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Q&A – Das Interview: CARNATION

Bei Rückschlägen stets Humor bewahren


Bei CARNATION ist selbst eine Symphonie ein Fall für die Spurensicherung. Mit „Symphony in Flesh“ verbinden die Belgier ihre Vorliebe für handfestes Todesblei mit Geschichten, deren Schrecken weit über die nächste Leichenhalle hinausreicht. Mich interessiert, wie diese Musik entsteht: welche Entscheidungen eine Band nach Jahren gemeinsamer Arbeit trifft, wie sie ihre eigenen Gewohnheiten hinterfragt und weshalb ausgerechnet die Rückkehr zu den Wurzeln neue Möglichkeiten eröffnen kann. Zeit, den Herren zwischen Verstärker und Seziertisch ein wenig auf die Finger zu schauen.

Hallo zusammen und herzlich willkommen bei Zephyr’s Odem – wie geht es euch kurz nach der Veröffentlichung von „Symphony in Flesh“, wenn die monatelange Arbeit plötzlich öffentliches Eigentum der Gehörgänge geworden ist?

Wir sind noch immer überwältigt von all den großartigen Reaktionen, die uns erreicht haben. Doch auch unmittelbar nach der Veröffentlichung ist die Arbeit längst nicht getan: Wir stecken weiterhin mitten im Versand eurer Bestellungen und bereiten mit Hochdruck die kommenden Liveshows vor.

Ihr seid 2013 in Heist-op-den-Berg gestartet und spielt seit Vincents Einstieg 2016 in derselben Besetzung: Was hält diesen Laden zusammen, wenn Tourstress, Alltag und fünf unterschiedliche Meinungen gleichzeitig an die Tür klopfen?

Wir kennen uns schon lange und wissen sehr genau, wie jeder von uns tickt. Das hilft uns enorm. Unsere größte Stärke ist, dass wir selbst bei Rückschlägen unseren Humor behalten und über alles lachen können. Wir sind uns vielleicht nicht immer in allen Punkten einig, aber wir klären unsere Differenzen stets auf vernünftige und erwachsene Weise.

Nach den experimentelleren Ansätzen auf „Cursed Mortality“ beschreibt ihr das neue Album als bewusste Rückbesinnung: Welche Erkenntnisse aus dieser Experimentierphase stecken heute gerade in den Passagen, die auf „Symphony in Flesh“ besonders unmittelbar und geradlinig wirken?

Eine vollständige Rückkehr zu unseren Anfängen ist es nicht, aber es steckt wieder mehr von der Attitüde unserer ersten Platten darin. Gleichzeitig wollen wir immer nach vorne schauen, und jedes Album soll seine eigene Identität haben. Ich denke, das ist uns gut gelungen. Wir brauchten auch das vorherige Album, um herauszufinden, in welche Richtung wir weiter experimentieren können. An Legacy of the Forefathers lässt sich gut erkennen, dass wir uns stetig weiterentwickeln – und genau das macht uns einfach Spaß!

Nach der Zusammenarbeit mit Season of Mist erscheint „Symphony in Flesh“ in Eigenregie: Welche künstlerischen und wirtschaftlichen Überlegungen haben euch zu diesem Schritt geführt, bei dem zur Freiheit vermutlich auch ein ziemlich anhänglicher Stapel Verwaltungsarbeit gehört?

Wir waren schon immer eine Band, die möglichst viel selbst in der Hand behalten möchte. Wenn dabei Fehler passieren, können wir dafür auch nur uns selbst verantwortlich machen. Wir haben durchaus darüber nachgedacht, mit einem Label zusammenzuarbeiten. Letztlich haben wir uns aber entschieden, es einmal auf eigene Faust zu versuchen – und das haben wir bislang keine einzige Sekunde bereut.

Euer Pressetext betont einprägsame Riffs und strafferes Songwriting: Nach welchen Kriterien fliegt bei euch eine Idee raus, die zwar gewaltig sägt, nach dem Ausschalten des Verstärkers aber schon wieder vergessen ist?

Meist merken wir ziemlich schnell, ob das, was wir geschrieben haben, funktioniert. Viele Ideen landen allerdings auch im Papierkorb, denn wir gehen mit uns selbst ziemlich streng ins Gericht. Manchmal legen wir sogar komplette Songs beiseite. Vielleicht können wir später noch einzelne Passagen daraus für ein anderes Stück verwenden, in dem sie besser zur Geltung kommen.

Yarne hat das Album aufgenommen, gemischt und gemastert: Wie sorgt ihr dafür, dass der kritische Blick von außen erhalten bleibt, wenn der Mann hinter den Reglern gleichzeitig mit euch im Proberaum steht?

Wir sind alle eng in die gesamte Studioarbeit eingebunden. Schon im Vorfeld stimmen wir uns genau darüber ab, wohin die Reise mit dem Album und seiner Produktion gehen soll. Außerdem haben wir großes Vertrauen in Yarne, weil er genau weiß, wie die Band klingen muss.

