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JOHN DIVA & THE ROCKETS OF LOVE – Your favorite Drug (2026)

(10.504) Olaf (8,9/10) Sleaze Rock


Label: Frontiers Music
VÖ: 16.10.2026
Stil: Sleaze Rock







Wer mir Mitte Oktober ein derart unverschämtes Sommeralbum auf den Tisch legt, muss mit Konsequenzen rechnen. Draußen bereitet sich Berlin auf die mehrmonatige Farbauswahl zwischen Asphaltgrau und nassem Beton vor, und JOHN DIVA & THE ROCKETS OF LOVE tun so, als müsste man lediglich das Verdeck öffnen. Dafür gibt es automatisch einen Punktabzug wegen groben Unfugs am Veröffentlichungskalender! Wobei ich vermutlich schon beim nächsten Refrain vergessen habe, wo mein Bewertungszettel liegt. Ich bin schließlich Fan dieser kunterbunten Truppe, deren Musik mich zuverlässig in jene Achtziger zurückbefördert, in denen ich aufgewachsen bin.

Bei JOHN DIVA & THE ROCKETS OF LOVE scheint die Herkunft irgendwo zwischen dem Sunset Strip und einer deutschen Autobahnauffahrt verloren gegangen zu sein. Sind das nun Amerikaner mit auffällig guten Verbindungen in die hiesige Provinz? Oder haben sich ein paar Deutsche derart gründlich in den kalifornischen Traum hineingelebt, dass selbst ihre Reisepässe inzwischen Zweifel bekommen?

Über dieser Frage liegt eine ordentliche Wolke Haarspray, durch die ich auch diesmal nicht mit der Taschenlampe leuchten möchte. Greifbarer ist die musikalische Geschichte: 2012 als Coverband gestartet, über frühe Konzerte und Wacken-Auftritte 2014 und 2015 bekannt geworden, legte die Truppe 2019 mit „Mama Said Rock Is Dead“ ihr erstes eigenes Album vor. „American Amadeus“ folgte 2021, „The Big Easy“ zwei Jahre später. Mit „Your Favorite Drug“ steht nun Langspieler Nummer vier bereit – und wo auch immer diese Herren ursprünglich eingesammelt wurden: Den Weg zu meinen musikalischen Glücksgefühlen kennen sie verdammt genau.

Diesmal geschieht das mit spürbar mehr Nachdruck. Das Album klingt erwachsener, härter und weniger verspielt als manches frühere Werk. Die musikalischen Schleifen werden kürzer, die Gitarren dürfen entschlossener zupacken, und die Refrains finden ohne größere Umwege ihr Ziel. Gerade gegenüber dem experimentierfreudigeren „American Amadeus“ wirkt die neue Scheibe konzentrierter. Die knallbunte Persönlichkeit bleibt erhalten, bekommt allerdings ein kräftigeres Rückgrat. Erwachsenwerden kann im Hard Rock offenbar auch bedeuten, den Verstärker beherzter aufzudrehen.

Mit Hannes Braun aus dem Hause KISSIN’ DYNAMITE saß dafür ein Mann am Produktionspult, der das Verhältnis zwischen Gitarrendruck und großer Melodie bestens kennt. Die Produktion ist schön knackig und metallisch, gibt den Riffs ordentlich Biss und den Gesangsharmonien genügend Raum. Bei aller Eingängigkeit darf diese Platte nach Rockband klingen. Genau diese Verbindung gefällt mir: Die Melodien laden zum Mitsingen ein, während darunter genug Schub herrscht, um auch die Nackenmuskulatur zur Mitarbeit zu bewegen. Wer bei BON JOVI, DEF LEPPARD und Konsorten musikalisch sozialisiert wurde, dürfte sich hier ziemlich schnell häuslich einrichten.

Zur konzentrierten Ausrichtung passt die Entstehungsgeschichte. Die Band arbeitete zügig, strich Überflüssiges und verließ sich stärker auf den unmittelbaren Einfall. „Favorite Drug“ entstand innerhalb weniger Stunden – manchmal ist eine gute Idee eben schneller fertig als die anschließende Diskussion darüber. Aufgenommen wurde in Süddeutschland, wo John Diva während der Arbeiten bei Verwandten unterkam und familiäre Erinnerungen auffrischte. Zwischen all dem amerikanischen Größenwahn steckt also durchaus ein persönliches Stück Heimat. Die Sessions verliefen übrigens nüchtern. Den Rausch liefern hier die fertigen Songs.

