer Hindernisse. Als Abschluss besitzt er die notwendige Größe, trägt seine Heldenbrust für meinen Geschmack aber ein wenig zu stolz vor sich her. Hier sind AMON AMARTH wieder näher am voll ausgestatteten Event-Langschiff als am schlammverschmierten Stoßtrupp der ersten Albumhälfte. Dennoch bleibt der Abschluss kraftvoll genug, um die Reise würdig zu beenden.
The Allfather Awakens ist kein Konzeptalbum, obwohl Oden als verbindende Gestalt immer wieder auftaucht. Die zehn Stücke erzählen eigenständige Geschichten über Opferbereitschaft, Schicksal, Untergang und den Willen, einer übermächtigen Bedrohung entgegenzutreten. Dadurch erhält das Album einen roten Faden, ohne sich in einer komplizierten Handlung zu verheddern. Besonders gelungen ist, dass die mythologischen Themen häufig mit menschlichen Eigenschaften verbunden werden: Weisheit verlangt Opfer, Mut bedeutet nicht die Abwesenheit von Angst, und Beharrlichkeit ist manchmal wichtiger als rohe Gewalt.
AMON AMARTH erfinden sich auf The Allfather Awakens nicht neu. Das müssen sie auch gar nicht. Sie erinnern sich jedoch erfreulich oft daran, weshalb ihre Musik einst so viel Faszination auslöste. Die Gitarren schneiden wieder kräftiger, Johan Hegg brüllt sich mit beeindruckender Präsenz durch die nordische Sagenwelt, und vor allem die ersten sieben Stücke bieten genügend Feuer, um mehrere Langhäuser samt angrenzendem Metlager in Brand zu setzen. Upphaf bleibt der akustische Elch im Raum, und zum Ende wird mir die Angelegenheit etwas zu süßlich. Trotzdem überwiegt die Freude darüber, dass unter all dem Bombast noch immer eine scheinbar hungrige Death-Metal-Band steckt.
ANSPIELTIPS:
📯Gjallarhorn
⚔️Die with a War Cry
Bewertung: 8,5 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Gjallarhorn
02. Eight Legs of Thunder
03. Kvasir’s Blood
04. We rule the Waves
05. Upphaf
06. Die with a War Cry
07. Raven God
08. The Allfather awakes
09. Oden’s Hunt
10. Ascending like an Eagle

