AVRAK - Avrak (2026)
(10.500) Olaf (8,7/10) Heavy Metal
Label: Peaceville Records
VÖ: 09.10.2026
Stil: Heavy Metal
Ich bin ja bekennender SARKE-Fan. Dieser typisch norwegische Grummelsound, bei dem schon die Gitarren klingen, als hätten sie vor dem Frühstück eine mittelschwere Auseinandersetzung mit der Welt geführt, trifft bei mir einen empfindlichen Nerv. Entsprechend neugierig macht mich AVRAK, die neue musikalische Baustelle von Ted „Nocturno Culto“ Skjellum und Anders Hegna. Zumal deren selbstbetiteltes Debüt ziemlich genau in dieser Nachbarschaft lärmt, dabei aber etwas direkter, rotziger und mit einer ordentlichen Portion Rock’n’Roll im morschen Gebälk zu Werke geht. Da kann der Berliner schlecht so tun, als wäre er zufällig vorbeigekommen.
Die Geschichte der Truppe aus dem norwegischen Porsgrunn beginnt 2023, als die beiden seit Jahren miteinander bekannten Gitarristen ihrer gemeinsamen Vorliebe für klassischen Rock und Metal endlich Taten folgen lassen. Bereits innerhalb von fünf Tagen nehmen erste Kompositionen Gestalt an. Mit dem unter anderem bei GJENDØD, SARKE und FAUSTCOVEN tätigen Schlagzeuger Terje Kråbøl bekommt das Unternehmen früh seinen rhythmischen Unterbau; Bassist Steinar Gundersen vervollständigt später die Besetzung. Eine wichtige Personalie sollte man dabei gleich festhalten: Den Hauptgesang übernimmt Hegna. Nocturno konzentriert sich hier auf Gitarren, Moog, zusätzliche Gesangsbeiträge und allerlei klangliche Nebengeräusche. Der Mann muss schließlich auch mal andere Körperteile als die Stimmbänder beanspruchen dürfen.
Musikalisch steht Avrak mit schweren Stiefeln zwischen kernigem Heavy Metal, düsterem Hardrock und Doom. Die schwarzmetallische Herkunft eines Beteiligten schimmert durch die Riffs, bestimmt aber keineswegs allein die Marschrichtung. Viel entscheidender ist dieses eigentümliche Verhältnis von frostiger Stimmung und ausgesprochen griffigen Ideen. Die Gitarren dürfen knurren, die Melodien bleiben trotzdem hängen, und über allem liegt jene nordische Miesepetrigkeit, die ich in dieser Form ausgesprochen sympathisch finde. Hier wird schlechte Laune so überzeugend vertont, dass sie mir ausgesprochen gute macht.
Der Vergleich mit SARKE drängt sich dabei weit über den prominenten gemeinsamen Mitstreiter hinaus auf. Beide Bands verstehen sich auf die Verbindung von metallischer Schwere, schwarzem Unterton und einem Gespür dafür, wann ein Riff einfach stehen bleiben und wirken muss. AVRAK packen die Sache für mein Empfinden noch etwas unmittelbarer an. Da steckt mehr Rotz’n’Roll in der Bewegung, mehr Lust am beherzten Zugriff. Gleichzeitig verhindern die Doom-Anteile, dass die neun Stücke zur bloßen Durchlauferhitzerveranstaltung werden. Die Musik darf Gewicht entwickeln, ohne sich ständig selbst beim Bedeutendsein zuzusehen.
Hegnas raue Stimme, ebenso wie die von Nocturno, passt hervorragend in dieses Umfeld. Er gibt den Songs die nötige Reibung und unterstützt die düstere Atmosphäre, ohne dass man fortwährend auf den nächsten Einsatz seines berühmten Kollegen wartet. Das ist für die Eigenständigkeit der Band entscheidend. AVRAK funktionieren als gemeinsame Angelegenheit, bei der die beteiligten Musiker hörbar dieselbe Vorstellung verfolgen. Gerade die Verbindung aus eingängigen Gesangslinien und kantigem Gitarrenfundament sorgt dafür, dass hinter der ruppigen Begrüßung ziemlich schnell die eigentlichen Songs zum Vorschein kommen.
Als Einstieg bieten sich Unborn und The Lonely Shadow an. Beide führen mitten hinein in diese Mischung aus metallischer Entschlossenheit, dunkler Färbung und Zugänglichkeit, die dem Album seinen Reiz gibt. Mir gefällt daran besonders, dass Eingängigkeit hier durchaus Zähne haben darf. Die Melodien nehmen der Musik nichts von ihrer störrischen Haltung. Dazu kommen Synthesizer, Moog und Effekte, die den klanglichen Spielraum erweitern und zwischen den vertrauten Rock- und Metal-Zutaten kleine Irritationen hinterlassen. Das macht Avrak abwechslungsreicher, als die zunächst so geradlinige Grundausrichtung vermuten lässt.
Bei Long May the Lums Reek bekommt dann auch noch mein Schottland-Herz Futter. Der Titel greift einen traditionellen schottischen Glückwunsch auf: Mögen die Schornsteine lange rauchen, sinngemäß also ein Wunsch nach Wohlergehen und einem gut versorgten Zuhause. Ausgerechnet auf einer derart finster dreinblickenden norwegischen Platte begegnet einem damit ein ziemlich freundlicher Gedanke. Gefällt mir. Zwischen all den musikalischen Gewitterwolken darf offenbar auch jemand Holz nachlegen und den Gästen etwas Warmes anbieten.
Thematisch beschäftigt sich das Album mit Selbstbehauptung angesichts einer zunehmend korrupten Umgebung. Das passt zu seiner widerborstigen Haltung: Schwere und Dunkelheit bekommen hier etwas Wehrhaftes. Aufgenommen, gemischt und gemastert wurde das Debüt im Februar 2026 von Knut Magne Valle im Mølla Studio. Der raue Grundcharakter gehört dabei für mich wesentlich zur Wirkung dieser Musik. Dieser norwegische Grummel braucht Ecken, an denen man hängen bleibt.
Einen Einwand habe ich allerdings: Das abschließende Hav hätte man sich meinetwegen klemmen können. Als Endpunkt der gedanklichen Reise von den Bergen zum Meer lässt sich dessen Platz auf dem Album nachvollziehen. Meine Begeisterung für diese Entscheidung hält sich trotzdem in überschaubaren Grenzen. Ich hätte an dieser Stelle deutlich lieber noch einen weiteren rotzigen Rocker genommen. Wenn die Mannschaft gerade so überzeugend den Laden aufmischt, möchte ich zum Abschied eben noch einmal die Faust heben.
AVRAK liefern einen Einstand, der bei mir mit seiner eigenwilligen Mischung aus Schwermut, kerniger Spielfreude und handfestem Songwriting punktet. Die Erfahrung der Beteiligten zahlt sich aus, besonders aber ihre gemeinsame Lust auf diese Musik. Für die nächste Runde ist mein Wunschzettel entsprechend kurz: Bitte weiter so beherzt zulangen und am Ende noch eine Zugabe aus dem Proberaum mitbringen. Den Ausflug ans Wasser organisiere ich bei Bedarf selbst.
ANSPIELTIPPS:
🔥 Unborn
💀 The Lonely Shadow
🎸 Long May the Lums Reek
Bewertung: 8,7 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Forever Mountain
02. Unborn
03. Long may the Lums reek
04. Rot
05. Varde
06. Cloaks of Power
07. The lonely Shadow
08. The Rift
09. Hav

