BLUTGOTT – Die Schlacht um Knochenheim-Death of the Bloodking (2026)
(10.542) Olaf (8,0/10) Death Metal
Label: Blutgott Metal Universe
VÖ: 30.10.2026
Stil: Death Metal
Thomas Gurrath müsste eigentlich längst eine eigene Postleitzahl für seine Fantasie beantragen. Was der Mann an Drachen, Dämonen, Schlachten und musikalischen Nebenstraßen zusammengebaut hat, übersteigt jedenfalls meine bescheidenen Fähigkeiten als gelegentlicher Besucher dieses Kosmos. Trotzdem – oder gerade deshalb – habe ich vor seinem Schaffen tiefen Respekt. Während Teile der metallischen Gemeinde beim Namen BLUTGOTT bereits vorsorglich die Augen verdrehen, sehe ich einen Musiker, der seine Vorstellungen seit Jahrzehnten mit bemerkenswerter Konsequenz verwirklicht. Dass ich deshalb nicht jede Veröffentlichung abfeiere und bei der Mythologie gelegentlich den Anschlusszug verpasse, gehört allerdings ebenfalls zur Wahrheit.
Die Wurzeln dieses mittlerweile ziemlich ausgewachsenen Monsters liegen in Stuttgart, wo DEBAUCHERY 2003 mit Kill Maim Burn ihre erste blutige Visitenkarte hinterließen. Aus dem ursprünglichen Death-Metal-Gemetzel entwickelte sich über die Jahre ein ganzes Geflecht: BLOOD GOD bedient die Vorliebe für Hard Rock und Heavy Metal, BALGEROTH trägt die finsteren Geschichten auf Deutsch vor. Seit 2023 hält BLUTGOTT den Laden auch namentlich zusammen. Dazu kommen selbst geschaffene Bilderwelten, Bücher, Miniaturen und ein Tabletop-Spiel. Andere sammeln Briefmarken. Gurrath baut sich eine Zivilisation und lässt anschließend Drachen darüberfliegen.
Mit Die Schlacht um Knochenheim – Death of the Bloodking beginnt nun eine als Trilogie angelegte Geschichte, deren Dimensionen selbst für diesen Kosmos beträchtlich ausfallen. Balgeroth, der Blutkönig von Knochenheim, steht den Mächten des Dämonenherrschers Luziferon gegenüber. Menschenreiche werden verheizt, Asgard und Walhalla geraten unter die Räder, und im Mittelpunkt steht eine Festungsstadt an einer entscheidenden Verbindung zwischen Hölle und Eden. Eine verkehrsgünstige Lage kann offenbar auch erhebliche Nachteile haben. Entscheidend für das Verständnis: Hier erzählen keine strahlenden Helden von ihrer nächsten guten Tat. Gurraths Kreaturen sind selbst grausame Kriegsherren, und entsprechend wenig Platz bleibt zwischen den Fronten für moralische Behaglichkeit.
Musikalisch bekommt diese Geschichte zwei Gesichter: zehn Stücke in der DEBAUCHERY-Fassung und ihre zehn deutschsprachigen Gegenstücke unter dem Banner BALGEROTH. Der enorme erzählerische Überbau führt erfreulicherweise nicht dazu, dass sich die Songs erst durch einen Wald aus Erklärungen kämpfen müssen. Im Zentrum stehen griffige Gitarren, drückender Groove und ein Gespür für Melodien, die auch zwischen all den aufgerissenen Mäulern erkennbar bleiben. Die Musik besitzt genügend unmittelbare Wirkung, um mich selbst dann mitzunehmen, wenn ich gerade nicht mehr weiß, welcher Drachenherr welchem Höllenfürsten aus welchem Jahrhundert noch eine offene Rechnung präsentiert.
Gerade Storm of the Blood Dragons bringt dieses Verhältnis von Härte und Eingängigkeit überzeugend auf den Punkt. Die Nummer hat Vorwärtsdrang, bleibt aber über ihre melodische Kontur im Gedächtnis. Überhaupt steht der Death Metal hier nicht ausschließlich mit zusammengebissenen Zähnen im Türrahmen. Klassischer Heavy Metal und die vertraute Lust am rollenden Rhythmus erweitern das Bild, ohne dass die Stücke ihre martialische Grundhaltung verlieren. Darin liegt für mich eine wesentliche Stärke: Gurrath denkt in großen Schlachten, behält beim Schreiben aber den einzelnen Song im Blick. Für Knochenheim brauche ich keinen Reiseführer, solange die Riffs den Weg freischlagen.