In meinem Review ist „Kingdom of Dreams“ der persönliche Volltreffer: Wie schreibt ihr einen Death-Metal-Hit, dessen Eingängigkeit die Brutalität noch verstärkt?

Das fragen wir uns manchmal selbst. Wir nehmen häufig Songs, die uns besonders gut gefallen, genau unter die Lupe und ziehen daraus jede Menge Inspiration. Der Rest ist, denke ich, einfach ein Hauch „Magie“.

„Labyrinth of Silence“ erinnert mich besonders an ENTOMBED und „Stranger Aeons“: Wie bewusst ist dieser Bezug, und was macht daraus für euch einen unverkennbaren CARNATION-Song?

Einflüsse von Bands wie ENTOMBED schwingen bei uns immer mit. Was uns als CARNATION ausmacht, steckt vor allem in den Songstrukturen, den Melodielinien und einer bestimmten Atmosphäre, die wir zu erzeugen versuchen.

Der Titeltrack führt in den Kopf eines Serienmörders: Wie entwickelt ihr dessen innere Stimme, damit der Horror eine eigene Psychologie bekommt und nicht schon nach dem dritten herumliegenden Körperteil erzählerisch verblutet?

Unser Sänger Simon hat ein echtes Händchen dafür, Geschichten zu schreiben. Er schafft es immer wieder, Begebenheiten aus dem wirklichen Leben in starke Death-Metal-Texte zu verwandeln. Deshalb steckt in manchen Texten viel Symbolik – und dahinter verbirgt sich bisweilen eine ganz andere Geschichte, als man vermuten würde.

„Twisted Visions“ beschäftigt sich mit modernen Abhängigkeiten: Welche Formen von Kontrollverlust hattet ihr dabei besonders im Blick, die sich im Alltag womöglich so bequem eingerichtet haben, dass kaum noch jemand ihre Anwesenheit hinterfragt?

Es gibt vieles, was wir hinterfragen. Als Beispiel fällt mir sofort die Nutzung von Smartphones ein, auf die heute niemand mehr verzichten möchte. Ständig mit der ganzen Welt verbunden zu sein, bringt auch eine Menge Stress mit sich – das spüren wir selbst. Wir fragen uns oft, ob früher alles besser war, und haben manchmal das Gefühl, zu spät geboren zu sein.

„Legacy of the Forefathers“ behandelt die Last kultureller Traditionen und geerbter Erwartungen: Wie erlebt ihr selbst dieses Spannungsfeld in einer Musikszene, in der die Verehrung der Vorfahren gelegentlich fast religiöse Züge annimmt?

Wir versuchen, uns darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen, und konzentrieren uns vor allem darauf, unseren eigenen Weg weiterzugehen.

Bei diesem fast zwölfminütigen Song hätte ich stellenweise zur Schere gegriffen: Woran erkennt ihr, dass eine Passage unverzichtbar ist und nicht bloß euer innerer Riff-Sammler die Trennung verweigert?

Für uns ist das ein Song mit einem ausgeprägten erzählerischen Charakter, in dem auch Einflüsse jenseits des Death Metal ihren Platz haben.Ich persönlich habe ohnehin ein großes Faible für lange, progressive Stücke. Und als Künstler macht es einfach Spaß, an so etwas zu arbeiten.

Peter Sallais Cover zeigt einen Künstler, der mit einem Geigenbogen den eigenen Körper verletzt und seine Kunst buchstäblich mit Blut bezahlt: Welche persönliche Erfahrung aus der Arbeit an diesem Album kommt dieser drastischen Vorstellung von schöpferischer Hingabe am nächsten?

Das Artwork bezieht sich nicht nur auf dieses Album, sondern spiegelt auch das gesamte Leben als Band wider, in dem längst nicht alles von selbst läuft. Dazu gehören manchmal auch längere Phasen mit enormem Stress. Doch wenn man dann auf der Bühne steht oder ein Album veröffentlichen kann, weiß man genau, wofür man das alles auf sich nimmt!

Bevor wir die Tür zur Gruft wieder schließen: Welche berühmten letzten Worte möchtet ihr unseren Lesern mitgeben – einschließlich all dessen, wonach ich sträflicherweise nicht gefragt habe?

Mit CARNATION ist noch lange zu rechnen – wir haben noch jede Menge Überraschungen in petto. Außerdem können wir es kaum erwarten, Symphony in Flesh auf die Bühne zu bringen!

Vielen Dank für eure Zeit und viel Erfolg mit „Symphony in Flesh“. Für die nächsten Schritte darf das Gespräch gern wieder gegen die Bühne eingetauscht werden. Dort lässt sich die Begeisterung für diese Musik schließlich besonders überzeugend vermitteln – mit verschwitzten Gesichtern vor den Boxen und einem breiten Grinsen dahinter.





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