WITHIN THE REALMS - …of systemic Decay (2026)
(10.523) Olaf (4,0/10) Thrash Metal
Label: DIY
VÖ: 30.10.2026
Stil: Thrash Metal
Neufundland also. Die kanadische Atlantikinsel mit ihren zerklüfteten Küsten, vorbeiziehenden Eisbergen und Walen hatte ich bislang eher als Reiseziel denn als Lieferanten metallischer Neuigkeiten auf dem Zettel. WITHIN THE REALM aus der Provinzhauptstadt St. John’s sind tatsächlich die erste Band von dort, die mir über den Weg läuft. Das weckt Neugier, zumal die musikalischen Vorlieben der Herren ausgesprochen vielversprechend klingen. Leider erweist sich die Herkunft im Verlauf von …Of Systemic Decay als interessanter als ein beträchtlicher Teil der Musik.
Dabei stehen hier keineswegs blutige Anfänger im Proberaum. Bassist Rick White gründete die Band 2016 mit Schlagzeuger Michael Small; Gitarrist Geoff Waye hatte bereits in den Neunzigern gemeinsam mit White bei OBERON gespielt. Nach ersten aktiven Jahren und einer längeren Unterbrechung fand die Truppe im Sommer 2025 wieder zusammen. Richard Squires, ehemals LAST SOUL DOWN, übernahm den Gesang vom gesundheitlich verhinderten Des Mason. Für das vorliegende Debüt wurden schließlich lange gelagerte Ideen und neueres Material zu acht Songs mit knapp 38 Minuten Spielzeit zusammengeführt. An Erfahrung und Vorlauf hat es somit durchaus nicht gemangelt.
SLAYER, SACRIFICE, SACRED REICH, MEGADETH und SEPULTURA stehen auf dem musikalischen Wunschzettel. Da rücke ich als alter Thrash-Freund zunächst bereitwillig näher an die Lautsprecher. Was die Kanadier aus diesen Einflüssen zusammensetzen, bleibt allerdings häufig erschreckend rudimentär. Die Verbindung aus traditionellem Heavy Metal, Thrash und etwas Groove lässt eine klare Absicht erkennen, doch zu selten entstehen daraus wirklich zwingende Songs. Mir fehlen prägnante Einfälle und das Geschick, aus einer brauchbaren Grundidee mehr herauszuholen als deren bloße Anwesenheit. Die Vorbilder liefern hier leider mehr Vorfreude als die eigenen Kompositionen Erfüllung.
Teilweise fühle ich mich in einen Essener Hinterhof versetzt, wo 1986 vier Kumpels ihr erstes Kellerdemo auf eine bereits mehrfach überspielte Kassette gebannt haben. Damals hätte ich so etwas vermutlich mit einem handgemalten Anschreiben weitergetauscht und mich über den ungebremsten Enthusiasmus gefreut. Vier Jahrzehnte später trägt dieser Charme ein komplettes Album erheblich schlechter. Die ausdrücklich angestrebte Rohheit legt die Grenzen des Materials zusätzlich frei. Auch mit bescheidenen Mitteln lassen sich packende, eigenwillige Platten aufnehmen; dafür müssen die musikalischen Ideen allerdings genügend Substanz mitbringen. Hier wird die Liebe zur alten Schule stellenweise zum ziemlich großzügigen Entschuldigungszettel.
Inhaltlich haben WITHIN THE REALM durchaus etwas mitzuteilen. Spiral of Terror beschäftigt sich mit Trauma, Sucht und dem Versuch, die eigene Vergangenheit abzuschütteln. Hidden Agenda und The Hydra richten den Blick auf Manipulation, Machtmissbrauch und eine Gesellschaft, die sich gegenseitig zerfleischt, während andere davon profitieren. Dazu passt das zerfallende Regierungsgebäude auf dem Cover. Einen persönlichen Gegenpol bildet Into the Night, eine Liebeserklärung an die Metalgemeinschaft und jene Begeisterung, die seit 1985 offenbar zuverlässig weiterbrennt. Diese Verbundenheit nehme ich den Musikern ab. Umso bedauerlicher, dass die musikalische Umsetzung mit den durchaus brauchbaren Themen selten Schritt hält.
Ich hätte diese erste Begegnung mit Neufundlands Metalszene wirklich gerne enthusiastischer beendet. Der Wille ist deutlich vorhanden, das Können bleibt dahinter zurück. Angesichts all der handwerklich stärkeren Undergroundbands, die um jeden Krümel Aufmerksamkeit kämpfen, fällt mir ein großzügiger Nostalgierabatt hier ausgesprochen schwer. Ein Exotenbonus ersetzt keine guten Songs. Für den nächsten Anlauf wünsche ich den Herren deshalb vor allem den Mut, ihre eigenen Einfälle gründlicher auf den Prüfstand zu stellen. Die Postkarte aus St. John’s behalte ich gerne; die musikalische Rückreise muss erst noch überzeugender angeboten werden.
Bewertung: 4,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Sixth Sense
02. Endless Life
03. Spiral of Terror
04. Hidden Agenda
05. Homicidal Sacrifice
06. The Hydra
07. The Information is out
08. Into the Night