Bei den DEBAUCHERY-Versionen sitzt allerdings auch mein deutlichster Kritikpunkt. Die cleanen Gesangspassagen wollen mir nicht durchgehend schmecken. Ich verstehe durchaus, welche zusätzliche Größe und Abwechslung sie ins Geschehen bringen sollen. Für meine Ohren verliert die Musik dabei stellenweise jedoch genau jene bedrohliche Geschlossenheit, die sie zuvor so wirkungsvoll aufgebaut hat. Das ist kein grundsätzlicher Einspruch gegen melodischen Gesang im Death Metal. Hier passen mir manche dieser Übergänge schlicht weniger gut ins Gesamtbild. Wo die raue Stimme das Geschehen zusammenhält, wirkt die Verbindung aus Monstrosität und Melodie auf mich überzeugender. Sobald der Gesang sauberer wird, rutsche ich gelegentlich ein Stück aus dieser Welt heraus.
Deshalb zieht mich die BALGEROTH-Seite insgesamt stärker hinein. Die deutsche Sprache verleiht dem Material eine zusätzliche Direktheit: Der Blutgott regiert in diesem Land stellt seinen Herrschaftsanspruch ohne diplomatische Vorrede in den Raum, und Hier kommt der Tod benötigt ebenfalls keinen Dolmetscher. Die vertrauten Wörter rücken das fantastische Grauen näher an den Hörer heran. Gleichzeitig zeigt der Vergleich von Storm of the Blood Dragons und Sturm der Blutdrachen, wie stark Sprache und Gesang den Charakter eines Stücks beeinflussen können. Der Wechsel ist damit mehr als eine Angelegenheit für Menschen, die im Englischunterricht lieber Bandlogos auf den Hefter gemalt haben.
Natürlich verlangt das Doppelkonzept eine gewisse Bereitschaft, sich mit verwandtem Material erneut auseinanderzusetzen. Wer beide Fassungen unmittelbar hintereinander hört, wird zwangsläufig auch Wiederholungen wahrnehmen. Ich empfinde das eher als Einladung zum Vergleichen und zum Entdecken der eigenen Lieblingsversionen. Eine Pflicht zur vollständigen Doppelbeschallung würde selbst in Knochenheim vermutlich irgendwann zu Beschwerden führen. Vor allem funktioniert die Veröffentlichung dort am besten, wo ihre Wucht mit einem klaren musikalischen Gedanken verbunden bleibt. Die schiere Menge an Blut, Stahl und Drachen wäre als Qualitätsmerkmal auf Dauer doch etwas dünn – trotz der ausgesprochen dicken Rüstungen.
Gurrath verdient sich hier deutlich mehr als anerkennendes Schulterklopfen für seinen Arbeitseifer. Die Schlacht um Knochenheim – Death of the Bloodking liefert kräftige Songs, eine stimmige Atmosphäre und genügend Eigenart, um auch jenseits des eingeweihten Kreises zu funktionieren. Meine Vorbehalte beim Klargesang bleiben bestehen, und zum staatlich geprüften Blutgötterkundler werde ich nach dieser Runde ebenfalls nicht. Für einen ausgesprochen unterhaltsamen Feldzug reicht es aber locker. Sollte Knochenheim irgendwann Städtepartnerschaften anbieten, würde ich Berlin vorschlagen. Mit Großbaustellen und unübersichtlichen Zuständigkeiten kennen wir uns schließlich aus.
ANSPIELTIPPS
🔥Storm of the Blood Dragons (DEBAUCHERY)
💀Hier kommt der Tod (BALGEROTH)
🎸Der Blutgott regiert in diesem Land (BALGEROTH)
Bewertung: 8,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Fall Of The Skull Mountain (Debauchery)
02. Storm Of The Blood Dragons (Debauchery)
03. Legacy Of The Bloodking (Debauchery)
04. Brotherhood Of Blood Gods (Debauchery)
05. War Of The Beast Hordes (Debauchery)
06. Death Of The Bloodking (Debauchery)
07. Slaughter Messiah (Debauchery)
08. Tyrant Slain On Immortal Hills (Debauchery)
09. Balgeroth Legion (Debauchery)
10. We Unleash Hell (Debauchery)
11. Der Regiert in diesem Land (Balgeroth)
12. Sturm der Blutdrachen (Balgeroth)
13. Das Erbe des Balgeroth (Balgerot)
14. Wir folgen dem (Balgeroth)
15. Krieg der Bestienhorde (Balgeroth)
16. Hier kommt der Tod (Balgeroth)
17. Schlachtermessias (Balgeroth)
18. Drachen und Götter (Balgeroth)
19. Gepanzert in Drachenstahl (Balgeroth)
20. Im Schlund des Chaos (Balgeroth)