Schon „The Devil’s Got My Back“ und „Bigger Than America“ stecken das musikalische Gelände überzeugend ab: kernige Riffs, reichlich Selbstvertrauen und Refrains, die sich für die nächste Konzertreise geradezu aufdrängen. Besonders bei „Bigger Than America“ passen Anspruch und Format prächtig zusammen. Wer derart dick aufträgt, muss schließlich auch liefern können. Die Band hat dafür das nötige Gespür für jene Melodien, die nach kurzer Bekanntschaft so vertraut wirken, als hätte man sie früher auf einer selbst aufgenommenen Kassette durch die Gegend getragen. Natürlich sind die Zutaten bekannt. Entscheidend bleibt, wie viel Freude jemand damit anzurichten versteht.

Mein persönlicher Favorit heißt allerdings „Girls In Overdrive“. Was für eine herrlich ansteckende Nummer! Da sitzt genau die Mischung aus Vorwärtsdrang, Leichtigkeit und unwiderstehlicher Eingängigkeit, wegen der ich diese Band mag. Der Kinderchor in der Mitte setzt dem Ganzen noch das passende freche Grinsen auf und liefert einen dieser kleinen Einfälle, die aus einem starken Song einen besonderen machen. Sollte das Ding die Radio-BOB!-Charts nicht im Sturm erobern, würde ich zunächst überprüfen lassen, ob im Sender versehentlich das Telefonkabel im Mischpult steckt. Das ist Musik, bei der selbst der morgendliche Berufsverkehr kurz nach Ferienbeginn klingt.

Überhaupt liegt die Stärke der Platte darin, dass ihre gute Laune mit musikalischem Druck verbunden ist. Die Truppe kann nach wie vor überlebensgroß auftreten, hat ihre Songs diesmal aber straffer gebaut. Dadurch bekommt die ganze Veranstaltung mehr Verbindlichkeit. Der Spaß gewinnt sogar, weil ihm die härtere Gangart zusätzlichen Schwung verleiht. Für mich funktioniert diese Ausrichtung ausgesprochen gut: Ich bekomme meine geliebten Achtziger-Vibes und zugleich das Gefühl, dass hier Musiker mit ihrer Erfahrung etwas anfangen. So zaubert einem das Album tatsächlich den Sommer zurück, während vor dem Fenster bereits das Laub am Gully festklebt.

Und dann kommt zum Abschluss „Soundtrack Of My Life“. Bereits am Anfang kann man völlig problemlos „(I Just) Died In Your Arms“ von CUTTING CREW mitsingen. Mein innerer Teenager steht jedenfalls sofort neben mir und kennt selbstverständlich jede Silbe. Die Nähe zu diesem vertrauten Achtziger-Gefühl öffnet die Tür für einen Song, der seine musikalische Heimat anschließend mit voller Absicht und großen Gesten feiert. „Welcome to the Eighties“ bringt das textlich wunderbar direkt auf den Punkt: Dieses Jahrzehnt ist hier ein persönlicher Erinnerungsraum, verbunden mit Aufbruch, Sehnsucht und den Liedern, die einen damals begleitet haben.

Der Refrain macht daraus einen tödlichen Ohrwurm, den man praktisch auf Anhieb mitsingen kann. Bei mir funktioniert das weit über den bloßen Wiedererkennungseffekt hinaus. Plötzlich ist dieses Gefühl wieder da, das Musik in der Jugend auslösen konnte, wenn ein einziger Song den ganzen Tag veränderte. JOHN DIVA & THE ROCKETS OF LOVE besingen ihre Achtziger plakativ, leidenschaftlich und mit genau der Portion Überschwang, die dazugehört. Ich sitze davor, grinse und bin für ein paar Minuten erheblich jünger. Danke für diesen tollen Song!

„Your Favorite Drug“ zeigt eine Band, die ihre Stärken selbstbewusst bündelt und mit erfreulich kräftigem Gitarreneinsatz ausspielt. Diese Mischung aus handfestem Hard Rock, großen Melodien und persönlichem Erinnerungswert macht mir ausgesprochen viel Freude. Den Antrag auf altersgerechte musikalische Zurückhaltung können die Herren jedenfalls ungelesen schreddern. Wenn der Sommer mitten im Oktober in Spandex vor der Tür steht, bittet man ihn natürlich herein – über sein fragwürdiges Timing wird allerdings noch zu reden sein.

ANSPIELTIPPS:
🔥Girls In Overdrive
📼Soundtrack Of My Life
🎸Bigger Than America


Bewertung: 8,9 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. The Devil’s got my Back
02. Bigger than America
03. No Mercy for the Teenage Heart
04. Lamborghina
05. Favorite Drug
06. Smile
07. Love is cold
08. Girls in Overdrive
09. Spectacular
10. Soundtrack of my Life 



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