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Live on Stage Review: AUDREY HORNE | MOTOROWL
24.10.2026 – Berlin @ Hole44
Nach einem weiteren Heimsieg meiner Hertha war dieser Samstag eigentlich schon ordentlich im Haben. Fußball gewonnen, anschließend zu Hause für gut zwei Stunden die Augen zugemacht – und damit beinahe die eigene Abendplanung versenkt. Denn nach dem Aufwachen hatte sich mein Körper offenbar darauf verständigt, dass für heute ausreichend gesellschaftliche Teilhabe stattgefunden hatte. Noch einmal anziehen, losfahren, unter Menschen gehen? Der innere Schweinehund hatte bereits die Fernbedienung zwischen den Pfoten. Dummerweise standen AUDREY HORNE auf dem Programm. Und bei denen wusste ich ziemlich genau, wie sehr ich mich hinterher ärgern würde, wenn ich auf dem Sofa kleben bliebe. Also hoch mit dem müden Kadaver, Kollege Kühn eingesammelt und ab ging die Luzie nach Neukölln.
Das Hole44 gehört für mich ohnehin zu den besten Konzertadressen der Hauptstadt. Ein Club, in dem ein solcher Abend genau den richtigen Rahmen findet: nah genug dran, um die Energie von der Bühne unmittelbar abzubekommen, und groß genug, damit eine Band ihren Sound ordentlich entfalten kann. Dazu ein gut gefüllter Laden und die Aussicht auf einen norwegischen Betriebsausflug mit erhöhtem Gitarrenaufkommen. Meine Entscheidung, das heimische Polsterland zu verlassen, fühlte sich schon ziemlich vernünftig an.
Mit MOTOROWL stand zudem eine Vorband auf dem Zettel, auf die ich ausgesprochen gespannt war. Die 2014 in Thüringen gegründete Formation hatte mit Om Generator, Atlas und This House Has No Center schließlich bereits reichlich Argumente geliefert, sich näher mit ihr zu beschäftigen. Diese Verbindung aus schwerem Rock, psychedelischen Schattierungen, progressiven Ideen und einer ausgeprägten Liebe zu mächtigen Tastenklängen fand ich auf Platte schon spannend. Nun wollte ich wissen, wie viel davon im direkten Kontakt übrig blieb. Die Antwort kam mit ordentlich Druck aus den Boxen.
Meine Herren und meine Dame, war das ein brachial fetter Sound! Der Fünfer machte vom Fleck weg gut Tango und verlieh seinen durchaus verschachtelten Kompositionen eine körperliche Wucht, die jede eventuell noch vorhandene Restmüdigkeit zuverlässig aus den Knochen schüttelte. Die Gitarren hatten Gewicht, die Rhythmusarbeit schob kräftig von unten, und über allem lag diese leicht entrückte Atmosphäre, die bei MOTOROWL so reizvoll mit dem handfesten Gerocke zusammengeht. Da durfte man sich gedanklich durchaus ein wenig treiben lassen. Die Füße bekamen derweil allerdings andere Anweisungen.
Technisch war das eine grandiose Vorstellung. Bei aller Liebe zu ausladenden Passagen und kleinen musikalischen Richtungswechseln blieb immer etwas hängen, an dem man sich festhalten konnte: ein Groove, eine Gesangsmelodie, eine Wendung, die einen wieder mitten ins Geschehen zog. Ich ertappte mich jedenfalls ziemlich schnell beim Mitwippen. Progrock kann gelegentlich den Bewegungsdrang einer Steuererklärung entwickeln. MOTOROWL hatten an diesem Abend erfreulich wenig Interesse an sitzender Sachbearbeitung.
Einen erheblichen Anteil daran hatte Marie-Christin Herberg an Orgel und Synthesizern. Was sie da unter und zwischen die Gitarren legte, gab den Songs Tiefe, Wärme und bisweilen auch einen angenehm unheimlichen Anstrich. Dieser Tastensound war ein wesentlicher Teil des Ganzen. Mal breitete er sich flächig aus, mal setzte er sich griffig durch und sorgte dafür, dass die Musik trotz ihrer Schwere beweglich blieb. Zusammen mit Frontmann und Gitarrist Max Hemmann ergab das eine ausgesprochen schlüssige Angelegenheit. Der Mann führte die Band gesanglich sicher durch ihr eigenes Dickicht, während das Quintett hörbar an einem Strang zog.
Ein besonderer Volltreffer war die Coverversion von TYPE O NEGATIVEs I Don’t Wanna Be Me. Den Song muss man erst einmal so in den eigenen Auftritt einbauen, dass er sich selbstverständlich anfühlt und zugleich seine ganze Wirkung entfaltet. MOTOROWL bekamen das bestens hin. Diese ohnehin unwiderstehliche Nummer passte mit ihrem Schub und ihrer dunklen Melodik wunderbar ins Bild und sorgte bei mir für ein ziemlich breites Grinsen. Dass die Truppe außerdem noch Waiting for the Night vom heutigen Hauptact anriss, zeigte schon früh, wie entspannt und freundschaftlich es auf dieser Tour offenbar zuging. Eine kleine musikalische Verbeugung mit Augenzwinkern.
Später unterhielt ich mich vor der Tür noch mit Max Hemmann, der von den rund drei Wochen mit den Norwegern regelrecht schwärmte. Es sei die beste Tour gewesen, die sie bislang erlebt hätten. Gleichzeitig seien inzwischen doch alle ein bisschen froh, wieder nach Hause zu kommen. Das konnte ich gut nachvollziehen. Auch die schönste Reise erreicht irgendwann den Punkt, an dem das eigene Bett eine geradezu erotische Anziehungskraft entwickelt. Auf der Bühne hatte man ihnen jedenfalls vor allem den Spaß an der gemeinsamen Sache angemerkt. MOTOROWL machten richtig Bock und verabschiedeten sich mit einer rundum gelungenen Vorstellung aus diesem Tourabschnitt.
Und dann AUDREY HORNE. Tja. Was soll ich mit diesen Kerlen eigentlich noch machen? Seit ihrer Gründung 2002 in Bergen haben sie sich einen Ruf erspielt, den sie live mit einer beinahe unverschämten Selbstverständlichkeit bestätigen. Über die Jahre ist aus ihrem eigenständigen Hardrock ein prall gefüllter Fundus an großen Melodien, herrlichen Gitarrenharmonien und Songs geworden, die auf einer Bühne noch einmal beträchtlich an Format gewinnen. Mit Achilles hatten sie nun ihr achtes Studioalbum dabei. Für mich war das zugleich die Gelegenheit, meine etwas zwiespältige Beziehung zu dessen düsterer Stimmung unter Konzertbedingungen überprüfen zu lassen.
Für die Untersuchung zuständig: Torkjell „Toschie“ Rød, offenbar unmittelbar vor dem Auftritt mit Adrenalin vollgetankt. Der Mann hatte eine Präsenz, die den Raum sofort vereinnahmte. Gesang, Gestik, Ansagen, Kontakt zum Publikum – bei ihm griff das alles ineinander. Toschie konnte einen Club zum Toben bringen und ihn kurz darauf mit einer Geschichte oder einem Scherz wieder aufmerksam zuhören lassen. Im Hole44 hing man ihm bei den Ansagen an den Lippen, um anschließend umso bereitwilliger mitzusingen, zu tanzen und sich von der nächsten Nummer mitnehmen zu lassen.
Daneben verrichteten Arve „Ice Dale“ Isdal und Thomas Tofthagen ihre Arbeit an den Gitarren mit einer Sicherheit, die man bewundern musste. Wie die beiden ihre Harmonien ineinanderlegten, Riffs verzahnten und den Songs immer wieder diesen zusätzlichen melodischen Schub verpassten, war schlicht eine Freude. Da steckte viel Erfahrung drin, aber eben auch diese sichtbare Lust, das gemeinsam auf die Bühne zu bringen. Besonders schön fand ich, wie selbstverständlich dabei die verschiedenen Seiten der Band zusammenkamen: die klassische Hardrock-Schule, der metallische Biss und diese großen Refrains, denen man sich irgendwann ohnehin ergab.
Mit Youngblood, This Is War oder Out of the City im musikalischen Gepäck können AUDREY HORNE natürlich aus dem Vollen schöpfen. Solches Material erklärt ziemlich schnell, weshalb sich ihre Konzerte für mich regelmäßig wie ein überfälliger Besuch bei guten Bekannten anfühlen. Man freut sich auf die Songs, kennt ihre Wirkung – und wird dann doch wieder davon erwischt, mit welcher Leidenschaft die Band sie einem um die Ohren haut. Bei AUDREY HORNE hat selbst der innere Schweinehund irgendwann Muskelkater.
Bereits bei Pretty Little Sunshine wurde es den Herren auf der Bühne offenbar zu übersichtlich. Toschie und Arve Isdal machten sich ins Publikum auf, um dort weiterzuperformen. Genau diese unmittelbare Nähe ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Shows. Plötzlich passiert das Konzert direkt neben einem, und die ohnehin schon überschaubare Distanz zwischen Musikern und Besuchern löst sich endgültig auf. Megageil. Isdal, der mit ENSLAVED am 30. Oktober außerdem noch das neue Album Mið veröffentlicht, wirkte dabei, als könne er problemlos noch eine weitere Schicht dranhängen. Andere Leute wären nach einer solchen Tour vermutlich schon beim Gedanken an den nächsten Termin erschöpft.
Auch untereinander hatten die fünf sichtlich ihren Spaß. Es wurde gescherzt, aufeinander reagiert und selbst Toschies zwischenzeitlich etwas eigenwillige Auslegung der Setlist mit der passenden Portion Humor aufgefangen. Gerade solche Momente machen für mich viel aus. Man erlebt eine eingespielte Band, die sich aufeinander verlassen kann und ausreichend Gelassenheit besitzt, um aus einer kleinen Unordnung sofort Unterhaltung zu machen. Das übertrug sich auf den ganzen Laden. Die Stimmung blieb ausgelassen, die Refrains wurden bereitwillig übernommen, und vor der Bühne herrschte genau jene angenehme Betriebsamkeit, für die man abends das Haus verlässt.
Das Fundament dafür lieferten Kjetil Greve am Schlagzeug und Espen Lien am Bass. Greve hielt den Laden druckvoll zusammen und gab den Gitarren den nötigen Boden, während Lien schon optisch einen Sonderpreis verdient hatte: Der Mann stand im kompletten Fußballoutfit auf der Bühne. Nach meinem nachmittäglichen Stadionbesuch war mir diese Form der Arbeitskleidung natürlich ausgesprochen sympathisch. Musikalisch blieb es ebenfalls sportlich. Sein Bassspiel trug kräftig zum Schub der Band bei, und mit God Damn Beautiful übernahm er dann auch noch den Leadgesang.
Was für eine starke Nummer! Lien machte das mit einer Selbstverständlichkeit, die dem Song ausgezeichnet stand. Der groovige Einschlag und die Nähe zur großen THIN LIZZY-Schule passten wunderbar zu diesem Auftritt. Zugleich zeigte sich hier besonders schön, wie viel Persönlichkeit in dieser Band auf mehreren Schultern verteilt ist. Toschie ist der Frontmann, klar. Aber hinter ihm stehen vier Musiker, die das Geschehen maßgeblich prägen und jederzeit selbst Akzente setzen können. Bei God Damn Beautiful war der Mann im Fußballtrikot jedenfalls eindeutig am Ball.
Überhaupt bekam das Material von Achilles live einen gehörigen zusätzlichen Schub. Die dunklere Färbung, die mich beim Hören des Albums stellenweise auf Abstand gehalten hatte, war weiterhin da. Im Club entfaltete sie jedoch eine andere Wirkung. Gitarren, Gesang und diese ungebremste Spielfreude gaben den Songs eine Unmittelbarkeit, die mir auf Platte offenbar teilweise entgangen war. Nummern wie Insanity und In the Eye of the Hurricane verbinden schließlich genau jene melodischen und druckvollen Qualitäten, die AUDREY HORNE auszeichnen. An diesem Abend passte das neue Material bestens zwischen die vertrauten Stücke und machte riesigen Spaß. Mein nächster Durchlauf des Albums war damit bereits beschlossene Sache.
Zwischendurch bekam der Tourabschluss dann noch seine eigene kleine Reinigungszeremonie. MOTOROWL tauchten mit Staubsauger und Staubwedeln auf der Bühne auf und nahmen sich sowohl der Arbeitsfläche als auch Toschies Schuhen an. Drei Wochen gemeinsam unterwegs, und am Ende wird dem Headliner noch das Schuhwerk entstaubt – das nenne ich einen bemerkenswerten Servicegedanken. Die Aktion passte herrlich zu dieser Atmosphäre. Man merkte, dass hier zwei Bands miteinander eine gute Zeit gehabt hatten und sich den Abschied mit entsprechendem Blödsinn versüßten. Der letzte Abend der Tour durfte ruhig ein wenig aus dem Rahmen fallen.
Bei Sail Away suchte Toschie erneut den Weg ins Publikum, diesmal mit romantischen Absichten. Auch das bekam er hin. Nach all dem Druck und der ausgelassenen Bewegung entstand für einen Moment diese besondere Nähe, die ein Clubkonzert so wertvoll machen kann. Der Sänger mitten unter den Leuten, ein Song, der Raum zum gemeinsamen Eintauchen bietet, und ein Publikum, das sich darauf einlässt. Toschie konnte eben auch Gefühl, ohne dabei den Kontakt zum Saal zu verlieren.
Für den endgültigen Abschied standen mit Redemption Blues und Waiting for the Night schließlich zwei Nummern bereit, bei denen noch einmal richtig die Post abging. Da wurden die letzten Reserven mobilisiert, mitgesungen und die Gelegenheit genutzt, diesen Tourabschluss gebührend zu feiern. MOTOROWL hatten den späteren Rausschmeißer zuvor schon angekündigt; nun lieferten AUDREY HORNE die vollständige Begründung dafür, weshalb man auf genau diesen Moment gewartet hatte. Ein großartiger Schlussspurt nach einem Konzert, das reichlich Gründe zum Grinsen geliefert hatte.
So endete ein Samstag, der mir gleich zwei ausgesprochen erfreuliche Vorstellungen beschert hatte: erst die Hertha, anschließend zwei Bands in blendender Verfassung. MOTOROWL haben ihre ohnehin interessanten Alben mit einer mächtigen Liveleistung unterfüttert und sich für weitere Konzertbesuche nachdrücklich empfohlen. AUDREY HORNE wiederum brachten mich einmal mehr an den Punkt, an dem sachliche Distanz nur noch hinderlich gewesen wäre. Die können auf einer Bühne offenbar einfach nicht schlecht. Und Achilles bekommt jetzt umgehend einen neuen Durchlauf. Vielleicht hatte ich bei meinem Review tatsächlich zu viel Schmalz im Ohr. Nach diesem Abend sollte der Gehörgang jedenfalls ausreichend durchgepustet sein.

